In wenigen Tagenwild" und sind dann ebenso schwer zu überlisten wie Hirsche und Wildschweine.

Oft findet beim Kulturmenschen ein Kamps zwischen Instinkt und Ver­stand statt, der gewöhnlich mit dem Siege des letzteren endet. Der Kultur­mensch verlor den Ortssinn, der Naturvölkern und Tieren in so hohem Maße gegeben ist. Dafür aber baute er Wege und Wegweiser, erfand den Kompaß und zeichnete Landkarten. Damit kam er viel weiter, als je der normale Ortssinn ein Geschöpf geführt hat. Freilich ist er verraten und verkauft, wenn er jene Hilfsmittel nicht zur Hand hat.

Und wieviel Sinne mag der Mensch noch verloren haben! Ich sah ein­mal, wie an einem frühen Sommermorgen ein Edelmarder ein Eich­hörnchen jagte. Durch die Kronen etwa siebzigjähriger Kiefern ging die wilde Jagd, die schließlich damit endete, daß das Eichhörnchen zu Boden fiel oder sich fallen ließ, um dem überlegeneren Gegner zu entwischen. Ich habe nie etwas Geschickteres und Gewandteres im Springen gesehen als von jenem Edelmarder, selbst nicht in den Affenkäfigen unserer zoo- logischen Gärten. Ich sagte mir, mit was für Sinnen muß dieses Tier begabt sein, von denen der Mensch keine Ahnung mehr hat oder an die nur An­klänge noch vorhanden sind! Der Marder sprang blitzschnell ohne Zögern von Ast zu Ast und bewegte sich in der luftigen Höhe schneller und sicherer als am Boden. Sagen wir, er macht einen Sprung von einem Ast zum andern, die 3 m und 2 cm von einander entfeint sind. Springt er bloß 3 m, so liegt er unten, aber ich zweifle daran, ob dies überhaupt vorkommt. Was geht dabei alles in dem Tiere vor sich! Es muß unbewußt die Ent­fernung schätzen und genau das Kraftmaß kennen, das die Muskeln ent­wickeln, um sicher den erwünschten Ast zu erreichen, und natürlich hat er noch vieles andere nötig.

Und doch, der kluge Mensch kann, wenn er sich überlegt und verstandes­mäßig vorbereitet und einübt,' dasselbe, wie unsere Akrobaten mit ihren staunenswerten Leistungen jeden Tag zeitigen.

Mit bewundernswerter Sicherheit erklimmt die schwindelfreie Gemse bedeutende Höhen, aber der Mensch steigt höher und erreicht schwierigere Grate.

Pfeilschnell durchschneiden Wander- und Baumfalke die Lüfte, aber der erfindungsreiche Mensch ersann mit seinem überlegenen Verstände das Flugzeug, das noch schneller fliegt.

Die Instinkte werden durch Erfahrungen und Ueberlegungen denk­gemäß beeinflußt. Der unbewußte Instinkt und die planmäßige Zweck­handlung, die am ausgeprägtesten beim Menschen zu jenem hinzutritt, bilden Gegensätze und werden zur Harmonie, wenn sie richtig gemischt sind.

Die Hand.

Von Ruth Schaumann. Hat mir nicht dunkel die Zigeunerin Die kleine offne Kinderhand beschaut? Ein Weg durch Wildnis hier, ein Kranz zur Braut, Ein Kreuz aus Eschen und ein Stern darin, Ein Lilienkelch, bis an den Rand betaut, > Und den Verlust als süßesten Gewinn." Zu fernen Wäldern wich die Frau dahin Und unser Hofhund bellte hart und laut.

Ich wusch die Hand an diesem Abend nicht. Ich sah den Stern darauf, den Kelch, den Kranz Das Kreuzchen mir am Hals war aus Korallen.

Den Weg zur Wildnis ging die ZurEsichl, Das Kreuz aus Eschen nur allein hat Glanz Für mich und dich, dem meine Hand verfallen.

Einst, als der Vater uns mitnahm ...

Von C r n st K r e u der.

Meinen Vater kümmerte es nicht, daß sich in der Gabelsbergerstrahe hinter uns die Fenster öffneten, wenn wir sonntags früh aufbrachen. Ich war damals etwa zehn, mein Bruder neun; wir trugen alle drei spitze grüne Tirolerhüke mit Eichelhähersedern, Rucksäcke und für das Flachland vielleicht etwas sonderbare Wanderstäbe. Als mein Vater noch an gelte, hatte er sich verschiedene große Angelruten aus Bambus zugelegt. Aus diesen kräftigen Bambusftöcken schnitt er drei verschieden hohe Wander­stäbe, sie überragten uns um etliches, in feiner Werkstatt drehte er aus Elfenbeinabfällen die waren noch von feinem Vater, der ein Elfen­beinschnitzer war drei schöne große Knöpfe, die obenauf kamen, und so schüttelten die Leute in den offenen Fenstern die Köpfe, wenn wir mit diesen mächtigen Stöcken bewafsnet wie eine Bergsteigerfamilie die Stadt verließen. Denn weit und breit war fein Gebirge, und es kam niemand auf den Gedanken, wozu wir diese Stöcke Mitnahmen.

Sie stehen heute noch in einer Ecke der Rumpelkammer meiner Eltern, und ich betrachte sie gern; denn mit ihnen sind wir über viele Wasserläufe meiner Heimat am Main gesprungen, wenn sie nicht gerade flußähnliche Breite hatten. Die Brückchen und Stege draußen waren für uns nicht vor­handen: wir sprangen. Erst kam mein Vater, ich sehe ihn noch, er nahm fast keinen Anlauf, und schon war er im Stabhochsprung überm Bach; dann mußte ich springen, und zuletzt kam mein Bruder. Ich will nicht verschweigen, daß wir in der ersten Zeit oft genug im Schlamm statt auf dem jenseitigen Ufer landeten; aber allmählich konnten wir die Breite des Wassers richtig schätzen, wir wurden Wasserschätzer, und ich habe noch heute ein gutes Augenmaß.

Auf unseren Sonntagsausflügen sahen wir natürlich oft unsere Schul­kameraden mit ihrem Vater oder beiden Eltern. Sie mußten ihre neuen Sonntagsanzüge tragen, Matrosenbluse mit Anker und Mütze mit Bän­dern, und gesittet und wohlerzogen vor ihren Eltern herspazieren; es sah ungemein künstlich aus, wie auf einer Karikatur. Da hatten wir es bedeu-

lsnd besser. Waren genügend Bäche übersprungen und hatten wir bei Wald erreicht, dann dauerte es nicht lange, bis mein Vater drei annähernli gleich hohe und nicht zu dicke Bäume herausgesucht hatte. Wir legten bie Rucksäcke und die Stöcke auf den Waldboden, auch die Hüte; es durste sich jederseinen" Baum aussuchen; und da wir gute Kletterer waren, hatten wir immer wieder die Hossnung, unseren Vater zu schlagen. Ml dem RufLos!" sprangen mir an den Stämmen hoch und kletterten wie die Teufel. Aber sein lachendes Gesicht mit dem Spitzbart tauchte immer zuerst aus dem Wipfellaub auf, und dann winkte er uns aus der schwan­kenden Krone zu. Schuhe und Kleider wurden dabei nicht besser, es gab Löcher und Winkelrisse; und obwohl mir vor dem Kriege nicht und später erst recht nicht rnohlhabend mären, setzte mein Vater die Gesundheit seiner Buben stets über alle kleinlichen Bedenken.

Hungrig mürben mir auch dabei; aber ein zünftiger Wanderer sorg! erst für" andere Dinge, bevor er seinen Magen füllt; denn er ist ja den Unbilden des Wetters preisgegeben. Und so lernten mir Damals schon rnetterfeste Hütten bauen, und ich glaube, ich kann es heute noch.

Wir drangen tiefer in den Wald ein, und dort, rno es am hellen Tage fchummrig und menig unheimlich mar, mahlten mir unser Lager. Es ging dann schon gewöhnlich gegen Mittag, und mir tappten eifrig unter den Bäumen umher und suchten tote und abgebrochene Aeste grünes Holz durften mir nicht nehmen. Dann mürbe die Hütte mit den drei Kammern gebaut. Die Aeste mürben in den Waldboben gesteckt, drei Reihen nebeneinander in einem Meter Abstand, bann hinten die Reihe für die Rückrnand. Standen die Aeste fest, rnurden sie von oben bis unten mit dünnen Reisern verflochten, ebenso bie Aeste, die bas Dach bildeten, zuletzt schleppten mir große Moosstücke herbei, bie mit zugespitzten Holz­stäbchen an den Außenrnänden befestigt mürben. Die größten Moos­teppiche mürben für das Dach verrnendet. Die Hütte mar fertig; mir kro­chen hinein, konnten der Länge nach darin liegen, jeder in feinerKam­mer", aber es war so dunkel darin, daß mir zum Mittagessen mieden hinauskrochen.

Mit geschmärzten Fingern, die oft verkratzt und blutig roaren, öffneten mir die großen rotgelben Bouillonwürfeldosen, die mit Kartoffelsalat ge­füllt roaren, den unsere Mutter noch in der Frühe für uns zubereitet hatte. Ob uns je wieder ein Kartoffelsalat so gut schmeckt wie damals im Walde vor unserer selbstgebauten Hütte? Wir waren natürlich unbändig stolz auf unser Werk, versicherten einander, daß weder Sturm noch Wolkenbruch ihr etwas anhaben könne und daß sie so gut versteckt liege, daß niemand sie fände. Und ich erinnere mich, daß wir vierzehn Tage später die Hütte unversehrt miederfanden; sogar die Moosteppiche, mit denen mir den Ein­gang verdeckt hatten, hingen noch dort.

Nach dem Essen zog sich unser Vater in seine Kammer zurück und schlief. Das mar für uns ein äußerst michtiger Augenblick; denn nun konnten mirauf Wache" gehen. Wir suchten uns jeder einen kräftigen Buchenknüppel, verabredeten einen Warnungspfiff und und schlichen leise davon. In unserer Einbildungskraft trieben sich in den Wäldern finstere und unheimliche Gestalten umher, die den Spaziergängern auflauerten, um sie zu überfallen und zu berauben. Und die Tatsache, daß unser Vater auf größeren Wanderungen stets seinen alten Trommelrevolver mitnahm im Üederfutteral, die Patronen roaren eingefettet und hatten Blei­kugeln, erhöhte den Nimbus der Gefahr. Wir schlichen ängstlich in der Laubdämmernis umher, spähten mie Trapper, zuckten bei dem leise­sten Knacken zusammen, hörten auch einmal jemand in der Ferne vorüber- zehen, trafen uns wieder und tauschten flüsternd und gewichtig unsere Beobachtungen aus. Dann erwachte der Vater, und der Aufbruch begann.

Für den Nachmittag war gewöhnlich der Bau von Bachmühlen vor­gesehen. Wir hatten jeder ein Taschenmesser und konnten schon bald eigene Mühlen verfertigen. Am liebsten war uns ein Bach in einer Wiese in der Nähe des Waldrandes. Er durfte nicht breit sein, mußte klares Wasser Haden und keine Wasserpflanzen. Zuerst schnitzten wir die beiden Ast­gabeln, in denen die Achse des Mühlrades laufen sollte. Sie wurden rechts und links in das Bachufer gesteckt. Dann mußten an dem dicken Stab der Achse in der Mitte zwei dünnere Stäbe übers Kreuz festgebunden werden; die Stäbchen wurden an den Enden eingeschnitten und rechteckige Rinden- stückchen hineingezwängt: die Schaufeln des Mühlrades. Nun war das Mühlrad fertig, wurde in die Gabeln gelegt, das Wasser ersaßte die kleinen Schaufeln leicht von unten, und die Mühle drehte sich, sie lief. Nur klapperte sie nicht. Stolz gingen wir den Bach hinauf und hinunter und besichtigten unsere kleinen, flinken Mühlen, und mir fanden sie viel hübscher als alle großen Mühlen.

Auf dem Heimweg erzählte mein Vater uns dann Geschichten, meistens aus der eigenen Jugend; er konnte gut erzählen, aber am' liebsten war uns die Geschichte mit dem unheimlichen Bett. Vor vielen Jahren kehrte eines Abends ein reicher Mann in einem etwas sonderbaren Hotel ein; es war in Brüssel oder Paris; er ging bald ins Bett, konnte aber, obwohl er müde war, lange nicht einschlafen und betrachtete beim Schein der Nachtlampe die Tapeten und die Bilder an den Wänden. Plötzlich erschrak er furchtbar; denn der alte Mann auf dem einen Bild hatte auf einmal keinen Kopf mehr. Er sprang aus dem Bett da hatte der alte Mann wieder seinen Kopf, und nun sah der Reisende mit gesträubten Haaren, wie sich der schwere Betthimmel langsam heruntersenkte, um den Schläfer zu ersticken.

Arn nächsten Tage hatten wir. natürlich noch viel mehr erlebt, wenn wir unseren Schulkameraden in den Pausen von unserer Wanderung berichteten. Besonders mein Bruder schreckte nicht vor den abenteuerlichsten Geschichten zurück, die er mühelos erfand, und die gewöhnlich damit endeten, daß er unseren Vater aus einer schrecklichen Lebensgefahr errettete.

Wenn mir jetzt zuweilen an Sonntagnachmittagen im Elternhaus ver­sammelt sind und von den Wanderstöcken, den Hütten und Mühlen er­zählen, schmunzelt der Vater zufrieden. Und bann nehmen wir ihn zu einem Abendtrunk mit und lassen uns noch einmal berichten, wie das war, als er uns einst mitnahm.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.