Ausgabe 
30.1.1939
 
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Hose den Zarape über den Schultern, die bunte Manteldecke, den hohen Strohhut mit breitem Rand aus dem kleinen, charaktervollen Schädel, Oder auch du siehst eine Indiofrau, ihr Kleinstes auf den Rucken ge­bunden ein anderes Kind an der Hand führend in einem seltsamen Trab der noch aus Urzeiten stammen muß, barfuß am Bordstein her- lausen- oft hat sie eine Zigarette im Mund, Und ist auch ihr Gesicht nicht nach unseren Begriffen schön, so sind doch die wunderbaren dunklen Augen aus denen etwas wie Trauer zu blinken scheint, unvergeßlich. Wenn man amZocalo" eine der ausgezeichneten elektrischen Vorort­bahnen besteigt, die zu den schnellsten und besten der Welt gehören und die ungewöhnlich weit ausgedehnte Stadt mit ihrer teilweise sehr reiz­vollen und abwechslungsreichen Umgebung verbinden, so durchfährt man auch die eigentlichen Indioviertel mit ihren langgestreckten, geraden, langweiligen Straßen, Aber besser noch, man nimmt sich die Zeit sie gemächlich zu durchwandern. Hier sind die Eseltreiber, die die Holz­kohlen für die kleinen Braseros bringen immer noch häufiger als das Lastauto; hier trinken die Männer in den mit bunten Seidenpapier­fransen behängtenPulquerias" den gräulichen Saft der Agave, deren eintönige Felder weite Strecken vor der Stadt bedecken; die Pul­querias tragen wunderbare, typisch spanische Namen wieEl triunfo de la Revolution". Hier sind die kleinen Berkaufsläden, dietiendas", in denen Persil, Ddol und Nioeacreme trotz der schreienden amerika­nischen Reklame immer noch siegreich sind. Hier sind Geschäftchen mit alten Grammophon-Apparaten und Schlagerplatten, Radiozubehör und Motorradersatzteilen; aber im Schatten eines Baumes oder auch im Staub der sonnenglühenden Straßenecke hockt ein Jndioweib und bäckt tamales" oderTortillas", Maiskuchen, in Del, die sie zusammen mit der stark gepsefserten grünen Ahuacate-Tunke den Vorüberkommenden verkauft. Irgendwo kann man auch im Schatten eines Häuschens eine Familie ihr Mahl zu sich nehmen fehen, Melonen, rot und saftig, frijoles, kleine dunkle Bohnen, und vielleicht noch klebriges süßliches Brot. Ueberall ist ein Duft und Dunst von Schweiß, Staub, Del, Pulque und Mezcal, dem scharfen Schnaps. Aber wieder nur wenige Schritte weiter ist ein Kino und die riesigen Bilder eines Herrn im Frack, der einer Dame in Gesellschaftstoilette und großem Decolleiä unverkennbar Marlene Dietrichs Vampgesicht einen Revolver vorhält.

Symbolisch ist das Bild des sonntäglichen Corsos im Park von Chapultepec: Auf den gepflegten Alleen zwischen alten Zedern und wundervollen Rasenflächen zu Fuß des Schlosses gleiten Rolls Royces mit Damen nach letztem Schrei der Pariser Mode; Herren begegnen ihnen in der alten Tracht des eleganten Ranchero, anliegende gelbe Lederhosen mit Fransen, bunt bestickte Lederjacken, breitrandige, hoch­spitzige graue Filzhüte mit Silbertroddeln aus dem schmalen, braunen Kopf. Eine Musik spielt modernste Schlager Am Straßenrand hocken Weiber und Kinder und horchen auf Ne Musik, die Kinder in zer­rissenen Kleidchen. Aber umformierte Herren, hoye Dffiziere, reiten vor­über: sie haben dieselben Gesichter wie die Kinder, auch chre Väter und Großväter haben noch dort in den niedrigen Lehmhütten gewohnt, Ne zwischen alten Ahuehuetes-Zedern und großen Drganos-Kakteen grau und staubbedeckt am Stadtrand stehen. Mitten im Paseo de la Reforma, der breiten Prachtstraße nach Chapultepec steht das Cuautemoc-Denk- mal, das Denkmal des aztekischen Freiheitshelden, Die Straße ist eine spanische Anlage, die Autos, die vorübersausen, kommen aus den Ver­einigten Staaten, aber über alles hebt sich das malte indianische Volt in seinem Helden,

Oer heilige Kris.

Von G, Gruber.

Die Dschungel von Java sind die herrlichste Dekoration für exotische Filmaufnahmen. Ich war glücklich, als ich mich der Expedition der Regisseur« Albert Balink und Maunus Franken anschließen durste, die nach dem wildromantischen Bantam gingen. Als wir frühmorgens aus Batavia aufbrachen, fragte ich den schweigsamen Balink, was für ein Film das eigentlich werden sollte.

Ich habe keine Ahnung", sagte er,eigentlich will ich nur Studien machen, aber ich Hoss«, daß wir in Bantam eine Handlung erleben werden und dann wird gedreht, daß die Kamera raucht."

Die Aeußerung Valinks mag merkwürdig klingen, aber es zeigte sich, daß nur diese Freiheit es möglich machte, einen wirklichen java­nischen Film zu drehen. Die Eingeborenen sind Kinder, man müsse sie zutraulich machen. Unsere Karawane hatte noch nicht di« Hälft« des be­absichtigten Weges hinter sich, als uns ein entsetzlicher Wolkenbruch überraschte. Eben war der Himmel noch strahlend blau und in der nächsten Minute rauschte der Regen toi« ein Wasserfall. Eine Stunde lang goß es in Strömen, dann hört« das Unwetter ebenso plötzlich auf, wie es begonnen hatte. Dafür aber fchwoll der Fluß, an dessen Ufer wir uns befanden, derart an, daß die Räder unserer Autos dis über die Radnaben im Wasser standen. Die eingeborenen Träger wurden von einem panischen Schrecken ergriffen.Bandjir! Bandjirl" schrien sie.Der Fluß kommt über uns!"

Die Ueberschwemmung wuchs. Die von den vulkanischen Bergen strömenden Bäche schwellten den Fluß in unglaublich kurzer Zeit, und wir wären am liebsten auf die Bäume geklettert wie die Affen. Leider gab es hier nur Djitibäume, deren schlanker Stamm glatt ist wie ge­masert, und deren spärliches Blätterbüschel hoch sich im Winde wiegt. Diese Djitibäume zu erklettern, erfordert eine akrobatische Geschicklich­keit. über die weder ich noch di« beiden Regisseure verfügten. Bloß zwei der Eingeborenen bezwangen die glatten Stämme und zogen unfere kostbaren Apparate an Stricken hinauf, denn zu allererst muht« man dies« m Sicherheit bringen. Sie hockten oben in Gesellschaft der Da-Da-

Jm Hause Trouros, des alten Dorfrichters, quartierten wir uns ein. Anfangs war er sehr mißtrauisch, nach einigen Tagen aber war er zutraulich wie ein Kind. Von ihm bekam Balink auch die Grundidee des Filmes und Tagina, feine Tochter, spielte die Hauptrolle. Seither ist ihr keiner ihrer Freunde mehr gut genug. Sie träumt bereits von Hollywood als dem Lande, in dem die Frau herrscht und der Mann untertan ist. Der alte Trouro erzog seine Tochter mit eine paar saf­tigen Dhrseigen. Aus Java gibt es wahrhaft paradiesische Zustände, wir nahmen mit Befriedigung diese erzieherische Maßnahme zur Kenntnis.

Ernes Morgens erschien Trouro und trug mit feierlicher Gebärde ein Bündel vor sich her.Was ich euch jetzt zeige, Freunde", jagte er, Hai noch kein weißer Mann gesehen. Mein Großvater erbte es von seinem Vater, ich erbte es von meinem Vater, und mein ältester Sohn wird es von mir erhalten. Das Glück und die Macht unseres Hauses kommt von diesem heiligen Dinge."

Neugierig besahen wir das Bündel Seidentücher, der Alte aber er­zählte zuerst die Geschichte, ehe er uns das Heiligtum zeigte.

3n alter Zeit jagte der Königssohn Ardjuno hier in Bantam. Sein goldenes Zelt stand, wo mein Haus steht. Ardjuno war ein schrecklicher Jäger, die Tiere des Waldes zitterten vor seinen Pfeilen und sogar der Tiger, der brüllende Fürst des Dschungels, konnte sich vor ihm nicht in Sicherheit bringen. Ardjuno wollte eben die Jagd beenden, als ein wütendes weißes Einhorn auftauchte und ihn angriff. Ardjuno hatte keine Zeit mehr, feinen Pfeil anzulegen, er riß den heiligen Kris aus dem Gürtel und warf ihn auf das Tier. Und siehe, es geschah das Wunder. Ein Blitz schlug nieder aus blauem Himmel, das Einhorn ver­schwand, und an seiner Stelle lächelt« ein kleiner See. Ardjuno war bezaubert von dem lieblichen Wasser, er opferte den heiligen Kris dem blauen See und versprach, niemals mehr im Urwald zu jagen. Lange Zeit nachher erschütterte ein Erdbeben unser Land, Feuer loderte aus bcm See und fraß ihn. Und als Ne Erde wieder ruhig war, da fand mein Ahne den heiligen Kris."

Der alte Trouro wickelt« das Heiligtum aus den Tüchern während er eine leise, geheimnisvolle Weife fang. Die letzte Seidenhülle fiel, und es zeigte sich ein schöner Kris, das zweischneidige Schwertmesser der Malaien, mit goldenem Griff, der mit geschliffenen Edelsteinen besetz« war. Mit einem merkwürdigen Singsang rief er seine Tochter Tagina, die .^ee und Blumen brachte. Dann preßte er den Kris ehrfurchtsvoll an ö»e otirn senkte ihn, tauchte die Spitze in den Tee und streifte mit der scharfen Schneide die Plumen.Auf daß du die Krankheiten ^rjagft und den Badjir zum Stillstand bringst", sagte er feierlich. Ztuf daß du die bösen Geister fernhältst und Glück und Segen bringst über mein Haus und das meiner Freunde."

Unter ehrfürchtigen Zeremonien wickelt« er den Kris wieder ein und trug ihn in fern Versteck. Mannus Franken und Albert Balink sahen einander an, und ich wußte, in diesem Moment ist die Handlung des Films geboren worden.

Die Auswahl der Schauspieler machte keinerlei Schwierigkeiten mehr. Die Javaner sind geborene Schauspieler, sie bewegten sich so natürlich

tzs Kamera, als hätten sie ihr Lebtag nichts anderes getan und Zr.TlT, M Isolat echt aus, nicht gestellt. Das harmlos heitere

Ck ld) Rollen ein. Schließlich mußte Balink sogar

^.emsen, denn Binnet und Zabut, zwei Burschen mit Körpern wie @ ""turecht, daß der eine dem anderen beinahe die

Kehle durchbiß.

m^Fklärung.für die Schauspielkunst des orientalischen Menschen f~n ganzes Geben, er verrät niemals, was in feinem Innern, ferner Seele vor geht, er ist immer ein anderer, als ef ।ajeint und es ist ihm ein Leichtes, den Charakter eines anderen darzustellen.

m -»ar die Expedition ein Märchen aus Taufend und einer

^°ch-.Ach ^^e ,hn nie vergessen, den wilden, prangenden Urröald, idyllischen Dorschen mit den einfachen, naturnahen Menschen und die Mädchen mit den schlanken, geschmeidigen Gliedern und Augen, die einem ins Herz sehen.

Die Flucht vor dem Bandjir war nicht so einfach. Mahmud, der Fischer, einer unserer Darsteller, schwamm mit kräftigen Armen zwischen den treibenden, entwurzelten Baumstämmen, als plötzlich ein Krokodil hinter ihm auftaucht«, das sich auf der Suche nach einem fetten Gabel­frühstück befand. Der Kameramann kurbelte aus Leibeskräften und gab acht, daß Krokodil und Frühstück nicht aus dem Blickfeld des Dbjettios kamen, und bann erledigte Franken das hornige Ungeheuer mit einem Schuß ins Auge. Mahmud war zu Tode erschrocken, er zitterte und schwur, nie mehr mitzuspielen. Er beruhigte sich erst, als Balink ihm eine herrliche rotweiß getupfte Krawatte fchenkte.

Affen, Me sich kaut schimpfend über uns unterhielten,.immer frecher wurden und aus sicherer Entfernung fteinharte Brotfrüchte auf uns schleuderten.

Glücklicherweise dauerte di« Ueberraschung nicht lange, die Wasser verschwanden so rasch wie sie gekommen, und wir waren frei, weiter- ären. Das gewaltige Schauspiel des Bandjir aber hatte Regisseur lus Franken inspiriert und später wurde bann ber interessanteste Teil des Films, eine Ueberschwemmung, gedreht, die wir in Sübb-antam aufnahmen. Allerdings unter bequemeren Umständen, denn wir brachten sofort bei Beginn des Regens uns und untere Apparate in Sicher­heit und sahen, unsere Pfeife rauchend, in Ruhe zu, wie die Wasser stiegen. Rur die eingeborenen Darsteller befanden sich in gefährlicher Lage, weil sie lebensecht die Flucht vor dem Banjir, der Ueberschwem­mung spielen mußten. Sie taten es ungern, weil sie eine traditionelle Furcht vor dem Bandjir haben, ber die größte Plag« ihrer herrlichen Insel ist.

Verantwortlich. vr. Han-Thyriot. - Druck und Verlag: Brühlsche UniversitätSdruckerei R. Lange, Gießen.