an, kommst du noch immer nicht?
„Halt auf! halt auf!" Der Ruf ertönt Und pflanzet fort sich in die Weite;
Schon laut der Rosse Hufschlag dröhnt,
Und alles Leben drängt zur Seite,
Und pfeilschnell kommt vorbeigeschossen Der Wagen mit den scheuen Rossen.
„Halt auf! halt aufl" ruft's hinterdrein —
Wer mag wohl in dem Wagen sein?
Er hielt am Marktplatz lange schon.
Ich sah ein Kind nur in dem Wagen,
Und wie ans langer Haft entfloh'n Die scheuen Rosse weiterjagen;
Sie jagen aus des Städtleins Toren Hinaus — o Kind, du bist verloren!
Doch dort im Steinbruch, dem sie nah'n,
Den Hammer schwingt ein Arbeilsmann.
Der sieht den Wagen, sieht das Kind Dem sichern Tode preisgeaeben,
Und wirft entgegen sich geschwind,
Gedenkend nicht aus eigne Leben,
Den wilden Rossen ohne Zagen,
Die schäumend ihn zu Boden schlagen;
Ein Stück noch schleifen sie ihn fort,
Dann stehen still sie auf sein Wort.
Ein wenig fürbaß steht sein Haus,
Dorthin wird blutend er getragen;
Indessen aus der Stadt heraus Des Kindes Mutter eilt zum Wagen,
Umfängt ihr Kind mit Jubelfrenden;
Hört wohl des kühnen Retters Leiden,
Doch, kalt in ihres Herzens Glück,
Kehrt eilend sie zur Stadt zurück.
Der Tag entweicht, die Sonne sinkt Im purpurgoldnen Abendröte;
Im kleinen Häusch.n aber ringt Des Retters Leben mit dem Tode.
Und schlägt er auf die Augenlider,
Fragt flüsternd er nur immer wieder,
Zur Tür gewandt sein Angesicht:
„O sagt, kommt denn die Dame nicht?"
Und bis die qualvoll lange Nacht Sich wandelte zum lichten Tage,
Da klang, so oft er anfgewacht,
Aus seinem Mund dieselbe Frage,
Und als sein Haupt er sterbend neigte,
Die Gattin über ihn sich beugte,
Hört sie, wie er noch einmal spricht Ganz leis: „Kommt sie noch immer nicht?"
So starb er hin, durch edle Tat Von Weib und Kind hinweggenommen;
Doch sie, die er gerettet hat,
Sie waren nicht zu ihm gekommen;
Von eitler Selbstsucht nur umfangen,
Sind sie voll Undank hingeganqen,
Vergaßen ganz den Rettersmann —
Sag an, was hättest du getan?
Doch eh' du sprichst, halt ein, halt einl Laß dir zuvor noch andres künden!
Wirf rechtend nicht den ersten Stein Empört auf jener Mutter Sünden,
Er könnte dich vielleicht erreiche»;
Denn Millionen Menschen gleichen In ihrem Leben fort und fort Der undankbaren Muter dort.
Vielleicht auch du? — Denkst du daran,
Daß auch für dich Sein teures Leben Gewagt ein kühner Rettersmann Und in den Tod es hingegeben —
Der durch des Leidens Flut gegangen,
Der ohne Schuld am Kreuz gehangen Und alles, was Er hat getan,
Für dich nur tat — denkst du daran?
Des Satans zügelloses Heer Zog schnaubend des Verderbens Wagen Auf Erden über Land und Meer In unaufhörlich wildem Jagen;
Die ganze Menschheit saß darinnen,
Und keiner, keiner könnt' entrinnen,
Bis er in grauser Todesfahrt Zuletzt hinabgeschleudert ward.
Da warf in kühnem Rettermnt Sich Jesus diesem Heer entgegen,
Getrieben von der Liebe Glut,
Zu aller Menschen Heil und Segen.
Zertreten ward Er von den Rossen.
Doch nicht umsonst hat Er vergossen Sein Blut, es hielt im wilden Lauf Den Wagen des Verderbens auf.
Nun unterm Kreuze kniet allzeit,
Von heißer Dankbarkeit getrieben,
Ein Häuflein derer, die befreit;
Wo aber sind die andern blieben?
Der große Haufe zog hinüber Des Weg's an Golgatha vorüber,
Und unter denen, die herzu Nicht kamen, bist vielleicht auch du?
Sei» Auge schaut mit Wehmut hin Auf jene Schar der Undankbaren,
Die des Verderbens Straße zieh»,
Obwohl sie schon gerettet waren.
Er schicket Boten ihr entgegen,
Sie noch zur Umkehr zu bewegen,
Mahnt sie an ihre Dankespflicht
Und fragt: „Kommt ihr noch immer nicht?"
So harret Er von Jahr zu Jahr,
Dieweil Sein Herz in Liebe brennet,
Ob nicht noch einer aus der Schar Der Undankbaren Ihn erkennet Und sich im Glauben Ihm verbindet —
Wer ist der eine, der sich findet?
Bist -u's, zu dem Er heute spricht:
„Sag an, kommst du noch immer nicht?"
„Sag an, kommst du noch immer nicht?"
Es liegt darin Sein heiß Verlangen Nach dir. O sei kein schnöder Wicht Und mach dich auf und komm gegangen,
Als deinen Retter Ihn zu grüßen;
Leg dich am Kreuz zu Seinen Füßen Voll Dankbarkeit für Seine Tat,
Daß Er für dich geblutet hat!
Die Sonne sinkt, der Tag entweicht,
Und mit ihm deine Tage schwinden,
Und morgen könntest du vielleicht Den Weg zum Kreuze nicht mehr finden.
Drum folg dem Ruf aus Seinem Munde Noch heute, komm noch diese Stunde,
Komm jetzt in eilend schnellem Lauf,
Er harret dein, Er nimmt dich auf! G. H.
Das dem Gedicht zugrunde liegende Ereignis geschah vor einer Reihe von Jahren in einer'Stadt Schottlands.
(Als Heft erschienen bei Th Urban in Striegan


