Der Fackellauf war nicht nur eine Huldigung an die Allmutter Sonne, sondern gleichzeitig ein Bekenntnis zic brüderlicher Gemeinschaft. Waren die Fackeln abgebrannt, wurden sie aut dem Dorfanger auf einen Haufen geworfen und verbrannt; dazu sang der Spruchsprecher, indeß sich alle bei der Hand nahmen, den alten Spruch:
Warum einzeln Verladern In dürftigem Brand? Fackeln zusammen!
Hand in Handl
Nach dem Abbrennen des Mittwinterfeuers versammelten sich die Teilnehmer zu Hause um den großen Tisch, aßen und tranken zu Ehren der „helfenden Lichtgötter" und begannen dann, aus der Asche und den verkohlten Ueberresten des „Feuerberges", den die vier Burschen gegen ein kleines Entgelt verteilten, allerlei für das kommende Jahr zu prophezeien; etwas Asche hob jeder auf, um sie in den künftigen Monaten als „Zaubersand" verwenden zu können gegen die „unsichtbaren Feinde der Sunna", wii> in alten Zaubersprüchen zu lesen ist. So sehnten sich auch unsere Ahnen nach dem neuen Lichte, und ihr Tun war nichts anderes, als was das D'chterwort sagt: Wo bist du, Sonne, blieben?
Silvester in Schabernack.
Bon Hermann Walter Kaden.
Das Dorf Schabernack liegt einsam, von Feldern und Wäldern umgeben, in einer großen Talmulde. Keine Eisenbahn dringt dahin. Ein Fluß flieht an seinem Rande, doch trägt er weder Schffe noch Kähne, dazu ist er zu klein und ungestüm, — so kommt kein hauch aus der großen Welt in das kleine Nest, und die große Welt weiß nichts von ihm, und deshalb will ich etwas davon erzählen. Versteht sich, daß das Dors eine Kirche hat. Um sie herum scharen sich im Ring die Häuser, als hätten sie Angst, das Gotteshaus möchte davonlaufen, und sie müßten es deshalb mit ihrem steinernen Wall bewachen. Gärten und Felder liegen dazwischen, das Schulhaus, das Wirtshaus und das Gemeindeamt. Die Bewohner sind fleißig und aufgeweckt, lustig und listig, zu allerhand Streichen aufgelegt, und immer bereit, dem lieben Nachbarn ein Schnippchen zu schlagen. Daher der Name des Dorfes Schabernack. Viele sind mit dem schnurrigen Witz auf die Welt gekommen: der Bürgermeister der Lehrer, der Gastwirt, der Postbote, der Nachtwächter und mancher andere, ja, sogar Hochwürden der Herr Pfarrer wurde mit diesem prickelnden Wasser getauft, und wer die Gabe nicht von Natur aus besaß, der hat sie im Beisammensein mit den Schabernackern gelernt, und beherrscht sie so gut wie diese. Das Erfreuliche ist, sie tun sich mit ihren närrischen. Streichen nicht sonderlich weh, das macht, weil sie schon einen tüchtigen Puff vertragen können, und weil fie gewohnt sind, über jede Dummheit herzhaft zu lachen, auch wenn sie selbst die Gefoppten sind. Hunderte von lustigen Geschichten könnte ich über sie schreiben. Sie foppen und hänseln sich, wo sie nur können, und haben ihre diebische Freude daran. Ohne Ulk versauert das Leben, so sagen sie, und das ist zwar keine tiefe, aber eine hausbacken gesunde Weisheit.
Dieses Jahr sind sowohl der Postbote als auch der Nachtwächter die bevorzugten Ziele der Schabernacker gewesen. Den Nachtwächter Schillripp haben sie zur Kirchweih erst mit Sauerkraut und Bier vollgefüllt und ihm dann die Hose ans Hemd genäht, ihm auch Mehl ins gewundene Horn getan, daß er nach dem Blasen aussah wie ein Gespenst. Und den Igel im Bett und die Gummibürste hat ihnen der Postbote Knall auch nicht vergessen.
Für die Sllvesternacht haben sich nun die beiden einen Vergeltungsplan ausgedacht. Das ganze Dorf soll ihren Possen fühlen. Schulmeister und Küster werden eingeweiht. Sie sind aus Knalls und Schillrips Seite. Fraulich ist nur, ob diesmal der Pfarrer mittun wird. Der Küster äußert Bedenken. Aber da kommt das Glück zu Hilfe: Hochwürden wollen einige Tage bis zum Neujahr verreisen.
Also stellt der Küster, wie ausgemacht, in der Nacht zwischen dem dreißigsten und einunddreißigsten Dezember die Kirchturmuhr um eine Stunde zurück —
Am andern Morgen tritt der Postbote, der zugleich Gemeindediener ist, seinen Gang etwas später als gewöhnlich an. „
„Kommst heut recht spät, Knall", sagt der erste Bauer und schielt nach der Kuckucksuhr an der Stubenwand.
„Spät?" ruft entrüstet Knall. „Rück deine Zwiebel z'recht, 's ist nicht zehn, 's ist erst neun Uhr in der Früh."
„Die Uhr geht genau", streitet der Bauer.
„Bist du blind, daß du die Turmuhr nimmer erkennst?"
Der Bauer tritt ans Fenster und blinzelt in die verschneite Landschaft hinaus.
„Meiner Seel", spricht er, „an der Kirchenuhr ist es erst neun." Zur Bekräftigung tut jetzt die Turmuhr neun gewaltige Schläge, „hol dich der Kuckuck mit deiner Kuckucksuhr!" höhnt der Postbote.
Der Bauer geht mit starkem Schritt nach der Wand und dreht den Zeiger um eine Stunde zurück. —
So geschieht es im Laufe des Tages in ganz Schabernack, dafür sorgen auch der Schulmeister und der Küster, und ein gut Teil der Dörfler hört schon am Kirchturmschlag, daß in seiner Uhr der Teufel sitzt, und dreht sie von selbst zurück. Darüber redet man nicht, und so errät niemand den schnurrigen Plan.
Die Silvesternacht bricht an. Die Turmuhr schlägt Stunde um Stunde falsch, und der Nachtwächter Schillripp tutet zum Ueberfluß in sein Horn und singt mit rostiger Stimme: „härt ihr Leut und laßt euch sagen, die Glocke, die hat elf geschlaaen. Bewahrt das Feuer und das Licht, vergeht den alten Schillripp nicht? So tutet und singt er schon seit einer stattlichen
Verantwortlich: vr. Fr. W. Lange. — Druck und Verla
Reihe von Jahren, vollkommen unnötig, aber die Schabernacker lasse nicht gern von einer Gewohnheit, und wenn sie noch so unsinnig ist.
heute lacht sich Schillripp eins ins Fäustchen, denn während die Uh elfmal schlägt und er elfmal tutet, ist es in Wirklichkeit schon Mitte: nacht, und das neue Jahr bricht an. Das wissen außer ihm nur Knal der Postbote, Mullm, der Lehrer, und Spitzbauch, der Küster. Er mein ihr Lachen von allen Seiten zu hören.
Die Schabernacker vergessen den Endreim ihres Nachtwächters nichi Sie reichen ihm aus den Häusern Grog und Punsch, Stollen und Pfeffer kuchen, füllen seine Taschen mit Geld und Tabak und denken mit kein« Sttbe mehr an den Sauerkrautspaß und die ans Hemd genähte Hose.
Schillripp stapft durch den Schnee, in der linken Hand die Laterne, in der rechten den mittelalterlichen Spieß. Er sieht aus, wie ein Geist aus der Ritterzeit. Katzen schreien vor den mondbeschienenen Giebeln un| sträuben vor ihm das Fell.
Minute um Minute verrinnt. Die Schabernacker sehen erwartungsvol auf ihre Wanduhren: sie zeigen nahe auf zwölf. Die Fenster werde,! geöffnet, daß man den Schlag der Kirchturmuhr nicht überhöre, denn fu sind sehr gewissenhaft und halten auf Ordnung und Pünktlichkeit.
Mittlerweile hebt droben im- Turm der Küster das Schlagwerk ach und dreht den Zeiger auf eins.
Und nun schlägt es dröhnend durch die Nacht. Ein einziger Schlag Nichts weiter.
Die Schabernacker haben die dampfenden Groggläser gefaßt, sie wolleq gerade mit vollen Lungen „Prosit Neujahr" schreien, da bleibt ihnen das Wort in den Kehlen stecken. Ein Schlag nur, ein einziger Schlag!? Was ist mit der Turmuhr los? Sie eilen an die Fenster, spähen nach dem Kirchturm hinauf. Er liegt im Mondenlicht. Klar hebt sich das Zifferblatt, vom Monde versilbert, aus grauem Gemäuer ab. Deutlich steht der klein« Zeiger auf der Eins, der große mitten auf der Zwölf. Ein Uhr also, da ist kein Zweifel. Aber an ihren Stubenuhren ist es grab Mitternacht.
Sie rufen den Nachtwächter an. Der leuchtet sie mit der Laterne an, lacht, daß ihm die Kleider am Leibe schlottern. „Prost Bier und Sauerkraut!" ruft er laut. „Wißt ihr Dummköpfe denn nicht mehr, daß ihr bie Uhren um eine Stunde zurückgestellt habt? Nun ist das neue Jahr längsi- schon in Schabernack, und ihr Hosenannäher und Mehlhornfüller habt seinen Anfang verpaßt."
Er lacht und stampft vor Vergnügen den Schnee, und wenn auch da» Licht seines Verstandes nicht mehr so klar schimmert wie das in feiner' Laterne, sondern vom vielen Grog- und Punschgenipp bedenklich flattert, — so viel sieht er doch, daß die verdutzten Schabernacker heimlich zur Türe gehn, — und er ahnt die Gefahr und rennt in den nächsten Torweg hin<!> ein. Es ist das Haus des Färbers. Im Hofe stehen allerhand Fässer herum. Schillripp stolpert über ein solches Faß, schlägt mit der Wucht, feines Körpers auf ein anderes, drückt es zusammen, und fällt mit berat Kopf in eine klebrige, zähe Flüssigkeit. Durch den Fall wird der Färber aufmerksam und kommt in den Hof. Prustend und schüttelnd wischt Schillripp wieder zum Tore hinaus und sauft bie Straße hinab. Hinter ihm her rennen die Schabernacker.
,Lur Kirche", denkt Schillripps umnebelter Kopf, „zu Florian Spitz- bauch, dem Küster."
Der hat den Lärm gehört und späht aus der Kirchturmluke heraus. _ „Laß Zwölfe schlagen, Florian, oder sie dreschen uns tot!" schreit Schillripp, saust um die Ecke, findet das Seitenpförtletn zur Kirche offen, durchquert das Schiff, sucht ein Versteck und sinkt taut schnaufend hinter einen schützenden Vorhang zu Boden. Und dann tut er, was wohl für einen Nachtwächter das allerschicklichste ist: er schläft wie ein Murmeltier.
Die lustigen Schabernacker haben natürlich nicht im entferntesten daran gedacht, einen Menschen zu töten, oder auch nur ernsthaft zu prügeln — aber dem Küster stieg der Punsch gleichfalls zu Kopfe, und da er zu jenen gehörte, die Alkohol mutlos macht, und nicht zu den anderen, die im Rausch Berge versetzen, — jo Überfiel ihn bei Schillripps Verzweiflungsruf eine heillose Angst. Er dreht mit schnellem Schwung bie Zeiger der Uhr: es schlägt nacheinander zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Uhr.
Die Schabernacker stehn auf dem Kirchplatz und gaffen zum Zifferblatt hinauf. Es dämmert in ihren Schädeln — sie laufen davon, um Schlag Mitternacht wieder zu Hause zu fein und bas Neujahr zu feiern.
Doch wieder warten sie umsonst: der Küster überhastet sich, das Schlagwerk klemmt, bie Uhr bleibt auf Glock zehn stehn und rührt sich nicht mehr. —
Am Neujahrsmorgen steht der Pfarrer auf der Kanzel und predigt seiner Gemeinde. Und als er gerade den Segen erteilt hat und feierliche Stille herrscht, gähnt und klirrt es Hinterm Altar, und eine Gestalt, laternen- und spießbewehrt schwankt in das Kirchenfchifs. Das Gesicht ist grasgrün lackiert. Wie das eines Laubfrosches.
Erst ist bie Gemeinde verdutzt, bann aber erhebt sich ein heiteres Lachen, hell wie die Silberstimme der kleinen Orgel, nur stärker und brausender. Der Pfarrer verharrt noch mit heiligem Ernst, doch als er die geschnitzten Engel der Kanzel und die gemalten an Wänden und Fenstern sieht, ist ihm, als lachten auch sie. Da hält es ihn nicht, er nimmt einen Zipfel feiner Soutane an den Mund und kichert verstohlen hinein. Er ist ein Gottesmann, doch auch ein Mensch, dessen Herz, neben der ernsten, auch eine lustige Kammer hat. Und er denkt: der liebe Gott wird seinen Kindern darum nicht böse fein, weil wir in seinem Hause uns einmal aus volkkr Seele freun. Nicht nur den fröhlichen Geber, auch den fröhlichen Lacher hat unser Herrgott lieb. —
Das war Silvester in Schabernack. Man hat es weder dem ins Lackfah gefallenen Nachtwächter Schillripp, noch feinen Kumpanen nach- getragen Kommt Zeit, kommt auch die Gelegenheit, denken die Schabernacker. Und des Nachtwächters Schrei ist zur stehenden Redensart geworben, wenn einer den anderen spaßhaft bedrohen will:
„Laß Zwölfe schlagen, Florian, ober ich dresche dich tot."
g: Brühlsche Unioerfitätsbruderei, R. Lange, Gießen


