Ausgabe 
28.7.1939
 
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Tr ist mein Gefangener!" donnert denn auch der König.Obwohl Er noch ein lebendiges Pferd zwischen den Knien hat."

Seydlitz beruft sich nicht darauf, daß es weder alle soldatischen Regeln ist, nach Abbruch des Gefechts noch eine Kriegshandlung vorzunehmen. Seydlitz weiß, daß es jetzt, will er nicht vor dem König als Prahlhans, als Hundsfott, als Lugner dastehn, gilt: sein Reiterwort wahrzumachen. Denn er hat vor acht Tagen die Unmutwolke auf Friedrichs Stirn sehr wohl gesehen und ihm wiegt seit langem dessen verweisendes Schweigen schwerer als ein Wortausbruch, mit dem der Zorn verraucht.

Indessen, wie soll Seydlitz, auf der abgeriegelten Havelbrucke ein­geschlossen, die Berechtigung seiner kühnen Behauptung erweisen? Es gibt für ihn kein Nachvorn es gibt ebensowenig ein Zuruck. Aber so schießt die Feuerflamme eines Gedankens in dem Ueberrumpelnden lodernd hoch aber hat es auf Erden nicht überall vier Himmels­richtungen? Bier, keine zweil Ist voraus und zurück der Weg zur Frei­heit infolge der List des Königs auch verrammelt, es bleibt immer noch der Weg zur Rechten und zur Linken. Gefunden! Gerettet! Nur zu tun weitaus leichter als es zu erdenken! nur zu tun ist, was Rettung bringen kann, was Rettung bringen wird.

Gesängen?" schreit Seydlitz, als der König seinen himmelangereckten Degen zu senken beginnt, um mit dessen Spitze zum Erweis seiner Worte die Schulter des von ihm der Ruhmredigkeit überführten Generals zu berühren.Gefangen? Noch nicht, Majestät!"

Mit der letzten Silbe hat der Reiter auf der Havelbrücke sein Pferd zur Seite gerissen und plötzlich nun will er die Sporen, will er die Peitsche gebrauchen; aber es bedarf beider nicht, bedarf nicht einmal des aufmunterndenHopp!", zu dem er sich hinreißen läßt; denn der Fuchs zwischen seinen Knien ist ja eines Leibes mit ihm! urplötzlich fetzt Seydlitz mit seinem Pferd über das Geländer der Brücke hinweg in den Fluß.

Als Roß und Reiter das Ufer der Havel erstiegen und wieder die Feste der Erde unter sich haben, ist als einziger der König zur Stelle.

Ich bin Sein Gefangener!" sagt Friedrich.

Seydlitz begreift nicht. <

Der Gefangene Seines Willens", bedeutet Friedrich ihm.

Majestät--?" forscht Seydlitz.

Wünsche Er sich, was Er will!" fährt Friedrich fort.Außer der Krone Preußens ist nichts in meinem Lande Seinem Wunsch verwehrt."

Seydlitz schweigt.

Wird es bald, daß ich Seinen Wunsch erfahre?" begehrt Friedrich auf.Oder will Er mich in die Verlegenheit setzen, daß ich Ihm nach eigener Wahl etwas schicken muh, das Ihm hinterher womöglich nicht gefällt? Also was wünscht Er sich als Anerkennung dafür, daß er Sein verwegenes Reiterwort wahrgemacht hat? Was wünscht Sein Herz sich am sehnlichsten?"

Ein Pferd", gibt Seydlitz zur Antwort.

Am selben Tage noch ließ König Friedrich dem General Seydlitz den besten aller Trakehner aus seinen Ställen überbringen.

Zum Reiter", sagte das alte Wort,zum Reiter muß man geboren sein. Wer es nicht ist, der kann vielleicht lernen, auf einem Pferde richtig zu sitzen, aber niemals das Reiten"

Oie Kiefer.

Von Theodor Heinz Kähler.

Als wir Kinder waren, spielten wir zusammen in der Heide hinter dem Dorf, in das meine Eltern hinausgezogen waren. Einmal lief ich nach Hause und sagte zu meiner Mutter:Du, wenn ich groß bin, heirate ich Nora".

Meine Mutter lachte.Und wenn sie nun nicht will?" fragte sie.

Nichr will...?" wiederholte ich verwundert. Ich dachte daran, daß wir Tag für Tag zusammen in der Heide waren, daß ich Nora bei der Hand nahm und durch das Gestrüpp in unsere Höhle führte. Ich dachte auch an eine Blume, die ich ihr an jenem Tage gegeben hatte.

Als wir wieder im Heidekraut lagen, fragte ich:Nicht wahr, wenn ich groß bin, heirate ich dich?!"

Sie schwieg, und erst als ich sie erneut fragte, sagte sie, ohne mich anzusehen:Wenn du reich bist und alles hast, dann ... ja."

Ich muß jetzt heim", sagte ich und lief davon. Als ich durch unsere Gartenpforte trat und mich umwandte, sah ich, daß Nora noch immer in der Heide lag. Sie blickte in den Himmel, und ich sah das Blau ihres Kleides,

Es wurde nie wieder vom Heiraten gesprochen. Nora und ich streiften durch die Heide, im Winter rodelten wir miteinander den Hügel hinab, und an den Sommertagen badeten wir im Fluß, der sich dunkelbraun durch bje Niederung zog.

Vierzehnjährig wechselte ich die Schule. Ich fuhr jeden Morgen mit dem Zug in die Stadt und kam gmen Abend heim. Ich traf Nora manch­mal auf dem Heimweg.Bist du noch oft in der Heide?" fragte ich. Nein", sagte sie und schlug die Augen nieder,nun nicht mehr." Sie lächelte scheu.

Als ich siebzehn war, sagte mein Vater eines Tages, er hätte eine Stelle in Lübeck für mich. Ich könnte in der Woche darauf ab reifen.

Wie?" fragte ich. Dann f.ah ich durch das Fenster die hohen Kiefern nebenan und in den Kiefern das strohgedeckte Haus, in dem Nom wohnte.

Es war gerade Schützenfest, im Dorf hingen überall bunte Plakate. Ich Pfiff bei Nora, sie sah aus dem Fenster uni) lächelte zu mir herunter.

Dann kam sie durch den Garten.Du", rief sie,diesmal darf ich auch abends hm. Mit dir! Mutter hat es erlaubt."

So", sagte ich. Ich wollte ihr erzählen, wie es um mich stand, aber nun ging ich still neben ihr her. Der Abend kam über die Ebene.

»Was hast du beim?" fragte Nora, als wir die Sandkuhle hochgingen, und die bunten Lampen rot, grün, gelb im Zwielicht zu dem abendlichen Schimmer des Himmels standen. Ich antwortete nicht.

Das Gedudel des Karussells scholl über die Buden hin. Wir blieb«» an der Schießbude stehen. Ich schoß eine rote Blume und gab sie Nom Als wir weiter gehen wollten, stand der junge Dickmann hinter uns. Auch hier", sagte er zu Nom und lachte sie an. Er hatte glattes, nach hinten gekämmtes Haar und ein dickes, freundliches Gesicht. Nom wm sehr verlegen. Ich sagte:Komm, wir wollen weiter."

Wir fuhren Karussell, und Nom faß rotwangig neben mir auf einem Schimmel und lachte ausgelassen in die bunte Menge hinab. Als bas Karussell anhielt, sah ich, daß auch der junge Dickmann dastand und z» Nora hinsah. , , ,

Wir wollen gehen", sagte ich,wir können noch ein wenig zuscmv menbleiben und über den Hügel gehen."

Der Rummelplatz blieb hinter uns. Der Himmel wölbte sich klar übet der Ebene.

Was hast du denn?" fragte Nom wieder, ,chu bist so still. Und « war doch so schön heut abend."

Ich muß Mittwoch fort", sagte ich,nach Lübeck."

Ich sagte nichts mehr, und Nom schwieg.

Wir gingen die Allee hoch, und Nom hakte sich bei mir ein. Sie hängte sich leicht an mich und ich spürte ihren Körper.

Da, wo der Hügel wieder abfiel, bet der hohen Kiefer, machten wir Halt und sahen über das Land hin, sahen da und dort verstreut Lichter heraufflimmern. Dann sah mich Nom an, sehr lange, ich gewahrte, rote ihre Augen groß durch die Dunkelheit schimmerten. Ihr Atem schlug mir warm ins Gesicht.

Du bist so still?" sagte ich, nur um etwas zu sprechen.

Ich denke, wie nun alles werden wird..." sagte sie.

Da faßte ich nach ihren Händen und zog sie zu mir herüber.

Ich hatte eine schöne Stelle in Lübeck. Aber ich dachte viel an bas Dorf, an die Heide, an den Hügel und die Kiefer. Im Dezember roollte ich heimfahren, und ich schrieb es an Nom.Es wird schön werden" antwortete Pe,und bei Dickmanns soll ein Fest fein. Der junge 2)i(T> mann ist aus London zurückgekornmen."

Als ich heimreiste, lag Schnee, Nom war am Bahnhof, sie lachte mm entgegen. Wir waren jeden Tag zusammen.

Herr Dickmann schickte am Ende der Woche die Einladung zu seinem Fest. Wir gingen zusammen hin. Es waren viele Gäste da. Das Orant- mophon wurde angestellt und man tanzte. Ich bat Nom zum Tanz, une dann zog mich Herr Dickmann in eine Ecke, fragte, wie es ginge, schenkte mir ein, und wir tränten.

Ich sah, wie Nom mit dem jungen Dickmann tanzte. Aber tch wm recht guter Laune und froh, daß ich gekommen war.

Es wurde später und später. Ich hatte schon eine Menge getrunken

Ich suchte Nom, Sie tanzte mit dem jungen Dickmann, und im ®e wühl der Tanzenden sah sie mich nicht. Ich hörte, wie er sie fragten Fährst du mit mir nach London?"

Sie schwieg, senkte den Kopf, bann hob sie ihn wieder und nickte.

Ich stand noch eine Weile unter den Tanzenden, dann lief ich raus.

Zu Hause ging ich die ganze Nacht hindurch in meinem Zimmer au und ab.

Ich kam lange nicht mehr in bas Dorf zurück. Ich hatte meinen Venu gewechselt, lebte da und dort. Es ging nicht recht aufwärts mit mir.

Ich beschloß, in Berlin mein Glück zu versuchen. Zuvor wollte ich bas kleine Dorf am Geesthügel noch einmal sehen.

Ich kam von Bremen, die Kleinbahn brachte mich durch die Niede­rung, und bann wanderte ich die birtenbeftanbene Landstraße entlang auf den Hügel zu, vSg

Am Abend ging ich über den Berg, und an der Kiefer oben blieb ich stehen und sah über bas Moor hin. Es war eine große Leere in mir.

Am andern Morgen fuhr ich nach der Stadt zurück. Ich wollte gleich nach Berlin weiterfahren. Als es Zeit wurde, ging ich durch die Spercu nach oben, verstaute in meinem Zug die Koffer und stieg dann noch ein­mal aus, um auf dem Bahnsteig ein wenig auf und ab zu wandern.

Eine junge Dame mit einem schweren Koffer ging am gegenüber liegenden Zug entlang, er fuhr, wi« ich an den Schildern sah, noch Hamburg.

Sie wandte den Kopf und blickte herüber. Da erkannte ich sie. M zögerte noch, aber bann ging ich zu ihr.

Sie schwieg. Wir standen uns gegenüber und hatten uns noch nicht einmal die Hände gegeben.

Schließlich sagte sie leise:Ich bin jetzt in Hamburg." Und noch leist" fügte sie hinzu:... er war ja reich und hatte alles .... aber ..." S« fah mich an.

Und du?" fuhr sie fort,du bist ja wahrscheinlich schon längst oer heiratet...?" Ich schüttelte den Kopf.Nein", sagte ich,es geht nichs so recht voran mit mir. Ich will nach Berlin und dort sehen, was W tun läßt."

Der Bahnsteig war inzwischen leer geworden.Du mußt einsteigen > sagte ich, nahm ihren Koffer und sah mich nach einer Abteiltür um.

Aber sie blieb stehen und sagte:Ich möchte nicht mehr nach ft0" bürg."

Da sah ich, wie die Wagen anruckten und ins Rollen kamen. De" Zug fuhr mit Gedröhn aus der Halle und Nom sah ihm nach.

Und nun?" fragte ich.

Sie sah mich an und lächelte.Weißt du noch, die Kiefer, damals: Ich sagte:3a, ich war gestern abend da."

Sie stand und lächelte mich an. Mein Zug fuhr nun auch gleich.

Komm", sagte ich bann,komm!"

Als wir im Abteil saßen und über die Weserbrücke glitten, sagte leiser:Wir werben uns eine Wohnung suchen und ganz von vorn «fr- fangen, vielleicht gelingt es nun." Da lachte sie und drängte sich mr entgegen.

Vorsicht", sagte ich,der Schafftrer nun müssen wir erstmal sehem was mit dir machen. Du hast ja gar keine Karie!"

Verantwortlich: Dr. Hans Thvriot. Druck und Verlag: Drühlsche TlniverfitLtsdruckerei A.Lange, Gießen.