aber ganz weiß ohne Randverzierung, das ist sauberer, und wenn die Frau Baronin die Wäsche bezahlen ... und ..
„Gut, Fräulein Siska", sagte Roosje hart.
„Ich bin Frau unb nicht Fräulein", unterbrach beleidigt die arme Sklavin. , . , „ .. v
„Wenn man Frau zu einer Dienerin sagt, wie soll man mich Sann nennen", warf Roosje ein.
„Frau Baronin. Eine merkwürdige Baronin übrigens, das mutz Ihnen einmal gesagt werden."
„Hinaus!" rief Roosje und faßte sie beim Arm.
„Ja, ich werde hinausgehen", antwortete Siska und gab ihr einen heftigen Stotz, so daß sie löslich. „Ja, ich werde lieber heute als morgen fortgehen und besser gleich als später, aber ich will Ihnen vorher noch meine Meinung sagen. Ich weiß nicht, welche Ehrgeizwespe Sie gestochen hat, aber Sie werden lächerlich und unerträglich
„Siska!" versuchte Margarete zu umerbrechen.
„Lassen Sie mich sprechen", sagte Siska, die jetzt richtig böse wurde. „Liebes Fräulein, lassen Sie mich sprechen. Lange werde ich es nicht mehr tun. Mein Herz ist seit sechs Wochen zu schwer. Die Baesin behandelt mich wie einen bösen Hund; ich werde immer nur beschimpft, und niemals dankt man mir. Als sie auf Sie und Ihr Glück eifersüchtig war, Frau Margarete, habe ich ihr ihren Zorn verziehen, aber jetzt liegt es anders. Irgend etwas ist in sie eingedrungen, das ich nicht kenne, etwas Häßliches und Unnatürliches. Ich träume jede Nacht von einer Katze, die jo groß ist wie ein Mann und die um dos Haus schleicht. Ich sage mir, wenn sich das nicht ändert, gibt es ein Unglück. Glauben Sie mir, Grietje, ich liebe Sie, ich möchte immer bei Ihnen fein, um Sie zu schützen, aber ich kann hier nicht mehr bleiben. Nein, nein, halten Sie mich nicht zurück, ich muh fortgehen. Frau Roosje", wandte sie sich dann an Roosje, „Gott möge Sie nicht bestrafen, das ist alles, was ich erbitte. Aber lassen Sie mich fortgehen, Fräulein Grietje, lassen Sie mich fortgehen. Ich sage Ihnen ja, daß ich nicht mehr hierbleiben will. Der Teufel ist hier; in der Nacht pfeift er im Kamin, und ich höre ihn hohnlachen, wenn es windig ist. Ich sage Ihnen, ich fürchte mich in meinem Zimmer. Wenn ich nicht die Tür doppelt verschlösse und nicht ein großes Messer an meinem Bett hätte, könnte ich nicht schlafen. Ich sage Ihnen, ich will sortgehen. Das Unheil schleicht um das Haus. Wer wird meinen? Wer wird leiden? Wer wird sterben? Ich kann es nicht sagen, aber ich tjabe Furcht und will fortgehen." Siska verlieh das Zimmer, und Margarete folgte ihr.
Sie gingen beide in dos Zimmer der ergebenen Sklavin. Dort zog Siska das Wappenkleid aus, wobei sie es in Stücke rih. Mit einem Freudenschauer legte sie wieder ihr altes schwarzes Kleid an, fetzte ihre weiße Mütze auf und zog die großen Schuhe an. Dann raffte sie alles, was sie an Kleidungsstücken besaß, zusammen und legte es in eine große, längliche, grün angestrichene Holzkiste.
„Bleib' bei uns", bat Margarete, „bleibe bei uns, ich habe' dich gern, das weißt du ..."
„Oh, ich auch, Fräulein, Frau wollte ich sagen, ich auch."
„Gut also, bann bleib’. Ich kenne unb liebe dich. Bleib' bei mir, wenn du nicht bei Mama bleiben willst, die wirklich häßlich zu dir ist, das muß ich zugeben; aber sie ijt alt unb muß gepflegt werden."
„Nein, Fräulein, nein, ich habe hier Furcht."
,^Hast du deinetwegen Furcht, Siska?"
„Nein, Grietje, nein. Ihretwegen", setzte sie ganz leise hinzu, „Ihretwegen habe ich Furcht."
„Nun also, dann muht du gerade bei mir bleiben, um mich zu verteidigen. Ich werde Mama eine andere Dienerin geben. Du wirst mich antieiben und mich frisieren."
„Ich bin so ungeschickt."
„Du wirst lernen, geschickt zu jein", und dabei umarmte unb küßte Margarete sie. „Du wirst mich vor der großen Katze schützen. Wenn du Lärm hörst, wirst du dein Messer nehmen, und niemand wird wagen, sich zu rühren."
„Ach, Fräulein, Frau", sagte Siska, „ist es wirklich wahr, daß ich immer, immer bei Ihnen jein werde? Wie gut werden Sie gepflegt werden. Ader wird Jeanette nicht eifersüchtig fein?"
„Sie ist auf Mama böfe", antwortete Margarete.
„Wen werden Sie zur Bedienung Frau Roosjes nehmen?" „Bis ich jemanden finde, der ihr zusagt, werde ich es tun." „Ha, das ist gut", jagte Siska, die jchon unruhig war, wenn sie daran dachte, Roosje könne auf sich allein angewiesen jein. Inzwischen sah die alte Frau allein in ihrer Wohnung, den zweifelhaften Freuden der Eitelkeit hingegeben, glättete sorgfältig die Falten ihres hellbraunen Taftkleides unb jah mit Stolz auf ihren großen, golbenen Wappenring.
In biefer Nacht träumte sie, sie führe in einem vierspännigen Wagen mit einem Vorreiter an einem Hellen Sonntage bei einer großen militärischen Parabe über ben Schloßplatz in Brüssel. Die Trommler schlugen, bie Regimentsmusik spielte bie Braban?onne, die Glocken läuteten unb Salutschüsse donnerten. Der König nahm feinen Hut vor ihr ab, unb die Soldaten präsentierten.
Paul, der inzwischen ein Bettler geworden war, schmutzig und zerlumpt aussah unb einen langen Bart trug, stützte sich auf einen großen Stock unb streckte ihr, ba er in der ersten Reihe der Menge stand, feine fettige Mütze hin. Sie warf ihm einen Centime hinein unb fuhr dann mit ihren vier Pferden im Galopp davon.
..Jetzt endlich werde ich ihn vernichten", dachte sie bei sich.
3.
Roosjes Hochmut wurde bald unerträglich. Siska weinte den ganzen Tag; die Köchin verlangte, wenn sie bleiben sollte, eine Lohnerhöhung; wenn sie nur bie Nasenspitze der Frau Baronin sah, flüchtete sie. Das . -"ltmädchen. bas TOorgnrete liebte, beklagte sich niemals, konnte aber
bei ihrem heiteren und entschlossenen Charakter nicht an sich halten, in Abwesenheit der jungen Herrin ber Neugeadelten ins Gesicht zu lachen.
Das machte Roosje gar nichts aus. Sie betete sich selbst an, genoß ich selbst wie ein schmackhaftes Gericht. Immer wieder durchlas fie das heraldische Kauderwelsch ihres Adelsbriefes und dacht« daran, sich eine Baronskrone aus fünf Perlen machen zu lassen, um sie abends zu Haus« bei verschlossenen Türen, wenn sie ganz allein sei, zu tragen und sich so im Spiegel bewundern zu können. Die Nachbarn und Bauern erzählten, man sähe fie im herrschaftlichen Wagen, begleitet von schönen Herren und Damen; baß fie sich ausblase, viel rede und mit Kopf und Händen ihre Worte noch besonders betone, während große Hunde neben ober vor bem Wagen herliefen. So war es auch, und das war für bie ehemalige Gastwirtin von solchem Reiz, baß ihr nichts mehr auf ber Welt galt als ihr Adel, vornehme Leute, Wappen, große Hunde und Spazierfahrten im Wagen. Sie bekam vor ihrem Körper eine grenzenlose Ächtung; bestand er nicht aus einem Teig, der noch aus der Zeit vor der Sintflut her- ftammte? Sie widmete ihrer Perfon eine peinliche, beständige, übertriebene Pflege. Ihre Hände wurden schon nach vierzehn Tagest^ schon. Sie schmückte und puderte sich, rieb sich mit allen Arten von Salben, Pulvern und Mixturen ein, so daß sie in einer scheußlichen Weise verjüngt erschien.
Das Dienstmädchen behauptete, Roosje wolle sich wieder verheiraten. Dem war nicht so.
Ms dahin hatte Roosje Paul schon verachtet, jetzt verachtet sie ihn noch mehr und in noch hochmütigerer Art. Manchmal sagte sie: „Ihm werde ich es heimzahlen, diesem Bettler, diesem Bürgerlichen!" Sie hörte nicht auf, ihre Tochter zu lieben, die ihre einzig« und wirkliche Liebe war. Margarete war adelig wie sie und aus ihrem Blute.
Einmal trat sie in das Zimmer des „bürgerlichen" Paul ein, als er sich gerade anzog; fie wollte sehen, ob feine Füße den ihrigen glichen.
4.
Eines Tages sagte Paul zu Margarete: „Ich habe wirklich eine Engelsgeduld! Aber jetzt bin ich am End«. Die Finger fribbeln mir. Ich fühl«, daß ich beim geringsten Wort...
„Ich habe gern, daß du geduldig bist", erwiderte Margarete. „Aber ba dir bie Finger kribbeln und du jemanden schlagen mußt..."
Paul gab ihr ein paar Klapse, sie blieb ihm nichts schuldig, unb so war er bald beruhigt, worauf Margaret« ihm als Zeichen zarter Unterwürfigkeit die Hanb küßte und sagte: „Bist du jetzt zufrieden,^mein sanfter Herr, Mama auf meinem Rücken geschlagen zu haben?" Solche Vorgänge häuften sich. Durch Bitten, Zärtlichkeit unb Liebe hatte Margarete Paul oft daran gehindert, gegen ihre Mutter so ausfällig zu werden, daß Roosje gezwungen worben wäre, die Villa zu verlassen und wieder in bie Leere und Einsamkeit zurückzukehren.
Am andern Tage sagt« Paul zu Margarete: „Ich brauche Luft, ich ersticke hier und du auch, du bist nicht glücklich. Wir wollen drei Wochen Urlaub nehmen unb Schwiegermama ber Gesellschaft ihres Adels Überlasten."
„Wenn du Luft brauchst und hier erstickst, so wollen wir bahin gehen, wohin du willst", antwortete Margarete. „Wohin wollen wir gehen?"
„Nach Ostende, ans Meer."
„Ans Meer", rief Margarete fröhlich und klatschte in die Hände wie ein Kind.
„Ja, ans Meer, Salzluft ahnen ... Und um nicht mehr von Morgen bis Abend beleidigt zu werden."
Als Margarete Roosje von dem Reiseplan Mitteilung machte, bezeugte diese, um sich besonders gewählt auszudrücken, „ihr lebhaftes Bebauern, ihre Frau Tochter und ihren Herrn Schwiegersohn nicht ins Bad begleiten zu können, aber fie habe Einladungen zu Diners vom Grafen S..., dem Herzoge von Z ... und Herrn Baron von A ..., Herr Ritter von D..., sehr reich und trotz seines niebern Adels zur Gesellschaft gehörend, habe ben Wunsch ausgesprochen, Roosje möge ihm bie Ehre erweisen, einige Tage auf seinem Landsitz zuzubringen Trotz des von ihr empfundenen Bedauerns, mit ihrer Tochter nicht die Zerstreuungen und Vergnügungen der Seebäder teilen zu können, sehe sie sich doch gezwungen, fie allein fahren zu lassen mit ihrem Gatten, dessen angenehme Gesellschaft ihr sicherlich genügen würde. Sie sprach ihre aufrichtigen Wünsch« aus, die beiden möchten in guter Gesundheit wieder ins Schloß zurückkehren. Sie bat nur ihre Frau Tochter, während ihrer Abwesenheit die Schlüssel des Hauses ihr überlassen zu wollen und der Dienstmagd di« nötigen Befehle zu geben, daß sie dem Range einer Dame von Familie und aus großem Hause entsprechend bedient werde.
Mit Ruh« nahm Paul diesen Kugelregen konventioneller Phrasen entgegen. Er antwortete: „Die Frau Baronin kann ber genauesten Ausführung ihrer Befehle versichert (ein. Ich werb« die Ehre haben, meine Frau Gemahlin zu bitten, bie Schlüssel ihrer Frau Baronin-Mutter zu übergeben, der den Ausdruck meiner ganz besonderen Hochachtung zu übermitteln ich die Ehre habe." Hierauf verneigte sich Paul bis zum Boden unb wollte hinausgehen. Margarete wollte vor der Abreise Roosje noch einmal um ben Hals fallen, aber Roosj«, die frisch gemalt war, schob sie zurück und reichte ihr bie Hand zum Küste. Margarete begriff sofort, küßte die Hand und verzichtete auf weiteres. Paul verließ, rückwärts schreitend und sich fortwährend verneigend, bas Zimmer.
Roosje wagte nicht ärgerlich zu werden, aus Furcht, man könne bemerken, daß sie begriffen habe, ber ihrem Haß teuerste Feind mache sich über sie luftig.
Margarete ging hinaus, Paul folgte ihr. Im Vorraum angekommen, I schloß er Margarete in seine Arme und küßte fie schlicht bürgerlich. Am andern Morgen gegen fünf Uhr fuhren sie ab und trafen bei Anbruch ber Nacht m Ostende ein.
(Fortsetzung folgt.)


