Ausgabe 
30.10.1939
 
Einzelbild herunterladen

M

Lc

Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange. Druck und Verlag: Brühlsche Untversitätsdruckerei, R. Lange, Gießen.

Oie Geister am Mummelsee.

Von Eduard Morike.

Vom Berge, was kommt dort um Mitternacht spät Mit Fackeln so prächtig herunter?

Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht? Mir klingen die Lieder so munter.

O nein!

So sage, was mag es wohl sein?

Das, was du da stehest, ist Totengeleit, Und was du da hörst, sind Klagen.

Dem König, dem Zauberer, gilt es zuleid. Sie bringen ihn wieder getragen.

O weh!

So sind es die Geister vom See!

Sie schweben hinunter ins Mummelseetal

Sie haben den See schon betreten

Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal Sie schwirren in leisen Gebeten

D schau

Am Sarge die glänzende Frau!

Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor;

Gib acht, nun tauchen sie nieder!

Es schwankt eine lebende Treppe hervor, Und drunten schon summen die Lieder.

Hörst du?

Sie singen ihn unten zur Ruh.

Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!

Sie spielen in grünendem Feuer:

Es geisten die Nebel am Ufer dahin, Um Meere verzieht sich der Weiher Nur still!

Ob dort sich nichts rühren will?

Es zuckt in der Mitten o Himmel! Ach hilf!

Nun kommen sie wieder, sie kommen!

Es orgelt im Rohr, und es klirret im Schilf: Nur hurtig, die Flucht nur genommen!

Davon!

Sie wittern, sie Haschen mich schon!

Morela Wen!* Wisse

,Ts- ,,Se »Ah

*nn I ;r nid)i hiffiger

Die kann s

(Eint itrjen

»Ob . Er xdie! Bitterfe

Erst '»e ix tajsB ,en»ani

Cs °nnte him bi ne| bjj 4" 'M die nm fei JW Bntei diente «te»,

Setti 5« Id)

'«Zett ®e»

^°rie

L.

itrat

.Sie

S K

Oas graue Gold des Todes.

Von Annie Franca-Harrar.

Tunesien und die Häfen an der Großen Syrthe sind heute gar nicht mehr so weit entfernt, als daß nicht viele Reiselustige bei einemtrip nach Nordafrika einmal ihren Weg dorthin nehmen sollten. Allmählich hat es sich herumgesprochen, daß man da unten noch einmal das wirk­liche, das wahrhaftige Märchen des Orients erleben kann. Sfax und Sousse sind die wichtigsten Häfen.

Ja, nun muß ich wohl erst erklären, weshalb denn Phosphat als eine so große Kostbarkeit gilt. Nicht nur um im Handel Geld damit zu verdienen, sondern wirtlich, weil er ein Mittel ist, um halsstarrige und gänzlich ausgeschöpfte Böden wieder zur Fruchtbarkeit zu bringen. Man kennt ja diese Klage, die das ganze Mittelalter erfüllte und die in der Neuzeit mehr denn je die Köpfe der Agrarpolitiker belastet. Freilich hat man heute in allen Ländern Kunstdünger, weil die Viehwirtschaft auch nicht annähernd so viel Abfaltstosfe produziert, als man brauchte, um den todmüden Böden, die die Ernte von Jahrhunderten getragen haben, wieder apszuhelsen. Aber Kunstdünger ist kein Allheilmittel. Hier soll nur gesagt werden, daß der Phosphat gewissermaßen der einzigena­türliche Kun st dünge r" ist, und daß er darum den Vorzug vor allen künstlichen Präparaten hat.

Phosphat, wenn man ihn nicht in mineralischem Zustand findet, ist nämlich, knapp und wesentlich gesagt, der letzte auf uns gekommene lieber« rest ungeheuerer, vorzeitlicher Tierfriedhöfe. Es gibt ihn also nur an gewissen Orten und unter ganz gewissen Umständen. Zu den wenigen Punkten, in Europa, die diese Auszeichnung genießen, außer den ober- österreichischen Höhlen, die aber leider schon seyr ausgebeutet sind, gehört vor allem die fränkische Schweiz, besonders die Gegend um Gößwein­stein. Dort hat der Boden alle Eigenschaften einer Art übergrünten Karstes, er ist voll von Löchern und unterirdischen Höhlen, in denen Wild­wässer auftauchen und rätselhaft wieder verschwinden. Dort sind z. B. m der sog.Zoolithenhöhle" bei Gailenreuth im Lauf von unzählbaren Jahrtausenden Berge von Tierknochen zusammengeschwemmt worden. Auch haben ganze Generationen von Höhlenbären da unten in diesen finsteren, schwer zugänglichen Felsgruben gehaust, haben dort wer weiß wie viele Mahlzeiten gehalten, sind endlich selber gestorben und verwest, und ihre Knochen versanken langsam durch die eigene Schwere in dem feuchten, glitschigen Grundlehm. Bis der Mensch den uralten Totengrund verschollenen Lebens aufstöberte und durch Erfahrung sich darüber beleh­ren ließ, daß solcherHöhenlehm", angereichert durch eine Ueberfülle mineralischer Stoffe, mit den allerbesten Dünger ergibt und den Feldern gerade das roieberbringt, was ihnen mit jeder Ernte aufs Neue entzogen wird. Denn alles Lebendige dreht sich in ein und demselben Ring. Wenn nun ein solches umweltliches Knochenlager in offenen Gruben liegt, wenn der Boden inzwischen sogar zu mehr oder weniger hartem Felsqrund geworden ist, der aber immer noch seine wertvollen Reichtümer festhält, dann spricht man von Phosphatlagern.

Solcher Phosphat gehört zu den wichtigsten Bodenschätzen von Süd- und Mitteltunesien. Die Lager sind sehr groß. Aber weil Phosphat wie auch Petroleum sich in biologisch begrenzter Zeit nicht neu nachbilden

(kann, sucht man schon lange, neue Lager aufzufinden. Vielleicht wirb darum nicht ganz zu Unrecht der letzte Marokkokrieg als eine ArtPhoz. phatkrieg" bezeichnet, denn tatsächlich liegt im Rif ein mehr als anfefjtt« lichesboonebed, so daß Frankreich lieber diesen fürchterlichen Guerillv krieg mit den marokkanischen Bergstämmen aus sich nahm, als aus iie Ausbeute dieser Gruben zu verzichten. Jawohl, es ist heute wie in tun Tagen der primitiven Urväter: Brot wird mit Gold ausgewogen irnb mit Blut bezahlt.

Auch die USA. haben ihre Phosphattager, und wenn man 1850 schon gewußt hätte, welche Bedeutung in diesem weißlichgrauen, mit Knoche», stücken untermischten Pulver steckt, so könnte man vermuten, daß der nordamerikanische Staatenbund darum den Ankauf derfloridanischen Kolonie" von der spanischen Krone mit solcher Energie betrieben habe, Was aber den Phosphat anlangt, so haben ihn die USA. offenbar mit. erworben, wie einer einen alten Schreibtisch kauft, dessen Geheimfach mit Goldstücken angefüllt ist. Hätte man vor achtzig Jahren über die Ent­wicklung der späteren Düngerindustrie Bescheid gewußt (freilich wurde Liebig, der als erster davon sprach, damals noch von den Bischöfen von der Kanzel bekämpft), so würde der Stadtverband statt fünf viel­leicht fünfzig oder mehr Millionen Dollars für Florida haben zahlen müssen. Aber was er kaufte, war Sumpf und Sand. Und die Spaniir hatten schon gar feine Ahnung, welche Möglichkeiten sie damit aus den Händen gaben. Heute bestreitet Florida über die Hälfte der Phosphat­produktion der Welt allein. Oestlich von der Tampabucht, im Pol!< County, hat man die Lager aufgedeckt. Sie sind so gewaltig, daß sie an manchen Stellen mehr als hundert Fuß in die Tiefe hinabreichen, urb es gibt Geologen, die vor ein paar Jahren feststellten, daß man noch mit einem Vorrat von mindestens zweihundert Millionen Tonnen unan$(> griffener Phosphatvorräte rechnen könne. Das bedeutet einen ganz ge­hörigen Poften in der Bodenwertrechnung, denn heute, wo Florida noh nicht ganz 2 000 000 Tonnen exportiert, trägt ihm diese Ausfuhr allein jährlich an 19 Millionen Dollar.

Wasser leistet die Hauptarbeit. Ganz ähnlich wie bei der australischen Goldwäscherei bringen starke Strahlen aus hydraulischen Spritzen die Phosphatfelsen zur Zerkleinerung. Was zuletzt übrig bleibt, ist ein seiner Grus, hell adjenfarben, ähnlich wie grobgemahlener Mergel. Der man- dert dann, wenn er nicht über Tampa verschifft wird (denn Tampa!|i der Hauptphosphathafen Floridas) zum Teil sogleich in die Dünge o fabrifen, die sich in der Nähe der Stadt Barto und Mulberry angejiebelt haben, oder auf dem Landweg weiter nach allen Himmelsrichtungen. Bi; gegen Ocala hinaus ziehen sich die Bänke, die sämtlich einem Iru-'t bodenchemifcker Gesellschaften gehören.

Soweit oas Geschäftliche vom Standpunkt des Agrarpolitikers am. Ader was hat sich nun eigentlich in Wahrheit ereignet? Mußte sich ereignen, ehe ein solches gigantischesboonebed entstehen konnte? E« ist sehr bequem, sich der landläufigen Meinung anzuschließen, die sagt, es seien eben aus der Zeit, da Florida oder wenigstens dieser Teil dcc damaligen Halbinsel unter dem Ozean lagen, die Reste von unendlich vielen Meerestieren hier zusammengetragen worden. Da niemand sie tu ihrer völligen Auflösung störte, so hätte der Boden all diesen Phosphor aus,Tausenden von Riesenknock-en in sich ausgenommen, denn von diese« Knochen seien ja noch im Phosphat kleine Reste zu finden, die jetzt freilich ganz versteint und selber Fels geworden sind.

Das letztere ist nun allerdings richtig, denn das mit den Knochen in Phosphat stimmt wirklich. Er wimmelt von kleinen und kleinsten Bruch­stücken, deren Form unzweifelhaft die Herkunft aus tierischen Körper« bestätigt. Aber woher kamen denn überhaupt so viele Tierkörper? Wen« es Seewesen waren, so kann man einwenden, daß es später als in der Kreide nur noch wenige solcher Wasserriesen gegeben hat, Wale, Seekiihr, alle Robbenartigen ausgenommen. Denkt man aber an Landgeschöpsr, so steht dem wieder entgegen, daß zur fraglichen Zeit, also im Tertiär ganz Florida mit Ausnahme eines winzigen Jnselhügelchen unter dem Meeresspiegel abgesunken war. Auch wenn man mit den günstigsten Um- ständen rechnet, mit seichten Buchten, wellengeschützten Lagunen, unrotbec- stehlichen Strömungen, die von früher alles Tote und Lebende Ijeram- trugen auch bann widerspricht die außerordentliche Mächtigkeit der Phosphatlager allen Begriffen, die sonst von der oorweltlichen Tierwelt gebräuchlich sind. Das müßten ja Riesenherden gewesen sein, unüberseh­bare Scharen. Gewimmel, gegen das dichtbesetzte Vogelfelsen einsam unü1 verlassen sind. Dabei zweifellos große Geschöpfe, denn bas sieht mar aus den Knochenüberresten. Große Tiere, von denen man anderseits bo* weiß, daß sie niemals so massenhaft ganze Landstriche erfüllen, einfadj. weil sie sonst nicht Lebensraum genug haben. Woher nahmen sie dir Futtergebkrge, wenn sie dort lebten, ganz gleich, ob sie nun Tier oder Pflanzenfresser waren? Und wenn sie tot, als Leichen herangetriebeni wurden, wenn vielleicht nur ihre Knochen dort strandeten woher kamen sie, wo waren diese Tierparadiese, woher n)urbe diese Uebersüik des Lebens erzeugt? Fragen, deren Beantwortung aussichtslos ist.

In Europa hak man aus jenen Tagen des Tertiär schon Spuren von Menschen. Was war aber in Florida? Er lag ja damals fast völlig i® Meer. Nein, wir wissen nichts, wir können nichts wissen. So lächerlich es klingt, man kann wirklich nicht viel anderes tun, als diese Phosphat - lager, diesen seltenen und erlesenen Reichtum obbauen, verkaufen, >n Düngerfabriken verarbeiten und wieder in den Boden bringen, dann" der Kreislauf von Tob und Erneuerung, ber auch unser Dasein erhält, sich abermals an einem Punkt, wo er lange stockte, in Bewegung setzt So wie wir die Riesenwälber verschollener Vorzeit als Kohle destilliereri und Derbrennen, so wie wir alle Elemente durcheinanderschütteln und aus Holz, Stein, Metall, Luft und Wasser zehntausend neue Dinge machen, verbrauchen und abermals in anderer Form verwerten, wir, bis unermüdlichen Umwandler und Verwandler unseres Gestirnes, wir, di» närrischen Hexenmeister, deren Einbildungen üder die Sterne hinaue- reichen und die wir weder den Anfang noch das Ende des großen RätfelZ Leben" kennen.