Ausgabe 
29.9.1939
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1959

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Nummer 67

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Die Vergangenheit ist mir ganz gleichgültig! Diese Hecken auch! Und die Geschichten, an die Sie denken, sind wahrscheinlich so frivol, daß ich erröten würde, wenn ich sie hörte! Ich liebe Ann, und alles andere ist mir gleich! Und Ann will ich holen! Und wenn ich mit ihr in England ankomme, dann wird sie wohl selbst so weit sein, anzunehmen, daß sie und ich unzertrennlich sind! Deshalb müssen Sie mir helfen! Ann schlagt nach Ihnen! Und Sie wissen, daß es gar nicht so viel Manner geben würde, die Anns Zauber aushalten, wenn er sich von seiner dauer­haften Seite zeigt!"

Es war die längste Rede, die er in der Sache Ann gehalten hatte, sic war umfangreicher als seine Werbung bei Sir Anthony.

Sie sind berechnend wie Ihre Mutter, mein höflicher Junge", sagte Vivian.Sie denken, hab' ich Ann erst in England, dann kompromittiere ich sie mit meiner Gegenwart?"

, Kompromittiere?"

«VKUClU/l uug ine ^arjacye, oasi cte Manner nicht zum Dienst in r Linie bestimmt waren, das ihre dazu bei, alles leichter zu nehmen, tis es notwendig war.

Gilbert fühlte, daß die Hingabe an die große Sache dadurch den Reiz i»es Unzweckmäßigen bekam.

Wie Pilze nach dem Regen schossen einfache, auf Klapptischen ein­gerichtete Verkaufsstände hoch. An süßen Sachen und an goldbraunem Liibat litt Paris noch keinen Mangel, man konnte um runde in Mehl- ucker getauchte Kuchen würfeln, während heisere Kommandorufe in den pielerischen Lärm schallten, den dieses Treiben heraufbeschwor.

Leiermänner und Lautensänger traten in Wettbewerb, sie gerieten in Streit, weil sie einander ihre Standplätze neideten. Ihr Gebrüll be­kämpfte sich, daß kein Mensch mehr ein Wort verstand und Kinder mit Geschrei um die Kampfhähne herumtanzten.

Ein Zeitungsverkäufer vermehrte seine Einnahmen durch den Ver­lauf eines Heftchens:.Anleitung, in vierundzwanzig Stunden ein voll- dmmener Soldat zu werden!" Die Schrift fand bei den Nationalgarden leißcnden Absatz.

Für Gilberts nördliches und von Frankreich durch den Kanal ge- leenntes Empfinde^ war es unbegreiflich, daß dieser dem ernsten Waffen- 'ondwerk dienende Platz zur Niederlassung eines Volksfestes wurde.

Ihm wirbelte noch der Kopf, als er sich am Nachmittag von Herrn »lancbois zu Vivian Moreland und damit zu Ann fahren ließ.

Er war mit Hoffnung beladen und auf eine Enttäuschung gefaßt.

Teufel, dachte er, mir ist zumute wie einer Granate, die unterwegs ist wd nicht weiß, ob sie ein Blindgänger sein oder zünden wird.

Fürwahr ein zeitgemäßer Vergleich. Denn irgendwo fern scholl 1 ansnendonner.

Das Haus, welches Vivian Moreland bewohnte, lag in einem Part übe der Rue de Valois.............. ........

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Gegenteil, sie blieb stehen und umarmte Gilbert.

. An diesem zärtlichen und verwandtschaftlichen Empfang erkannte Gilbert, daß Vivian inzwischen besser als ihr Ruf geworden sein mußte. 113 u>ar aber nur ihre gute Laune.

. Denn in jenem Augenblick, in dem sie wie viele Menschen ihrer Art Erkenntnis gewann, daß ihr die Welt nichts Neues mehr bieten ^.nnte, kam der Krieg. Das Leben wurde wieder spannend für Vivian Moreland.

. Da sie Engländerin war, blieb ihr Anteil an der Zeitgeschichte in den ^tzen der Zurückhaltung hängen, sie konnte den Lauf der Dinge von -mer höheren Warte betrachten, die in solchen Fällen nur den Gottern ben neutralen Zeitungsberichterstattern Vorbehalten ist.

Vivian hatte Landkarten gekauft und ihnen ein ganzes 3imtner ein- raumt. Sie hingen an den Wände» und lagen auf den Tischen, sie ^rey wie ein Bilderbuch des Krieges, dessen Zeichnungen von Vwmns Phantasie bunt ausgemalt wurden.

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Landschaften mit Städten, Dörfern, Flüssen, Felder^ wuchsen in Livians Betrachtung zur Wirklichkeit: Regimenter, Divisionen, Armee­korps marschierten und bezeichneten die strategischen Linien, die Vivian Moreland dem Genie Moltkes nachempsand.

oaAesA Pariser Bekannten den Tag von Sedan, pietä^y stossen hatten und zog sich daher die Feind- he Voraussage lachten und ihr später nicht cht gehabt hatte.

n! Hier! Sehen Sie!" Sie zeigte ihm die uesken Nachrichten eingesteckt hatte.

\llf< Öen weniger aus den Zeitungen, die nach ' Bevölkerung zu beruhigen, sie hatte viel- enen sie zwar auch mißtraute, deren Nach- fer war, wenn sie den letzten und vorletzten

^yiV^ ,htete. Die meisten Nachrichten erhielt sie

iutt ich Sie holen", sagte Gilbert, von der

Umgebung verwirrt.

Mich?" fragte Vivian.

Auch Ann", erwiderte Jllington mit einem Versuch, diplomatisch zu [ein;Sir Anthony schickt mich."

Ich will Ihnen sagen, was Ihnen mein Bruder ausgetragen hat: wenn Vivian mitkommen will, bring sie mit. Wenn nicht, lasse sie wo der Pfeffer wächst."

Sie hatte Sir Anthonys Rede ziemlich genau getroffen.

Sie macht einen ja doch verlegen, dachte Gilbert. Er versuchte das Gespräch in eine Richtung zu lenken, die seinem Herzen teuer, ihm aber auch voller Aengfte war:Hat Ann öfter von mir gesprochen?"

Man soll bei Noisy-le-grand eine preußische Patrouille gefangen haben", sagte Vivian und suchte mit einem ihrer Stecknadelfähnchen den Ort.

Das ist wahr", bestätigte Gilbert und erzählte, wie er dem blauen Husaren begegnet war, und daß dieser in Gefahr gewesen sei.

Sie steckte das Fähnchen ein und sagte leichthin:Und was Ann betrifft, so sage ich Ihnen int Vertrauen, sie hält nicht viel von Ihnen! Aber da sie bisher überhaupt noch keine Ahnung von Männern hat, brauchen Sie dem keine Bedeutung beizulegen." Sie seufzte wie eine Sibylle, die im Hinterhof Dienstmädchen empfängt und keine große Kunst anweuden muß, um die Schicksale unter Kartenschlag wohltätig zu raten:Es sind schon die merkwürdigsten Verbindungen zustande ge­kommen!"

Gilbert fühlte, daß diese Bemerkung keine Ermunterung darstellte. Er konnte es aber nicht verhindern, daß sich die Not seines Herzens auf feine Zunge legte:Und hier in Paris hat sie ich meine sagen Sie es mir! Hat sie irgendwelche Bekanntschaften?"

Tante Vivian grinste.Wenn Männer verliebt sind, geben sie sich