Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang ,939 Srettag, den 3. Marz Nummer,8
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Vergangenheit erinnern könnte."
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Pflichtgefühl. Du lachst, und es tim sich nicht anders sagen. Und nun lal lieber und sehen in die Mondsichel."
Wirklich, der Mond stand drüben über dem Elefantenhause, das in dem niederströmendcn Silberlichte noch phantastischer aussah als gewöhnlich. Lene wies darauf hin, zog die Mantelkapuze fester zusammen und barg
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„Nein", sagte Lene, „nicht jetzt", und bog in einen Seitenweg ein, Lessen hochstehende Himbeerbüsche fast über den Gartenzaun hinauswuchsen. „Ich gehe so gern an deinem Arm. Erzähle mir etwas. Aber etwas recht Hübsches. Oder frage."
„Gut. Ist es dir recht, wenn ich mit den Dörrs anfange?"
id neckend blieb sie stehen und bückte sich, um auf einem t Erdbeerbeete, das sich in Front von Zaun und Hecke rüherdbeere zu suchen. Endlich hatte sie, was sie wollte, ~ !,en eines wahren Prachtexemplars zwischen die Lippen t und sah ihn an.
>)t säumig, pflückte die Beere von ihrem Munde fort und ’ie-
te, das hast du recht gemacht. Aber höre nur, wie Sultan ir jein; soll ich ihn losmachen?"
hier ist, hab ich dich nur noch halb. Und sprichst du dann ■ ■ * Etlichen Frau Dörr, so hab ich dich so gut wie gar nicht
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Lene hatte sich in Bothos Arm gehängt und schritt mit ihm auf das Ende des Gartens zu, wo zwischen zwei Silberpappeln eine Bank stand.
„Wollen wir uns setzen?" ....
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„Meinetwegen."
„Ein sonderbares Paar. Und dabei, glaub ich, glücklich. Er muß tun, was sie will, und ist doch um vieles klüger."
„Ja", sagte Lene, „klüger ist er, aber auch geizig und hartherzig, und das macht ihn gefügig, weil er beständig ein schlechtes Gewissen hat. Sie sieht ihm scharf auf die Finger und leidet cs nicht, wenn er jemand Übervorteilen will. Und das ist es, wovor er Furcht hat und was ihn nachgiebig macht."
„Und weiter nichts?" ,
„Vielleicht auch noch Liebe, so sonderbar es klingt. Das heißt Liebe von einer Seite. Denn trotz seiner Sechsundfünfzig oder mehr ist er noch wie
„Gut", lachte Botho, „Sultan mag bleiben, wo er ist. Ich bin es zufrieden. Aber von Frau Dörr muß ich noch weiter sprechen. Ist sie wirklich so gut?"
„Ja, das ist sie, trotzdem sie sonderbare Dinge sagt, Dinge, die wie Zweideutigkeiten klingen und es auch sein mögen. Aber sie weiß nichts davon, und in ihrem Tun und Wandel ist nicht das geringste, was an iyi
„Ay, das qaji vu gut
nippte. „Weiß es Gott, ich habe gestern nichts ge'_
erst recht nicht, was mir so geschmeckt hätte. Hoch Lene! Das eigentliche Verdienst in der Sache hat aber doch unsere Freundin, Frau Dörr, ,weil's ihr so geschuddert hat', und so bring ich denn gleich noch eine zweite Gesundheit aus: Frau Dörr, sie lebe hoch!"
„Sie lebe hoch!" riefen alle durcheinander, und der alte Dörr schlug
Wieder mit seinem Knöchel ans Brett.
Alle fanden, daß es ein feines Getränk sei, viel feiner als Punschextrakt, der im Sommer immer nach bitterer Zitrone schmecke, weil es meistens alte Flaschen seien, die schon von Fastnacht an im Ladenfenster in der grellen Sonne gestanden hätten. Kirschwasser aber, das sei was Gesundes und nie verdorben, und ehe man sich mit dem Bittermandelgift vergifte, da müßte man doch schon was Ordentliches einnehmen, wenigstens eine Flasche.
Diese Bemerkung machte Frau Dörr, und der Alte, der es nicht darauf ankommen lassen wollte, vielleicht weil er diese hervorragendste Passion seiner Frau kannte, drang auf Aufbruch: „Morgen sei auch noch ein Tag."
sich an seine Brust.
So vergingen ihr Minuten, schweigend und glücklich, und erst als sie sich wie von einem Traume, der sich doch nicht festhalten ließ, wieder aufrichtete, sagte sie: „Woran hast du gedacht? Aber du mußt mir die Wahrheit sagen."
„Woran ich dachte, Lene? Ja, fast schäm ich mich, es zu sagen. Ich
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I vernarrt in seine Frau, und bloß weil sie groß ist. Beide haben mir die wunderlichsten Geständnisse darüber gemacht. Ich bekenne dir offen, mein Melckmack wäre sie nicht."
oanesZx. ; unrecht, Lene; sie macht eine Figur."
mctaWy macht eine Figur, aber sie hat keine. Siehst du ihr die Hüften eine Handbreit zu hoch sitzen? Aber so md ,Figur' und stattlich' ist immer euer drittes Wort, drum kümmert, wo denn die Stattlichkeit eigentlich
„Hat sie denn eine?"
„Ja. Wenigstens stand sie jahrelang in einem Verhältnis und ,ging mit ihm', wie sie sich auszudrücken pflegt. Und darüber ist wohl kein Zweifel, daß über dies Verhältnis und natürlich auch über die gute Frau Dörr selbst Diel, sehr viel geredet worden ist. Und sie wird auch Anstoß über Anstoß gegeben haben. Nur sie selber hat sich in ihrer Einfalt nie Gedanken darüber gemacht und noch weniger Vorwürfe. Sie spricht davon wie von einem unbequemen Dienst, den sie getreulich und ehrlich erfüllt hat, bloß aus Pflichtgefühl. Du lachst, und es klingt auch sonderbar genug. Aher es läßt ' issen wir die Frau Dörr und setzen uns
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Botho und Lene redeten zu, doch noch zu bleiben. Aber die gute Frau Dörr, die wohl wußte, „daß man zuzeiten nachgeben müsse, wenn man die Herrschaft behalten wolle", sagte nur: „Laß, Leneken, ich kenn ihn; er geht nu mal mit die Hühner zu Bett." „Nun", sagte Botho, „wenn es beschlossen ist, ist es beschlossen. Aber dann begleiten wir die Familie Dörr bis an ihr Haus."
Und damit brachen aNe auf und ließen nur die alte Frau Nimptsch zurück, die den Abgehenden freundlich und kopfnickend nachsah und dann aufstand und sich in den Großvaterstuhl setzte.
Fünftes Kapitel.
Bor dem „Schloß" mit dem grün« und rotgestrichenen Turme machten Botho und Lene halt und baten Dörr in aller Förmlichkeit um Erlaubnis, nack tu. kien Garten aeben und eine halbe Stunde darin promenieren in
darin. „Du mußt nicht gleich denken, daß ich vorhabe, mich bei der Gnädigen melden zu lassen, und darfst es nicht anders nehmen, als ob ich gesagt hätte, ich fürchte mich vor der Kaiserin. Würdest du deshalb denken, daß ich zu Hofe wollte? Nein, ängstige dich nicht; ich verklage dich nicht."
„Nein, das tust du nicht. Dazu bist du viel zu stolz und eigentlich eine kleine Demokratin und ringst dir jedes freundliche Wort nur so von der Seele. Hab ich recht? Aber wie's auch sei, mache dir auf gut Glück hin ein Bild von meiner Mutter. Wie sieht sie aus?"
„Genau so wie du; groß und schlank und blauäugig und blond."
„Arme Lene (und das Lachen war diesmal auf feiner Seite), da hast du fehlgeschossen. Meine Mutter ist eine kleine Frau mit lebhaften schwarzen Augen und einer großen Nase."
„Glaub es nicht. Das ist nicht möglich."
„Und ist doch so. Du mußt nämlich bedenken, daß ich auch einen Vater habe. Aber das fällt euch nie ein. Ihr denkt immer, ihr seid die Hauptsache. Und nun sage mir noch etwas über den Charakter meiner Mutter. Aber rate besser."
„Ich denke mir sie sehr besorgt um das Glück ihrer Kinder.
„Getroffen..."


