Ausgabe 
30.6.1939
 
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gesund. Der namenlose Frontsoldat, Offizier, Unteroffizier und Poilu, lst rückhaltlos begeistert.

Was kaum der Poilu bei dieser Schlacht schon gewinnen? Für sich persönlich nichts, gar nichts. Di« Ehr«, di« seine Truppe einheimsen wird, gilt nicht ihm und seiner kleinen und winzigen Person, sondern der Fahne. Ihn erwartet mehr Mühe, Gefahr, Verwundung und vielleicht sogar der kalte Tod. Aber dennoch ist der Frontsoldat begeistert. Es ist das Los des namenlosen Frontsoldaten, hüben und drüben, nicht mehr mit dem Morgen zu rechnen, nicht mehr an sich zu denken, an seine kostbare eigene Person. Nein, das alles ist emsgewischt, untergegangen in einer großen schönen Kameradschaft angesichts der Gefahr und des Todes.

Er weiß nicht, der kleine Poilu, wann die Schlacht losbrechen wird.

Er kennt nur die Formel und die lautet:

Beginn der Endschlacht dieses Krieges ist am ,Tag 3'."

Der Oberbefehlshaber allein wird denDag 3" bestimmen. Di« Stunde des Losbrechens heißtStunde H".

AmTag I" zurStunde $) wird man marschieren, man wird freudig marschieren, um mit diesem Spuk endlich mal Schluß zu machen. Viel zu lange schon hat er gedauert, dieser blutige Krieg. Wann wird endlich derTag I" anbrechen?

ZurStunü« 5> + 60 Minuten" wird man zwei Kilometer ties in die feindlichen Stellungen gedrungen sein. Ium Donnerwetter, laßt endlich den Tag und die Stunde kommen! Der Poilu ist geradezu in Hochstimmung. Wehe, wenn man ihn jetzt enttäuscht!

Ach wäre das jetzt eine Enttäuschung, wüßte der Poilu von der Un­einigkeit da oben beim Stabe! Nur die Parlamentarier wissen davon und haben einwandfrei erkannt, daß glühende Eifersüchteleien das Schicksal Frankreichs gefährden. Wahrscheinlich wollen Nivelles Unter­gebene einen offenen Streit herbeifichren, verbunden mit dem unver­meidlichen Stellungswechfel im Oberbefehl. Wer weiß, vielleicht wird den einen oder anderen von ihnen dieser Befehlswechsel nach oben spülen.

Während in rastloser Arbeit bei Tag und bet Nacht ohne Ermüdung und ohne Weichheit, die große Durchbruchsschlacht vorbereitet wird, durch Bereitstellung von Menschen und Material in unerhörten Ausmaßen, haben auch auf deutscher Seite die Abwehrarbeiten begonnen. Man weih,, daß dieHeeresgruppe Deutscher Kronprinz" den Hauptstoß ausfangen soll. ^Jn rasender Eile werden nun, nach Eintritt der Schneeschmelze urrd des Tauwetters, rückwärtige Stellungen ausgehoben. Ein zweites Ver­teidigungssystem entsteht auf der Kuppe jenes von Osten nach Westen gerichteten Höhenrückens, der mit dem Damenweg gleichläuft. Und weiter zurück, schon tief in der Ebene, die General Duchesnes Kavallerie-Divi­sionen überreiten sollen, bauen deutsche Armierungskolonnen neue Stel­lungen, bewehrt mit den neuzeitlichsten Verteidigungsanlagen. Die Armee von Boehm wird in der Mitte des Nivelleschen Durchbruchsversuches liegen. Ihre Divisionen werden die ganze Wut öes vorbereitenden Trom­melfeuers zu spüren bekommen. Auch bei den Stäben der Generäle von Einem'und von Below herrscht um diese Jett eine fieberhaft« Tätigkeit.

Dem Poilu gilt di«Heeresgruppe Deutscher Kronprinz" sozusagen als rotes Tuch. Die Kronprinzenarmee ist feit den Tagen von Douau- mont, Vaux und Fleury ein Begriff in Frankreich geworden. Und nun soll der Poilu gerade diese gefürchtete Heeresgruppe anpacken, ihr den Todesstoß versetzen, Rache nehmen für die Tage und Wochen und Monate im Trichterfeld beiderseits der Maas. Jeder Soldat Frankreichs wird sein Letztes an Kraft und Opfermut hergeben, um die Kronprinzenarmee endlich zu schlagen, damit rechnet Nivelle, und diese Rechnung war auch entscheidend für die Wahl der Angriffsfront. Di« härtesten Soldaten, die kampferprobtesten Krieger und die besten Führerköpfe der beiden Natio­nen stehen sich an der Aisne und in der Champagne erzbereit gegenüber.

Jene alarmierenden Berichte der Parlamentarier, die vom Besuch der Armeestäbe zurückkehren, bleiben nicht ohne Einfluß auf die Regierung. Der Kriegsminister Painleve beschließt, hier Klarheit zu schaffen, und lädt die am Angriff beteiligten Generäle zu einer Konferenz auf den 3. April. Die Zusammenkunft findet im Krieasministerium zu Paris statt. Anwesend sind General Nivelle, dann Ministerpräsident Ribot, dann die drei Minister der nationalen Verteidigung Admiral Lacaze, her Muni- tionsministcr Albert Thomas und d«r Kriegsminister Painlevä. Cs ist ferner anwesend der Kolonialminister Maginot.

Der Kriegsminister hat vorerst von einer Ladung der einzelnen Armeeführer abgesehen. Er versucht jetzt ein letztes Mal, Klarheit zu schaffen. Er will auch Zusammenstöße vermeiden. Der Kriegsminister verheimlicht Nivelle gegenüber keineswegs jene Bedenken, die anläßlich des Besuchs der Parlamentarier bei den Stäben wach geworden find. Das ist für den Oberbefehlshaber gerade das richtige Thema. Darauf scheint er gewartet zu haben. Er springt aus, er schlägt mit der Faust aus den Tisch und schreit:

Meine HerrenI Das ist eine bodenlose Feigheit. Was haben über­haupt dies« Zivilisten in meinem Armeegebiei verloren! Noch hab« ich zu befehlen. Ich lasse mich nicht von sensationslüsternen Kammerabgeord­neten befchnüsseln. Ich duld« nicht, daß meine Maßnahmen hinterlistig durchkreuzt werden. Ich verbitte mir ein für allemal diese Reisen von Männern, die besser daran täten, als Armierungssoldaten mit der Schippe in der Hand vorn« zu schanzen, als Unfrieden und Mißtrauen zu säen. Ich werde sofort Anweisung geben, daß jeder Zivilist, der sich im Bereich der Angrifssarmee sehen läßt, unverzüglich sestgenommen und wegen versuchter Spionage vor ein Kriegsgericht gestellt wird."

Diesen Ausbruch nehmen die Anwesenden keineswegs tragisch. Sie kennen den leicht erregbaren Charakter des Oberbefehlshabers.

Ich würde nicht iuföen, daß in Ihrem Dienstbereich jemand gegen Sie konspiriert oder spioniert, Herr General", sagt der Kriegsminister ruhig und sachlich.Aber ich bitt« Sie, mir zu glauben, daß nur die Sorge um das Wohl der Armee dies« Männer zu ihrer Rundreise ver­anlaßt hat. Herr General, das Leben des französischen Poilus steht auf >?m Spiel. Das kostbarste Gut, das Frankreich augenblicklich besitzt, sind

seine Soldaten. Deshalb wertden Sie die Sorge der Parlamentarier m stehen können. Ihr« untergebenen Generäle sind nicht ganz vom ©elingen des großen Angrisfsplanes überzeugt. Man spricht viel von der ftir! ausgebauten Hindenburg-Linie. Wie es heißt, soll St. Quentin von Deutschen uneinnehmbar ausgebaut worden fein. Der Durchbruch zwischen Reims und Soissons wird als stärkstes Unternehmen bezeichnet, weil tit Deutschen gerade in diesem Abschnitt in letzter Zeit starke Befestigungen anlegen und Tag und Nacht schanzen. Und dann befürchten Ihre Generile die Ungunst der Witterung--"

General Nivelle wehrt ungeduldig ob:Haben Sie mich deswcgn kommen lassen, Herr Minister? Wurde diese Konferenz wegen folqei Kleinlichkeiten angesetzt? Ich erkläre Ihnen und den andern verfannrel ten Herren hiermit, daß dies alles für mich kein Hindernis bedeutet. Sie angeblich uneinnehmbar befestigte Hindenburgstellung ist ein« Attrappe, weiter nichts, ein Blendwerk, mit dem unsere leichte und mittlere Sr tiUerie schnell fertig werden. Für di« Infanterie bedeutet diese Hindu- burg-Linie nur einen Graben mehr auf dem Weg nach vorne, wobei dreh so mannigfaltige Gräben weggenommen werden müssen.

Was die Stadt St. Quentin anbetrifft, so kann ich Ihnen oerrdm, daß diese Verteidigungsanlage nur in der Phantasie unseres Nachricht^ dienstes existiert. Werfen Sie bitte einen Blick auf die Karte. Sie werken fehen, daß St. Quentin eigentlich schon in der Zange der Armee t« Generals Franchet d'Esperey liegt. Sie haben Bedenken wegen der Durchbruchs zwischen Reims und Soissons? Diese Bedenken teile ich nicht Ich sage es zum letztenmal, unsere Durchbruchsarmee wird die eij« beiden Stellungen mit geringen Eigenverlusten wegnehmen. Ich twij genau, daß man diese beiden ersten Stellungssysteme erst wegnehmi muh, will man die dritte und vierte Linie unschädlich machen. Keine Ais regung darüberI

Ich weiß sernerhin, daß ich nur bei gutem Weiter den Befehl jm Angriff erteilen werde. Die Sonne des Sieges, meine Herren, die di! Sonne von Austerlitz wird den ,Tag 3 bescheinen. Unsere Nordarn« wird sich spätestens drei Tage nach dem Borbrechen unferer ©turmtot* nen nördlich des Serrefiufses mit der Aisne-Armee vereinigen und l)t die Hand zur großen beginnenden Verfolgungsschlacht reichen.

Was befürchtet man eigentlich, meine Herren? Ich verstehe Ihre 8k' denken nicht. Ich habe es bereits gesagt und schon einige Male in Befehtti und Anordnungen wiederholl, daß nur Schnelligkeit und Brutalität zm Ziel führen werden. Ich setze mir selbst eine Frist von 24, sagen wir ®\ 48 Stunden. Sollte innerhalb dieser Zeit der beabsichtigte Durchbrq nicht erreicht sein, dann hat es keinen Zweck mehr, noch daraus P drängen, denn ich möchte keine zweite Sommeschlacht beginnen, ein zn- mürbenbes Langsamtreten auf engem Raum mit ungezählten Verlust« und unerhörtem Materialverbrauch. Nein, ich will den raschen Durch­bruch. Und ich werde ihn erreichen!"

Nach stundenlangen Gesprächen und Beratungen kommt man z« folgendem Ergebnis:

Der Oberbefehlshaber wird den Beginn der Offensive zum Zeitpu.» der günstigsten moralischen, physischem und meteorologischen Bedingung für die französische Armee festsetzen. Er wird sich vor einem zu friitm und unnützen Opfer an Menschen und Material hüten und di« Jnsantm erst nach der restlosen und gründlichen Zerstörung der beiden vorderste feindlichen Stellungen aus den eignen Gräben schicken."

General Nivelle reift ins Große Hauptquartier zurück. Wieder einrnd hat er diesen blassen Zivilisten da hinten die soldatische Stirn gebe-:--' und ihnen unverblümt seine herzhafte Meinung gesagt. Er freut sich fühlt sich siegesbewußt im vollen Recht seines Tuns. Diese Auseinanim fetzung, so glaubt et, war bestimmt die letzte. Jetzt haben diese wehleidigst Federn da hinten zu schweigen, jetzt muß die Tinte aufhören zu fließ»!«, denn das Schwert will sprechen. J

Am gleichen Tag, dem 3. April, melden sich die von der Front zur»«' gekehrten Parlamentarier beim Präsidenten der Republik Raymo» Poinoare. Sie beschwören das Staatsoberha,upt, noch einmal feinen sti sönlichen Einfluß einzusetzen, um diese Offensive, die sicher zu eW Massenschlächterei französischer Soldaten ausarten wird, vor Beginn » letzter Stunde zu verhindern.

General Micheler, der Führer der Durchbruchsgruppe", so jagen,|k hat uns gegenüber di« erschütternde Erklärung abgegeben, daß es hsst stens zu der Wegnahme eines schmalen Geländestreifens in 10 bis 12 SW meter Tiefe kommen könnte, also einem Ergebnis, das in keiner SM den Vorbereitungen und dem gewaltigen Einsatz von Menschen und M terial gerecht sein wird. Das schlechte und naßkalte Wetter wird wff nur die Manövrierfähigkeit der Durchbruchsarmee herabmindern, sond-B auch dem Poilu am zweiten oder dritten Tag jede Lust am weite«' Kampf nehmen."

Die Parlamentarier bitten den Präsidenten der Republik, seinen W zen Einfluß einsetzen zu wollen, um diese Offensive zu verhindern wenigstens ihren Beginn bis zur schönen und wärmeren Jahresz-'- hinauszuzögern. . ....

Paineare möchte sich Klarheit verschaffen. Was wird nun etgentw gespielt? Frankreich ist der Vernichtung preisgegeben, wenn seine * rille nicht einig sind Das ist ja beginnende Meuterei, aber von ottt herab. Sofort wird für den 6. April in Compiegne eine Besprechung»'* beraumt. Jm Salonwagen sährt Poinearä hin. Es ist derselbe Wow> in dem 19 Monate spater Marschall Foch nach Compiegne fahren I um hier die deutsche Wasfenstillstandskommission zu empfangen, Wr * schmachvollsten Bedingungen zu überreichen, die je ein Heerführer I«NU' tapferen Gegner zu überreichen wagte.

Der Sonderzug des Präsidenten der Republik wird im Walde c-x Compiegne aus ein Nebengleis geschoben und steht etwa dort, wo im November 1918 durch Zufall oder mit Absicht stehen wird. sieht jener düstere, von Granatfeuer gelichtet« Ißato die Schicksalssrur der Welt, steht Leben ober Tod der beiden Völker. Diesmal, am 6. W 1917, will Frankreichs schwerste Stund« gerade beginnen.

(Fortsetzung folgt.)