Gießener Kmiilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang 1(959
Montag, den 3<. Juli
Nummer 58
Eine Armee meutert
SGHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917 Ein Bericht von p. E. Ettighoffec Lop v«igh-t b y Bertelsmann Gütersloh
13. Fortsetzung.
Die Masse der Lauen, der leicht Begeisterten und desto leichter Entmutigten, diese Masse aber läßt den Kopf hängen und gerät in Aufregung. Einige Stimmen schreien schon wieder Verrat wie damals zu leer Väter Zeiten, als die Preußen die kaiserlich französische Armee bei Sedan in die Zange ihrer Kanonade nahmen, oder wie neulich, nach den Refechten um Charteren, als die französischen Grenzkorps kopfüber einen mehr als ungeordneten Rückzug antreten mußten, auf den Fersen die deutschen Ulanen.
Ja, diese Menschen haben jetzt wieder Oberwasser und fühlen sich in iljrem Recht. Seht, da oben scheint'? nicht zu stimmen. An der Front ereignen sich geheimnisvolle Dinge. Was ist überhaupt los an der Front?
Der Heeresbericht dieses ersten Kampftages klingt seltsam, man möchte iast sogen, resigniert und traurig. Wo bleibt die Erwähnung des lang ingekündigten und oftmals versprochenen Durchbruchs? Wo bleibt die Flucht der Deutschen, eine regellose Flucht über den Aisnekanal hinweg, ja sogar über die Maas, über den Rhein?
„Wiederholt heftige Gegenangriffe nördlich von Ville-aux-Bois brachen mit beträchtlichen Verlusten für den Feind in unserem Feuer zusammen", o heißt der Schlußsatz des Heeresberichtes. Klingt so ein Bericht, der jiegesfroh sein will? Nein, ein Feind, der zum Gegenangriff schreitet, ist veder erschlagen, noch auf der Flucht, noch ohnmächtig, noch besiegt.
Dagegen der deutsche Heeresbericht, dessen Schlußsatz lautet: „Die Gruppe sieht, den kommenden schweren Kämpfen voll Vertrauen entgegen." -1
Die deutschen Regimenter schreiten zum Gegenstoß und brechen aus hren zertrümmerten, eingeebneten Stellungen vor, nach zehntägigem Trommelfeuer, finden nach dieser Zeit des Entsetzens und der Furchtbarkeit noch den Mut und die Disziplin zum Gegenstoß. Nicht nur das. Die sehen den kommenden schweren Kämpfen voll Vertrauen entgegen.
Herr General Nivelle, wer hat gesiegt an diesem 16. April 1917? Herr general Nivelle! Es ist Ihre Tragik, Ihre große Tragik, daß Ihre Gegner deutsche Soldaten sind. Die Feldgrauen jagt man nicht vor sich her. Cs mag in den Zeitungen noch so glühend und bunt darüber berichtet oorben sein. Ihr Plan ist groß, „General Durchbruch", Ihr Plan ist oiirbig des Gegners, aber auch dieser Gegner ist groß und würdig Ihrer Taktik. Niemand von der Gegenseite, kein einziger deutscher Soldat, wird ft einen Stein auf Sie werfen, General Nivelle. Niemals wird man ihnen von uns aus einen Vorwurf der Unfähigkeit entgegenschleudern, s »ie es vielleicht Ihre Untergebenen und persönlichen Feinde tun werden.
Sie haben nur einen einzigen Fehler begangen, Herr General, sie toben uns, die Feldgrauen, unterschützt!!
Letzte Hoffnungen. — Letzte Schläge.
Am späten Abend des 16. April erscheint ein Schriftleiter der großen Leitung „Le Temps" auf dem Büro der Militärzensur und legt, wie all- iiglich, den noch feuchten Bürstenabzug der Morgenausgabe zur Durch- jcht vor. Im Lause der letzten Monate hat man bei den Redaktionen die tosten Erfahrungen gesammelt über das, was gebracht werden darf, und tos, was eigentlich gefährlich ist und von der Zensur sowieio gestrichen t>irb. Es lohnt sich wirklich nicht, Dinge zu versuchen die vor dem trengen Auge der Zensuroffiziere nicht standhalten werden. Die Zeltun- lsn wissen genau, wie sie auch die bittersten Pillen und auch die trost- »sesten Nachrichten in gesund erscheinenden Optimismus zu kleiden haben, llnb fo will der Schriftleiter des „Temps" den unhaltbaren Gerüchten, Lesern in allen Straßen und Häusern herrschenden „Defaitismus Halt . Sebieten durch einen kurzen, aufklärenden Artikel. Er ist geradezu ein Meisterwerk, dieser Aufsatz, vom Hauptschriftleiter persönlich verfaßt, (Teuf) nach den Vorfällen im Bannmeilenbahnhof und angesichts der Gerüchte in der Stadt. Der Artikel ist ein kurzes Stück, das die volle Wahr- toit sagt, ungeschminkt, fast grob und grausam, wenn auch noch scheinbar .'srsteckt: . , .
„Unsere Heeresleitung war von der Gewißheit durchdrungen, daß ein ^ormarsch stattfinden wurde. Deshalb hat man auch jene Vorsorge aus finitärem Gebiet nicht getroffen, die notwendig wird, wenn die ungrei- ! nde Arme sich in relativer Ordnung zurückzieht. Die Einheiten, die sich r»ch rückwärts wendeten, wurden keineswegs durch Kaoallerieabsper- i tongen aufgehalten. Deshalb geschah es, daß zahlreiche Soldaten vielleicht
nur übermüdet, oder stark erregt, oder leicht verwundet, die Feldlazarette stillten, sehr zum Nachteil der Schwerverwundeten---"
Weiter liest der Zensor nicht. Er wischt sich über die Augen, er glaubt zu träumen, er blickt den scheinbar teilnahmslos dastehenden Schriftleiter an, schlügt auf den Tisch und schreit:
„Mein Herr! Das ist Verrat! Wissen Sie, was das heißt, Verrat in Kriegszeiten? Wissen Sie, was darauf steht! Verrat habe ich gesagt und nehme das Wort nicht zurück. Was hier geschrieben steht, ist furchtbar, ist entsetzlich."
„Aber die Wahrheit, Herr Oberst, leider nur die Wahrheit, eine beschönigte, überzuckerte Wahrheit sogar noch. Wir müssen Frankreich beruhigen, wir müssen sorgen, daß die Panik nicht auch noch in der Heimat ausbricht. Wir müssen---"
„Was müssen wir? Nichts müssen wir! Wie kommen Die überhaupt zu diesen Unterlagen und zu diesen Veröffentlichungen?"
Und der Schriftleiter, ganz ruhig:
„Es ist nur das, was man in Paris an allen Straßenecken hört. Aber man hört's dort anders. Herr Oberst, bemühen Sie sich doch bitte mal auf die Straße und vernehmen Sie die Meinung des französischen Volkes und hören Sie, wie stark die Panik schon durchgedrungen ist. Sie werden entsetzt sein und Sie werden dann finden, daß dieser Artikel kein Defaitismus ist, sondern ein lobenswerter Versuch, die öffentliche Meinung zu beruhigen. Warum hat man wochenlang, monatelang die französische Meinung mit Vorschußlorbeeren gefüttert? Warum hat man Frankreich sicher und bombenfest diesen Sieg und die Befreiung der vom Feind überschwemmten Gebiete versprochen? Ein solches Versprechen muß eingelöst werden, Herr Oberst. Der Poilu hat sein Blut hergegeben, um dies Versprechen des Oberkommandierenden einzulösen. Das Blut des Poilu falle auf jene, die es angeht, und auch noch auf jene, die mitschuldig sind, weil sie nicht rechtzeitig ein Veto einlegten und nicht zur rechten Zeit mit scharfer Zensur die systematische Vergiftung der französischen Volksseele unterbanden. Nein, Haß mußte gesät werden, Haß und Verachtung gegen den Gegner. Nun, Herr Oberst, nun hak der Gegner gezeigt, baß er keine Verachtung, sondern Achtung verdient. Hier stimmt etwas nicht in unserer Rechnung, so will mir scheinen!"
Der Oberst winkt müde ab. Er hat die Antwort verstanden. Sein Gerechtigkeitssinn verbietet ihm, sich gegen die harten Worte des Schriftleiters aufzulehnen. Endlich einer, der in Ordnung ist. Aber der Artikel wird trotzdem nicht erscheinen. Nein, unmöglich, das wäre ja eine Katastrophe, nicht nur für die Zeitung, sondern für die ganze Öffentlichkeit. Wer weiß, was Nivelle noch im Schilde führt. Morgen ist auch noch ein Tag. Jawohl, morgen ist auch noch ein Tag!
Und dieser Tag bricht jetzt an, beginnt mit einem neuen wütenden Aufflackern des Trommelfeuers oben zwischen Reims und Soissons. Nochmals trommelt die französische Artillerie zwischen dem scharfen Aisne- Knie und Maronvilliers. General Nivelle befindet sich um diese Zeit im Hauptquartier des Generals Micheler. Nochmals überprüfen die beiden Generäle die Karten, erwägen alle Möglichkeiten, überlegen, wie es kommen konnte, daß nun der Kampf immer noch in der deutschen Hauptlime tobt, statt ins weite Feld vorgetragen zu sein. Noch steht eine Möglichkeit offen, eine ganz große Möglichkeit sogar. Völlig unangetastet, völlig ohne Verluste wartet am rechten Flügel der französischen Angrisfsfront die IV. Armee unter General Anthoine. Ihr linker Flügel stößt an die Front vor Reims, und ihr rechter Flügel hängt am Bergmassio bei Maronvilliers.
Ueberhaupt, hat Nivelle bisher nicht planmäßig gearbeitet? Nach seinen Versprechungen und den Aufgaben, die er sich selbst stellte, durfte er kaum höhere Erwartungen hegen. So wenigstens tröstet er sich über die Lage, Kopf an Kopf mit Micheler über die Karte gebeugt. Im trüben Schein einer elektrischen Birne bringt von draußen das auflebende Rollen des Trommelfeuers durch die dichtverhängten Fenster. Manchmal schüttern die alten, lose sitzenden Scheiben in den morschen Fassungen. Draußen bricht ein kalter, fahler, nebelgrauer Tag an, der Morgen des 17. April, der Morgen des zweiten Tages.
„In vierundzwanzig, spätestens in achtundvierzig Stunden", so hat General Nivelle immer wieder gesagt und in allen Konferenzen betont, „muß die Offensive siegreich fein. Sollten wir dann, das heißt, nach diesem Zeitpunkt, nach nichts vollbracht haben, dann hat alles für uns kein Jn- tereffe mehr, bann werden wir ganz einfach und ohne Scham den Kampf einftellen." L
Genau so hat Nivelle gesprochen. Kein Grund, endgültig zu verzweifeln. General Nivelle hat ja noch 24 Stunden Zeit. Das Gesicht der Schlacht kann sich noch vierundzwanzigmal wenden.
Erst am 18. April, in der Frühe, muß planmäßig die Offensive abgebrochen werden, wenn sich bis dahin die Unmöglichkeit eines Durchbruchs gezeigt haben sollte. Aber das Work „unmöglich" steht nicht im französischen Wörterschah, wenigstens nicht in dem eines französischen Ge-


