Ausgabe 
29.9.1939
 
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Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1959

Hreitag, den. 29. September

Nummer 75

Herz, wo liegst du

im Quartier?

Ein heilerer Roman von Kurt Heynicke

Copyright by Deutsche Verlags-Anstglt Stuttgart

10. Fortsetzung.

Seltsam", zögert Baernburg,aber den Inhalt des Briefes kennen Sie doch?"

Ich pflege mir anvertraute Brief« nicht zu öffnen!" erwidert Zinn stolz.

Der Hauptmann. überhört die Anzüglichkeit und lächelt. In seinem Lächeln wird ihr stummer Zorn zu Staub.

Er reißt den Umschlag auf:Sie sagen. Sie haben keine Ahnung Mn feinem Inhalt?"

Nein. Ich bin nicht neugierig", versetzt sie, erbittert über das Berhör.

Aber ich", meint Baernburg und liest:

Mein teurer Armand! Falls die Deutschen, was der Himmel ver- üten möge, etwa Calais besetzen sollten und wir einander keine Nach- 'icht geben können, sende bitte alle Nachrichten über die Insel Guernsey, >iso über England. Heber diesen Postweg hat der Feind bestimmt keine Nacht. Herr Lubin wird über unseren Aufenthalt immer unterrichtet ein. Dies in Eile, bevor die Deutschen kommen! Charles."

Baernburg läßt den Brief auf den Tisch fallen.Was für Nachrichten lallen über Guernsey geschickt werden, Miß Moreland?"

Das weiß ich doch nicht!"

Nicht?"

Hätte ich es nötig, einen Brief mitzunehmen, wenn mir der Emp- iänger bekannt wäre? Dann könnte ich ihm ja alles mündlich sagen!"

Unverdächtige Worte, friedlich wie ein Familienbild! Aber können Sie Worte nicht, wenn der Empfänger den Schlüssel dazu hat, etwas Mz anderes bedeuten?"

Die Feder des Schreibers Adamaux knirscht über das Papier. Er schreibt irgendeine Liste, die der Ma,re ihm ausgegeben hat.

Baernburg entdeckt ein zweites Papier:Noten", sagt er.

Ein Lied! Ein Geschenk meines Gesanglehrers!"

Baernburg liest auch den Brief Spamantes. Dann sagt er:Es kann einer solchen Lage alles verdächtig sein, auch die Noten! Ja diese perlt! Weil sie am unverdächtigsten aussehen! Welcher Mittel bedient Ich Spionage nicht?"

Das Kratzen der Feder des Schreibers Adamaux gleicht dem Nagen enes Insekts, es ist der einzige Laut in einem kalten gefährlichen Schwei- !?n. Plötzlich sagt der Maire feierlich:Ich bürge für Miß Moreland. Kiß Moreland steht mir nahe."

Ann macht eine unsichere Bewegung nach ihm hin. Sie fühlt, er will (in Opfer bringen, sie muß es zurückweifen. .

Der Hauptmann verspürt Lust, sich in das durchschaute «piel zu bischen:Steht Ihnen Herr Labatut in der Tat so nahe? Wie nahe kenn?"

in

ich

Ann will weder den Maire verletzen, noch will sie Empfindungen Kucheln, die sie nicht hat. So schweigt sie. ,

Schade, daß sie ein Weib ist. Männer können, wenn ihnen unbehag- ist, losbrüllen und dazwischenschlagen, höhnen und spotten, ohne in kn Berdacht zu geraten, verworfen zu fein.

Aber da holt Labatut nach, was er versäumt hat:

... - Miß Moreland, ich habe gestern abend nicht sagen können, was ich i hle. Ich weiß, das Gewicht meiner Worte ist nicht geringer, wenn :ch w, vor so strengen und ernsten Zeugen Sie bitte, meine Frau zu Herben!"

Er verläßt seinen Platz nicht, aber er verneigt sich vor Ann. Dann W er zu Baernburg:Sie werden daraus erkennen, daß ich Miß «oreland für unverdächtig halte, und daß ich bereit bin, mem Schicksal 11 oos ihre zu binden, und daß ich mit meinem Leben bürge!

Der Hauptmann blickt aber auf Ann Moreland: und da Ann in ®riem Gefühl, das zwischen Lachen und Weinen verwirrend schwankt, nchts tun kann als schweigen, weiß auch er nicht, was er jagen joll. Schließlich meint er nicht ohne Humor?Wenn mich nicht alles tauscht, > mes ein Heiratsantrag?" k

Da steht Ann Moreland und weiß nicht ein und aus. Aus der kühle "Alischen Welt kommt kein Hauch herüber, um Labatus Liebesfeuer em

schlafen zu lassen. Aus ihrer Umgebung.in die Fremde gefallen, ist Ann nur ein Weib, allein, auf Reifen, was nicht für schicklich und sogar für gefährlich gilt. Ratlosigkeit und Verwirrung stürzen auf sie ein.

Gestern streifte das schlafende Herz em Zauberhauch wie ein erster Falter im Frühling eine Blume, aber der Falter ist verschwunden, ein Schmetterlingflug macht keinen Frühling und ein Augenblitz und ein Zucken des Herzens keine Liebe.

Welch ein Gedanke, Königin von Mereville zu werden! Sie möchte gern ein Lachen herbeirufen, aber es erstickt in dem Gedanken, daß ein braver Mann aus Neigung und Sorge wirbt, um einen Schatten aus ihrem Leben zu scheuchen.

Allein der Schatten wird nicht ewig drücken. Labatut meint es gut, aber wie kann sie, ohne ihn zu verletzen, nein sagen?

Hnd wohin nach diesem Nein? Daß sie nicht mehr hierbleiben kann, erscheint gewiß.

Da kommt ihr der Offizier, der ihr langes Schweigen mit gutem Grund und einem sicheren Gefühl versteht, zu Hilfe. Er sagt:Nun, dieser Antrag ist eine Angelegenheit zwischen Ihnen und Herrn Laba­tut, ich lohne es ab, ihn als einen Beweis für Schuld ober Nicht- schuld zu nehmen. Auch ist von diesen Dingen hier keine Rede, es ist mei.neA Amtes, einen Verdacht zu hegen, aber keineswegs darf ich anklagen. Darum will ich an das Oberkommando berichten, das mag entscheiden, was weiter geschehen soll."

Labatut wischt sich über die Stirn, das seidene Tuch (er hatte es aus Paris imtgebracht) ist nah von Schweiß, oh, feine Seele ist bewegt.

Sie haben daher", sagt Baernburg- zu Ann Moreland,Stuben- arre|t in der Mairie. Ich nehme die Bürgschaft des Herrn Maire für Ihr Bleiben an!"

Sv geschieht, was sie nicht wünscht: Sie muß in Mereville bleiben.

Labatut ist mutig gewesen, dieses Zeugnis kann er sich ausstellen. Nein, er hat keineswegs die Lage ausgenutzt, in die Ann gekommen ist. er hat versucht, sie zu erleichtern.

Ein wenig Egoismus ist dabei, gewiß. Er wird trotzdem nicht auf eine Antwort drängen. Er hofft insgeheim, daß das Gefühl der Hilf­losigkeit Ann unteriodjen wird. Dieses Joch wird seine Kraft werden. Ann muß seine Hilfe suchen. Die Hilfe aber ist die Nußschale, in welcher der süße Kern der Liebe steckt.

Baernburg gibt der Ordonnanz einen Wink. Der Soldat trägt die Tasche auf Anns Zimmer.

Es kann eine Woche dauern, bis das Oberkommando entscheidet", sagt Baernburg. Und dann strahlen um seine Augen und Lippen heitere Fältchen:Da haben Sie Zeit genug, einen ehrenvollen Antrag zu erwägen!"

Das sagt er lächelnd und in einem ganz andern Ton« als bisher. Sie wundert sich darüber. Als Ann die Treppe hinaufgeht, steht sie die Griselle zum ersten Male

Die Griselle schneuzt sich unanständig. Sie fühlt sich im Käfig und blickt von unten her wie ein Tier, das den Gittern zürnt. Jetzt ruft man sie auf.

Weidlich gibt seinen Bericht, die Beschreibung entfaltet den Vor­fall nüchtern und ohne den Humor, der zwischen Gans und Tornister- wurs gelächelt hat.

Hebrig bleibt die strenge Beschuldigung, den Besatzungstruppen ordinären Widerstand geleistet zu haben.

Ist Ihnen die Perion bekannt?" fragt Baernburg den Maire.Es ist Germaine Griselle, Wirtschafterin, zugezogen aus Vignelles für wer, jetzt beim Rentner Boauvifage" antwortet Labatut.

Wo ist Beauvisage?"

Labatut hebt die Schultern. Er weiß es nicht. Er wünscht im stillen, Beauoisage zu sein, dann wäre er weit weg von Mereville.

Du könntest mir ruhig helfen, Labatut", sagt die Griselle plötzlich.

Der Maire fährt zusammen, macht ein saures Gesicht und schielt auf Adamaux.

Adamaux ist vielleicht das Gehör von Mereville. Wie leicht könnte di« lose Zunge der Griselle auf solchen Umwegen ßabaluts Schande durch Mereville läuten.

Aber Adamaux scheint nichts zu hören. Er sieht unbeteiligt aus wie der abnehmende Mond. Vielleicht ist es auch Ergebenheit, die er durch feine Teilnahmlostgkeit ausdrückt.

Baernburg horcht vergüngt auf. Ei sieh, zwischen welchen Klippen bewegt sich das Oberhaupt von Mereville gleich einem armen Schifflein im Sturm der Liebe!

Von Griselle zu Ann Moreland! Es ist «in Casanova, dieser Herr Labatut.

Germaine aber fährt, von keiner Mäßigung gesegnet, hitzig fort: .Läßt man so feine alten Freunde im Stich, Labatut?"

Der Schreiber hustet. Die Feder zittert und macht einen Tintenklecks.