Ausgabe 
28.7.1939
 
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Morgenlied.

Bon Hans Franck.

Der Tag ist auferstanden nun aus dem Grab der Nacht. Und über allen Landen in unvermehrter Pracht steigt Gottes Sonne wieder am Himmel hell empor. Der Bügel lichte Lieder vereinen sich zum Chor: Befreit Euch aus den Baüden der Finsternisi ErwachtI Der Tag ist auferstanden nun aus dem Grab der Nacht!"

Der Tag ist auferftanden nun aus dem Grab der Nacht. Die dunklen Stunden schwanden. Bieltausendfältig lacht des Lichtes farbige Fülle fchon regenboaenbunt in jedes Tropfens Hülle, damit uns werd« kund: Wer siegte in dem Branden der urweltlichen Schlacht. Der Tag ist auferftanden nun aus dem Grab der Nacht.

Der Tag ist auserstanden nun aus dem Grab der Nacht. Auch wenn den Tod sie sanden die Tropfen, die entfacht des Lichtes Schein hienieden, sie sind vergangen nicht, find nur von uns geschieden. Denn siebenfarbig bricht ewig in Erdenlanden sich Sonnenwogenmacht, wo jubelnd auferftanden Tag aus dem Grab der Nacht.

Hans Franck im Spiegel.

Zum 60. Geburtstage des Dichters am 30. Juli 1939.

Don Heinrich Zerkaulen.

Zu Beginn einer Betrachtung über das dichterisch« Werk Haus Francks, müßte das Wort Musik stehen. Und diese Musik müßte gleich fest umrissen fein: Bach. Wie eine mächtige Fuge, so baut sich die Lebensarbeit dieses Mecklenburgers auf, aus einem bäuerlichen Grundmotiv abzuleiten, ge­nadelt in den Variationen des jäh Ringenden, bis der breite Schluß- ei"orb wieder da einmündet, wo die erste Melodie aus langer Ahnenkette «rsblühte, nämlich im eigenen bäuerlichen Grund und Boden, im Bauern* sms seines 50-Morgen-Besitz«s zwischen dem Ziegelsee und dem Großen Lchwerinersee.

Das Ackerland der Hans Franck'schen Phantasie ist sogenannter schwe- «r Boden. Der Dichter wurde in Wittenburg (Mecklenburg) geboren, sein Vater war Dachdeckermeister. Nach Besuch der Bürgerschule ab­solvierte er das Lehrerseminar in Neukloster und war dann bis 1911 tn Hamburg Volksschullehrer. Der Erntewagen seiner Dichtungen fährt nicht jl«r pulvrigen Sand leicht dahin wie ein Schiff über ruhig« See er rumpelt über eine Erde, die nicht nachgibt, deren Steinen man nicht aus itm Wege gehen kann, die man entweder fortraumen oder besser noch, »trer[t zertrümmern muh. So ist die Problemstellung von vornherein in hbbelschem Grüblersinn oerantert, hat nichts mit gefälliger Hausmanns- lc[t zu tun, will nachgearbeitet jein, wie der Dichter sie vorgearbeitet hat.

Bleiben wir etwa bei dem letzten großen Werk Hans Francks Annette", dem Lebensroman der Droste (Verlag Adolf Sponholtz, Han- nwcr). Da klingt viel Wesensoerwandtheit mit, das gleiche Gottfucher- luin, das gleiche Ringen um den Menschen im Du, viel Einsamkeit, viel E-mpf, di« große Tugend des Ausharrenkönnens doch auch die gleiche 2«ft an der Handhabung der strengen Gesetzmäßigkeit einer unerbitt­lichen künstlerischen Formung. Hans Franck war nicht umsonst Jahre »ter Dramaturg an einer der ersten Bühnen des Reiches aus der Vor- Ifcegszeit, nämlich bei der Dumont in Düsseldorf. Seine Dramen, etwa bii unvergeßlichenGodiva" undOpfergang", find Muster einer durch- J'feilten Dramaturgie.

Aber den ehemaligen Schulmann Hans Franck reizte damals in $K(felt)orf nicht weniger die geplanteHochschule für Bühnenkunst". Und zum heutigen Tag ist der Dichter zugleich der fesselnde und formende Kiititer oder Redner geblieben, der nicht mit sich feilschen läßt in Fragen kr Kunst und eines Bekenntnisses, das 1933 nicht erstumlernen tauchte.

Denn dies unterscheidet Hans Franck von den blutleeren Verkündern *ier grauen Theorie, daß es ihm allein um das Herz zu tun ist. Als 8: ifpiel unter vielen diene etwa seine ErzählungGerichtet". In das Büit und den Frieden eines kleinen Schlosses an der Oise bricht der Krieg ein. Der Hausherr wird an die Front gerufen und verpslichtet «inen Sohn zum Beschützer der Mutter vor den einrückenden Deutschen. ®i« nun die Schloßherrin angerührt wird von der ihr bis dahin unbe- knnten deutschen Musik eines Beethoven, Mozart, Haydn, wie sie als jjtau sich aufzugeben droht und sich dennoch Überwindet, wie verletzter itiauenstolz sich hinüberrettet in das llebersinnliche, da Monate später «c zurückgekehrte Gatte und die Söhne glauben, über sie zu Gericht Wn zu müssen und sich dadurch selber richten dies gestaltet Hans

Franck mit starker dramatischer Spannung und in einer meisterlich psy­chologischen Vertiefung.

Wenn ich darüber hinaus kaum einen Menschen kenne, auf den das Wort Preußentum so gut paßt wie auf Hans Franck, dann deshalb, weil bei aller Unerbittlichkeit feiner logischen Schlußfolgerungen immer der Klang eines fernen und gütigen Flötenkonzertes mitzufchwingen scheint: Musik der Seele aus friderizianischer Zeit.

Die Werke dieses Dichters im einzelnen auszuführen, wäre auf knap­pen Raum unmöglich. Diesem Meister der kleinen und großen Fuge des menschlichen Lebens find alle Kunstgattungen in gleichem Maße und in verblüffendem Reichtum bekannt. Die gemeißelt« Art seiner Pointierung adelt di« Kurzgeschichte in den SammlungenDer Regenbogen" und Das Zeitprisma" und verleiht der großen Epik di« naturgeroollte Atempause.

Die kulturpolitische Sendung Hans Francks begann einst mit der Herausgabe der Hauszeitschrift des Düsseldorfer Schauspielhauses, den Masken". Die preußifche, menschliche und dichterische Sendung Hans Francks aber könnte gut in einem feiner Aussprüche gipfeln:Wohin die Wege auch gehen, sie führen zuletzt immer zu uns selber."

Zum Leiter geboren.

Anekdote von Hans Franck.

Zum Reiter", sagt ein altes Wort,zum Reiter muß man geboren sein. Wer es nicht ist, der kann vielleicht lernen, auf einem Pferde richtig zu sitzen, aber niemals das Reiten."

Mit dem Gottesgeschenk des Reiter-Seins war wie wenige vor ihm und noch wenigere nach ihm der General Seydlitz an dem Tage seiner Geburt begnadet worden. Hatte er den atmenden Leib eines Pserdes zwischen seinen Knien, dann verwuchs er mit diesem im Nu so sehr, daß es war, als kreiste ein Blutstrom durch beide hin. Jeder Wunsch, jede Regung seines Herzens sanden unmittelbar ihren Weg zu dem Herzen des Tieres. Selten nur bedurfte der Reiter zur Uebertragung seines Wil­lens der Worte, kaum je des Zügels oder gar der Sporen, in keinem Fall der Peitsche. Jedes Wittern und Warnen, jedes Schrecken und Scheuen, jedes Zanken und Jauchzen der Tiere hinwiederum empfand desselben Augenblicks der Reiter in solcher Stärke, daß er oftmals mit guten Gründen glauben konnte, sie wären aus ihm aufgestiegen.

Von nichts sprach daher General Seydlitz lieber als von Pferden. Was diesen Gesprächen jeweils voraufging, es waren nur Präludien zu dem eigentlichen Wortwerk, um dessenwillen allein es sich lohnte, daß Männer zuweilen halbe Nächte lang redend beisammen saßen. War das allgemeine Gespräch zu dem zweiten großen Soldatenthema Frauen endgültig abgebogen, so verließ der Reitergeneral un­weigerlich wenige Minuten später das Zimmer und legte sich, nachdem er seinen vierbeinigen LebensgefährtenGute Nachtl" gesagt hatte, zu Bett. Liebe? Gewiß, es gab nach dem Reiten und dem Schlachtenschlagen nichts Schöneres auf Erden. Aber von Frauen konnte und durfte man, feiner Meinung gemäß, nicht reden. Von Pferden dagegen unerschöpf­lich, was über sie sich nicht nur sagen liefe, sondern immerfort gesagt werden mußte.

Eines Abends, als in Gegenwart des Königs das Gespräch wieder einmal auf Pferde gekommen war was bei ihm schneller als unter Kameraden zu geschehen pflegte, da Gespräch« über Frauen in dessen Gegenwart sehr bald versickerten, eines Abends vermaß Seydlitz sich vor dem König zu der Behauptung:Solange ein Soldat noch ein lebendiges Pferd zwischen den Knien hat, braucht er sich unter keinen Umständen gesangennehmen zu lassen. Tut er es doch, dann ist er entweder ein er» bärmlicher Feigling oder ein schlechter Reiter!"

Alles blickte voller Erwartung auf die Majestät, um jede Silbe der Zurechtweisung aufzufangen, welche dieser Ueberheblichkeit folgen mußte. Denn der König hatte in seinen Kriegen Diele Soldaten samt ihren Pfer­den als Gefangen« verloren und es waren manche feiner Besten darunter, denen dieses bittere Geschick widerfuhr. Es stand demzufolge auch unver­kennbar eine Unmutwolke auf der Stirn des Großen Friedrich, als die herausfordernden Worte des Generals Seydlitz gefallen waren. Aber entgegen allem Erwarten blieben sowohl die Spottesblitze seiner Augen wie der Zorndonner seines Mundes aus. Da der König schwieg, so schwiegen auch feine Untergebenen zu der frevelhaften Behauptung des Pferdenarren in ihrer Mitte; und das Gespräch wandte sich, nach der Weisung des höchsten Herrn, von den Pferden fort, wieder anderen Dingen zu.

Eine Woche darauf fetzte Friedrich, der auf Behauptungen vermessener Art lieber mit Taten als mit Worten seine Meinung kundgab, ein Reiter- gesteht in der Havelnähe an. Das eine der beiden miteinander ringenden Regimenter besehligte der König, das andere Seydlitz. Als gegen Mittag das wechselreiche Gefecht abgebrochen wurde, standen immer noch die Truppen Friedrichs diesseit, die Truppen des Generals Seydlitz jenstit der Havel. Denn es war keinem von beiden gelungen, die Brücke, welche ihre Ufer verband, fo oft auch Reitermaffen über sie hin- und herwogten, endgültig für sich in Besitz zu nehmen.

Also sprengte nach Abbruch des Gefechtes Friedrich, nur von feinem allernächsten Gefolge begleitet, zu der Havelbrücke und hielt, sobald er ihre Mitte erreicht hatte, plötzlich an.

Seydlitz, der Meinung, dafe die abschließende Kritik auf der Bruck- gehalten werden soll, sprengt mit feinem Pferde, einem feurigen Fuehs, dem König entgegen; fo schnell, dafe er nicht gewahrt: Ihm folgt, im Gegenfatz zu feinem Herrn, keiner auf die Brücke.

Als der General vor seinem königlichen Gebieter zwischen den beiden Havelusern oberhalb des strömenden Wassers hält, reifet dieser Arm und Degen senkrecht gen Himmel. Das ist den Führern der Reiterscharen hüben und drüben das vereinbart« Zeichen. Ehe noch der überrumpelte General ganz begreift was geschieht, haben auf beiden Seiten ihr« Trup­pen die Brücke abgeriegelt, so daß es für den in die Falle Gepreschten ein Entweichen nicht mehr gibt