Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Montag, den 28. August
Nummer 66
ahrgang 1959
Wenn Sie das
tun", sagte er, „wenn Sie das tun ... dann..;
oiel-
Aber
Die
nicht.
Vollendete..." schloß der Wut. Ach, dieser mit der Wurzel aus auf dem alle blühen-
Ein heiterer Roman von Kurt Heynicke
Copyright 6p Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
im Dienste der Wohltätigkeit zu stehen. Nur das leise der Italiener.
Die Träne an ihren Wimpern war eine Träne Mann riß alle Sehnsüchte, diese holden Blumen, und warf sie auf den Kehrichthaufen der Vernunft,
seb die richtige Tafte herunter.
„Ach ja", lächelte Ann unschuldig und Irnn es übrigens auswendig. Es ist mein
Sie strahlte, bevor sie ihre Stimme so schweigt, ist sie reizend, dachte das i»n Paris.
Aber Ann Moreland schwieg nicht.
legte das Notenblatt weg. „Ich schönstes Lied."
erhob, den Meister an. Wenn Herz des ersten Gesanglehrers
Er legte die Hände zusammen und fragte still: „Weshalb wollen Sie fingen?"
„Ich liebe die Musik", erwiderte sie trotzig. Und schrie: „Ueberhaupt, ich will frei sein! Ich will weder Gilbert Jllington heiraten noch einen andern, und ich will auch nicht werden wie Tante Vivianl"
Er nahm ihren Trotz und legte ihn in das Gefäß seiner Weisheit. Dann kam seine stille Beredsamkeit und zerstäubte ihren Zorn wie Pulver.
„Ach", sagte er, „frei? Oh, Signorina, ich kenne diesen Gilbert nicht! Aber die Kunst ist eine strengere Herrin als die Liebe! Die Musen schenken dem Menschen nichts, man muß mit ihnen ringen, und selbst wenn man zum Siege berufen ist, lassen sie einen hundertmal unterliegen, bevor sie die Krone reichen!"
Sein Blick glitt hinaus auf die Straße, auf ein anderes graues Haus, auf dunkle Fenster, denn drüben lag keine Sonne. Und er dachte zurück an viele Menschen, denen er begegnet war.
Dann sagte er lächelnd: „Die Liebe — ach, auch die Liebe ist Gesang! Wenn die Liebe singt, mit der unhörbaren Stimme der Seele, dann brauchen Sie keinen Unterricht bei dem alten Spamante!"
Es befremdete sie, daß der alte Mann von der Liebe sprach, aber sie ahnte, daß sie ihm Wissen, Weisheit, Güte und Lächeln gegeben hatte.
Allein sie verstand ihn nicht, denn in ihrer Seele waren die Flügel des goldenen Vogels noch gefaltet, und darum trat, roas' sich in ihrem Herzen regte, nur als kühler Widersprach hervor: „Bei Gilbert singt die Liebe nicht", sagte sie.
Sie stand vor ihm in ihrer strahlenden Jugend. Er sah sie mit heiterem Wohlgefallen an.
Die Krinoline, dieses Rundgestell um den weiblichen Körper, war abgeschafft, die Herrscherin im Reiche der Frau, die Mode, hatte einen kühnen Sprung gemacht und begann zu verdammen, was sie gestern noch
„Dann?" fragte sie drohend.
In ihrem Herzen war ein Gewitter, gleich entlud es sich, in ihren Augen blitzte es schon.
„Es würde nicht höstich sein, Signorina, nur das Schönste ist würdig,
1. Fortsetzung.
Unsicher klappte er den Deckel des Instrumentes herunter und wieder h>ch. „Oh", sagte er, „oh!"
Ann Moreland fürchtete den Kampf, den Spamante in seinem Herzen schrie. Wenn er bewegt war, läutete es aus ihm mit tausend unsichtbaren klöckchen. Man fühlte es und konnte sich darnach richten.
„Ich möchte es noch einmal versuchen, Meister", sagte sie schnell. Sie shlug den Ton auf dem Flügel an.
Spamante sah auf das Notenblatt. „Falsch", schrie er, „falsch! und
den Träume verwesen. (Nur die Launen leben weiter, sie werden weder von der Vernunft noch von der Güte umgebracht. Aber dies war keine Laune. Dies war Traum.)
„Die Kunst ist eine strenge Herrin, Signorina! Man kann sie pflegen im stillen Haus. Für sich, für die, die wir lieben, sofern sie uns anhören wollen! Dann ist Kunst ein Spiel, eine süße Beschäftigung, eine Verzauberung. Man läßt sich beschenken von der Kunst, Signorina. In der Kunst ist Nehmen seliger denn Geben."
Herz, wo liegst du im Ouartter?
messen, die Träume segelten nicht auf einem ungewissen Meer. Sie schwammen in dem Strom der Zeit, denn die Sterne der Bühnen leuchteten geehrt in den Salons, das Begehren Arms war weder absonderlich noch verdammenswert.
Dante Vivian, die stets für Experimente war, bestärkte sie in ihrem Plan, es erhöhte Vivians Anteilnahme, daß Sir Anthony und die Familie dagegen fein würde. Sie erwartete einen kleinen Skandal und freute sich darauf.
Und nun stand das „Nein" des großen Spamante auf und errichtete Barrikaden zwischen Ann Moreland und dem Ruhm.
„Nun", erwiderte Ann trotzig, „dann werde ich zu meinem Vergnügen fingen! Für die Wohltätigkeit! Für die Verteidiger von Paris! Für Kinder und Frauen der tapferen Krieger werde ich fingen!"
Welch ein Tiger lauert in dieser Frauenseele! dachte er. Er schloß den Flügel.
Sein Gesicht hatte sich verklärt, es spiegelte tausend Genüsse wider, die dem Maestro durch die Kunst widerfahren waren, und die er
„Meine Liebe ist wie eine kleine weiße Wolke, Alle Wolken liebt der Wind so sehr, Und die Wolken reisen mit dem Winde, Mit den Wolken reist die Liebe übers Meer!
Und die Wolken und die Liebe fliegen auf gen Himmel, Und der Himmel ist nicht mehr allein, Wind und Wolken sind im Licht vergangen.
Wo mag meine unruhvolle Liebe sein?
Hoch am Himmel träumen aber tausend ©ferne, Jeder Stern schickt seinen Traum zu mir. Jeder Traum ist schwer und voll von Sehnsucht, „ Denn an jeden Stern hing ich den Traum von dir!
Ihr war wie einem Bergsteiger, der den Gipfel erklommen hak. Das L-nd liegt besiegt zu seinen Füßen.
„Geben Sie es auf", sagte Spamante, der anderer Meinung war.
Ihre Entschlossenheit hatte feinen Willen unterschätzt. Sie stand nicht As einem Gipfel, sondern schaute in das schwarze Moorwasser der Ent- imschung. Nur eine letzte Hoffnung kräuselte sich in seiner Tiefe: er will "ich vielleicht nur einschüchtern. .
„Ach, wenn ich nur lernen könnte! Ich fühle, es ist nur eine Klemig- •<tt, die mir fehlt! Wenn ich aber die habe... , ihre Stimme schwebte, ft sagte es ganz weich. Der Trotz, der gleichwohl bebend in ihrem Ton tor, bedrohte Spamante mit Verwirrung, denn er dachte: wenn sie so ei «schmeichelnd sänge, wie sie spricht, brauchte sie mir keine guten Worte ll geben.
„Nein", sagte Spamante. _
„Ich kann nicht fingen?" Anns Gesicht erglühte vor Empörung.
„ „Doch, ein wenig. Aber Sie haben keine Stimme für Den großen fefang! Für das Konzert! Für die Opera! Und Das wollen Sie doch?
Wollte sie das? Ach, Gilbert war schuld. Gilbert mit feinem verdünnten Heiratsantrag. . . ~ «
, Der Gedanke, daß eines Tages dieser oder em anderer Gilbert, Jack
James wiederkommen würde, um die Frage zu erheben: „Wie “äre es, wenn wir uns verlobten?" vergiftete ihren Tag. Lieber aber früe sie die Gilbert, Jack, James vergiftet! Ihr war ledenfalls nach Alberts doch sehr fünfter und vorsichtiger Attacke so zumute. Sie n>ai i seltsames Mädchen. r , hi.
« Eines Tages hake sie auf Tante Vivians mißklingendem Klavier die s-»ntniffe erneuert, die ihr einst auf Moreland Cast e eine alte Gouver- «nnte beigebracht hatte. Die würdige Dame Einte, Musik fei eine 5-ofterin in allen Lebenslagen. Dieser philosophischen Medizin erinnerte litt) Ann.
L Darum wollte sie Sängerin werden. Zum Trost und aus Trotz. Denn Min lag der Freiheit breite Straße vor ihr. Der Wunsch war nicht ver-
leicht auch selbst gegeben hatte in seiner guten Zeit.
„Ich fühle es aber: mir fehlt nur eine Kleinigkeit", beharrte sie. sie sagte es schon schwächer.
„Ja", erwiderte er verzückt, „nur eine Kleinigkeit, Signorina! Gnade, die Gnade!"
Und da sie ihn verwirrt ansah, fuhr er fort: „Wünschen Sie dieser Gnade teilhaftig zu sein! Wem sie vom Schicksal gegeben ist, dem wird sie zu Geißelhieoen!" Er steigerte sich: „Der muß Augenblicke köstlichen Empfindens mit Verzweiflung, Not, Elend, Feindschaft bezahlen! Meist, Signorina, ist die Kunst durch eine Hölle gegangen, bevor sie himmlisch beglückte! Aber nur, wer die Gnade erfuhr, darf Kunst geben — die andern mögen sich mit dem glückhaften Genuß begnügen!"


