Streiilied zwischen Leben und Tod.
Volksweise.
So spricht das Leben: Die Welt ist mein, mich preisen die Blumen und Vögelein, ich bin der Tag und der Sonnenschein — so spricht da? Leben: Die Welt ist mein.
So spricht der Tod: Die Welt ist mein, dein Leuchten ist nur eitel Pracht, sinkt Stern und Mond in ew'ge Nacht — so spricht der Tod: Die Welt ist mein.
So spricht das Leben: Die Welt ist mein, und machst du Särge aus Marmorstein, kannst doch nicht sargen die Liebe ein — so spricht das Leben:
■ Die Welt ist mein.
So spricht der Tod: Die Welt ist mein, ich habe ein großes Grab gemacht, ich habe die Pest und den Krieg erdacht —» so spricht der Tod: Die Welt ist mein.
So spricht das Leben: Die Welt ist mein, ein jedes Grab muß ein Acker sein, mein ewiger Samen fällt hinein, so spricht das Leben: Die Welt ist meinl
Das letzte Mammut.
Line Tier- tutf Menschengeschichte aus Deutschlands Urzell von Herbert F. Schidlowfky.
' Dunkelragend und gewaltig wie ein Berg stand er im trüben Licht bes wolkenverhängten Tages — reglos, den Blick mit seltsam starrem und abwesendem Ausdruck geradeaus gerichtet, den zottigen Schädel mit den mächtigen weißen Sicheln der Stoßzähne so tief gesenkt, daß der Rüssel wie ein totes und nutzloses Anhängsel den steinigen Boden streifte. Es lag etwas Düsteres, Müdes und Hoffnungsloses in di eser Haltung, als wüßte der alte Mammutbulle gut, daß er der Letzte seiner Art war — einzig Ueberlebender eines zum Aussterben verurteilten Riesengeschlechts, für das die sich neu gestaltende Erde keinen Raum mehr hatte.
Längst schon war er allein. Stumm blieb um ihn die Wildnis, ewig 'antwortlos die Ferne, so oft er auch den Rüssel hob und mit langgezogenem, klagendem Trompetenton seine Sehnsucht und Verlassenheit in die Welt hinausschrie. Vergeblich hatte er auf der Suche nach seinesgleichen jahraus, jahrein die lichten, jungen Waldstevpen zwischen vber- rheln und Donau durchstreift, bis eines Tages ein dunkler Instinkt den Einsamen mit unwiderstehlicher Gewalt wieder nordwärts getrieben hatte, zurück in die freie, winddurchbrauste Weite der Tundra, die feine alte und unvergessene Heimat war. lieber Hochmoore, klirrende Geröllhalden, zwergbirkenumwucherte Hügelrücken und gelbe, von Bächen dunkel geäderte Lößfelder war er gestampft — rastlos und unbeirrt nordwärts, immer dem Winde entgegen, den der große Gletscher wie einen kalten und machtvollen Atem weit über das flache Land blies. Lange Wochen hatte er gebraucht, um in vorsichtigem Bogen die noch Ichneeverwehten Berge des Harzes zu umwandern — jene seltsame, fremdartige und unübersichtliche Welt der Gipfel, Täler, Schluchten, die ,n seinem Innern unwillkürlich eine beklemmende Ahnung heimtückisch lauernder Gefahren aufdämmern ließ.
Nun aber war die große Wanderung beendet. Vor ihm lag die äußerste Grenze allen blutwormen und atmenden Lebens. Weiter nördlich war nichts als Kälte, Starrheit und Tod. Denn weiter nördlich war der große Gletscher.
Schimmernd türmte er sich himmelan — ein ungeheures Gebirge aus bläulichem Eis, kalthauchend, feindselig und drohend. Tiefe klaffende Spalten und Risse durchfurchten seine fteilragende Stirnwand, von der die Schmelzwasserbäche herabstürzten gleich flatternden Silbersträhnen, vom Winde zu wallenden Schleiern zerstäubt, noch ehe sie den Boden erreicht hatten. Ein nie verstummender donnernder Lärm ging von ihm aus wie eine wilde und gewaltige Stimme. Denn der Gletscher schmolz, und fast unablässig jagten von seinen zerklüfteten Steilhängen die
Lawinen nieder: riesige Blöcke mürben, sonnenzerfressenen Eises, die erst langsam und zögernd in gleitende Bewegung kamen, um dann in staub- umhüllten Zickzacksprüngen immer schneller und unaufhaltsamer ab- warts zu rasen und schließlich mit schmetternder Wucht auf die den Fluß des Gletschers umsäumenden Moränenhalden aufzutreffen, daß die Eis- und Steinsplitter prasselnd aufspritzten.
Minutenlang starrte der alte Mammutbulle mit abwesendem, düsteren Blick auf das gewaltige Schauspiel, dessen Bild endlose Jahre unaur- löschlich in seinem Innern gelebt hatte. Dann schwenkte er langsam un- schwerfällig herum und schritt in westlicher Richtung weiter.
Die nun vor ihm liegende, durch die felsigen Dorberge des Harzes und den Gletscher gebildete Talenge lag völlig einsam und wie aus- gestorben: nur der kalte Wind streifte über sie hin, ruhelos und verloren. Nirgends war ein Baum oder ein Strauch — nur spärliche Grasbüschel und Flechten nährte die bis in die Tiefe gefrorene steinig! Erde, die selbst die inbrünltige, wenn auch kurzwährende Glut der Sommersonne nur oberflächlich austauen ließ. Und doch war es bie gleiche Erde, die dreißig Jahrtausende später wogende Kornfelder, Obstgärten und blühende, von Arbeit und Leben erfüllte Dörfer deutscher Menschen tragen sollte ...
Eilig stampfte der braune Koloß in wiegendem Paßgang seines Weges, als hätte er ein bestimmtes Ziel vor sich, dem er unbeirrt zustreb le. Die Talenge zu Füßen des großen Gletschers war ihm wohlver- traut, sie bildete seit Urzeiten dir natürliche Wanderstraße für alles Wrl- und Getier, das von Oft nach West und in umgekehrter Richtung seinen Standort wechseln wollte.
Doch in diesem Jahre hatte der Gletscher seine Eismassen bis dichi an die Harzberge herangeschoben, so daß der Durchgang stellenweise- schluchtartig verengt war. An einer solchen Stelle geschah es, daß der alte Bulle plötzlich den Schritt verlangsamte und mit erhobenem Rüssel, sorgsam die Witterung zu prüfen begann, während er mit seinen kleinen,, kurzsichtigen Augen unruhig die steilen Felswände abtastete, als suchten sie nach verborgenen Gefahren. In seinem Blick stand eine dunkle, unbestimmte Furcht. Es waren seiner Sippe in den letzten Jahrzehnten neue und schreckliche Feinde erstanden — seltsame aufrechtstehende Geschöpfe, denen er trotz seiner Größe und gewaltigen Kraft nicht gewachsen war. Wo immer sie auftauchten, hatten sich die Reihen der Mammute unaufhaltsam zu lichten begonnen.
Den Rüssel gegen den Wind gereckt, die zottigen Ohrlappen ausgerichtet, stand der Alte eine ganze Weile in wachsamer, regloser Erwartung. Doch so sehr er seine Sinne auch anspannte — nichts war zu. hören als das dumpfe, nie abreißende Grollen der Lawinen und der kalte Wind, der fauchend von den Hängen des Gletschers niederfuhr schien rein und frisch, als käme er vom Ende der Welt ...
Zögernd setzte sich der Riese wieder in Bewegung, langsam und vor sichtig, Schritt für Schritt. Doch dann schien ihm abermals, stärker und zwingender noch als zuvor, das alte Mißtrauen zu befallen — jenes tiefeingeborene, warnende Mißtrauen, das alle Geschöpfte der freien, weiten Ebene im Angesicht fremder und unübersichtlicher Landschaftsformen überfällt. Wieder blieb er unschlüssig stehen, um mit gestrecktem Rüssel die Witterung zu prüfen.
In diesem entscheidenden Augenblick ließ ihn ein seltsam fremder Laut, der hinter seinem Rücken erklang, jählings mit erregtem Schnauben, herumfahren.
Durch die Talenge schob sich von Osten her langsam eine lebendig! Mauer von Tierleibern heran. Es waren die ersten Vortruppen der gewaltigen Renntierarmeen, die wie alljährlich vor dem nahenden Sommer mit seiner Hitze- und Mückenplage nordwärts in die Tundra flüchteten. Tausende von Hufen traten ungeduldig den steinigen Boden, Tausende von verästelten Geweihen stießen klappernd und rasselnd aneinander ... So kam die unübersehbar große Herde langsam bis aus Steinwurfweiie heran und machte dann abwartend halt, als wolle [i< dem Riesen respektvoll den Vortritt gönnen.
Der vertraute Anblick schien dem Alten fast augenblicklich ein trügerisches Gefühl von Sicherheit zu geben. Sein drohend erhobener Rüssel fiel jäh herab, der wild flackernde Glanz in seinen Lichtern erlosch. Wir beschämt über seine eigene Feigheit senkte er den Kopf, wandte sich schwerfällig um und schritt ahnungslos in sein Verderben.
So unerwartet und Überraschend kam alles, daß sein dumpfes Gehirn keine Zeit fand, das Geschehene klar zu erfassen: Prasselnd teilt! sich unter seinem Tritt die Erde — und im nächsten Augenblick lag der Koloß, sich überschlagend, auf dem schlammigen Grunde der Fallgrube. Er war gefangen! '
Nur einen einzigen, langgezogenen wilden Trompetenton der Wut, der Verzweiflung und des Entsetzens konnte der Alle ausstoßen — dann traf ein riesiger scharfkantiger Granitblock, von kraftvollen Männer- fäusten über die Felswand herabgerollt, mit schmetternder Gewalt seine Stirn und ließ ihn taumelnd zusammensinken. Und während schon unaufhaltsam aus feinem gewaltigen Körper das Leben floh, klang über Felsenhöhen und Schluchten gellend der triumphierende Jagdruf der Menschen. Ihre Steinwaffen schwingend, stürmten sie von allen Seiten heran, schmale, nackthäutige Gestalten, wahre Zwerge nur im Vergleich zu der riesenhaften Beute — und dennoch durch den Willen der Natur und ihres Schöpfers dazu bestimmt, aus jahrtausendelangen, grausamen Daseinskämpfen siegreich und ungebrochen hervorzugehen und dereinst die uneingeschränkte Herrschaft über die Erde zu erringen
Der«ntwvrtlich: Dr. Hans Thhrivt. — Druck und Verlag: Brühljche UniverjitätSdruckerei R.Lange, Dießen.


