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Redakteur: Stadtmissionar Herrmann-Gießen. Mitarbeiter:
Pfarrer Sperber Cassel, Pfarrer Strauß-Leipzig u. d. Prediger d. Pilgermission. Druck v. I. G. OnckenNachf., G. m. b. H., Cassel.
Nr. 4.
Sonntag, den 23. Januar 1916.
9. Jahrg.
Kaiser Wilhelm.
Unser Kaiser wird jetzt icbenundfünfzig Jahre ilt, und es sind beinahe -chtundzwanzig Jahre,
;aß er den Thron bestieg.
Zn dieser langen Zeit ist ,iel an ihm getadelt, viel mit Unrecht über ihn ge- urteilt worden. Aber jetzt in dieser Kriegszeit hat doch das Gros unseres deutschen Volkes besser erkannt, was wir an unserem Landesherrn ha- den und wieviel Ursache, ja Verpflichtung wir ha- den, Gott für unseren Herrscher zu danken. Eine liebliche Begebenheit aus seinen Kinderjahren möchten wir hier erzählen.
„Im Jahre 1867 geschah es draußen vor Potsdam auf dem Bornstedter Felde, da tummelte sich munter eine Anzahl von Knaben, große und kleine, im Spiel. Sie spielten natürlich „Soldaten", denn der böhmische Feldzug war erst im vorigen Jahre beendet, und es lag ihnen schon so im Blute, als ob noch ein größerer im Anzug sei. Jeder hatte seinen hölzernen oder d'echernen Säbel an der Seite und eine Stange als Lanze im Arm. Man sah es ihnen an, daß sie ernst- baft dabei waren, am ernsthaftesten der achtjährige Leutnant, der mit kräftigem »Rechts umI«, »Links um!«, »Marsch!« ihnen dm richtigen Tritt bei
brachte. Die Leute standen
am Wege und sahen ihnen vergnüglich zu.
Da stand auch ein armer Barfüßler mit geflickter Jacke und zer- r>ssenen Hosen dabei. Eine Stange hielt auch er in der Hand und wäre gar zu gern mit-in die Reihe getreten, wenn nur d e anderen Bornstedter Jungen, die auf ihre heilen Jacken stolz waren, ihn nicht abgewiesen hätten. Und der Leutnant war so eifrig in seinem Dienste, daß er ihn gar nicht beachtete. Endlich aber sah er ihn doch. Ein Erwachsener hatte ihn aufmerksam gemacht und gerufen: »Herr Leutnant, hier ist noch einer, der gern mitmachen will!« Da hatte er den schüch- lernen Jungen gleich nach seiner Größe an den richtigen Platz gestellt und weiter zum Marsch kommandiert. Er hatte leider die anderen Kameraden nicht erst um Erlaubnis gefragt, vermutlich weil er meinte, bei den Soldaten gäbe es zwischen arm und
reich keinen Unterschied.
Es dauerte nicht lange, da flogen die anzüg- lichen Reden und Spottworte wie Hagelkörner von allen Seiten auf den ungebetenen Gast, erst leise, dann laut. Man schubste und stieß ihn und gab 'bm auf alle Weise deutlich zu verstehen, wie man über


