Ausgabe 
30.6.1939
 
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wunden. Wir fahren über Brücken von unwahrscheinlichen Dimensionen, die ganze Dörfer überschatten, wir fahren durch riesige Einschnitte, das Band hebt sich auf Höhen, senkt sich in Täler, schmiegt sich an Hänge. Plötzlich blaut neben uns der Chiemsee. Auch hier tiefste, eindrücklichste Landschaftsstille eines Werktagsoormittags. Zwei schwarz uniformierte Männer stehen am Rande der Bahn. Wir halten, da wir wieder eine Kontrolle argwöhnen. Lächelnd sagt uns einer der Hünen, seinetwegen Hütten wir nicht stehen bleiben miissen. Er sei von der Reichsautobahn­gendarmerie. Eigentlich aber gelernter Automechaniker wie sein Kollege. Sie patrouillierten die Bahn ab und ständen den Reisenden bei Defekten mit ihren Kemrtnissen zur Verfügung. Er warnte uns noch vor dem starken Radfahreroerkehr in München. Dann plauderten wir über Dinge, die im damaligen Oesterreich durchaus nicht als loyal angesehen worden wären.

Wir fuhren weiter, stets berauschter und entrückter von den Weiten, die uns gehörten, von den Forsten, die wir durchquerten, von all dem blauen Himmel und dem Gefühl grenzenloser Freiheit. Ein Zufall wollte es, daß wir außerdem noch deutsches synthetisches Leunabenzin getankt hatten, dessen Gleichmäßigkeit und Antriebskraft das Naturbenzin bedeu­tend übertrifft. Wir stellten staunend fest, daß wir mit unserem, auf 90 Kilometer Höchstgeschwindigkeit konstruierten, braven Dreißiger-Steyr einen Durchschnitt von 100 Kilometer erzielt hatten, und wurden plötzlich, fast unmerklich, um etwa 10.30 Uhr in die Stadt München hineingeschüt­telt, wie man ein Körnchen durch einen Trichter in eine Flasche schüttelt.

Wir hatten das Wunder hinter uns, waren aus dem automobilistischen Himmel wieder auf den gewöhnlichen irdischen Boden gelangt und muß­ten sehr aufpassen, daß wir die Herrschermanieren eines Reichsautobahn- fahrers ablegten. Denn es kamen wieder Fahrzeuge entgegen, es gab unerwartete Kurven und Kreuzungen, Fußgänger, Radfahrer Verkehrs­posten, Verbotstafeln und all das, was eben der Erde eigentümlich ist.

Ich bin mir bewußt, daß meine Beschreibung nur einen Schimmer der Wirklichkeit geben kann. Den Anblick des Meeres oder himmelstürmender Gletscherketten kann man auch nur sehr annähernd schildern. Was man aber mit Worten feststellen kann, ist die weltanschauliche Seite unseres Erlebnisses. Und die künstlerische Seite dieses unglaublichen Baugedan­kens, den man im vollsten Sinne des Wortes als Königsgedanken bezeich­nen muß.

Ich bin vor allem überzeugt davon, daß es sich, kulturphilosophisch betrachtet, hier nicht mehr um Technik, sondern um ein hohes Stadium der Ueberwindung von Technik durch Ideal und Kultur handelt. Hier wurde scheinbar Technisches zu einem faustischen Gesamtkunstwerk so ungeheurer Vielfältigkeit, daß das Wort Straße auf diese Pulsadern des Deutschtums kaum mehr anwendbar ist. Und dabei handelt es sich nur um einen Teil, einen verhältnismäßig kleinen Teil des deutschen Aufbauwerkes. Ueberall dieselbe anonyme Kunst, derselbe Geschmack, dieselbe selbstverständliche Größe, die vom Prunkhaften ebenso weit entfernt ist wie vom Ungebän­digten, Disziplinlosen.

Wenn das Wort Freiheit überhaupt einen Sinn haben soll, wenn das Wort Kultur irgend etwas bedeutet, wenn Natur, Erhabenheit, Stil, Ideal für uns Begriffe sind, die wir bejahen, dann sind alle diese Begriffe in höchstem Maße in denStraßen des Führers" verwirklicht, sind dort gebändigte Wirklichkeit geworden.

Dabei habxn wir noch gar nicht vom Hochgefühl des einzelnen ge­sprochen, dem all dies ohne irgendein Entgelt zu eigen ist. Sogar der Fremde, der nicht einmal mittelbar an diesen Straßen mitgeschaffen, ja der sie vielleicht einmal sogar bespöttelt oder verdächtigt hat, darf cm den Früchten, die sie tragen, mitgenießen. Wer schon an diesem einen Bei­spiel nicht begreift, was wirklicher Sozialismus ist, dem ist nicht mehr zu helfen.

Diese Straßen sind ein riesiges Gleichnis. Ein Stein und Stahl ge­wordenes Bekenntnis des faustischen Geistes, der uns hinaufführen wird zu Höhen, die wir kaum noch ahnen.

Oie Kinder Manitous.

Bon Lawrence G. Green.

Das Städtchen Gallup in Reu-Mexiko liegt in der Sonne hinge­breitet: feine die Hügel hinauf und hinunter führenden Straßen schmücken wie schnrale Silberbänder die Sandhänge. Unter dem blauen Sommerhimmel sind weiße Männer emsig damit beschäftigt, Bvatroste aufzurichten, auf denen ganze Tiere gebraten werden können. Sie bringen Schafe, Ziegen und Rinderviertel angeschleppt: denn sie rüsten zu dem alljährlich stattfindenden Stammestrefsen der Indianer.

Weit fort, jenseits der Alkali-Ebenen, hinter den Schneebergen, zählen an jedem Lagerfeuer, in jedem Dorf und jedem Wigwam die Rothäute die langsam verstreichenden Tage. Ein Knoten von einer Reihe von Knoten an einer Schnur wird aufgeknüpft, ein Stein von einem Steinhaufen an der Wasserstelle wird abgetragen: so verzeichnet der Indianer die Zeit.

Die alljährliche Feier ist eine rein indianische Angelegenheit. Die Burger von Gallup spielen die Rolle der Gäste, treffen die Vorberei­tungen und bezahlen die Kosten. Die Feier ist seit 1921 zu einer stän­digen Einrichtung geworden, nachdem die indianischen Schaustellungen auf dem alljährlich stattfindenden Jahrmarkt sich von einer überrascben- den Anziehungskraft erwiesen hatten. Heute ist eine Weltsensation dar­aus geworden, zu der Tausende von Besuchern aus jedem nordameri­kanischen Staat und aus einem Dutzend fremder Länder kommen.

Wenn die Woche, in der das Fest stattfindet, herankommt, halten die stamme ihren Einzug in Gallup. Aufrechte, schlankgewachsene Manner, geschmeidige Frauen reiten durch eine kaktusbewachsene Welt aus gelbem Sand, die von roterdigen Schluchten geädert ist. Reiten durch das tiefe Schweigen, das durch den dünnen hohen Ruf eines Steppenreiters auf unsichtbarem Pfad zerrissen wird:Ko-la-re-ne". Und über die trennenden Fernen hinweg, über denen Adler kreisen, antwortert ein anderer Reiter, während das Echo von den tiefen

Cansnschluchken bis $u einem ersterbenden Gewisper zurUckgew»ch, wird.

Navayos kommen aus dem Tafelland und den Bergen ,yre. töllOl» Hektar großen Reservation angeritten, singend, die Nächte durchtanz bis die Sterne verblassen und ein kalter Wind über die Ebene strich und das Heraufkommen des neuen Tages verkündet. Von den sich» Hügeln desFriedliebenden Volkes" ziehen dis kleinen breitbrüsliz«, Hopis herab. Aus Arizona kommen die Apachen, ehemals Beutematz, und Totschläger, heute aber Händler von Pferden und erlesen schön g,, slochtenen Körben. Aus Taos und Zuni kommen die Pueblo-Jndiax-r Dieses friedliche, ackerbautreibende Volk bestellt den Boden, den f«, Urgroßväter vor ihm bestellt haben. Sie sprechen fünf voneinander «, schiedene Sprachen. Die Taos sind groß, schmuck und stolz? Die lern» klein, lustig und fröhlich. Die Queres streng unnahbar. Die Zuni; ei« primitives mystisches Volk: die Hopis friedliebend und einsam.

Von Colorado in Richtung auf Utah reiten die vorsichtigen Uten Oklahoma entsendet die üppig mit Perlen und Federn geschmückten Sie was, Pawnees, Komanschen und Kaws. Süd-Dakota die tapferen Siwz Siebentausend Indianer, dreißig Stämme, kommen zu Fuß, beritten i't Planwagen oder Autobussen auf dem Lagerplatz an. Der Ort erteil unter dem Schlagen der Trommeln: Zedernholzrauch hängt schwer in I« Luft. Die Apachen haben ihre weidengeflochtenen Schlafkärbe; die Snuj schlafen in ihren rauchigen Wigwams: der Navayo hat seinen Satti als Kissen und die Sterne als Decke. _

Die Eräffnungsparade durch die Straßen von Gallup ist ein jinf Kilometer langes Schauspiel von primitiver Pracht. Die Navayo-Mäam tragen weiße Hosen mit gehämmerter Silber- und Kupferarbeit, * kisen- und muschelbedeckte buntsamtene Hemden. Die Kiowas sind ule Vögel im Hochzeitskleid mit ihren gefiederten Reifen um Stirn, Am, Knöchel und Rücken, nebst Perlen und Glöckchen und kleinen, blitzemN Spiegeln. Die Apachen in den Teufelstanzmasken haben eine wid, drohende Schönheit. Zuni-Mädchen ziehen vorüber, große, irdene Mass«- trüge herrlich auf dem Kopf belancierend. Die Schmetterlingsmädqn aus Hopiland kommen als nächste: sie tragen kleine Zweige fri|*| Grüns in ihren puppenkleinen Händen. Taos-Frauen in farbenpr#] tigen Kleidern stapfen in hochschäftigen weißen Hirschlederfchuhen nrteit ihren großen, stolzen Männern in schneeweißen Hemden. Mit Tamtm, und Glocken und Flaschenkürbissen, trällernden Stimmen und tanzerx: Füßen zieht ein unabsehbarer Zug von Indianern durch die Stadl..

Die Ausstellungshalle ist mit kostbaren Navayo-Teppichen ausge«- hängt. Hier stehen Körbe und Töpfereien, gehämmertes Silber rin) Kupfer, kostbare und geheiligte Ornamente aus Muscheln und Türkis««. Im Mittelpunkt der Halle beginnt an jedem der drei Festtage iw Sonnenaufgang ein Ncwayo-Medizinmann eine symbolische Bildlez« ck von religiöser Bedeutung auszulegen. Er macht sein Bild auf ei nir Fläche aus reinem braunen Sand mit Linien und Verbindungen uns farbigem Ton. Die Darstellung berichtet die Geschichte eines legendär Helden. Sie ist sehr verwickelt und schön und muh bei Sonnenuntergang beendet sein. Dann, nachdem sie durch Gebet und Blütenstaub gefegi« worden ist, wird sie weggewischt.

Die Nachmittage sind Pferderennen, Spielen und Geschicklichkeitsuktt bewerben gewidmet. Ringsum sieht man Indianer, die singen, Sdj* Ziegen und Rinder rösten, einander Besuche abstatten, tanzen, sich wf ein Pferd setzen und Tauschhandel treiben; Staub, Rauch und LaW erfüllt die Luft.

Die Sonne geht unter; die Dämmerung bricht über Gallup her« ein orangenfarbener Herbstmond hängt tief am Firmament. RieW Scheiterhaufen sind an den Enden der Tanz-Arena angezündet roorbiti die Flammen knistern, tanzen und werfen ihre geisterhaften, riestz!' Schatten. Jetzt durchläuft die weihen Zuschauer auf den Tribünen e'«| Bewegung. Ein Rascheln von Federn, das leise Stampfen der mokaM« bekleideten Fühe und die lange Reihe der Tänzer, die Einzelsänger, Vorsänger treten in den Kreis des gelben Lichtes.

Trommeln schlagen; Klappern und Flaschenkürbisse, schwankem» Gestalten und stampfende Füße; die Nacht bebt vor Erregung, da Fand«! Bewegung und Lärm in eins verschmelzen. Die Taos-Jndianer führen ihn«» Reifentanz auf; ihre Leiber gleiten durch die Reifen wie fließendes 2ßaW Zuni-Krähentänzer erregen durch ihr vollendet possenhaftes Nachahmen 0H lüchter. Die Nacht wird tiefer. Das Tanzen dauert an. Die Kiowas ütos mit einem taktmäßig zuckenden Rhythmus hypnotischen Zauber. M Pueblos führen ihre Iagddramen, ihre Gebete um Zuwachs auf. D> Teufelstanz der Apachen ist unheildrohend. Das Raffeln und Schütt und Stampfen des Kriegstanzes der lltah durchhallt den Platz geff* den Berg.

Dann treten die Navayo-Zauberer auf. Sie pflanzen .ein Getreue körn in den Boden, und unter ihrem Gesang sproßt es aus der Sr» hindurch durch ein Tuch, und wiegt sich im Nachtwind, hoch, ährenSi« hangen und grün. Sie stecken eine Feder in einen Flechtkorb, und ri ihren Stimmen bezaubern sie die Feder, daß sie zu schwanken uni) |< tanzen beginnt. Plötzlich stürzen aus der Dunkelheit schwarze, mußt aschebemalte Tänzer hervor, umtollen das Feuer, springen darüb.ck. baden gleichsam ihre Leiber in den Flammen, rundum und um, schnell und immer schneller, bis sie zurück in die Finsternis gleiten.

Plötzlich herrscht Stille. Die Weißen frösteln ein wenig in baj kühlen Nachtwind und eilen zu ihren geparkten Automobilen, ftOT wieder mit der Wirklichkeit der Maschinen in Berührung zu komm«» Mit Sonnenaufgang nach der letzten Nacht begeben sich die Roth仫 auf den Heimweg, fingen auf dem ganzen Zug zu ihren Farmen u !1 Rauchen, zu ihren zeltleinenen urväterlichen Schlupfwinkeln, ihren Safte feuern an fernen, einsamen Wasserlöchern in der Wüste. Die Nava'ii- Ziehen als die letzten ab. Und lange, nachdem sie am Horizont va» schwunden sind, nachdem sich sogar der müde Staub auf ihre Spu^ gesenkt hat, tragen undeutliche Worte ihre Gesänge zurück:Piki yo-y^ i Dahin gehe ich ... (Aus dem Englischen von Hans B. Wagense'^

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühlsche UniversitätSdruckerei R. Lange, Gießen.