Ausgabe 
30.10.1939
 
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Das Kind.

Von Walter Kruppa.

So erstand noch nie ein Morgen, so erglomm noch nie ein Licht, wie es aus den Augen bricht, die im Wiegenschiff geborgen.

Wiegenschiss schwingt voller Träume. Kleine Hand wächst aus dem Schlas, und der Lichtpfeil, der sie traf, gittert golden durch die Bäume.

In den Bäumen wohnt der Wind, der bas tiefe Traumlied raunt.

Kinderauge groß bestaunt kleine Welt bei Bett und Spind.

Kleine Welt wächst durch den Raum.

Mann und Frau stehn Hand in Hand. Von der Lieb, die sie band, blüht des Kindes Zeitenbaum.

Hilde hieß sie.

Erzählung von Eugen Kusch.

Hilde hieß sie, die sich ihren ersten roten Gummiball vom Herzen |j um ihn mir zu schenken; die mir die erste Beule an den Kops ichlug, iii mit der zusammen ich die ersten Tränen der Rührung vergoß, als N ein totes Kaninchen begruben. Sie war drei Jahre älter als ich, lita aber nicht in den Reihen der Gleichaltrigen, sondern beschäftigte s wunderbarerweise ausschließlich mit mir. Zwischen Morgen und icht gab es kaum etwas, das wir nicht gemeinsam taten.

Als ich bann auch zur Schule ging, hänselten mich die Buben ihret- igen ober verprügelten mich gar, aber da konnte es bei solch einer ütuferei geschehen, daß sie ungerufen kam, um mit ihren drei Sommer mgeren und dickeren Armen gewaltig zu meinen Gunsten auszuräumen.

Unsere Freundschaft führte bann auch unsere Mütter zusammen. Vst jajen die beiden Frauen am gemeinsamen Kajfeetisch und wir, nach- in wir den Kuchen verschlungen und dann vor Ungeduld bie Fransen ns der Tischdecke gezupft hatten, trieben uns in den unteren Regionen rschen Stuhlbeinen und Teppich herum, während oben von Konzerten, Estinnen und Kochrezepten gesprochen wurde. Wenn dann unsere Lmmen die der Mutter Überboten ober eine Vase zu Boden frei, ob- »hl wir gar nicht in ihrer Reichweite waren, schob sich Hildes Mutter k Lorgnon auf die Nase und sah nach uns mit einem Gesicht, wie i-nn sie den Boden nach Insekten absuchen wollte. Denn sie war über « Maßen kurzsichtig und konnte alles, was annähernd hell war, an- l:tt der Sahne in den Kaffee gießen. Später liefen wir auch nach dem chmaus nicht von der Plaudertafel fort, fondern halfen nun, die Unter« fitunq mit bestreiten und Frau Rosamundes Stielbrille konnte jetzt t;u dienen, uns mit einem Blick zufammenzufasfen, wie wenn wir ton ein bestimmtes, den Eltern unter dem SammelwortZukunft Iksr nahegehendes Alter erreicht hätten. . __

Mit dieser sogenannten Zukunft nahm es aber bald eine unerroarte.e Renbunq: Hildes Vater wurde nach Berlin versetzt; eines Morgens imd der Möbelwagen vor der Tür, Männer in blauen Kitteln rissen lii vertraute Ordnung der Wohnung herzlos auseinander, und als pe ^gefahren waren, hockte ich stumm weinend in den leeren Simmern inb malte mit dem Finger in allen Gangarten der ^reibtunft Sjilbcs Hinten an bie matten Fenster und auf den staubigen Fußboden. Darauf |n.g ich entschlossen zu meiner Mutter und sagte ihr, ich hatte letzt das

Da^ wünschen der Herr wohl, daß ich ihm den Kopf abhacke? fragte ii nicht unfreundlich und nahm von meinem Kummer keine weitere 'Schon nach einigen trostlosen Tagen spürte ich, wie beschämend (it es sich weiterleben ließ, wenn freilich niemals mehr solch schone etunben komme» würden, als die mit ihr alles was trubgewesn, Ütl ins Wesenlose wie Asche unter dem Rost, und die ferne fylbe mürbe 107 meinem inneren Auge eine kleine Heilige. Wie spater - einmal ein 8ld kam, auf bem ein durchschnittlich hübscher Backfisch die Studenten- Utze keck auf bem Ohr fitzen hatte, bebauerte ich den Photographen, kr ihr wahres Aussehen so sehr verkannt hatte.

Als letztes hörte ich von ihr, daß sie sich von der, Univerjttat weg einen? jungen Doktor verheiratet hatte. Ich suhlte mich groß im Magen und dachte, daß alles sei nur ein Irrtum wenn bie Ehe iseinanbergegangen wäre, würde Hilde schon ö" mir heimfinben Ich mir ja jung genug, um so empfinden zu dürfen, aber ich muh gestehen i«g ein R?st davon auch fernerhin vorhielt; es war außer der alten 81 Neigung eine Hintertür, wie Phantasten sie sich schaffen, wen s wn Gegebenen nicht zurechtzukommen glauben ...

Wie idi vor einiger Zeit wieder einmal in Berlin war, hatte ich sie, bie ja jetzt irgendwo in der Welt leben konnte, ers ach, 'it nach ein paar beruflichen ^erfolgen mube ms ftotel tarn '/hm das Adreßbuch zur Hand, und nun stellte es sich heraus b ß^cy I ih°en jetzigen Namen längst vergessen hatte, aber chf f<±irieb

$ au Rosamunde, und da so nur Hildes Mutter ^ .»'ttechnev

I 4 an sie. Die Freundin selbst war es, die nur antwortete u )

| | E den kommenden Nachmittag einlub. ren h,e erffCn

ii Was ziehe ich nur an, und roas bringe t4 4 ® . minö.efte von ®=banfen und die weiteren, bah ich nun doch mcht

wußte. Doch gleich kam es mir beruhigend zum Bew W,- ja unsere gemeinsamen glücklichen Kindertage h

probewekse ekne Schublade meines Gedächtnisses auszog, da war sie BTs obenan voll von lebendiger Vergangenheit.

Weißt du noch, wie wir Wasser in den Brieskasten pumpten und welch ein Gesicht der Postbote machte, als er eine solch ungewohnte Last in feinen braunen Sack füllte? und hundert Dinge mehr könnte ich sie fragen. Alles aber würde darauf hinausgehen, daß wir uns nun endlich wiedergetroffen, weil das Leben ein altes Versehen gut ge­macht hatte.

Es war ein vornehmes Haus, das ich pünktlich betrat wie klug und findig sie fein muß, daß sie als alleinstehende Frau hier wohnen kann. Und ich sah nochmals prüfenb an mir herab, wie ich läutete. Kinderschritte kamen und bas erste, was ich bei geöffneter Tür wahr­nahm, war ein Lorgnon vor einer winzigen Person: Frau Rosamunde. Ihr glühten bie Backen, unb mit höchster Stimme rief sie ein Mal um das andere bie himmlische Güte an. Dann stellte sie, der ich einmal bis zum Gürtel gereicht hatte, sich auf bie Zehenspitzen, um mir beim Ausziehen behilflich zu fein.

Im Zimmer stand ein Hausmütterchen unbestimmten Alters und wartete mit unsicherem Lächeln. Hätte ich sie in der Straßenbahn ge­troffen, so würde ich ihr meinen Platz eingeräumt haben ohne sie weiter zu beachten, doch nun war es Hilde, die Gefährtin auf einem schönsten Stück Weg einstiger Tage. Daß an ihr gar nichts Besonderes war, und ich sie eigentlich auch nicht wieder erkannte, machte mich be­fangen; ich wagte kaum, ihr mein kleines Geschenk zu überreichen, und sie widerum sah so aus, als wüßte sie nicht wohin damit. Der Kaffeetisch war schon gedeckt, daß wir uns nun setzten, bedeutete die erste Er­leichterung. Hilde bediente mich, unb ihre Mutter bestritt die Unter- Haltung, ich mußte mich wundern, wie eifrig die kleine Frau war, als gälte es ihre eigene Kindheit während den beiden Hauptbeteiligten nichts zu sagen einfiel. Hilde sah mich ein paar Mal an unb lächelte bann wieder hilflos, wie wenn sie sagen wollte: ,,5a, siehst du bas also ist nun aus mir geworden!"

Frau Rosamunde erinnerte sich ganz vortrefflich an alles, was einst gewesen, nur glaube ich, machte sie mir jetzt keine rechte Freude damit. Allmählich nahm auch Hilde Anteil am Gespräch, begann mit lässiger Hand ein wenig in der Vergangenheit zu kramen, die für sie von so viel Neuem verschüttet schien. Und dann fiel mit einem Male ein ganz unerwartetes Stichwort: -

Mein Mann wird auch bald kommen!" Ich weiß nicht, was für ein Gesicht ich dazu machte.

Zehn Minuten später betrat ein Herr, der seinen eleganten Anzug gut aussüllte, das Zimmer und stellte sich mit herablassender Höflichkeit vor Er rieb sich jovial unb von sich überzeugt bie Hände, warf mir noch einen abschätzenden Blick zu, kam aber dann wohl zu dem Er­gebnis, daß ich ungefährlich sei, denn er setzte sich beruhigt an den Tifch. Die nächste Viertelstunde sprach er kein Wort, ah gemächlich alles auf, was wir an Kuchen übrig gelassen hatten, und ich ärgerte mich, letzt, die schöne Fruchttorte nicht genommen zu haben. Eine seiner ersten Fragen an mich, als er sich den Mund abwischte, war, wovon ich denn lebte. . , . .. .

So so Sie schreiben", meinte er nut ironischer Befriedigung, wie wenn ich gesagt hätte, ich wäre Feuerfresser ober profeffionaler Skat­spieler, und es half auch nichts, baß ich mein Jahreseinkommen als bas eines Monats ausgab. Er war Direktor eines großen Unter­nehmens unb sprach über seine Geschästsmethoden, bie er nur >m Um« qang mit Verlegern anempfahl, bald von den schlechten Zeiten, weil er es vielleicht doch nicht für ausgefchlossen hielt, baß ich ihn zum Schluß noch anpumpte. Hilde feufzte einmal stumm, und nun erkannte ich plötz­lich ihr Gesicht von einst wieder. Aber nun konnte ich nicht mehr sagen, was nur uns anging; ihr Mann, der blutjunge Doktor von einst, war für die allerrealste Gegenwart, und als ich mich verabschiedete, wieder- zukommen versprach, obschon ich wußte, daß es niemals der Fall fein würde, begleitete mich Frau Rosamunde zum nächsten Dorortbahnhos unb überraschte mich bamit, baß sie mit ihrer zarten Kinderstimme ein paar eigene Gedichte über entschwundene glückliche Jugendtage aussagte _ >ierliche lebensvolle Gebilde, die getragen von einem Schimmer jener lächelnden Trauer waren, wie sie sich mir auf Hildes Gesicht gezeigt hatte. Wie ich dem Frauchen die Hand dafür drückte war ich gerührt unb blieb es auch noch, als ich im überfüllten Zug saß nut dem Blick auf grell beleuchtete Straßen unb ben ruhigen, klar ausgestirnten Himmel. ________

Oktober.

Von Hermann Hesse.

Herbst will es werben allerwärts Ob Astern auch unb Georginen Im Garten blühn mit Freudemienen, Sie tragen doch geheimen Schmerz.

Die Abenbberge träumen nun So goto unb rot am blauen Bande, Als wär es rings im weiten Lande Um lauter Glanz unb Pracht zu tun.

Auch meine Träume schmücken sich Unb summen liebe Iugendweifen Und tun bekränzte Heimatreisen Und blicken still unb feierlich.

Unb bennoch weiß mein tiefster Sinn;

Von meines Lebens Sonnenzelten Ist wieber eine im Entgleiten Unb heute, morgen schon bahin.