ihn dachte. Was hatte auch ein Barfüßler unter den wohlgestiefelten Herrlein zu suchen? Er fühlte es selbst, daß er hier nicht am Platze sei, trat vor den Leutnant und bat unter Tränen, ihm wieder seinen Abschied zu geben; die anderen könnten ihn doch nicht leiden.
Der Leutnant zog die Stirn zusammen, und in seinem Herzen wogte es. Aber eine lange Straf, predigt schien ihm hier nicht am Platze. Er ließ seinen kleinen Bruder, der als letzter Mann in der Truppe stand, vortreten, kommandierte kurz und kräftig: »Stillgestanden I« und sagte dann energisch: -»Wenn es euch nicht paßt, mit diesem hier zu spielen, dann paßt es mir erst recht nicht, mit euch zu spielen.«
Sprach's, steckte seinen Säbel in die Scheide, reichte dem armen Barfüßler, dessen Tränen zu ver- siegen begannen, freundlich die Hand und zog mit seinem Bruder davon, die unkameradschaftliche Gesellschaft mit verdutzten Gesichtern ihrem Schicksal überlassend.
Der kleine Leutnant aber hieß Wilhelm und ist nun unser Kaiser Wilhelm II., und daß auch die Armen und Bedrängten in ihm ihren Beschützer haben, hat er seitdem noch oftmals bewiesen."
Und wie haben wir während dieses gewaltigen Krieges einen Vater an unserem Kaiser I Aus den Lazaretten und von den Schlachtfeldern, die er be- suchte, haben wir ergreifende Berichte bekommen. Mit seinen Soldaten verkehrte er herzlich. Einem schwerverwundeten Schwaben sagte er: „Gott wird auch dir helfen, mein lieber Junge" und legte ihm die Hand aufs Haupt. In Schützengräben hat er den Soldaten Psalmen vorgelesen und mit ihnen feine Knie gebeugt und zu Gott gebetet. Auf offenem Felde hat er Sterbende Gott und Seiner Gnade in kniendem Gebet befohlen.
Ja, wir haben einen guten Kaiser,
Gottesfürchtig und gerecht und inild,
Leuchtet nicht in einem jeden Herzen Seiner Untertanen so sein Bild?
Auf der ganzen Erde gibt es keinen,
Der mit ihm nur den Vergleich hielt' ans,
Segne, Vater, ihn und auch die Seinen,
Sonderlich in dieser Zeiten Graus!
O. D.
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Wom König gerufen.
Der König rief, und alle, alle kamen. War das eine erhebende Zeit, als unser Volk beim Ausbruch des Krieges zu den Waffen eilte! Die einen folgten dem Ruse, weil sie schon in einem Verhältnis zum Heere standen. Sie hatten den Befehl, der nun durch das königliche Wort rechtskräftig geworden war, schon längst em^ane.eu. Es war gar reine Frage für sie,
daß sie nun Freiheit, Heimat, Familie, sich selbst aufgaben uud ihm nachkamen. Und die anderen, die durchaus nicht mußten, die niemand zur Heeresfolge zwingen konnte, sahen die Not unseres vom Feinde bedrohten Vaterlandes, und die Not brannte ihnen aufs Herz, und sie sahen den König, den frommen, den hoheitsvollen, und wenn sie ihn nie verstanden hatten, jetzt verstanden sie ihn, jetzt wußten sie, daß -sie zu ihm gehörten in Not und Tod, zu Kampf und Sieg. Er hatte ihnen das Herz abgewonnen. Sie ließen alles dahinten und folgten ihm »ach. Studenten und Schüler, schlanke, biegsame Jünglinge, die bis dahin nichts von körperlicher Arbeit wußten, denen das Leben so rosig lächelte wie ein junger Morgen, wagten sich daran und ergriffen das Kriegsschwert, die Hacke, den Spaten und stellten sich in die Reihen. Die Kriegsfreiwilligen wußten wohl, daß es in Kampf und Tod hineinging. Sie waren verständig genug, um zu erkennen, daß der moderne Krieg kein lustiges Scharmützel, sondern heißes, blutiges Ringen bedeutet.
„Weißt du auch, mein Kind," fragte eine Mutter den scheidenden Sohn, „daß du in ein Todesland ziehst?" Er nickte. „Und bist du gewiß, daß der Heiland dir deine Sünden vergeben hat, daß du lebst, ob du auch stirbst?" Da sah er die Mutter mit vollem Blick an. „Ja, Mutter." Er hat Sein Leben gelassen.
Ein Gymnasialdirektor, Vater von neun Kindern, hört des Königs Ruf. Gilt der ihm? Er ist doch durch Amt und Familie gebunden, durch Alter entschuldigt. Er reibt sich die Stirn, nein, er ist doch unmöglich gemeint. Die anderen mögen den Kampf aufnehmen, sich opfern. „Opfer", kann man anderen Opfer zumuten, wenn man sich selbst drückt? Er besinnt sich, er faltet die Hände, und er weiß, sein König braucht ihn jetzt in der Stunde der Not. Er folgt der inneren Stimme und gibt sein Leben hin für des Königs Sache.
Niemand von denen, die der Fahne folgten, hat daran gedacht, etwas für sich zurückzubehalten vom Eigenen. Das hört im Kriege auf. Sowie sie des Königs Rock trugen und den Treuschwur geleistet hatten, waren alle, Hohe und Niedrige, Arme und Reiche Soldaten, nichts mehr und nichts weniger.
Vor den Augen der Menschen von heute spielen sich Dinge ab von solcher Wucht und überwältigender Größe der Bedeutung, daß unser kleiner Verstand kaum ausreicht, sie zu erfassen, vielweniger sie in hrer Tragweite zu verstehen. Wir sehen, was ein k nigstreues Volk, zu dem Gott sich bekennt, gegenüber einer Welt von Feinden vermag. Der von unseren Gegnern gehaßte und verspottete, von vielen in unserem Volke nicht verstandene Militarismus steht glänzend gerechtfertigt da. Wir erfahren eS jetzt, was für eine Kraft in dieser Mannszucht, dieser peinlichen Ordnung, diesem durchdachten und planvollen Jneinandergreifen der Gedanken steckt.


