tn der Ecke? Cs währt nicht lange, so kommt der Nachbar auch herbei, und die sich jetzt gegenüberstehen, diese beiden sind nicht mehr der Christoph und der Jakob, sondern zwei kleine Könige an der Grenze ihres Reiches, zwei neidische und ränkesüchtige Despoten,
Was fehlt bloß deinem Salat? fängt der Christoph arglistig an. Ich meine, weil er nicht gedeihen will? Hast du Mäuse oder setzt du ihn zu tief? Beim Kopfsalat, erklärt Christoph, mutz man nämlich darauf achthaben, dah nicht Grünes in die Erde kommt, sonst bräunt er sich und bleibt zurück.
Aber für Jakob ist das zum Lachen, so ein Gespreize, hat man dergleichen schon gehört! Wo es doch eben darauf ankommt, die ersten Blättchen gut einzuhäufeln, damit die Pflanze stämmig wird und die Zeit hat, in die Breite zu wachsen! Nimm es nicht übel, sagt Jakob, aber jetzt wird mir klar, weil bei dir alles ins Kraut schietzt und keine Köpfe macht.
So! Also keine Köpfe?
Christoph ist bis in die Knochen beleidigt. Und wer liefert denn für den Pfarrhof und den Lehrer? Salat, wie? Und feinstes Gemüse, und das bis in den Herbst hinein, wenn in deiner Schottergrube noch nicht einmal die Erbsen aufgegangen sind!
Erbsen? Hast du Erbsen gesagt?
Das kommt Jakob gerade recht, da kann er gleich einmal auf Christophs Hühner zu reden kommen. Ob der sich nämlich einbildet, daß Jakob noch lange zusehen werde, wenn er sein räudiges Viehzeug Tag für Tag zum Stehlen herüberschicke? Diebshühner, verdammte, fräßen einem die Saat aus dem Boden, und dann habe Christoph noch die Frechheit, hier zu stehen und von den Erbsen zu schwatzen!
Tut er auch, jawohl. Ist ja lächerlich, drei unschuldig« Hühnerchen! Was die wohl fräßen, und außerdem ließen sie ohnehin mehr guten Mist zurück, als sie an schlechten Erbsen mitnähmen. Und das möge sich Jakob auch gesagt sein lassen: Wenn schon vom Halsumdrehen die Rede sei, so käme nur eine einzige Kreatur ^in Betracht, nämlich ein gewisser Nero. Der grübe nicht bloß Erbsen heraus, sondern ganze Kohlköpfe mit Stumpf und Stiel, und was er dafür hinpflanze, davon wolle Christoph gar nicht reden. Aber es ist'schon wahr, sagt er, wie der Herr, so der Hund, was die Unflätigkeit betrifft.
Darauf hat Jakob nichts mehr zu erwidern. Schluß mit dem Geschwätz. Mit Worten kann er sich nicht Luft machen, und deutlicher will er bei diesem Gerippe nicht werden. Er spuckt nur verächtlich über den Zaun, und Christoph täte desgleichen, wenn er noch Zähne dazu hätte.
Sind sie nun Totfeinde fürs ganze Leben? Ach nein, obwohl sie zornrot auseinander laufen und Pech und Schwefel vom Himmel wünschen, natürlich für nebenan. Ein wenig später reut sie der Handel schon. Christoph lockt mit lauter Stimme seine Hühner, und Jakob pfeift dem Hund. Weder Huhn noch Hund ist in der Nähe, aber sie wollen einander nichts an friedlicher Lebensart schuldig bleiben.
Das würzt ja nur die Arbeit, ein wenig Großtuerei und Geplänkel, schon von altersher gehören Spieß und Spaten zusammen. Im Grunde ist es bloß die Freude am Besitz, die auf solche Art laut wird. Anhänglichkeit für diesen kleinen Fleck Boden, der einem so unverrückbar und sicher unter den Beinen liegt, und der niemals vergehen kann wie alle anderen Güter der Welt. Was immer geschehen mag, ein Mensch kann nicht ganz elend werden und zugrunde gehen, so lange ihm Noch ein Stück einener Erde gehört. Wird ihm aber das genommen ober triebe ihn die Torheit davon, und hätte er auch Glück in der Fremde, er wäre doch zeitlebens nur Gatt am eigenen Tisch. Mächtig und doch angesehen vielleicht, aber wahrhaft glücklich nie, so ganz ruhig und sorglos im Herz»«
Leben im Ackerboden.
Bon vr. R a o u l F r a n c
Nachdem unsere ganze Bildung eine papierene Form angenommen hat, hoben ganz sicher mehr Menschen in Frankreich Gedichte und Romane zum Preise des Ackers kennengelernt, als die Ackererde selbst einmal aufmerksam angesehen. Nur einmal tut man das im praktischen Leben, nämlich wenn man einen Acker ober ein Stück ©artenlanb tauft. Dann nimmt man wohl eine Hanbvoll des künftigen Besitzes auf, läßt die Krümel burch die Finger rinnen, ob der Boden locker fei, humusreich, feucht, ob er fett ober sandig oder lehmig, kurz, ob er fruchtbar fei. Von einem Leben in dieser Erd« weih nternanb etwas: darauf achtet man nicht, und tollte Zufällig dem Kauflustigen aus feiner Handvoll Erde eine rote Milbe ober ein Spinnchen den Arm hinauflaufen, so hält er das höchstens für fatal und für ein Zeichen von Verwahrlosung.
Aber je mehr solche Kleintiere in der Ackerkrume hausen, desto vertrauensvoller kann man das Feld kaufen. Ja, man müßte, und man tut e« neuettens auch, einen Bodenkundigen befragen, der mit Erdbohrer und Mikroskop sich ein paar Tage geduldig hinsetzt und Probe um Probe durchmustert, bis er sagen kann: Im Kubikzentimeter dieses Bodens sind an hunderttausend Kleinlebewesen außer den Bodenbakterien, deren Zahl ich aber erst binnen zwei Wochen genau feststellen könnte. Es überwiegen aber die nützlichen, und so kann ich heute schon sagen, welchen Wert der Boden hat.
Natürlich interessiert man sich nun für diese Bodenlebewesen. Um aber mit ihnen bekannt zu machen, muß ich ein sehr buntes, merkwürdiges ganz gebeimnisvolles Bild machen. Ich muß da zunächst einladen, einmal des Nachts wiederzukommen und mit Blendlaterne und Fernalas bewaffnet, unseren Garten nach einem abendlichen Frühlingsregen, etwa um Mitternacht zu besuchen. Um diese Stunde ist ein guter Teil der vertrauten Tierwelt bereits schlafen gegangen, aber jene, auf die es uns an kommt, sind eben erst aufgeftanben. Feldmäuse schlüpfen und manch' «m tm Feld nistender Vogel piepst ersckywcken auf, wenn ihn der Sttohl der Blendlaterne trifft. Aber wir lassen ihn ruhig entkommen. Aus den
V e r a n t w o r t l i ch . vr. Fr. W. L ange. — Druck und Verla
Schollen selbst, die vom Nachttau fettig glänzen, kriecht bedächtig Oit( fähiges Kleingetier. Tagsüber waren sie verborgen in den zahllch Spalten und Ritzen, die ein guter Ackerboden Haden soll, und zu ber«! ' Vermehrung eben geackert, geeggt, gehackt und geharkt wird. In d, feuchten Nacht sind sie obenauf und genießen das Leben auf ihre M«
Tausendfüßler sind es, winzige Steinkriecher, flohartige Tysanuren uJ allerliebste Käser, von deren Dasein man nie etwas erfahren hätte, miirij man sie nicht soeben bei nächtlicher Versammlung überraschen. Neben ibnm wimmelt eine unangenehme Gesellschaft. Kleine blutrote und getateJ winzige, schneeweiße Würmer bohren sich durch die obersten Gänge. M sind die Borsten- und Fadenwürmer des Ackers. In ihrem Reich ist ein« König, den jeder kennt, aber niemand beachtet, nämlich der Regenwimii Um diese Stunde ist er gar nicht so träge und stupid wie oben im läge»! licht. Da sind zwei eng verschlungen. Sollte gerade Mitternacht im Rege»! wurmleben die große Liebesstunde sein? Andere arbeiten still, aber einfig Sie schleppen abgefaUene Blätter und ziehen sie tief hinunter. Ied« I Landwirt würde entzückt zusehen. Gerade das ist es, was er sich wünsch! Jemand sollte auf das feinste den Boden durchpflügen und die fjuniuf.lj bildenden, faulenden Pflanzenteile sorgfältig durcheinander mengen. W nimmermüde Nachtschicht der Regenwürmer besorgt das auf das treM lichste. Sie verdienen von der dankbaren Menschheit ein Denkmal bafür,!
Dabei ist nicht einmal das Schaufeln und Forttragen die HaM leiftung dieser nächtlichen Kerftierlarven und Wurmwelt. Sie nähren sch! von Pilzfäden und Pilzsporen: sie verzehren kleinere Mitbewohner ist« dunklen Welt, die meisten aber sind Erdverzehrer und die Bobenwiirm«, -i alle, vom mehr als dezimeterlangen roten Tauwurm bis zum winzige kaum sichtbaren Fadenwürmchen sind darin Meister. Man ist auf beit Gedanken gekommen, im Innern der Regenwürmer und ihrer Gefühilei, nachzusehen, von was sie sich eigentlich nähren, und hat sich dabei »! den obigen Tatsachen überzeugt. Sie sieben gleichsam die Erde durch il)r«t;| Leib, und sie bleibt dann seiner, gekrümelter, fruchtbarer zurück. M einem Hektar guten Garten- ober Ackerlandes leben gut eine $ie*| Million bis 500 000 Regenwürmer, und viele Millionen der Kleinen, oW sie, man kann es mit gutem Recht sagen, gäbe es weder Gemüse mm Brot oder Obst.
Warum verzehren sie so unersättlich Erde? Auch das haben die otw erwähnten neuen Untersuchungen klargestellt..Jn dieser Erde leben oid(; Kleinlebewesen, Pilzfäden, Kleinalgen, Wurzelfüßler, Infusorien. Und imju ] wird dieses Mahl noch von den verschiedenen faulenden Pflanzenstoistn gewürzt. In den wenigen Wochen, in denen der Bodenfrost des Winieti!! alles Leben auch unter der Erdoberfläche zum Stillstand zwingt, fte-Uen! sie diese Arbeit ein. Aber elf Monate lang sind diese Würmer nicht nut die Zerstörer, sondern auch die Mehrer der Bobenlebewelt; denn in bwn, was sie hinterlassen, leben die ganz Kleinen auf bas trefflichste, ja, nur in btefen, vom Darmschleim angefeuchteten, in lauter winzigste KörnäM 1 zerlösien, meist bunteibraun ober tiefschwarz geworbenen, durchoerdmM Erbmassen fühlen sie sich wirklich wohl. Sie selbst wieberholen vi«W bas Werk ber Bobenwürmer unb zersetzen verrottete Pflanzen, verwesende Tierreste, zerlösen zusammengebackene Erbklümpchen.
So geht bas Tag unb Nacht weiter, unermüblich in bie Jahrhundert! die eine Schicht schläft, bie anbere tritt an, bie Generationen roedjjtlni sich ab wie eine nie reißenbe Kette.
Diese tieferen Zusammenhänge finb freilich ben Menschen ber Pr»ii«,j noch verborgen; sie wissen nichts vom Kleinleben im Ackerdoben, fenweit/j ihre kleinsten und fleißigsten Arbeiter nicht von Angesicht zu Angesicht Die Namen Bodenwürmer, Rädertiere, Wurzelfüßler, Springschwänji, Barttierchen, Milben, Tausendfüßler sind ihnen leerer Schall; wer N'ch Wirkliches von Bodenpilzen, Bodenbakterien, Blaualgen, ®rüna(flÄ Kieselalgen? Aber diese Zwölfheit von Schutzgeistern des Brotes betreut das Menschengeschlecht feit dem ersten Tag. an dem ein Urahn bet genialen Einfall hatte, nicht mühsam da und dort auf langer Wander« die Samen von Gräsern einzusammeln und zu verzehren, sondern diiesi Samen in die Erde zu stecken und bie baraus sprießenbe ®etreibepfl<W zu hegen.
Eine heilige Zwölfheit betreut uns. Würben wir noch mytholoM benten, dann hätte man diese barocken Gestaltungen schon längst hfl' bolifiert. Vielleicht hätte man sie auch vergöttlicht, so wie man aus bd bie Ernte reifenben Sonne einen Gott gemacht hat unb aus ber gäbe«' fpenbenben Fruchtbarkeit des Bodens eine schöne Götterfrau.
Aber die zwölf unterirdifchen Arbeitsheere sind im Dunkel der Klein Helt unbekannt geblieben. Nie hat man sie bedichtet, nie hat man '1i verklärt. Erft in ber Zeit bes nüchternen Realismus wurden sie enttwA unb nur mit gelehrter Sachlichkeit spricht man von ihnen. Das Wundae bare ihres Seins, bas Geheimnisvolle ihrer Arbeit, bie Bebeutung ihn' Aufgabe, bie ihnen bas weltfchaifenbe Göttergebot zuteilte, alles bas noch unempfunben geblieben. Das große Mysterium bes Bobenlebeui wartet noch auf seinen Dichter.
Herbstlied.
Von Friebrich Hebbel.
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen saht Die Luft ist still, als atmete man kaum, Unb denoch fallen raschelnb, fern unb nah. Die schönsten Früchte ab von jebem Baum
O stört sie nicht, bie Feier ber Natur!
Dies ist die Lese, bie sie selber hält.
Denn heute löst sich von ben Zweigen nur. Was vor dem milben Strahl der Sonne fällt.
g: Brühlsche Unioersitätsdruckerei, R. Lange, Gieße»


