Gesang der Bauern.
Von Herbert Böhme.
Sind wir nicht alle Bauern des Lebens, graben die Saat in den irdenen Schoß, und schritten dennoch alle vergebens, einte uns nicht ein gemeinsames Los: Gäben die Väter uns nicht ihre Spuren, fuhren die Wagen der Ahnen nicht aus, würde die Ernte nur Spreu sein, und Suren tönten wohl um ein geborstenes Haus.
Sind wir nicht alle Säer und Saaten, Säer auf unserem erdenen Feld, Saat eines Blutes aber und Taten, eines Glaubens in dieser Welt.
Wie wir über die Aecker schreiten, Gott mißt die Spuren hinter uns ab, wird uns selber zur Ernte bereiten oder dem schlechten Sämann das Grab.
Sind wir nicht alle nur Zeit in Gezeitei tragen erntend uns selber zur Mahd, doch es ruft uns aus Ewigkeiten: . Bauer, bist du Spreu oder Saat.
Bauer, mähst du den Anger des Lebens, mähst im Geheimen du dich und ihn. Und du standest dem Tod nicht vergebens, wird noch dein Acker den Enkeln erblühn.
Oie ewige Stimme der Erde.
Von Hermann Stehr.
<15 Gestalt ob wurde fugend in kr Sonne
Werte wie tollten, um to Wellen
Das Licht war von der Wimper des Ewigen geglitten, und nach der tugen, langen Finsternis wandelte die Erde in der Schönheit der Sonne iikch den Raum. Die frohe Erde genoß ihr junges Glück, und der Um- hg ihrer Seligkeit wuchs und baute sich als leuchtender blauer Kreis t die Unendlichkeit des Weltalls. Als Gott der Herr das sah, sagte er ■t sich: „Siehe, nun hat auch die Erde ihren Himmel!" — Die sreund- tdjen Gedanken des Ewigen sanken zur Erde nieder, und die willige icholle schuf daraus die zarten Leiber der kleinen Pflanzen, die ihre Hütter um sich ausbreiteten und dann ihr buntes Gesicht zum Himmel xndeten, Gott entgegen, ohne zu ermüden, solange über die Sonne nicht l< Nacht des Schlafes kam. Wenn aber das Dämmern immer dichter lis Licht verhüllte, so legten sie ihre Köpfchen aus die Blätter und i-arteten geduldig, bis das Auge der Sonne wieder aufging. Darauf i: gönnen sie von neuem ihren stummen Dienst. Sie erhoben ihre Blätter, !e süß und weich waren wie die Händchen winziger Kinder, und wenn i? ihr Gesicht wendeten, so erbebte ihr Leib in großer Freude.
Aber nichts hatte eine Stimme auf der ganzen, weiten Gotteserde. Sie der glühende Traum einer stillen Seele rann Tag und Nacht von n Bergen. Die Wasser reihten lautlos Welle an Welle. Regungslos hing lis schimmernde Tuch der Luft über der Erde, und selbst das Gewölk ls Himmels wandelte geräuschlos seine Farben und schlupfte stumm in Gestalt. Das dauerte Tag um Tag und Nacht um Nacht nicht anders. Der Atem der Erde geriet ins Stocken und lag ihrem geheimen Munde. Die Hitze der Luft stieg, das Auge rötete sich an feiner eigenen Glut. Das Gewölk am fymmel im Fieber, und wenn die Pflanzen ihre Blätter in die Waffer sie zu kühlen, wurden sie schwarz und verwelkten; denn auch ______ waren warm geworden und gingen ihren Weg mit glasig- ixen Armen. ,
„Die Erde leidet an ihrer Inbrunst", sagte nachdenklich die ewige loriidjt zu sich. „Ich will ihr eine Stimme geben, daß sie sich nenne £ne soll entzweit (ein in sich. Ihre Seele gehe einher zwischen dem Rus $ 5 Mundes und ihrem Wesen immerdar!" „ . .
Also sprach der Herrgott, der sah, daß fein Frieden auf Erden eine Iranüjeit geworden war, erhob sich von feinem Sitze, sank auf die Kraft liner Flügel und eilte durch das Weltall. Der Donner seiner Schwing ' füllte den Raum, und die Säulen des Seins bebten. Die Welten Werten bei seinem Vorüberslug wie Küchlein unter dem Gefieder des Ablers
. Als die Fittiche des Ewigen über die Erde hinftrichen, rüttelte er sie, M eine Deckfeder sich daraus löste. Sie >ank hernieder "vd bohrte sich unten mit ihrer Spitze in den Boden, der den Abhang eines Berges deckte. Wurzeln liefen alsbald von ihr, und das Land^trantte fie mit hnen Säften, die darin auf und nieder fliegen und ihre 8orm roanbelten '°ch den Gesetzen der Erde. Ihr schimmernder Schaft wurde ew Stamm tort wie Stein und rissig anzusehen gleich den Felsen. ÄhreFahne: ober '-rwandelte sich in ein grünes Gefieder. Das hob und s°utte sich an ' »send Besten und Zweigen. Ehe sich dreimal der Morgen erneu hatte
das Rauschen heimisch geworden auf der Erde d e Ü-chm n ihre ^ele ergoß, die sonst stumm in den Tiefen gelegen fjatte
J ten Kummer, ihr Lachen und ihre schwere Weisheit, und allemal wenn tos Rauschen feine grünen Schwingen rührte, klang es, al f ch 'Eiche des Unnennbaren vorüber. h ih j.
Nun war der erste Baum erschaffen, und die Luft fta 9
J ujrtjte erstaunt, was seine grünen Zungen redeten. S , . „„
JlJen Zeit schon wie heute, sehr schwatzhaft und Normte ch galten. Nachdem fie eine Weile schweigend zugehort hatte, bei bM 4 mit soviel Rauschen, als sie zu tragen imstande war und ei te davon m ihren leiblichen Schwestern, den Wolken, zu melLen was ch Neues ' °>Snet hatte. Die standen fernab am Himmel in lautwier Dtage.
... Die Luft stieg immer höher. Als das Rauschen die«Wett n des^ Welt ,Us lullte, dehnte es sich zu einem großen Brausen und war kaum mey
zu bändigen. Die Wolken konnten ein Bangen nicht bemelstern, ihr Herz pochte so gewaltig, daß sie am ganzen Leibe zitterten. Endlich wurden sie ganz grau vor Schrecken und slohen am Himmel dahin. Die Lust schrie ihnen aus Leibeskräften zu, sich doch nicht zu fürchten. Die Wolken aber wollten nicht hören, sondern eilten ohne Umsehen weiter fort. Der Schweiß troff nur so von ihnen und fiel in großen Tropfen zur Erde. Zuletzt konnten sie nicht mehr, lagen erschlagen und fielen daraus erschöpft ganz hinter die Berge.
Die Luft hatte unterdes das Rauschen auch verloren. Sie ließ sich mißmutig in die Ebene nieder. Nach einigem Brüten aber raffte sie sich auf und war heiterer als sonst, denn sie hatte eine gar leichte Seele. Während sie hin und her ging, probierte sie, ob das Rauschen nachzumachen sei. Allein, so sehr sie sich auch zusammennahm, sie brachte nichts heraus,, als einen langen, verschwommenen Ton. Der flog nur weniges über die blauen Blumen des Ginsters. Außer den kleinen Blüten des Ginsters vernahm ihn nur noch die Sonne mit ihren allgegenwärtigen Strahlen. Sie wurde von dem eintönigen Summen der Erde fo müde, daß fie vergaß, die Dämmerung von ihren Augen zu verscheuchen und vorzeitig einschlief.
Der Gesang der Luft ging auch gemach in ein traumhaftes Lallen über. Die kleinen Pflanzen falteten ihre Blättchen, die weich und süß waren wie winzige Händchen kleiner Kinder, neigten das bunte Köpfchen zur Seite und schlummerten auch ein.
Da war es wieder Nacht, und der blaue Himmel wachte allein, hoch und still. Die Erde aber redete ununterbrochen mit dem grünen Rauschen, das ihr Gott geschenkt hatte. Sie redete schon allenthalben mit ihm, denn es waren kleine Flügelein von dem ersten Baum ausgegangen, die in sich lebendiges Rauschen trugen. Die flogen überall herum, und fanden sie einen Ort, wo gut zu wohnen schien, funken fie nieder und wuchsen und rauschten, wie es fein mußte. Bald hatten alle Erhebungen der Erde ihr Rauschen: die hohen Berge ein mächtiges, tiefes, das wie Brausen klang; die Hügel ein mildes, singendes, und es war, als trügen fie die Flügel der Wildtaube, die über dem Neste kreist.
Die Luft lag jedoch noch immer über die Ebene hin und schlief, und niemand war da, der das viele Rauschen nahm und forttrug. Da floß es auf die Erde nieder und gab seinen Geist auf. Es wurde ein schwarzer schwerer Schatten, der über den Berg hinunterrieselte. Er kam bis an das Wasser und fiel hinein. Als er aber die lebendigen Wellen berührte, bekam er seinen verlorenen Geist wieder, verwandelte sich und wurde, was es gewesen: ein fröhliches Rauschen.
Die Wellen freuten sich, auch eine Stimme zu haben, und ließen ihrs Seele hineinsließen. Die Wasser haben ein tieferes, vielfältigeres Innere als die Erde, und ihr Rauschen war bald ein Schluchzen, bald ein Singen, und manchmal redete es mit den dunklen, unbegreiflichen Lauten eines uranfänglichen Tiefsinnes.
So trugen die Wasser das Rauschen aus dem Gebirge, immer weiter in bas Land hinein und noch viel, viel weiter. Sie glänzten und zitterten vor Glück, so oft sie die tiefen Augen des Himmels auf sich ruhen fühlten. Aus den Bächen wurden Flüsse, aus den Flüssen Ströme. Es kam zuletzt soviel Rauschen zusammen, daß es die wandernden Wasser kaum zu ertragen vermochten. Sie blieben stehen und bildeten das unabsehbare Meer. Das Rauschen der ganzen Erde lag darüber hin. Darunter atmete die Brust des endlosen Wassers in ruhigen tiefen Stoßen nach dem Takt der Gestirne, die in den Hohen vorüberzogen.
So ist es geblieben bis auf den heutigen Tag der unraftvollen Menschenzeit. Noch immer wiegt das Rauschen sein Gefieder über den Meeren. Wer es hort, den ergreift es in tiefster Brust; denn die Seele kennt gar wohl die Fittiche ihres ewigen Herrn...
Das Stuck Erde.
Von Karl Heinrich Waggerl.
Gott liebt den Gärtner. Den Bauern ja auch und den Handwerker und was ihm sonst noch um die Füße stolpert, aber den Gärtner besonders« Er war ja selber einer am Anfang, als er noch sagen konnte, es sei gut Unb barum schaut er es mit freundlichen Augen an, wenn irgendwo ein Mensch einen Igaun aufschlägt unb bie Erbe umgräbt und zu pflanzen anfängt. Blumen unb allerhanb Kraut und vielleicht sogar einen Apfelbaum in der Mitte. Ach, fein eigener Garten wurde ihm bald verleidet, aber die Gärtner der Adamskinder läßt er gesegnet sein.
Was für eine Freude, breitbeinig über den Beeten zu stehen unb den Finger in bie Erbe zu bohren! Nicht mit einem Werkzeug, nein, mit bem Finger muß es geschehen, nur bas gibt ein richtiges Loch für die Wurzeln nach Weite und Tiefe. Unb es ist so gute Erbe, dunkle, krümelige, fast kommt einem bie Lust an, selbst ein wenig davon zu kosten. Sie müßte nach etwas Nahrhaftem schmecken wie würziges Brot.
Anderswo hat man Kresse hingesät ober Petersilie, da ruht bas Geheimnis noch verborgen. Von Stunbe zu Stunde läuft man hin unb schaut sich Wasser in bie Augen, — regt sich noch immer nichts? Obwohl man doch Mist untergegraben und Jauche zugegossen hat, lauter gute Sachen?. Oh, wär' man selbst ein Rettichkorn, man schosse nur so aus dem Boden«
2lber endlich keimt es ja doch, wie geschieht das? Knallt es leise wie von einem Kuß, wenn der Samen seine Schalen sprengt, oder wartet er nur darauf daß man verdrießlich wird und einmal gar nicht mehr hingeht, und bann öffnet er sich lautlos in ber Heimlichkeit? Man traut feinen Augen nicht, vorhin war noch alles kahl, und nun liegt plötzlich ein zartgrüner Schimmer über dem Beet! m ri , ,
Von nun an geht ber Gärtner mit geblähter Brust umher, als wäre er nicht bloß ein armer Maulwurf mit erdigen Schaufelhänden, sondern als hätte er das alles selber gemacht, Grünes und Gelbes, unb es wüchse von feinen Gnaden. Er stellt sich auch an den Zaun und mustert bie Beets bes Nachbarn — ja, die halten den Vergleich natürlich bei weitem nicht aus Der Salat steht zwar hoher, aber was ist das schon Großartiges« Salat» Nicht viel besser als Untraut. Von feineren Sorten keine Spur, ober soll bas vielleicht Monatsrettich (ein, dieses kümmerliche Zeug dort


