Mit dem Tankschiff rheinabwärts.

Von Wilhelm von Priem er n.

Das Auto der Werkleitung windet sich vorsichtig durch die quadrat­artig angelegten Straßenzüge der Fabrikstadt, die ihren Namen nach den verschiedenen Provuktionen der einzelnen Betriebe führen: Schwefel­säure-, Salpetersäure-, Butadienstraße. Im Vorbeifahren lese ich die Bezeichnung: Bau 183, Bau 546 und so weiter. Eine gigantische Stätte der Arbeit, diese Betriebe der IG.- Farben in Ludwigs­hafen! Es ist gerade Feierabend oder besser Schichtwechsel. Wir schieben uns langsam hindurch. Trupp für Trupp strömt aus den Werken oder kommt uns entgegen. Dazwischen quietschende Rangier­züge mit den hohen schweren Talbot-Spezialwagen, beladen mit spa­nischem Schwefelkies, dann wieder die langen Wagenreihen der Werk­bahn, die dis Belegschaften hin und her von dem sechs Kilometer ent­fernten Oppau befördert. Plötzlich ein Weg, der durch wogende Korn­felder und landwirtschaftliche Kulturen führt. Auch dieser Grund und Boden gehört dem Werk. Wir befinden uns zwischen zwei Welten: hinter uns die mächtigen rauchenden Schlote von Ludwigshafen und vor uns noch einmal das gleiche gewaltige Bild der nie verklingenden Sym­phonie der Arbeit: Oppau mit seinen riesigen Stickstoff-Fabriken, dem Hauptwerk in Ludwigshafen an Ausdehnung und Bedeutung nicht nach­stehend. Dann weiter den Rhein hinunter, an Krananlagen vorüber, deren Zyklopenhände eben noch in den Bauch der Leichter griffen, die mit ihrer gewichtigen Last vorn Schwefelkies aus SUdspanien von Rotter­dam heraufkamen, oder den entschwefelten Kies in ihn hinein schütteten zu letzter Verarbeitung in den Kupferhütten von Duisburg. Das Mate­rial wird restlos ausgenutzt. Zuletzt wird ihm noch sein Kupfer-, Silber­und Goldgehalt entzogen. '

In der starken Nachmittagssonne des heißen Junitages gleißen auf einem langgestreckten Schiff über der Wasserlinie sechs weit über manns­hohe Aluminiumkessel. Schier endlose, schlangenartig gewundene Rohr­leitungen aus dem gleichen Metall verbinden sie mit dem Land. Sie ver­schwinden am Kai, um irgendwo dort an dem riesigen Bau zur Linken, der mit seinen Essen in den Himmel ragt, zu verschwinden. Dazwischen ein Streifen Land, mit Grasnarbe und vereinzelten Bäumen bewachsen, dann der breite Werkbahnhof von Oppau mit seinem ewigen Kommen und Gehen und Rangieren endloser Züge. Wir sind am Ziel, am Tanc- schtsf I. Q. 4 angelangt. Kapitän Page hat uns schon von weitem gesehen, schwenkt die Mütze und kommt uns entgegen.

Von Herzen willkommen", begrüßt er mich und schüttelt mir die Hand.Ich habe schon viel von Ihnen gehört, wir werden uns schon gut miteinander vertragen!" Lieber Käpten Page, heute kann ich es sogar schriftlich bestätigen, daß wir gute Freunde geworden sind. Du warst mir ein lieber, prachtvoller Kamerad, manche Stunde haben wir miteinander verplaudert und haben uns gut verstanden. Mehr noch sogar, wir waren uns ganz nahe, aber das geht nur uns etwas an. Ich werde dich gewiß nicht vergessen, dich und dein schmuckes Schiff mit der nützlichen, aber nicht ungefährlichen Salpetersäureladung. Und dann waren da deine guten, braven Jungens, der Matrose Flory Bernhard und der Schiffs­junge Jupp, um die du dich wie ein Vater sorgtest, daß sie auch genügend Schlaf hatten nach dem langen heißen Arbeitstag auf dem Rhein, die du bekochtest, ohne ein überflüssiges Wort zu verlieren, und die dir. genau so zugetan schienen wie du ihnen mit ihren 19 und 17 Jahren. Nietzsche sagt inJenseits von Gut und Böse":Bei harten Menschen ist die Innigkeit eine Sache der Scham und etwas Kostbares!" Dieses Dichterwort patzt so recht auf euch drei. Der verantwortungsvolle Dienst und die schwer« Arbeit haben euch äußerlich hart und wortkarg gemacht, aber man spürt doch sehr bald, wie bei euch das warme Blut im Herzen schlägt.

Käpten Page führt mich gleich durch seine kleine Wohnküche, in der es stets vor Sauberkeit blitzt, in seine Kabine. Ueberall Mullgardinen vor den Fenstern, keine Bullaugen, sondern regelrechte Fenster, weit- geöffnet, durch die die frische Rheinluft ungehindert hereinströmt. Ur­gemütlich und wohnlich: Schreibtisch, Sofa mit Tisch, Stühle, in der Ecke das Radio und daneben dann die geräumige zweibettige Schlafkabine.

Besuch ist auch schon da, eine Dame von der großen Werksbücherei, die soeben eine rotlackierte Bücherkiste mit den zum Teil neuesten Erschei­nungen auf dem Büchermarkt gebracht hat, und die gewöhnlich nach 3 bis 4 Monaten umgewechselt werden. Es sind jedesmal 12 Bücher, fast ladenneu, in Original- oder besten festen Werkbänden, die der Be­satzung von I. O. 4 für diese Zeit zur Verfügung stehen. Später durfte ich mit die geistige Fracht nach Belieben betrachten. Da warLiselotte von der Pfalz" von Ernst Berger,Brot für 2 Milliarden Menschen" oderDer Kampf um die Ernährung der Welt" von Anton Zischka, dann tontenZauber und Grauen des Südmeeres" von F. D. Omma-- neu undEines Arztes Weltfahrt" von Victor Heiser, ferner Hervey Alle ns spannender RomanAntonio Adverso" und John Knittels Therese Etienne" zum Vorschein. AußerMein Kamp f" ist an poli­tischer Literatur auch Sven H e d i n s50 Jahre Deutschland" nicht ver­gessen. Auch alte Bekannte gibt es wie Ludwig GanghofersSchloß Hubertus", und Karl MaysSklavenhändler" ist natürlich gleich an Jupp weitergewandert. Aber es bleibt freilich wenig Zeit zum Lesen. Abends ist man meist müde nach der schweren Arbeit des Tages.

Während ich es mir nun in meiner gemütlichen, blitzsauberen Gäste­kabine bequem mache, die in nichts der Touristenklasse auf großen Ozean­dampfern nachsteht, höre ich, wie draußen die Ladearbeit zu Ende geht. Die Rohrschlüuche werden mit äußerster Vorsicht gerade abgeschraubt und die Ventile geschlossen. Die Arbeiter haben dicke Gummihandschuhe an den Händen und sind mit allen Schutzmitteln versehen. Mir fallen die immer wiederkehrenden Warnungen ein, die ich in allen Betrieben der Schwefelsäurefabrik heute so häufig las:Wenn du mit Säuren umgehst, denke an dein« Augen!" Run, di« Brühe der Salpetersäure ist keines­

wegs harmloser. Dicke gelbbraune Rauchschwaden ziehen noch einmal aus den Tanköfsnungen, aber sie werden von der frischen Adendbrise glücklicherweise sofort vertrieben, ehe sie Schaden anrichten können. 9lur. ist der Teufel gefangen, sein tödliches Gift ruht wohlverwahrt in de« festen Kesseln aus Duralumin, die es so leicht nicht wieder hergeben. 60 000 Liter birgt ein jeder dieser Ungeheuer. Jede Säure erfordert ihr besonderes Metall, dem sie nichts anhaben kann. Eisen würde von Sal­petersäure sehr bald zerfressen, wie Aluminium wiederum etwa siir Schwefelsäure nicht möglich wär«.

Mit berechtigtem .Stolz zeigt mir der Kapitän sein Reich, das mit allen technischen Errungenschaften und ungemein praktisch eingerichtet ist Sogar ein Kühlschrank ist vorhanden. Seinen Inhalt sollte ich bdb kennenlernen, denn schon macht mir Page mein Abendbrot: westfälische warme Wurst mit' kleinen Delikateßgurken. Aufschnitt, so viel ich nwt und Butter und Brot. Gegen 8 Uhr verläßt er mich, die Jungens sich schon lange an Land gegangen, er will heute noch Muttern helfen, Boh­nen zu pflanzen.Nein, sie kommt nicht mit; wissen Sie, jetzt, wo iit Kinder erwachsen sind, ein Sohn ist bei der Verwaltung in Leverkuici, der andere wird Chemiker, da hat meine Frau zu viel zu tun, unfr kleines Anwesen in Ordnung zu halten, das sie ganz allein beforst. Morgen um 8 etwa fahren wir ab, ich wecke um sieben, und nun .recht gute Nacht' und sorgen Sie sich um nichts, es kann nichts passieren!"

Da saß ich nun mutterwindaklein an Bord des I. G. 4 auf dem Rhein bei meinen lieben Giftkesseln, und bewachte Werte von rund 150 (MO Reichsmark. Allerdings stehlen würde sie niemand, dessen war ich durch­aus sicher. Ich stellte mir einen KUchenstuhl hinter die Schanz und träumte in den wundervollen Junihimmel hinaus. Unsagbar schön dieses gewaltig! Lied der Arbeit zur Linken, die Riesenbauten mit den schwarzen Schloten, die in das Purpurrot der Abendglut griffen. Gleichmäßig ertönte dis Pochen und Hämmern der Wasserpumpe, unaufhörlich, mein Wiegenlied für diese Rackst. Der Kapitän hatte rührend für mich gesorgt. Ein Fläsch­chen Vier hatte ich bereits vorhin vertilgt, jetzt stand ein Liter Rheinwein neben mir, den ich langsam auspichelte, bis ich meine gleißendenGiß­brüder" da nicht mehr sah und mit der nötigen Bettschwerx im mollig!« Federbett versank. Der Lärm der Pumpe drüben kam nun gegen tw Schlaf des Gerechten nicht mehr an.

Punkt 8 Uhr in der Frühe wurde der Laufsteg eingezogen, licht," I. G 4 die Anker zur Talfahrt. In gravitätischem Bogen wurde beigedrs st ein Grüßen und Winken, dann dreimal drei Glockenschläge, das5« Gottes Namen" hallt über das Wasser. Welche einfache schlichte Fröm­migkeit liegt in diesem alten Schifferbrauch! Ich denke an die allsonntäg­liche Fürbitte des Geistlichen in unseren Kirchen:und behüte in Sonder- heit die Schiffe, welche auf der Fahrt sind". Wir machen etwa 24 Stun­denkilometer talwärts. Der Motor hämmert und dröhnt, daß die $er- ständigung schwierig wird. Page steht unermüdlich am Steuerrad, d>v ungefähr anderthalb Meter Durchmesser hat, beständig hißt er die blaue Flagge, die die Stelle etwa eines Autowinkers innehat, und zieht iit sofort wieder ein, wenn das entgegenkommende Schiff passiert ist. Noch einem Stündchen ist Worms erreicht mit seinem wundervollen Dom. Di lieben alten Türme grüßen in den Morgen hinein. In den Anlagen am Rheinufer wirft der grimme, bronzene Hagen seinen Nibelungenschatz m den Strom, womit er anscheinend nie fertig wird, und dann di« altehr­würdige Liebfrauenkirche. Weiter auf dem heiligen, deutschen Schicksals­strom. Guntersblum, Oppenheim mit seiner Katharinenkirche und bem Beinhaus, das 30 000 Schädel der im Dreißigjährigen Kriege Gefallen.« birgt und Nierstein mit den edelsten Lagen auf rostroten SchieserberM die ein jeder von der Weinkarte her kennt.

Florys und Jupps hat sich währenddessen der Scheuerteufel bemächti-st Das Großreinmachen wird gründlich besorgt. Beide stehen in hoh-!' Gummistiefeln auf den Kesseln, scheuern, schrubben und spritzen, daß &1 Bäche aus den Ausgußlöchern strömen. Selbst die Kommandobrücke gehörig von außen vorgenommen. Das Wasser fließt schon durch a.üi Ritzen, aber im Nu trocknet alles wieder die heiße Sonne, di« jetzt H schmerzend auf das Aluminium brennt. Da ist es schon besser auf bii grünen Ufer zu blicken, aus das Metternichsche Schloß, von Reben uim geben, auf die weltbekannten Weinorte Eltville, Oestrich, Rüdesheirn, Aßmannshausen, auf das Niederwalddenkmal, den SDläufeturm, dm Binger Loch und die wunderbaren alten Burgen, von denen Pag« Sage kennt. Schon imgoldenen Mainz" wurde er von einem Kolleg m am Steuer abgelöst. In Bingen kam der Lotse hinzu. Die Fahrt wur> kaum verlangsamt. Alle enterten wie die Katzen an Bord. Freund W verwandelte sich während dessen in einen Brillat-Savavin, in ein.» Kochkäpten", und mit welcher Liebe und Sorgfalt war das Mm bereitet:- Fleischbrühe mit Semmelklötzen, paniertes Schweinskotelett JW frischem Spinat! Am späteren Nachmittag weckte mich ein muskulW Arm, der mir ein Schälchen mit den ersten Kirschen zum KabinenfenM hineinreichte. ,

So verging ein unvergleichlich schöner Junitag auf dem Rhein. Fwr liche Menschen an den Usern oder in den Strandbädern wie in Kable"! Auf dem Strom ein beständiges Kommen und Gehen der schmucker weitzen Köln-Düsseldorfer-Dampfer und der Schleppzüge aller am W angrenzenden Nationen.

Der Abend sank, als Köln erreicht war, wo ich gebeten hatte, mm Kai abgesetzt zu werden. Der Himmel verglühte in wundervollen Farbe'- Die Domtürme blühten rosenrot in ihrer seinen Gotik. Der Abschied w» den drei Getreuen war schwer. Was war das für eine liebe Samer®: schäft gewesen, was für ein Erlebnis! Wir schüttelten uns immer mie®- die Hände, dann drehte I. G. 4 wieder bei, lag breit auf dem Strom w« hämmerte unter der großen Eisenbahnbrücke hindurch. Ich blickte i$m lange nach. Die drei lieben Menschen winkten und winkten, bis Schiff in der Strombiegung verschwand mit dem Kurs auf ßecerfuR das ich nun morgen selbst in seiner ganzen Größe und vorbildlichen Are--' kennenlernen sollt«. Meine Tankschiff-Fahrt von Werk zu Werk rv" beendet.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brüh Ische Unlverjitäksdruckerel A. Lange, Gietze».