gepriesen hatte. Der Verlust solcher Drapierung hob die Jugend Anns auf den Thron, aus den sie gehörte.

Aus dem köstlichen Spitzenkrägelchen stieg der Hals, eine schlanke Säule. Die Büste hätte es nicht nötig gehabt, geschnürt zu werden, der Rock, der sich nur wenig bauschte, verhüllte ihre Gestalt bis zum Knöchel, leicht genug, um eine zärtliche Ahnung zuzulassen.

Meister Ruggiero verstand ganz und gar, daß bei Gilbert die Liebe nichtsänge". Aber er verhieß:Vielleicht nicht bei Gilbert, aber einmal, Signorina, wird sie fingen!"

Und plötzlich wandte er sich und setzte sich an den Flügel und sang schüchtern, wie zu sich selbst:

Es hat eine dämmernde Stunde

Zärtlich die Seele belauscht, Die heimlichen Träume des Herzens Sind von der Sehnsucht berauscht.

Seltsame Märchen bereiten Lächelnd ein heiteres Licht, Goldene Wünsche erheben Jubelnd ihr flammend Gesicht.

Und einst erklingt in der Runde, Was sich die Seele erdacht;

Lieder und Worte der Liebe

Blühn in der zaub'rischen Nacht..."

Ann stand still. Die rührte sich nicht. Auch ihr Atem schwieg. Lange. Dann fetzte sie aus ihren eigensinnigen Kops ein Hütchen, dessen unterer Rand die trotzige Stirn lustig bedeckte. Sie warf noch einen Blick auf Spamante, der am Flügel faß. Darnach ging sie, leise.

Als sie die Tür schloß, erwachte der Maestro aus feiner Versunkenheit. Ach, dachte er, ich habe ihr weh getan, aber besser weh getan, als durch die Welt verdorben.

Er ging ihr nach. Sie stand noch an der Haustür. Nun drehte sie sich um und gab ihm die Hand. Sie sagte aber nichts, sondern nickte nur; das hieß wohl: Ja, Maestro, ich habe verstanden, ich träume nicht mehr, ich bin wach.

Man kann ein« Hoffnung mit Willkür zerschlagen, dadurch wird sie kaum für ewig vernichtet sein. Aber Ueberredung, die aus der stillen Kraft der .-Ueberzeugung kommt, zerstört. Denn die Ranken des Widerstandes können sich nicht einmal mehr an den Baum des Trotzes klammern. Di« Mild« hat ihn vorher umgelegt.

Weshalb bleiben Sie überhaupt in Paris, Signorina? Paris wird bald keine gute Stadt mehr fein!"

5cf) fürcht« mich nicht, Maestro", erwiderte sie,auch sagt jeder­mann, daß die Deutschen Paris niemals angreifen werden!"

Jedermann", meinte er verächtlich,feien Sie nicht wie jedermann und hallen Sie das Unmögliche für möglich, dann werden Sie niemals überrascht werden."

Es klang wie ein Orakelfpruch In Wahrheit waren es die letzten Worte, die Ann Moreland von Spamante hörte.

Gilbert Jllington erreichte Paris mit einem Zug, von dem es hieß, daß er einer der letzten fei, da sich die Preußen der Bahnlinie näherten.

In Paris wunderte man sich über diese Prophezeiung und ver­lachte sie.

Die Stadt erschien dem jungen Egländer wie eine aus tausend Kulissen zusammengesetzte großartige Szene.

Zwar schien äußerlich alles wie früher: über den bekannten Ge­bäuden schwebte der verklärende Glanz der Tradition als Bürge für die Unveränderlichkeit der einmal gegebenen Form.

Paris war nicht etwa traurig ober bedrückt ober niedergeschlagen! Es lachte! In den Lachen war ein schriller Klang. Die Sorglosigkeit war allzu hartnäckig gewollt. Sie fiel in den Alltag und veränderte ihn.

Paris fang. Marfchgefänge und Kriegslieder warfen sich mit ihren ernsten Noten auf die Keckheit der alten Melodien und erdrückten sie. An die kriegerischen Gesänge klammerte sich das Volk von Paris, mit den Liedern flog es in Gedanken auf die Hügel der Zuversicht und sah, daß der Herbst die Bäume zu färben begann.

Daß er nur ja nicht die grüne Hoffnung färbte! Bunt war Paris jetzt nicht nur vom Herbst, auch von Uniformen! Aber die Uniformen waren ja, das glaubten die Parifer, nicht der Herbst, sondern der Früh­ling der Nation.

Der Kaiser war gefangen, aber die Republik erhob die Fahne und das Schwert. Die Republik wird das Batertanb retten!

Die Republik war ein wenig zu laut und glich darin einem Men­schen, der seine eigne Stimm« hören muß, damit ihm die andern glauben, was alles er vermag und er am Glauben der andern den eignen wieder­um aufrichten kann.

Di« Republik war wie ein Mensch, dessen Mund di« Tat vorweg- genommen hat, nun ist die Kraft nicht mehr edel und keusch genug, zum Siege vorzubrechen. So gab sich Paris, als Gilbert es begrüßte.

Ein Kutscher, der die schwarzrote Uniform der Nationalgard« trug, fuhr Jllington in ein kleines Hotel in der Rue Lafayette.

Nehmen Sie die erste beste Unterkunft, die ich kenn«! Die Hotels und Gasthöfe sind überfüllt!" rief der Rofselenker. ,Me feinen Leute, die rund um Paris in ihren Landhäusern sitzen, haben alles im Stich gelassen und wähnen sich hier in Sicherheit! Prassen, sitzen herum und drücken sich! Aber der Pariser ist Patriot!"

Er wies auf leine_Uniform. Rock und Beinkleider waren aus schwar­zem Tuch mit roten Streifen, an der gleichsarbenen Mütze befanden sich Stickereien, die den Offizier bezeichneten.

Gilbert hielt es für angemessen, zu bemerken, wie gut dem Herrn die Uniform stände. Durch solch« Schmeichelei ein wenig nähergekommen, fragte er, ob man denn überall in Paris des Glaubens sei, daß die Deutschen die riesig« Festung nicht belagern könnten?

Vorsicht, Tiefe? Herr, Vorsicht! Keine mMä risch e n Gespräche, wen» Ihnen Ihr« Ruhe lieb ist! Gar mancher ist mißverstanden worden unt in argen Verdacht gekommen. Paris wimmelt von Spionen, sagt man Was mich betrifft, fo glaube ich nicht, daß die Deutschen Paris bezwinge» können."

Ich bin Engländer", meinte Gilbert,und kenne Paris."

Engländer?!" Und dann stellte sich der Mann vor:Kapitän Blano bois, Kapitän der Nationalgarde Blancbois, Patriot und Fuhrwerls- befitjer!"

Er verneigte sich auf feinem Kutfchbock, zwar in Richtung der Gäule, weil es gegen den Fahrgast zu unbequem war, doch blieb es immerhin «ine würdige Verbeugung unter Ehrenmännern.

Nun konnte Gilbert einige Fragen über die Nationalgarde stellen, ohne für seinen Kopf, den er ja in Paris noch brauchte, fürchten z» muffen.

Die Nationalgarde im Kaiserreich? Ein Klub braver Familienväter! Beamte, Advokaten, Kaufleute, die glücklich waren, an besonderen Tage» vor dem Kaiser paradieren zu dürfen! Sehen Sie: Viele sind in Mi Nationalgarde eingetreten, um sich Bekanntschaften und die eine ober andere vorteilhafte Verbindung zu verfchasfenl Damit aber", schmettert! Blancbois,wird die Republik ein Ende machen! Wer sich jetzt für bit Nationalgarde einschreiben läßt, hat nur eine Aufgabe: di« Pflichterfiih lung fürs Vaterland! Jo, wir sind ein Volk in Uniform!"

Es war eine kleine Rede; sie fchwellte die Brust des Kapitäns uni beschleunigte den Laus der Roste, aber Gilbert hatte sie nur zum Teil verstanden.

Aber Teufeleien können Paris zur Uebergabe zwingen, Teufeleien, die mit den Deutschen nichts zu tun haben..." flüsterte Blancbois spät« vertraulich, indem er sich zu feinem Fahrgast umdrehte, aber als be-r Atem schon in dem Wort lag, das er nun sagen wollte, polterte Trommel' schlag die Straße herauf und hieß ihn, die Gäule zügeln.

Zwischen den Bajonetten einiger Infanteristen ging ein gefangene:! preußischer Husar.

Er war ein kleiner untersetzter Mann mit einem blonden Schnuw bart, frischen gebräunten Wangen und neugierigen und keineswegs furdjt famen Augen.

Wahrscheinlich wurde er zu einer Vernehmung geführt; einer bei Infanteristen rief der Menge zu, man habe den Preußen bei Nosty-le> grand ge angen.

Das Volk johlte und warf di« Fäuste hoch. Der Husar meinte wohl, daß er nie wieder im Leben solches Aussehen erregen würde, aber zweifelt los drohte ihm die Gefahr, den Händen feiner Betreuer entrissen un2 von der verhetzten Menge zerstampft zu werden.

Manchmal drängte eine Woge Leiber gegen den Transport, die 3m; fanteriften schalten:Ihr Teufel, laßt ihn! Wir follen ihn zum General Trochu bringen!" General Trochu war der Kommandant von Paris.

Der Tambour schlug wild auf die Trommel los, als könne er damit die Andringenden erschrecken.

Die schrille Stimme eines Weibes schwebte über dem Tumult:(h wird ja doch nichts sagen, sie sind verstockt, diese Preußen!"

Das Volk machte sich daran, einen Keil zwischen die Infanteristen und den Gefangenen zu treiben, aber die Soldaten hieben mit iw Kolben drein.

Ein Mann in einer langen blauen Bluse schrie:Laßt ihn, laßt ihn, zu Trochu! Damit Papa Trochu wieder einmal einen Preußen sieht! Bedenkt, Bürger, er muß sich an die Preußen gewöhnen!"

Er lachte jo schallend, daß fein Lachen ansteckte. Das Lachen ergrij I die Menge, die Wut schlug jich in Spott um.

Die Infanteristen benutzten den glücklichen Augenblick, ihren fangenen in einen vorüberfahrenden geschlossenen Wagen zu schieben unB ihn so der ungewissen Teilnahme der Meng« zu entziehen.

War das der erste Preuße, den Sie zu Gesicht bekamen?" fragte Herr Blancbois, als er langsam durch die sich auflösende Ansamni-- lung fuhr.

Jedenfalls der erste preußische Soldat, den ich gesehen habe", er­widerte Gilbert. Er hätte aber gern das Gespräch dort wieder angeknüpst. wo es aufgehört hatte. Welche Teufeleien waren es, die Paris zu Bobern zwingen konnten?

Da er jedoch keine Neugier zeigen wollte, erfuhr er nie, was Hem Blancbois gemeint hatte. Gilbert kam nicht darauf, daß jede belagerte Festung und jedes belagerte Land zwei innere Feinde hat: den Hunge» und die Uneinigkeit.

Bald fchickte der Kapitän das Feuer feiner Beredsamkeit vergeblich gegen den Hotelwirt, der von feinem Haufe behauptete, daß es ganz umD gar besetzt sei.

Jllington war nicht der erst« Gast, den der Fuhrwerksbefitzer dem Hotel zuführte. Blancbois ärgerte sich. Dann hatte er einen Einfall.

In der Nähe fei ja ein Uebungsplatz der Nationalgarden! Da läge es doch nahe, im Hotel eine ständige Wache einzurichten!

Der Wirt schien jedoch nicht geneigt, den Kapitän der Nationalgard§ für diesen Vorschlag zu umarmen, ,

Eine glückliche Anregung", sagte Blancbois,man wird mir dam» bar sein!"

Der Wirt wollte wie viele Pariser zu jener Zeit trotz eines nur manbes von Schwüren und Beteuerungen selbst den Grad und bi« Fo^ men seiner Vaterlanbsliebe bestimmen. .

Doch hatte er auf einmal für Jllington den besten Raum des Hotel» übrig.

Blancbois zwinkerte Gilbert zu, Gilbert bedankte sich.

Ihm war zumute wie einem, der sich durch Trinken Mut macht- Darum trank er das Leben von Paris wie Wein. Gilbert wollte sich berauschen lasten, daß er erregt und bewegt vor Ann stehen konnte.

Aber er gehörte zu den Trinkern, die nichts vertragen können uu die, wenn sie sich auf dem Gipfel glauben, bereits in den Abgrund o Unlust gefallen find und es nur noch nicht begriffen haben.

(Fortsetzung folgt.)