Ausgabe 
30.6.1939
 
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Trotz entstanden« Revolution bald genug aus Wege geriet, Ne der Be­ilegung nicht ohne Grund den Borwurf der Rückständigkeit und deS Akademismus einh-ugen. Overbeck selber, diese Rose ohne Dornen im Kunstgarten des Nazarenerin ms, war ganz gewiß nicht der Mann, der Schule als deren Oberhaupt den Geist kräftiger Männlichkeit einzu­hauchen. Daran hinderte ihn schon seine bis zur Nachahmung sich stet- gernde Raffael-Verehrung, obwohl auch das in einer Weise geschah, die seiner Gesinnung Ehre macht. Sein Mld in der Münchener Neuen Pinakothek, das die SchwesternGermania und Italia" darstellt, zeugt davon. Es sollte einem vom Schicksal beschlossenen Freundschaftsbund gewidmet sein, in welchem nordischer Geist und südliche Schönheit sichinj gegenseitiger Würdigung" zusammenfinden.

Aus der Gemeinfchaftsidee, die der Lukasbrüderschast zugrunde lag, erwuchs als ihre schönste Frucht die Wiedererweckung der Monumentalmalerei im Sinne der alten italienischen Meister. Auch hier hieß die Losung: gegen die Barocktradition, gegen die Aka­demie, die sie pflegte! Man darf es ohne Einschränkung aussprechen: die heute in der Nadional-Galerie befindlichen Fresken der Casa Bartholdy und die etwas jüngeren Wandgemälde in der Billa des Fürsten Massimi in Rom sind auf lange Zeit hinaus die besten Dokumente einer der Archi­tektur und ihren Gesetzen verpslichteten Malerei großen Stils gewesen, und an beiden Unternehmen war Overbeck maßgebend beteiligt. So wenig er in ihnen die Milch der frommen Denkungsart verleugnet: Bil­der wie der Berkaus Josephs und diemageren Jahre" oder die Aus- malung des Tasso-Zimmers in der Villa Massimi sind die letzten Zeug­nisse einer damals schon verlorenen Kunstübung, über ihre geschichtliche Bedeutung hinaus aber auch Zeugnisse einer künstlerischen und mensch­lichen Haltung, die allein schon uns berechtigt, diesem Deutsch-Römer mit dem Kinderherzen als einem der wenigen neueren Maler zu huldigen, denen die Kunst Priesterdienst war.

faustische Straßen.

Von Egmont Colerus t.

Der Verfasser unseres Beitrages ist der kürzlich verstorbene, bekannte österreichische Romanschriftsteller und Mathematiker, dem wir hervorragende Werke über Leibniz, Marco Polo uno über die Geschichte der Mathematik verdanken.

Wenn irgendwo und irgendwann aus dieser Erde das Licht einev großen Idee angezündet wurde, dann strahlt es in breitem, unerschöpf­lichem Strom hinaus in die Unermeßlichkeit des Raumes und in dis Ewigkeit der Zeit. Und es beleuchtet alle Dinge in einem Glanz, der sie nicht nur anders erscheinen, sondern wirklich anders fein läßt. Bis endlich das Licht aus den Dingen wieder in die Seele zurückkehrt und diese Seele mit der Idee erfüllt. .

Wir werden uns jetzt sogleich den Sinn dieses Geheimnisses klar- machen. Straßen hat es auf der Erde gegeben, feit an die Menschen dick Notwendigkeit herantrat, Reisende, Lasten, Armeen über größere Ent­fernungen und über schwierigeres Gelände zu transportieren. Auch Bau­gedanken, die ganze Länder und Raume erfaßten, gab es in der Geschichte bei manchen Völkern. Wir erinnern uns bloß an das alte Aegypten, an China, an das römische Imperium. , . . s m

Auch Berkehrstechnik gibt es um uns herum und auch anderswo in der Welt. Aber nirgends gibt es noch das achte Weltwunder der Reichs-

Wir fuhren, um eigene Erlebnisse zu schildern, an einem August­morgen des Jahres 1937 um 7.30 Uhr früh von Saalselden über Loser an die damalige Landesgrenze am Steinpaß. Hieraus em weiteres Stuck in der Richtung Reichenhall bis zur berühmten Alpenguerstraße, die durch ihre Breite und durch die Romantik der durchfahrenen Landschaft an und für sich sehenswert ist. Trotz ihrer Schönheit ist ste aber doch nur eine Alvenstraße und wir genossen sie nicht einmal voll, da in uns ein sonder­bar prickelndes Gefühl der Erwartung aufstieg^ wenn wir auf einer der zahlreichen Richtungstafeln das Zauberwort ,Reichsautobahn lastn Ehe wir uns recht versahen, gerieten mir förmlich zwangsläufig in das Wun­der Kleine Ortschaften, ein Gewirr von Straßen und Kurven, und etwas vor uns das wie ein schmales Hochplateau oder ein großer Damm aus» (ab Wir erwarteten Schlagbäume, Wächterhäuser, erwarteten Absperrung oder Amtsorgane, die uns Maut (Wegezoll) abnehmen, uns belehren und ermahnen wurden. Warum wir das erwarteten, ist mir heute noch nicht ganz klar. Wahrscheinlich, weil wir in allzu konservativen Darstellungen befangen waren und etwas für einUnternehmen hielten, was in Wahr­heit einen ganz anderen Sinn hat. Doch davon jpäter.

linfer Wagen also war durch all die Pfeile und Tafeln unabwendbar in die Bahn gelenkt worden. Sie lag plötzlich vor uns Weit, saft leer und großartig.^ So großartig beinahe wie der erste Anblick des Meeres. Ein breites, glattes Band, in dessen Mitt« der schwarze Strich lauft. Breiter als sehr breite Hauptstraßen. Das aber war ja nur die eine Balm Die parallele zweite Bahn, die das Wesen dieses Bauwerkes ist, lag? durch ein breites Rasenband getrennt, viele Meter weit von uns '"Sn kann kaum schildern, was das bedeutet. Der Wagen schien vor Seligkeit aufzujubeln, als er auf dem herrlichen Belag in ansteigendem Tempo dahinsauste. Sechzig, achtzig, hundert Kilometer fühlt man über« hauch nich? Der Wagen steht gleichsam im leeren Raum wie ein Flug- tua und darf laufen. Denn es lauert keine einzige der üblichen Gefahren. Es kommt nichts entgegen, es gibt keine Kurve, bei der man sich mäßigen muh Und es gibt keine Kreuzung. Das einzige was einem Wagender no*"nicht aus den hohen Dauerdurchschnitt konstruiert ist, passieren kann,

Ä6!! Ä W«SÄi(». s-iu d--»« ästhetische und weltanschauliche Seite ist noch viel großartiger Devar mir davon ftrechen, müssen wir unsere Fahrt weiter verfolgen. Nach kurzer Zrit bemerkten mir, daß die Reichsautobahn souverän über die Land- chiaft gelegt ist wie ein Band, das ein Riese, ohne ,ede Rücksicht aus Bis­heriges, möglichst gerade und möglichst landschastsbeherrschend gestreckt hat. Was es an Hindernissen gab, wurde in titanischem Drang uber-

Oer römische Brunnen.

Von Conrad Ferdinand Meyer.

Aufsteigt der Strahl, und fallend gießt Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überflieht In einer zweiten Schale Grund: Die zweite gibt, sie wird $u reich, Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich Und strömt und ruht.

Oer Prior der Lukasbrüder.

Ium 150. Geburtslage von Friedrich Overbeck am 3. Juli.

Von Er nst v. N i e b e l s ch ü tz.

Im Jahre 1806 ließ sich auf der Wiener Kunstakademie ein siebzehn- itiriger Jüngling als Schüler eintragen, dessen sanften, fast weiblichen Michtszügen wohl keiner der Lehrer in der Mal- und Zeichenklasse den lustigen Revolutionär angemertt haben wird. Es war Friedrich Iverbeck aus Lübeck, Sohn des damaligen Senators, späteren Bür- ameifters der gut protestantischen Hansestadt. Wie das alte Heilige Reich li Deutschen, lag auch die Akademie, die unter Fügers Leitung als der brt der barock-klassizistischen Ueberlieferung in Deutschland galt, künst­lich in den letzten Zügen. Der junge Overbeck, der schon in Lübeck von trier Erneuerung der Kunst im Geiste der altdeutschen Meister geträumt litte, sah sich in Wien bitter enttäuscht.Man lernt so schreibt er spä- ir einen vortrefflichen Faltenwurf malen, eine richtige Figur zeichnen, licnt Perspektive, Architektur, kurz alles, und doch kommt kein Maler fraus. Eins fehlt in allen neueren Gemälden Herz, Seele, Empsiu- Lng!" So gründete er denn zwei Jahre später, angeregt von der literari- ben Romantik der Schlegel, Tieck und Wackenroder, zusammen nut äranj Pforr und anderen Gleichgesinnten seineL u k a s b r ü d c r- [fjafrals einen Treubund, in welchem sich die ganze Opposition gegen !>n Akademiebetrieb zusammenfand. Was man erstrebte, mar nichts ge= tngcres als eine vollständige Wiedergeburt der christlichen Kunst und irr Gesinnung, die sie möglich gemacht. Die Widerstände, die in dem ver- iiderten Zeitgeist lagen, glaubte man durch Herzenseinsalt, bas Beispiel mes reinen Lebenswandels und den unerschütterlichen Glauben an die feiügfeit der eigenen Mission überwinden zu können. Mit größerem Realismus ist wohl nie eineSezession" ins Leben gerufen worden als Mer Bund der Lukasbrüder, die später den SpottnamenNaza- rener erhielten. , _ . .

Denn eine Sezession war es. Schon 1810 trennten fuf) Daerbect mb die Seinen von der Akademie übrigens in den gesellschaftlich l'ften Formen und zogen wie Pilger, die das Heil ihrer Seele suchten, c n Rom. Das erscheint auf den ersten Blick als eine Inkonsequenz, als in Abfall von dem so leidenschaftlich proklamierten Ideal: Erneuerung i r altdeutschen Malerei. Allein es zeugt doch auch von der geistigen &eite des Bundes, dem Genius des Vaterlandes und der italienischen iunft gleichzeitig zu huldigen, Dürer, Memling und Rassael gleich- sm zu einer einzigen Person zu machen. Daß die Synthese nicht gelang, !°ß mindestens bei Overbeck, das italienische Element, wie es in dem loffael der florentiner Periode Gestalt gewonnen hatte, das altdeutscye hmer mehr zurückdrängte, lag in Overbecks Formanschauung selbst be- xiindet. Er war mehr Zeichner als Maler, der süße Wohlklang der Lime i: bei allen seinen Bildern, namentlich in den herrlichen Zeichnungen, hmer bas Ausschlaggebende, und wer hätte diesem Drang zum rhyty- risch und musikalisch bewegten Umriß mehr Nahrung geben können ms $:rabe der junge Raffael? Er hat einmal drei verschiedene Wege bezeuch- tot, aus denen der echte Künstler in den Tempel der Unsterblichkeit ge- lngen könnte: die Natur, die gedankliche Phantasie und die ideale 2chon- H Der erste habe Wirklichkeitssinn, der zweite unerschrockenen Wahr- t itsmut zur Voraussetzung; wer aber weder am Alltag Genüge sande Dch das Ungeheuere fassen könne. Der solle getrost den dritten Weg h schreiten, der uns das paradiesische Reich des Ideals eröffne. Daß auch wie die beiden anderen, Gefahren birgt, unter denen die Verführung in flauer Gefälligkeit die größte ist, ist freilich nicht in Abrede zu stellen, i'id gerade Overbecks religiöse Bilder beweisen es peinlich deutlich.

Das ist seine heimliche Tragik, daß er eben auf dem Gebiet, das er Ur sein eigenstes hielt und dem alle seine Anstrengungen galten, am wenigsten befriedigt. Es ist im Grunde die schärfste Kniik, die »ir » k m üben können, wenn wir uns heute, um seinen Ruhm zu P^unben, «i die Zeichnungen und die Bildnisse halten müssen. Ihm selber galten fe wenig im Vergleich zu seiner umfangreichen Bibel- und Legenden- r alerei. Er wollte ein Prediger des Evangeliums sein, indem er da am impfte, wo seiner Meinung nach die christliche Kunst ausgehort hat, m (mißen Symbolen zur Menschheit zu sprechen: beim 15. und frühen

Jahrhundert. Da es mit nie wankender Treue zu dem emmM als r?hr und richtig Erkannten geschah, haben mir kein Recht, die Echtheit nner religiösen Gesinnung anzuzweifeln, so wenig uns fern md) h sch, s udern rein erbaulich aufgefaßtes Christentum zusagen mag s s h r-ir denen beipflichten müssen, die in Overbeck den Stammvater Mer Üblichen Devotionalienmalerei sehen, die seither, namentlich m der katyo- Wen Kirchenkunst, gang und gäbe ist.

In Rom, wo er und die meisten der Bruder zum KatholiZ!

taten, hat er bis zu seinem Tode 1869 gelebt, anfangs intem He tun erlassenen Kloster San Jstdoro, das diesem sonderbaren,, m wonchnfcher Abgeschlossenheit lebenden Malerkonvent als Hauptquartier diente und j1 dessen Refektorium sie sich gegenseitig Modell standen. Es

--rötest gegen den Individualismus des Jahrhunderts es mar der, fteilich '-r?ebliche, Versuch, die mittelalterliche W e rk st a t tg em e >n schab Rruckzurufen, den Künstlern und das Kunstwerk vor der immer droh °ren Not der Vereinsamung zu retten - ein Unterfangen, kws gerade 'Ute wieder unseres Verständnisses, ja unserer Ehrfurcht sicher '^^ß 'n ^'tern mußte, lag allerdings nicht bloß am "^Widerstand s p ^rst, sondern nicht zum geringsten daran, daß di« aus jug l TO