Ausgabe 
1.9.1939
 
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SiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

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Jahrgang 1959

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Nummer 67

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Eln heiterer Roman von Kurt Heyntcke

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Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

2. Fortsetzung.

Rund um den Platz, den Blancbois erwähnt hatte, stand Volk und

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Da sie Engländerin war, blieb ihr Anteil an der Zeitgeschichte in den , den der Zurückhaltung hängen, sie konnte den Lauf der Dinge von höheren Warte betrachten, die in solchen Fällen nur den Gottern ,ö ?en neutralen Zeitungsberichterstattern vorbehalten ist.

Vivian hatte Landkarten gekauft und ihnen ein ganzes Zimmer ein« ? raumt Sie hingen an den Wänden und lagen auf den Tischen, sie «uren wie ein Bilderbuch des Krieges, dessen Zeichnungen von Vimans tgantasie bunt ausgemalt wurden.

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eis es notwendig war.

Gilbert fühlte, daß die Hingabe an die große Sache dadurch den Reiz !«s Unzweckmäßigen bekam.

Wie Pilze nach dem Regen schossen einfache, auf Klapptischen ein« !<richtete Berkaufsstände hoch. An süßen Sachen und an goldbraunem ürbat litt Paris noch keinen Mangel, man konnte um runde in Mehl« ricker getauchte Kuchen würfeln, während heisere Kommandorufe in den siielerischen Lärm schallten, den dieses Treiben heraufbeschwor.

Leiermünner und Lautensänger traten in Wettbewerb, sie gerieten in Streit, weil sie einander ihre Standplätze neideten. Ihr Gebrüll be- hmpste sich, daß kein Mensch mehr ein Wort verstand und Kinder mit Geschrei um die Kampfhähne herumtanzten.

Ein Zeitungsverkäufer vermehrte feine Einnahmen durch den Ber- Huj eines Heftchens: . Anleitung, in vierundzwanzig Stunden ein voll- limmener Soldat zu werden!" Die Schrift fand bei den Nationalgarden wißenden Absatz.

Für Gilberts nördliches und von Frankreich durch den Kanal ge- kenntes Empfinden war es unbegreiflich, daß dieser dem ernsten Waffen- iandwerk dienende Platz zur Niederlassung eines Volksfestes wurde.

Ihm wirbelte noch der Kopf, als er sich am Nachmittag von Herrn ilancbois zu Bivian Moreland und damit zu Ann fahren ließ.

Er war mit Hoffnung beladen und auf eine Enttäuschung gefaßt

Teufel, dachte er, mir ist zumute wie einer Granate, die unterwegs ist Md nicht weiß, ob sie ein Blindgänger sein ober zünden wird.

Fürwahr ein zeitgemäßer Vergleich. Denn irgendwo fern scholl Jnnonenbonner.

äh den exerzierenden Nationalgarden zu.

Aeltere Frauen hockten auf Stühlen und strickten. Sie

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1 ehörig mit Pfeffer gewürzt.

Junge Mädchen warfen Scherzworte zu den Männern her lat schien der Eifer der Exerzierenden mehr darauf iein, bei anmutigen Zuschauerinnen Eindruck zu machen, gebrauch der Waffen zu üben.

Vielleicht trug die Tatsache, daß die Männer nicht zum Dienst ler Linie bestimmt waren, das ihre dazu bei, alles leichter zu nehmen,

Das Haus, welches Vivian Moreland bewohnte, lag in einem Park k der Nähe der Rue de Valois.

Strauchwerk und Baumkronen wurden juft von der Ahnung sommer­licher Vergänglichkeit ergriffen; die ersten Blätter verfärbten sich.

Haus und Park gehörten einst einem Marquis, der feiner neuen Zeit, * inzwischen die gute alte Zeit geworden war, durch eigensinniges Se= Wren auf diesem mitten in der Stadt gelegenen Grunde getrotzt hatte.

Tante Vivian wohnte daher so abgeschlossen, daß sie .chraußen" sagte, 8«mt sie Paris meinte.

Da Ann um diese Stunde noch bei Spamante weilte, war das ©arten«

D geöffnet. Gilbert hatte es nicht allzu schwer,.ins Haus zu gelangen.

Hin»1' * »Ich falle vor Verwunderung um", sagte Tante Vivian und tat das

, # liegenteil, sie blieb stehen und umarmte Gilbert.

An diesem zärtlichen und verwandtschaftlichen Empfang erkannte Mildert, daß Vivian inzwischen besser als ihr Ruf geworden sein mußte, war aber nur ihre gute Laune.

. Denn in jenem Augenblick, in dem sie wie viele Menschen ihrer Art Erkenntnis gewann, daß ihr die Welt nichts Neues mehr bieten Flinte, kam der Krieg. Das Leben wurde wieder spannend für Vivian Koreland.

Landschaften mit Städten, Dörfern, Flüssen, Felder^ wuchsen in Vivians Betrachtung zur Wirklichkeit; Regimenter, Divisionen, Armee­korps marschierten und bezeichneten die strategischen Linien, die Vivian Moreland dem Genie Moltkes nachempfand.

Vivian prophezeite ihren Pariser Bekannten den Tag von Sedan, bevor es die Preußen eingeschlossen hatten und zog sich daher die Feind­schaft derer zu, die über solche Voraussage lachten und ihr später nicht verzeihen konnten, daß sie recht gehabt hatte.

Sie führte Gilbert in die vier Wände ihrer strategischen Selben« schast und sagte:Sie kommen, sie kommen!"

- Gilbert war aber in Vivians Welt noch nicht heimisch genug, um zu verstehen

Wer kommt?" fragte er.

Dummkopf! Die Deutschen! Hier! Sehen Sie!" Sie zeigte ihm die Fähnchen, die sie nach den neuesten Nachrichten eingesteckt hatte.

Sie sammelte die Botschaften weniger aus den Zeitungen, die nach ihrer Meinung logen, um die Bevölkerung zu beruhigen, sie hatte viel­mehr ein Ohr für Gerüchte, denen sie zwar auch mißtraute, deren Nach­prüfung aber nicht allzu schwer war, wenn sie den letzten und vorletzten Stand ihrer Fähnchen betrachtete. Oie meisten Nachrichten erhielt sie von Crapulleaux, ihrem Hausmeister.

Wegen der Deutschen soll ich Sie holen", sagte Gilbert, von der Umgebung verwirrt.

Mich?" fragte Vivian.

Auch Ann", erwiderte Jlllngton mit einem Versuch, diplomatisch zu sein;Sir Anthony schickt mich."

Ich will Ihnen sagen, was Ihnen mein Bruder aufgetragen hat: wenn Vivian mitkommen will, bring sie mit. Wenn nicht, lasse sie, wo der Pfeffer wächst."

Sie hatte Sir Anthonys Rede ziemlich genau getroffen.

Sie macht einen ja doch verlegen, dachte Gilbert. Er versuchte das Gespräch in eine Richtung zu lenken, die seinem Herzen teuer, ihm aber auch voller Aengste war:Hat Ann öfter von mir gesprochen?"

Man soll bei Noisy-le-grand eine preußische Patrouille gefangen haben", sagte Vivian und suchte mit einem ihrer Stecknadelfähnchen den Ort.

Das ist wahr", bestätigte Gilbert und erzählte, wie er dem blauen Husaren begegnet war, und daß dieser in Gefahr gewesen sei.

Sie steckte das Fähnchen ein und sagte leichthin:Und was Ann betrifft, so sage ich Ihnen im Vertrauen, sie hält nicht viel von Ihnen! Aber da sie bisher überhaupt noch keine Ahnung von Männern hat, brauchen Sie dem keine Bedeutung beizulegen." Sie seufzte wie eine Sibylle, die im Hinterhof Dienstmädchen empfängt und keine große Kunst anwenden muß, um die Schicksale unter Kartenschlag wohltätig zu raten:Es sind schon die merkwürdigste^ Verbindungen zustande ge­kommen!"

Gilbert fühlte, daß diese Bemerkung keine Ermunterung darstellte. Er konnte es aber nicht verhindern, daß sich die Not seines Herzens auf feine Zunge legte:Und hier in Paris hat sie ich meine sagen Sie es mir! Hat sie irgendwelche Bekanntschaften?"

Tante Vivian grinste.Wenn Männer verliebt sind, geben sie sich entweder als Bullen oder als Jammerbilder!"

Miß Moreland!"

Sie scheinen die Mitte zu halten", schloß sie unbeirrt.

Gilbert machte ein unglückliches Gesicht. Es war ihm zu seinem Leidwesen unmöglich, Vivian in ihrem eigenen Stil zu antworten. Sie mißverstand sein Mienenspiel, bekam Mitleid und schob ihren Arm unter den seinen:Kommen Sie an die Luft, mein Junge."

Im Park gab es Wege zwischen kunstvollen Hecken.Hier lust­wandelten zur Rokokozeit die Liebespärchen! Haben Sie Phantasie? Ich kann mir vorstellen, daß zwischen den Hecken die tollsten Geschichten geschehen sind!"

Die Vergangenheit ist mir ganz gleichgültig! Diese Hecken auch! Und die Geschichten, an die Sie denken, sind wahrscheinlich so frivol, daß ich erröten würde, wenn ich sie hörte! Ich liebe Ann, und alles andere ist mir gleich! Und Ann will ich holen! Und wenn ich mit ihr in England ankomme, dann wird sie wohl selbst so weit [ein, anzunehmen, daß sie und ich unzertrennlich sind! Deshalb müssen Sie mit heften! Ann schlägt nach Ihnen! Und Sie wissen, daß es gar nicht so viel Männer geben würde, die Anns Zauber aushaften, wenn er sich von feiner dauer­haften Seite zeigt!"

Es war die längste Rede, die er in der Sache Ann gehalten hafte, sie war umfangreicher als seine Werbung bei Sir Anthony.

Sie sind berechnend wie Ihre Mutter, mein höflicher Junge", sagte Vivian.Sie denken, hab' ich Ann erst in England, dann kompromittiere ich sie mit meiner Gegenwart?"

kompromittiere?"