ßabatut fegt es so aus, daß Adamaux das VerhaNen der Grffelke NöS Herzensgrund mißbilligt.
„Verteidige mich, Maurice!" hetzt die Griselle.
„Schweigen Sie!" ruft der gequälte Laba tut. Aber fein Rus klingt blechern wie der Ton einer verstopften Trompete.
„Sie stehen miteinander aus vertrautem Fuße?" fragte Baernburg den Maire und denkt sich das seine.
„Die Griselle war einmal, bevor sie bei Beauvisage in Stellung ging, acht Wochen in meinem Hause." Er ergänzt: „Meine Wirtschafterin pflegte in dieser Zeit ihre kranke Schwester in Amiens."
Germaine fühlt sich weniger befangen, sie gerät ins Plaudern: „Ach, die Männer, alle sind sie gleich, nicht nur, daß man das Haus sauber hält und ihnen die Frau im Hause ersetzt — möchten sie auch noch —"
„Genug!" sagte der Hauptmann. Aber sein Wort lacht. Germaine schiebt einen scheuen Blick zu dem Offizier hinüber, um an seinen Mienen zu erkennen, wie das Wetter steht. *
Aber die Strenge sitzt wieder fest in Baernburgs Mienen. Germaine fühlt, daß jetzt ein Blitz niederbrechen wird.
„Sie haben deutsche Soldaten aus dem Hause gewiesen!?"
Die Griselle stößt eine etfi'ge Gebärde in die Luft und will etwas sagen. Aber die Rede wird ihr schon im Anfang weggenommen, denn Baernburg vollendet: „Sie sind also eigentlich ortsfremd, und Ihr Herr ist geslohen, nun, wie wäre es, wenn auch Sie das Haus verlassen, in dem Sie deutsche Soldaten ungern sehen, wie wäre es, wenn Sie überhaupt aus Mereville verschwänden?"
„Es war die Gans, die Gans brachte mich auf", zetert die Griselle, aber der Hauptmann sagt bereits der Ordonnanz, die das Protokoll der Verhandlung führt, in die Feder: „Germaine Griselle aus Bignelles sur mer, Wirtschafterin, wird auf Befehl des unterzeichneten Ortskommandanten aus Mereville ausgewiesen wegen unflätigen Benehmens gegen die Besatzungstruppen und in der Richtung ihres Heimatortes abgeschoben. Alle militärischen Stellen werden ersucht, diesem Transport ihren Beistand zu gewähren, damit die Griselle schleunigst aus dem Üperativns- und Etappengebiet entfernt wird."
Baernburg blickt auf den in armseliger Versunkenheit verharrenden ßabatut, bevor er nachdenklich hinzufügt: „Die Griselle ist eines leichten Lebenswandels verdächtig. Begleitmannschaften sollen jedes Gespräch mit der Genannten vermeiden! Sie ist keinen Augenblick ohne Aussicht zu lassen!" „
Dann überlieft der Hauptmann den Bogen, den ihm die Ordonnanz reicht, nickt zufrieden, als hätte er seine eigene Beförderung in der Hand, und unterschreibt. Er hat ein wahrhaft weises Urteil gefällt.
„Oder", wendet er sich an den Maire, .wollen Sie auch hier mit Leib und Leben bürgen?"
ßabatut macht ein Jammergesicht. Die süße Vergangenheit hat Schimmel angesetzt, di,e Erinnerung schmeckt nicht mehr.
Roch ahnt die Griselle nicht, was ihr bevorsteht. Mit Vergnügen übersetzt Baernburg dem Maire die Urkunde und befiehlt ihm, die auf
sässige Magd zu unterrichten.
ßabatut gehorcht, er spricht bedrückt und leise, denn er erwartet Hohn, Spott und Frechheit.
Die Griselle aber scheint bereits zerschmettert, ihr freches Gesicht ist gelöst und mild. Sie sieht mit gesenkter Stirn von unten her auf die Runde wie am Anfang und bewegt den Körper, als stände sie im Regen und empfinde die Kälte der rieselnden Tropfen.
Baernburg läßt ihr noch sagen, daß sie geringes Gepäck mitführen dürfe und sich gegen fünf Uhr früh auf dem Place b’armes einzufinden habe.
Denn im Morgengrauen, lange vor dem Tag, muß die Feldpost von Beauvillers durch Mereville kommen. Mit diesem Fuhrwerk soll die Griselle weitergeschickt werden.
„Sie sorgen dafür, Unteroffizier Weidlich!"
Der Quartierältefte des Hauses Beauvisage erinnert gehorsamst daran, daß er Wachdienst in der Mairie hat.
„Um so besser! Eine Abschrift des Ausweisungsbefehls bekommt die Griselle mit. Achten Sie daraus, wenn sie die Postkutsche besteigt, und schärsem Sie dem begleitenden ßandwehrmann ein, sich mit der Person so wenig wie möglich abzugeben."
Weidlich reißt die Hände an die Hosennaht. Auf einmal bemitleidet er die Magd. Aber es ist zu spät, ein Herz zu haben. Die rauhe Stimme muh sich erfüllen.
Ungewißheit erzeugt Unruhe. Unruhe verwandelt die Welt. Sie stellt das Weltgebäude auf Gegensätze: Rosenrot und Tiefschwarz. Diese Mischung ist einer ruhigen Seelenstimmung verderblich. Niemand kann Unruhe geruhig im Lehnstuhl ertragen, man will fliehen: irgendwohin.
Theophil vermochte aber den Raum, den er einnahm, nicht zu verwandeln, das schräge Dach, die unverputzte Wand öffnete sich keinem Willen, keinem Zauberspruch. Er konnte nicht einmal in seinem Käsig umherlaufen, denn die Bodendecke war niedrig.
Anfänglich hatte er geglaubt, daß Germaine ihn mied, um seinen Aufenthalt nicht zu verraten. Aber wie lange sollte diese Verborgenheit anhalten? Gewiß hatte nur ein glücklicher Zufall den einen oder anderen Quartiergaft verhindert, sich einmal den Boden anzusehen.
Als aber Germaine immer langer fortblieb, wurde Theophils Gemüt wie ein Kessel, in dem Wasser kocht und dessen Dampf nicht entweichen kann
Unterdes war aber die Griselle in das Haus zurückgekehrt. Sie schlich auf Zehen, ja sie preßte die Lippen auseinander, als hätte sie Angst, daß ihr Zorn sie noch einmal in bittere Gefahr bringen könnte. Sie ging so leise, daß die Soldaten sie nicht hörten. Sie holte eine Laterne, stapfte lautlos auf den Boden und stolperte in Theophils Verschlag.
Langsam, als mache es ihr Mühe, alles zu begreifen, mit einer Schwere, die den sonst wenig gefühlvollen Poiporence peinigte, erzählte sie.
„GdjroefneretT* fagte er. „Du konntest -Ich gar nicht dümmer le. nehmen." Sie blickte ihn mit runden Augen an, wie eine Kuh, die ben J ■ Fleischhacker vorübergehen sieht und ihr Ende ahnt. „3a, ja", büfleite • Theophil und dachte daran, daß Vorwürfe nichts änderten.
„Gutes, dummes Herz", sagte er und tätschelte sie zärtlich.
Sie hatte Brot mitgebracht und griff nach dem Himmel dieses Dm j chlags und holle einen Stern herunter. Der Himmel waren aber bie \ Dachsparren und der Stern eine Wurst.
„Ich geh' nicht weg, ich geh' nicht weg!" brach es plötzlich aus ihr.! Sie warf sich verzweifelt an Theophils Hals.
„Wirft müssen, liebe Seele, die Deutschen lassen nicht mit sich spaßen', H bemerkte er sanft.
„ßabatut, dieser Feigling, hat mich im Stich gelassen!"
„Sei ihm nicht bös, gegen die Deutschen ist er ein ßäuschen", ml widerte Theophil und begann im Schein der ßaterne Wurst und $iot! zu schneiden. I
Seine Ruhe, sein gleichmäßiges Kauen, seine stumpfe und friedlich« s Glückseligkeit empörten Germaine.
Aber Poiporence schien zunächst von aller Unbehaglichkeit erlöst. Seim I Gedanken hatten sich noch nicht der Zukunst zugewandt. Er war ein: langsamer Denker.
„Friß nur, friß", sagte sie grob und verärgert, „lange wirst »u nicht mehr essen!"
„Bis an mein seliges Ende werde ich das, Geliebte", grinste er unb | fügte hinzu: „Ob freilich immer so fett — weiß ich nicht!"
senkst du nicht daran, was aus dir werden soll, wenn ich smt I muß?"
Poiporence streckte sich auf dem Strohsack aus. Er sah in die Dach I jparren, auf die Würste und Speckseiten. Er glitt wie im Traum an | ihnen vorbei, feine Gedanken liefen aus der Stadt hinaus ins Weile, I Graue.
„3ch werde deine Kleider anziehen und statt deiner verschwinden!" i phantasierte er.
Sie sah auf die blaue Haut seines Kinns. Es war so männlich unb I bärtig, daß er auch nach der Rasur kein Weib vorzutäuschen vermoch!« I
„Dieser ßabatut", begann Theophil von neuem, „irre ich mich nicht I hast du einmal etwas mit ihm gehabt — machte er dir kein heimliches I Zeichen? Vielleicht konnte er in Gegenwart des Offiziers nicht fo fpre= I chen, wie er wollte?"
„Ein heimliches Zeichen? Richt, daß ich wüßte!"
„Du bist eine Patriotin! Er muß dir helfen, verstehst du? Reim I ihn vor ganz Mereville einen Verräter, wenn er dich im Stich läß li' I
Wenn ich ihn nur nicht beschimpft hätte! dachte sie, aber Theophil I aufmunternde Worte kräftigten ihr Herz.
Und plötzlich küßte sie den Geliebten und schlich aus dem Hause. I
Die Straßen waren still. Die Sterne träumten am Himmel so h:ll I wie in einem Kindermärchen.
Sie wußte einen Nebeneingang in die Mairie. Die Tür war off m, I Germaine schickte ein stoßseufzerifches „Gott sei Dank" zum Himni:!. I Von der Straße her klapperte der Schritt des Wachtpostens.
Die Griselle kannte den Weg in ßabatuts. Schlafzimmer genau. Sie I zog die Schuhe aus, auf Strümpfen huschte sie hinauf. Einmal knarck I die Stiege. An dieser Stelle, erinnerte sie sich, hatte sie immer getnarrtl Sie zog die Klinke nieder, öffnete leise und unterdrückte einen Schrei. I
Ein Kerzenstümpfchen nährte zitternd eine Flamme. 3n «rtennbaie: Ordnung waren soldatische Kleidungsstücke im Zimmer verteilt. Auf M I Bett aber lag der Hauptmann, halb entkleidet. Es schien, als sei « mitten im Auskleiden, von unsagbarer Müdigkeit befallen, daran hindert gewesen, sich ordentlich zur Ruhe zu legen.
• Sie stand angewurzelt wie ein Baum. ||
Sie sah nach dem ichlafenden Mann hinüber, aber es hatte nw keinen Zweck, ihm zu Füßen zu sinken und ihn um Gnade zu bitter Denn die Menschen sind mit Recht ungehalten, wenn man sie aus beit Schlaf reißt.
Bösere Gedanken tarnen der Griselle nicht. Darum wandte st« ll® still ab und ging davon. Vielleicht wohnte Maurice ßabatut jetzt in Fremdenzimmer?
Die Griselle hatte ihre Schuhe unter den Arm geklemmt, aber Aufregung machte di« Ellenbogen zittern und sie verlor eines der tjarttf« Bekleidungsstücke. Das Poltern hob die große Stille des Hauses aus-,
Weg, nur weg vom Treppenhaus! Dort war das Fremdenzimnm Wie gut, daß sie hier einmal acht Wochen zu Hause, ach wie sehr P Hause gewesen war! « II
Als sie die Augen hob, um sich zurechtzufinden, sah sie ein« Gestnii angekleidet am Fenster sitzen. i
„Verzeihung!" sagte die Griselle. Die Straßenlaterne vor dem fW schickte genügend ßicht herein. Germaine Griselle erkannte di« Frau, «« der Hauptmann verhört hatte. I
„Ich suche ßabatut", sagte sie, „und ich möchte ihn sprechen. Ich b5 Germaine Griselle, seine srühere Wirtschafterin!"
„Sie sind also die Griselle", erwiderte Ann Moreland. „Er hat erzählt, daß Sie ausgewiesen find!"
„Ich geh' aber nicht raus! Ich geh' nicht weg von hier!" zischt« 0,1,11 maine.
Und bann geschah etwas Seltsames: der Griselle kamen die Tran«e Sie sank aus die Bettkante, drückte durch ihr Gewicht di« Kissen ein »'.» meinte wie eine Frau, die in tiefer Not ist.
Ann Moreland nahm ihre Hand und sagte: „Erzählen Sie!"
Wie wohl das tat, endlich einmal zu einer Frau sprechen zu könn«a die keine geschwätzige Nachbarin, keine mannsneidische Mitmagd w' Es war so schon, als wenn man dem lieben Gott selber etwas erzayu^
„Vielleicht kann ich Ihnen helfen", sagte die Engländerin. Sie v> besserte sich aber sogleich und meinte betont: „Ich will lagen, welle- j kann ich uns beiden Helsen!"
(Fortsetzung folgt.)


