Oer Schatzgräber.
Von I. W. von Goethe.
Arm am Beutel, krank am Herzen, Schleppt ich meine langen Tage. Armut ist die größte Plage, Reichtum ist das höchste GutI Und, zu enden meine Schmerzen, Ging ich, einen Schatz zu graben. „Meine Seele sollst du haben!" Schrieb ich hin mit eignem Blut. Und so zog ich Kreis um Kreise, Stellte wunderbare Flammen, Kraut und Knochenmark zusammen: Die Beschwörung war vollbracht. Und auf die gelernte Weise Grub ich nach dem alten Schatze Auf dem angezeigten Platze: Schwarz und stürmisch war die Nacht. Und ich sah ein Licht von weitem, Und es kam gleich einem Sterne Hinten aus der fernsten Ferne, Eben als es zwölfe fchlug. Und da galt kein Borbereiten. Heller ward's mit einem Male Von dem Glanz der vollen Schale, Die ein schöner Knabe trug. Holde Augen sah ich blinken Unter dichtem Blumenkränze;
In des Trankes Himmelsglanze Trat er in den Kreis herein. Und er hieß mich freundlich trinken; Und ich dacht': „Es kann der Knabe Mit der schönen, lichten Gabe Wahrlich nicht der Böse sein." „Trinke Mut des reinen Lebens I Dann verstehst du die Belehrung, Kommst mit ängstlicher Beschwörung Nicht zurück an diesen Ort. Grabe hier nicht mehr vergebens! Tages Arbeit, abends Gäste! Saure Wochen, frohe Feste! Sei dein künftig Zauberwort."
Goethe und die serdüche Literatur.
Von Dr. Hermann Dreyhaus.
Heute vor 190 Jahren, am 28. August 1749, „mittags mit dem Glockenschlag zwölf", kam Goethe in Frankfurtn a. M. zur Welt.
Der Staatsbesuch des Prinzregenten Paul von Jugoslawien in Berlin feite der Vertiefung der freundschaftlichen Beziehungen so mannigfacher ’t zwischen dem führenden Balkanstaat und dem Dritten Reich. Dabei 'i nicht zuletzt auch der kulturellen gedacht worden, deren Pflege schon ■ii mehr als anderthalb Jahrhunderten in beiden Ländern mit ver- ^rdnisvoller Hingabe geschieht. Unter den Deutschen ist vor allem kein fe'ingerer als Goethe selbst zu nennen, der säst ein halbes Jahrhundert re sich die Förderung der serbischen Volkslieder hat angelegen sein Men.
Goethe erlebte mit Bewußtsein sein deutsches Volkstum zuerst in «daßburg — trotz dessen politischer Zugehörigkeit zu Frankreich. Aus feer Stimmung heraus fand er den Weg zum Verständnis auch ‘[nieten Volkstums, zumal wenn sich dies ihm in der Unberührtheit ™er Jugend zeigte. Ein solches Empfinden beseelt« ihn, als ihm 1775 SJ'e Schrift „Die Sitten der Morlacken", eines serbisch-dalmatinischen ;!c ksstammes, zu Gesicht kam. Sie begeisterte ihn zu dem ergreifenden feucht .^lagegesang der edlen Frauen des Asan Aga", das 1778 in *[Kt Volksliedersammlung erschien, in welcher der Herausgeber den ?«sang von Milosch Kobilitsch und Duko Brankowitsch" aus dem fechen Stoffgebiet beisteuerte. Beide Gedichte gehören zu den zahl- [chen Heldenliedern, die in dem serbischen Volke seit dem 14. Jahr- federt entstanden. Sie sind geboren aus dem Schmerz um den Plötzen Verfall des in der Mitte des Jahrhunderts von dem jugendlichen Men. Stefan Duschan (1331 bis 1355) gegründeten Großserbenreiches ? der blutigen Schlacht auf dem Amfelfelde 1389, in welchem Jahre fe mehr und mehr sich durchsetzende Unterwerfung der Balkanoolker jfer das türkische Joch begann. Sie haben sich aber, viele Jahrhunderte «durch sich nur Mündlich fortpflanzend, erhalten, bis im 19. Jayr- ,'vi)ert endlich, ebenso nach und nach, die Befreiung kam. Die ioch- .[»ttgkeit der Wirkung dieser Lieder ist einer der überzeugendsten Be- [ch für die Bedeutung des Volksliedes bzw. der Nationalliteratur für Erhaltung eines Volkes auch in fchwerster Bedrückung.
-Oabei sind die serbischen Volkslieder, wie man sie kurz nennt, durch- ) nicht zum größten Teil politischer Natur. Schön die eben genannten en die beiden Hauptrichtungen an. Der „Gesang von Milosch >s
allerdings das am meisten politische Lied. Er will die Niederlage auf dem Amselfeld deuten. Die Unbegreiflichkeit eines so schnellen Machtniederganges kann aus dem Volksdenken heraus nur durch einen schnöden Verrat erklärt werden. Die Ueberlieferung bezichtigt Buko und seinen riesenhaften Sohn. Das Lied führt die Angelegenheit aus dem Gebiet des Staatlichen und Politischen in das des rein Menschlichen. Vuko beschuldigt aus gekränktem Ehrgeiz seinen Nebenbuhler, den edlen Milosch, des Verrats. Um sich zu rechtfertigen, schleicht sich dieser am Morgen des Schlachttages in das Zelt des türkischen Sultans Murad und erdolcht chn. Dabei widerfährt ihm natürlich das gleiche Schicksal. Doch bringt er das Opfer vergeblich. Die durch den Mord entfachte Kompfeswut der Türken bereitet den slawischen Balkanvolkern eine vernichtende Niederlage. Das Lied kann den peinvollen geschichtlichen Ablaus fortlassen. Es begnügt sich mit dem Heldeuschicksal und bleibt dabei ebenso nahe dem Menschlichen wie Goethes Klogegesang, in dem die Mutterliebe den ungetreuen Gatten bezwingt, wenn sie dabei auch selbst zugrunde geht.
Beide Gedichte haben nach ihrem Erscheinen viel Aufsehen erregt und mancherlei Erörterungen, besonders über das Goekhejche Gedicht, ausgelöst. Dadurch weckten sie ein steigendes Interesse des deutschen Volkes an der serbischen Dichtung^ Dieses wurde noch mehr gefördert, als der Osten durch die Feldzüge Napoleons nach Aegypten, dem Balkan und schließlich nach Rußland in Mitteleuropa recht handgreiflich« Gestalt annahm, in dem er seine Völker quer durch Deutschland über den Rhein weg bis zur Seine schickte. Dieser engen Berührung Mischen Osten und Westen, wie sie die Kriegsereigniss« herbeisührten, entsprach die friedliche Entwicklung. Ein allgemeiner Geisteszug nach dem Osten machte sich geltend. In den Jahren 1812/13 konnte sich Goethe in eine eben erschienen« Uebersetzung der Werke des persischen Dichters Hafis versenken, was ihm geradezu ein Erlebnis bedeutete und auch tatsächlich wurde, als in den anschließenden Jahren die Begegnung mit Marianne von W ille m«r den „West-östlichen Divan" heranreifen ließ.
So innerlichst vorbereitet und abgestimmt konnte er von 1815 ab zum andern Mal der serbischen Dichtung dienen. Nunmehr unmittelbar! Die Befreiung der Griechen und Serben war inzwischen zu einer dringlich erscheinenden Frag« der europäischen Politik geworden. Bereits aus dem Wiener Kongreß spielte sie eine Rolle. Hier wurde es von Bedeutung, daß Jakob Grimm von den Vertretern der preußischen Regierung als Fachmann für altdeutsche Handschriften, deren Rückgewinnung als erwünscht erschien, mitgebracht worden war. Jakob Grimm und sein Bruder Wilhelm waren Goethe schon seit einer Reihe von Jahren durch ihre Forschungen über das deutsche Altertum und Märchen persönlich bekannt. In Wien konnte es daher Jakob wagen, eine Auswahl griechischer Lieder durch einen Freund, der sie übersetzt hatte, an Goethe zu schicken. Sie fanden im ganzen dessen Beisall.
Das ermunterte, den Anerbietungen eines in Wien lebenden und hier für fein unterjochtes Vaterland wirkenden serbischen Sprachforschers Buk Stefanowitsch Karadschitsch näher zu treten. Jakob Grimm sah sich durch ihn veranlaßt, selbst eifrigst serbische Sprachstudien zu machen, die ihn bald befähigten, das von Buk herausgegebene Bändchen serbischer Lieder zu verstehen. In diesem befand sich auch Goethes Klagegesang von 1778 in serbischer Sprache. Goethe freute sich über diese Aufmerksamkeit wie über die beigegebene wörtliche Uebersetzung der einzelnen Lieder. Doch ließen ihn in der nächsten Zeit das Mariannen- ertebnis wie häusliche Ereignisse nicht zur planmäßigen Verfolgung der eingeschlagenen Wege kommen. Diese Zeit benutzten Jakob Grimm zur Werbung für die serbischen Volkslieder in seinem Bekanntenkreis und Vuk zur Erweiterung seiner Sammlung, die er schließlich auf drei Bände brachte. Es gelang ihm, in Leipzig einen Verleger zu finden, und zuletzt durfte er, auf einen empfehlenden Bries von Jakob Grimm hin, sogar Ende 1823 vor dem Dichterfürsten in Weimar selbst erscheinen und ihm sein Werk überreichen. Ein zweiter Besuch erfolgte im Anfang des nächsten Jahres.
Goethe lebte damals vollkommen im Banne der serbischen Gedichte. Er beteiligte sich wieder an ihrer Neugestaltung in deutscher Sprache. Anlaß dazu gab ihm ein Fräulein Therese Albertine Luise von Jakob aus Hall«, die durch Grimmsche Besprechungen auf die ferbischen Volkslieder verwiesen worden war. Sie gewann das Vertrauen des Dichters und veröffentlichte 1825 unter seiner wohlwollenden Förderung einen Band „Volkslieder der Serben metrisch übersetzt und historisch eingeleitet" unter dem Pseudonym Talvj (den Anfangsbuchstaben ihrer Vor- und Zunamen). Goethe schrieb über diesen einen größeren Aufsatz „Serbische Lieder" in der Zeitschrift „Kunst und Altertum".
Darin würdigt er natürlich in erster Linie die Sache selbst, d. h. die serbischen Lieder. Dabei fällt sein Hauptinteresse den Gedichten mit vorwiegend menschlichem Inhalt zu. Im Sinne dieses Aufsatzes ist es aber auch wichtig, nachdrücklich zu unterstreichen, daß er nicht zuletzt die südslawisch-deutschen Kulturbeziehungen fördert, indem er das Gewicht seiner Persönlichkeit in die Waagschale wirst. Er bekennt unumwunden, nicht nur selbst seit Jahrzehnten sich dem Studium der serbischen Lieder gewidmet zu haben, sondern auf alle Weise für sie eingetreten zu fein. Als sachliche Unterlage dienen ihm die Vorarbeiten von Jakob Grimm, den er als einen „Sprachgewaltigen" feiert. Beachtlich ist heute noch das Grundsätzliche, das er über Volkslieder sagt. Er verlangt: „In Maße muß man dergleichen Gedichte vor sich sehen, da alsdann Reichtum und Armut, Beschränktheit oder Weitfinn, tiefes Herkommen ober Tages- slochheit sich eher gewahren und beurteilen läßt."
Goethe konnte mit der Förderung der südslawisch-deutschen Beziehungen zufrieden sein. Schon drei Jahre später (1828) bemerkte er bei der Ankündiaung neuer Dichtungen in derselben Zeitschrift: „Die serbische Poesie hat sich nach einem fünfzigjährigen Zaudern, manchen eingeleiteten, aber stockenden Versuchen, endlich in den Literaturen des Westens ausgebreitet, daß sie weiter keiner Empfehlung bedarf und sogar des Neuesten fast überflüssig scheint." Dieses Urteil Hot in steigendem Maße in dem darauffolgenden Jahrhundert seine Berechtigung gefunden.


