Ausgabe 
29.12.1939
 
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Tierkreis Kalenderblatt.

Von Walter Kruppa.

Steinbock und Wassermann tragen das Jahr in den Zeitengrund.

Viele schwarze Vögel klagen.

Die kalten Winde jagen aus offenem Himmelsmund.

Winternot geht durch die Lande und pocht an das dunkele Haus, Nun schür die Glut zum Brande. Es nagt der Frost am Gewände und säuft alle Brunnen aus.

Wassermann blickt auf die Fische, die gläsern schwimmen im Wind. Dein sattes Bild verwische.

Gib fort das Brot vom Tische, den wärmenden Rock vom Spind.

Du kannst nicht einsam gehen im dunklen Jahreskreis.

Allein wirst du verwehen, eh Stier und Widder stehen überm jungen Blütenreis.

Landmann aber lebt mit und in der

der

Oes Menschen Tun im Zahreslauf.

Bon Ernst v. Niebel schütz.

Das finkende Jahr fordert den Menschen zu Betrachtungen aus, die ihn über die kurze Spanne seines Lebens hinausführen, ihn in den erhabenen Rhythmus des Weltganzen eingliedern. Daß die am Him­melszelt« nach ewigen Gesetzen vorrückende Sonnenscheibe mit ihrer zu allen Jahreszeiten verschieden starken Strahlungskraft über jeder mensch­lichen Tätigkeit als Ordnerin waltet, davon hat der naturentwöhnte Stadtbewohner von heute kaum noch eine lebendige Vorstellung. Der ' 1 Natur und verfolgt altsinerksam

-en Lauf des Himmelsgestirns, weil er weih, daß Nichtbefolgung feiner Gesetze der eigenen Tätigkeit Unsegen bringen würde.

In früheren Zeiten wird diese Verbundenheit des menschlichen Da­seins mit der Natur viel inniger gewesen sein, da bei der geringeren Zuverlässigkeit des auf dem Sonnenjahr ausgebauten Kalenders die jedem sichtbare Sonne der einzig untrügliche Wegweiser durch das Arbeitsjahr war. Das aber hatte eine wichtige Folge. Indem der Meysch ständig die Sonne befragen mußte und sie als Spenderin des Segins verehrte, stand er mitsamt seiner Arbeit in kosmischen Zu­sammenhängen, durste er sich als Glied eines allumfassenden Arbeits­prozesses fühlen, den nicht er bestimmte, in dessen unabänderlichen Wal­ten aber erst das Werk seiner Hände zu einerKultur" im echten Sinne wurde Schreitet doch die Sonne vor unseren Augen alljährlich jenen großen Weltenring ab, der seit uralter Zeit alsTierkreis" bezeichnet wirb das Himmelsband der zwölf Sternbilder, das die Sonne auf ihrer Bahn durchlaufen muß, um nach Ablauf eines Jahres wieder die Stelle zu erreichen, von der sie ausgegangen ist. Aus diesem Wege aber verwandelt sie fortwährend die Heilkraft, die sie der Erde spendet und die das Gedeihen der Frucht bewirkt.

Das wußten unsere Vorfahren nicht nur, wie auch wir es wissen, sondern fie erlebten es. Sie erlebten es mit jener Hingabekraft und jenem Demutgefühl, kurz mit der Frömmigkeit, die noch Goethe hatte, wenn er von derRuhe in Gott dem Herrn" sprach. Zeugnis solcher Empfindungen sind die sogenanntenM o n a t s b i l d e r , die, immer in Verbindung mit den Tierkreiszeichen, an vielen mittelalterlichen Domen auftreten und besonders in der romanischen und gotischen Bau­plastik eine große Rolle spielen. Es sind die monumentalen Kalender, die unter dem Symbol der zwölf Sternbilder den Jahreslauf des Tages- oeftirns am Firmament begleiten und uns In der Gestalt des ru|tigen Landmannes von der Abhängigkeit aller menschlichen Tätigkeit von der ewigen Macht so eindrucksvoll zu berichten wissen. Denn wenn ste auch den irdischen Menschen darstellen, wie er im Schweiße seines Angesichts Vorkehrungen zu seiner leiblichen Ernährung trifft, o finit es doch nicht eigentlich weltliche Bilder, sondern Mittel zur Versinnbildlichung einer übergeordneten Heilsordnung. Sie lehren, daß aus menschlicher Arbeit nur dann Segen und Freude erwachsen kann, wenn ste durch den Bezug auf das Unfaßbare geadelt und so in höherem Sinne zweckooll wird

3n jenen frühen Jahrhunderten, als. das Leben noch einchch war und die Erde ohne verderbliche Hilfsmittel ihre Gaben den Menschen reichte, erblickte man in den Vorgängen der Keimung, Sprossung und Reifung etwas Heiliges und Göttliches etwas der eigenen eee ge -

heimnisooll Verwandtes. Man sagte sich, so wie nach langer Gr e - nacht im Erdenschoß die zarte Pflanze ,m Frühling der Scholle harte Kruste durchbricht und unter dem wärmenden Strahl der Sonne hre oberen Gliedmaßen hoch und höher reckt, erst die Blute, dann^diki Frucht entfaltet, so ist auch der Mensch, der Erdoerwurzelte und Sonnenbedurf- lige ein Kind zweier Welten, eines Unten und eines Oben. Silber Jein Dienst an der Erde kann nicht gedeihen, wenn er mcht immer wieder sich aus geistigen Höhen die Kräfte herabfleht, die allein seiner Hande Arbeit fruchtbar machen und aus Menschenwerk Gottesdienst werden lassen Er­lösung der Erde durch den Menschen: das ist sein Dank, der Dank des Sohnes an die Slutter. Wandlung der Erde durch Elnswerden mit dem Geiste: das ist der letzte Sinn einer jedenKultur . Noch Luther ha las Brot als ein himmlisches Geschenk zu grüßen gewußt. «Ei, du liebes Brot, durch wieviel Fährlichkeiten bstt du mir gekommen, Fah l'chkeiten des Wassers und des Feuers Fährlichkeiten derMenschen und bet Tiere, Fährlichkeiten auf dem Feld und in der Muh.e, und

liegst du vor mir und grüßest mich als ein Bote meines Gottes." Ob heule noch viele Brotesser so sprechen können?

Steinerne Kalender nannten wir die Monotszyklen an den Ein­gängen der mittelalterlichen Kirchen. Es sind Reliefs, entweder an den Bogenläufen der Portale, also in Halbkreissorm angebracht, oder auch an deren Psosten übereinander gereiht. Den Tierkreiszeichen sind die ein­zelnen Arbeitsbilder beigegeben, wobei die einzelnen Monatsbeschäf­tigungen einem gewissen Schema unterliegen, bei aller Anlehung an die Ueberlieserung aber doch die Freiheit haben, sich den klimatischen und Bodenverhältnissen der betreffenden Gegend anzupassen. Die Folge ist also in Frankreich anders als in Deutschland, dort wieder anders als in Italien. Landesbrauch und örtliche Gegebenheiten bestimmen die Bil­derwahl, so daß beispielsweise im Mai keineswegs überall das gleiche Monatsbild erscheint. Auch der Platz wechselt je nach den Erforder­nissen. So weichen die Reliefs, am Straßburger Münster insofern von der Regel ab,- als sie hier an den Sockeln der großen Statue an einem der westlichen Eingangsportale austreten, und zwar in Gestalt von gotischen Vierpässen, die meist nur eine, höchstens zwei Figuren ent­halten.

Da sehen wir etwa im Januar einen Mann mit einem Januskopf, der sein Mahl verzehrt, der Februar wärmt sich am Kamin die Füße, der März beschneidet den Rebstock. Der April ist als ein Jüngling mit Blumen in den Händen dargestellt, während im Mai ein Ritter über Land reitet. Im Juni wird die Wiese, im Juli das Getreide gemäht. Der August drischt das Korn, der September kellert die Trauben, dem Oktober, der die junge Säat ausstreut, folgt der November als ein Mann, der damit beschäftigt ist, Holz von einem Baume zu brechen, während der Dezember das Schwein schlachtet und damit an den Januar anschließt, der es verzehrt.

Fast ebenso häufig wie in der Bauplastik der großen Dome findet man die Monatsbilder in der gotischen Buchmalerei und gelegentlich, im Freiburger Münster etwa, in den Zyklen der Glasfenster. Sinn und Be­deutung dieser anmutigen Darstellungen aber sind immer die gleichen: Lobpreis der Schöpfung und des göttlichen Urwesens der Well, das in der Sonne ewig wirkt und schafft, sich in aller Erscheinung herrlich offenbart, feiner Geschöpfe sich freut und will, daß einem jedem fein täg­liches Brot werde.

Wo bist du, Sonne, blieben?

Von Hans Sturm.

Wo bist du, Sonne, blieben?" fang Paul Gerhardt im Dreißigjährigen Kriege.Wann wirst du wieder hoch im Mittag stehen?" lautete Dantes Frage, die er alsAllmutter über der Mutter (Rom) des Abendlandes" gepriesen hat. Es ist dieselbe Sonne, ob sie sich durch winterliche Nebel des Nordens ringt ober heiter über südlichen Breiten liegt, die Sonne der Edda, die Sonne Homers.

Die Stunde des Sonnenaufgangs ist hier wie dort, damals wie heute ein Fest, doch wer weiß um einen Sonnenaufgang! Petrarca sah einen solchen über der Ewigen Stabt. Auf stillen Pfaden schritt er durch die Nacht zum Monte Pincio; einige Sterne geleiteten ihn und ein winziger Mond. Er dachte nur eines: Auswärts! Da klang's plötzlich wie ein heller, froher Harfenton, wie der Beckenschlag eines Götterreigens, dann war es wie ferner Zimbelklang und darauf wie bas Ausschlagen von weinlaub­umrankten Schilden, sie tauchte aus dem Gewölk auf, die Sonne, nein, sie war da, mit einemmal, und warf über alles ihren mächtigen Glanz wie blitzenden Segen, die ewig heitere Sonne Homers.

Wundersam wandelt sich das Tagesgestirn in seinem Ausgang, nach ihm richten, mit ihm wandeln sich seine winzigen Geschöpfe. Schwer hebt sich die Sonne der Edda am kalten Nachthimmel hoch, um jeden Baum, jeden Fels, jeden Wolkensaum ringt fie; je mehr sich die Nachtalben chr entgegenftemmen, um so gewaltiger ist ihr endlicher Sieg über di« bro­delnde Tiefe, von ihrer Höhe streut s e zwiefachen Glanz über die Welk. Aus Nacht und Dämmerung stieg sie empor, Nebel fielen von ihr ab, und nun strahlt sie hoch über der giftigen Brut aus Niflheim.

Wie der Tag mit dem ersten Sonnenstrahl beginnt, so begann für unsere Borfahren bas Jahr um die Mitte der Wintersonnwendnacht, denn von da ab begann der Anstieg deshelfenden Lichts", von dem ste sagten:Die Sonne scheint keinen Hunger ins Land!" Die Weisen unter ihnen wußten schöneLichtsprüche", die sich von Mund zu Mund forterbten:

Du Volk aus der Tiefe,

Du Volk aus der Nacht, Vergiß nicht des Lichtes, Bleib" auf der Wacht!

Die WorteTiefe" undNacht" sind hier gleichbedeutend mitNorden". Die vielen Bräuche zur Wintersonnwende sind alle ein hohes Bekenntnis unserer Altvorderen zu den waltenden Kräften der Natur; um ihr zu danken, veranstaltete man in vorchristlicher Zeit dieWinteropfer", von denen sich manches Ueberbleibfel bis in unsere Tage hinein erhallen konnte, natürlich nur mehr als Sinnbild.

Das früher feierlich begangene Anbrennen des Mittwinterseuers soll den neuen Anstieg der Sonne versinnbildlichen und ihre wachstums- fördernde Kraft beuten. Jeber aus ber Gemeinbe mußte ein Holzscheit mit- bringen; aus den Scheitern würbe einFlammenberg" errichtet, auf dessen Spitze eine Strohpuppe stand, gefüllt mit allen das Wohl der Menschen störenden dämonischen Mächten. Dann setzten vier junge Burschen den Holzstoß an den vierWindecken" in Brand. Sobald die Flammen auf­loderten, entzündete jeder, der eigen Haus und Hof besaß, eine Stroh­fackel (Pechschwanz) an demFlammenberg", und nun begann der Fackel­lauf über die Felder, um die Ställe, um das Wohnhaus und schließlich um die Famille und das Gesinde; alles sollte so gefeit werden gegen Krankheit, Mißwuchs, Not und Tod. Am Ende wurde das sorgsam aus­gelöschte Herdfeuer mit der Strohfackel wieder entfacht; war einem die Fackel vorher erloschen, so durfte er fie nur an der Fackel eines Nachbarn ober Verwandten wieder entzünd-n.