Traurigkeit, und dann in Wut über angeblichen Verrat an der Sache Frankreichs. Und diese aufgeregte Menge, diese Masse Mensch, dieses Paris, Gehirn und Herz Frankreichs, versteht nicht, daß alles jo ist, wie es sein mußte, daß man sich diese Enttäuschung selbst zuzuschreiben hat, weil man planmäßig die öfsentliche Meinung mit der Unterschätzung des deutschen Gegners vergiftete, weil man ständig eigene Niederlagen ver­schwieg und den Feind als nichtswürdig und feig hinstellte. Jetzt rächt sich die rosarot gestimmte Propaganda einer unsachlich eingestellten Presse. Nicht Nioelle hatte versagt, sondern die französische Presse, die in Schön­färberei machte, wo sachliche und ernste Aufklärung viel besser und be­ruhigender gewirkt hätte. Nicht Nivelle und keiner dieser Generäle hat Frankreich verraten oder im Stich gelassen, sondern die öffentliche Mei­nung wurde wochenlang, monatelang, jahrelang planmäßig vergiftet.

Aber Paris will das noch nicht einsehen. Paris kocht und brodelt vor Ungeduld. Was ist geschehen da vorne, da oben an der Front? Was? Wie? Wann? Und durch wen?

Die Front liegt wieder erstarrt. Die Front wird aber erneut aufleben und sich aus der eisernen Umklammerung des feldgrauen Gegners zu befreien suchen, um noch einmal und immer wieder den Sprung in die Eben« hinab und an den Rhein zu wagen. Aber bei jeder Bewegung wird die feldgraue Klammer fester, rücksichtsloser zupacken.

Vorläufig ruht noch die Front und schöpft Atem zum neuen Tag, denn Nioelle will morgen, am 17. April, noch einmal di« ganze Streit­macht einsetzen, noch einmal alles marschieren lassen, was ein Gewehr tragen kann, noch einmal zur Sprengung des feldgrauen Gürtels rück­sichtslos und machtvoll anfetzen. Wichtiger als die langsam nachlassenden und sicher absterbenden Einzelkämpfe um kleinere Grabenstücke und Trichterwüsten sind jetzt die Ereignisse hinter der französischen Front.

In Majsen strömen die verwundeten Poilus nach hinten. Jawohl, die Verwundeten des ersten Lazarettzuges, die damals am Rande des Pariser Häusermeeres solch böse Nachricht verbreiteten, hatten recht, als sie von einem bisher nicht gesehenen Einsatz deutscher Maschinengewehre sprachen und die zielbewußte Abwehr der deutschen Front erwähnten. Daher auch die ungeheure Zahl von Verwundeten. Zu Tausenden, zu aber Tausen­den strömen sie nach hinten. An der Spitze die Leichtverwundeten, die Männer mit geringeren Schüssen, jene, die sich noch helfen können, die noch mit eigener Kraft vom Fleck kommen. Nur weg, nur rasch fort aus dieser Zone des Todes, nur fort und nicht mehr gewartet, nicht mehr gezögert!

Dahinter, viel langsamer, kommen die Humpelnden mit Beinschüssen. Sie gehen ineinandergehakt, vielfach gestützt oder getragen von Feld­grauen, denen.das Soldatenlos ein-bitteres Schicksal als Kriegsgefangene bereitet hat.

Und dann kommen die andern, die Schwerverwundeten auf Bohren, die blutigste Deute der Schlacht. Männer mit Brustschüssen, mit schweren Bein- und Bauchschüssen. Und sie alle haben nur eine Genugtuung und nur einen Trost die Hoffnung auf baldig« und anständige Hilfe irgendwo in einem Feldlazarett. Jawohl, da hinten wird man sie sach­gemäß verbinden, laben, verpflegen, man wird sie sanft und gut behan­deln, weich betten, ihnen Gelegenheit geben, die müden Glieder aus- zustxecken. Und man wird sie dann in langen Lazarettzügen ins friedliche Hinterland befördern, in den werdenden Frühling irgendwo im Süden.

So glauben die nach rückwärts hastenden oder getragenen Verwunde­ten. Sie haben ein Anrecht auf diesen Glauben an die rasche, selbstver­ständliche Hilfe.

Aber die Wirklichkeit ist anders. Die Wirklichkeit ist furchtbar. Die wenigen Lazarettzüge sind schon um die achte Morgenstunde überfüllt. Leichtverwundete haben sie einfach im Sturm genommen. Nicht genug. Aus zwei Zügen müssen schlotternde und vor Angst bebende unverwundete Senegalneger gejagt werden. Mit Waffengewalt treibt man die Neger heraus, wirft sie durchs Fenster ins Freie, wenn sie nicht gutwillig den Platz räumen wollen; man treibt sie vom Bahnsteig.

Abfahren", schreien die Leichtverwundeten,wir wollen weg ins Innere, los, haut ob!"

Das Zugpersonal aber weigert sich abzufahren, denn es hat Anweisung, nur bettlägerige Verwundete mitzunehmen, keine Armschüsse, keine Schul- terschüsse, keine leichten Kopfschüsse. Aber jene, die Schwerverwundeten um die es geht, die hier mitfahren sollen, sind noch nicht da, werden erst im Lause des Nachmittags oder gar erst am Abend hier eintreffen.

Und wir, was sollen wir denn", schreien die Leichtverwundeten voller Empörung,sind wir vielleicht räudige Hunde, haben wir unsere Pflicht da oben auf den Höhen nicht getan? Es gibt ja genug Züge in Frank­reich, warum stellt man nicht genügend Züge bereit? Fahrt uns schon mal weg ins Hinterland, dann habt ihr Platz für die Nachrückenden. Wir wollen ja gern für unsere schwerverwundeten Kameraden zurücktreten, wenn cs fein muß, aber wenn wir hier bleiben sollen, dann gebt uns an, an wen wir uns zu wenden haben! Wo ist hier ein Lazarett, wo ist hier ein Verbandplatz, wo ist hier eine Verpflegungsstelle für Verwundete? Wo kann man die notwendigen Tetanusspritzen gegen Wundstarrkrampf bekommen? Sprecht doch schon, ihr Pflasterkästen und Karbolmäuschen. Wo ilt hier der Sanitätsdienst? Ja bitte, wo ist er--?!"

3a, wo ist hier der Sanitätsdienst? Er ist nicht da. Daran hat man ">cht gedacht. An solche Dinge hat man wirklich nicht gedacht bei der Vor­bereitung des großen Vormarsches. Gewiß, mit großen Verlusten hat man gerechnet. Aber diese Verluste würden sich auf einer langen Strecke von der Aisne bis zum Rhein hinziehen. Nicht ohne große Opfer würde man die Befreiung Frankreichs erreichen. Aber auf diesem noch unzer­störten Zwischengelände würden sich manche Gelegenheiten zur Unter­bringung der Verwundeten finden. Man würde die eroberten deutschen Lazarettbaracken und Sanitätseinrichtungen für sich beanspruchen können.

Nun aber ist alles anders gekommen. Die harten Verluste sind da, und zwar auf kleinem Raum. Und die deutschen Sanitätsbaracken liegen «roch weitab als fernes Ziel im feindlichen Hinterland. Eine ganz« Armee Verwundeter sucht vergeblich Schutz, Rat und Hilfe. Die wenigen Divi- fions-Verbandplatze sind im Augenblick überschwemmt. Alle Kirchen und schulen und Scheunen sind mit Verwundeten belegt. Dazu kommt noch

die Enge aller Unterkunftsmöglichkeiten. Denn hier steht ja immer noL die Verfolgungsarmee des Generals Duchesne eng zusammengeballt und wartet auf den Befehl zum endgültigen Vorstoß, zum Vormarsch in die Ebene.

Die Nacht sinkt nieder. Eine eisige, furchtbar« Schnee- und Regen- nacht ifts, eine böse Aprilnacht. Immer noch hält der traurige Zuzug Verwundeter an. Jetzt, im Schutze der Dunkelheit, bringt man die schlimmsten Fälle, die Schwerverwundeten herbei, trägt sie auf Bahren oder in Zeltbahnen frei über das Trichterfeld hinweg nach hinten. Aber für diese Verwundeten ist jetzt kein Fleckchen mehr frei, kein Dach, keine Strohhütte, kein Stuhl, nichts mehr. In Eil« hat man Leerzüge aller Art herbeibefohlen.'Aber vor Morgengrauen können sie nicht da sein.

Was geschieht mit den Schwerverwundeten, ja, was soll mit ihnen geschehen? Sie müssen warten. Und die Schwerverwundeten warten--

liegen draußen im Freien auf Bahren, in den Dorfstraßen, auf matschigem Feld. Glücklich, wer noch ein« Heine regengeschützte Ecke unter einem. Dachvorsprung ergattern kann. In den Häusernischen kauern sie, Männer mit Bauchschüssen, zu dreien und vieren raffen sie sich auf und wanken langsam ins Hinterland auf der Suche nach einer Bleibe, Männer mit Brustschüssen, mit Blutgerinsel hn Mundwinkel, säst schon Sterbende.

Die wenigen Aerzte arbeiten unverdrossen. Nur die schwersten Fäll« kommen auf den Operationstisch. Alles andere wird mit einer raschen Spritze abgefertigt. Nach und nach hat man die Leichtverwundeten abg« schoben und die vorhandenen Plätze mit den schwersten Fällen belegt Aber auch für sie reicht die verfügbare Bettenzahl bei weitem nicht aus. Und derweilen wankt das Heer der Leichtverwundeten ziel- und planlos gegen Süden. Viele Soldaten, deren Verwundung nur leichter Natur sind, bleiben auf der Strecke liegen und sterben am Wegrand, weil sich bie Wunden durch Kälte, Feuchtigkeit und Ueberanftrengung entzünden, ver­schlimmern und Fieber verursachen.

Innerhalb weniger Stunden erleidet Frankreich eine zweite Niederlage. Die erste Niederlage mar oben auf den Höhen, war das Mißlinget des erhofften gigantischen Durchbruchs und des frischsröhlichen Vormarsches bis zum Rhein. Die zweite Niederlage ist das Versagen auf dem Gebiet des Sanitätswesens. In der sorglosen und sträflichen Unterschätzung des Gegners hatte man solche Verluste nicht für möglich gehalten und dem­entsprechend auch nur geringe Sanitätskräfte bereitgehalten.

Die Leichtverwundeten marschieren in langen, endlosen Kolonnen hin­kend durch Dörfer und Weiler und Städtchen. Beim Morgengrauen sind sie in Fere-en-Tardenois, dann unten an der Marne.

Gegen Mittag des 17. April kommt die Spitze der Kolonne schon nach Chateau Thierry. Im Lause des Tages wanken auch zwei- bis dreitausend Verwundete durch das Hauptguartier des Generals Nivelle, ziehen vorbei, finsteren Blicks, Nase am Boden, ohne zu grüßen, ohne einen der zahl­reichen hier anwesenden Stabsofiiziere zu beachten.

Nivelle steht am Fenster seines Quartiers und blickt hinaus, sieht die armen Poilus vorbeigehen, die blutige Beute der Schlacht, die namenlosen Helden, die stillen Dulder ohne Bleibe, ohne Aufenthalt, ohne die Mög­lichkeit, irgendwo die Glieder auszuruhen, ja, sogar noch ohne Verpflegung. Jetzt erst versteht er, daß irgendwo große Fehler begangen wurden, daß nicht alles so ist, wie es sein sollte. Er hat auch für den kleinen Poilu ein Herz und kann es nicht zugeben, daß ein verwundeter Soldat, der für bas Vaterland fein Blut vergoß, nicht einmal Hilfe finden kann ober sie auf eigene Faust suchen muß. Eine Schmach, daß solches gerade in seiner Angriffsarmee möglich ist. General Nivelle nimmt sich vor, diesen uner­hörten Fall genauestens zu untersuchen. Er wird jeden zur Rechenschaft ziehen, der beim Sanitätsdienst vorn versagt hat.

Aber er wird nicht mehr dazu kommen, denn ihn, nur ihn allein wird man für oll diese Fehler verantwortlich machen. Ihm allein wird man alles aufbürden und alle Schuld beimeffen und niemals zugeben wollen, daß er nur das Beste gewollt hat.

Im Augenblick kann sich General Nivelle ufn di« Verwundeten nicht kümmern, denn er steht vor großen Entscheidungen. Es geht jetzt um Fortsetzung ober Abblasen der Schlacht überhaupt. Mißmutig wendet sich der Oberbefehlshaber zu seinen Offizieren hin, zeigt mit der flachen Hand hinaus auf die blutverkrustete, lehmgrau« Elendsmasse, die am Fenster vorbeizieht, und sagt:

Meine Herren, bitte, sehen Sie sich das an! Ist bas würdig? Kann Frankreich solches verantworten? Ist es möglich, daß ein So Iba t, der für Frankreich geblutet hat, so behandelt wird? Ich werde strenge Maß­nahmen ergreifen, meine Herren, strenge Maßnahmen---!"

Draußen zieht der Heerbann der Verwundeten vorbei. Einer der Offiziere aus Nivelles Umgebung schreibt einen Befehl an den Ortskom­mandanten von Dormans:

Sie haben streng daraus zu achten, daß Züge von Rückläufern, aber auch von Verwundeten, die zu Fuß ins Hinterland gehen, nicht mehr durch Dormans kommen. Alle diese Transporte müssen vor dem Städt­chen abgefangen und umgeleitet werden--!"

General Nioelle darf die Wahrheit nicht erfahren.

Und wie steht's mit Paris? Darf Paris die Wahrheit erfahren? Durch Paris geistert, wie ein Lauffeuer, am Nachmittag dieses 16. April bie Nachricht vom Zwischenfall im Bannmeilenbahnhos. Von Mund zu Mund, von Gasse zu Gasse, von Stadtviertel zu Stadtviertel wird bie Nachricht weitergegeben, mit Kommentaren versehen, ja noch erbittert ausgeschmückt. Nur wenige Menschen haben feit Kriegsbeginn einen un­gebrochenen Optimismus bewahrt, einen Eigenmut, der sich auch in den schlimmen Tagen der Marnefchlacht bewährt hat und seine Feuerprobe bestehen konnte als Galieni, mit Hilfe der Pariser Autodroschken, einen Ausfall gegen Norden wagte und den letzten Poilu und das letzte Gewehr nach vorn« in die Waagschale warf. Heber diese ausgezeichneten Patrioten ist nichts zu sagen. Sie schweigen auch jetzt und tragen sie still, diese Wucht einer Erkenntnis, die düster vorn Dornenweg herüberdämmert.

(Fortsetzung folgt.)