Fremden, dessen Stellung sie erschüttert glaubten, sich heimlich verschmoren. Der Kluge habe sie entlarvt, doch in milder Gesinnung für ihr Leben gebeten. Da seien eines Tages von königlichen Sklaven zehn Maultiere, mit ebenso vielen Säcken beladen, durch die Pforten seines Palastes getrieben worden, und als das Gesinde die Säcke geöffnet, seien die abgeschnittenen Köpfe feiner hundert Feinde auf den Marmorboden des Hofes gerollt. Der Beschenkte aber sei beim Anblicke der blutigen Gabe erblassend in seine Gemächer zurückgetreten und habe nach eingebrochener Nacht sein Kind aus der Wiege gehoben, ein Pferd bestiegen und die schlummernde Korüova verlassen. Mit chm aber habe Glück und Macht dem König auf immer den Rücken gewandt.
Der Märchenerzähler ver-schwor sich int Feuer seines Vortrages, den Prinzen Mondschein persönlich gekannt und ihn oft auf den Plätzen vor Kordova mit über der Brust gekreuzten Armen demütig begrüht zu haben. Sie seien nicht sehr verschieden an Alter, und nicht zehn Jahre seien vorüber feit jenen Begebenheiten.
Er war überzeugt, daß er die Wahrheit rede, aber ich nicht völlig; denn die Mauren, ehrwürdiger Herr, lügen mit mehr Aufrichtigkeit als wir, weil ihnen ihre rasche Einbildungskraft das Nichtgefchehene täuschend wie das Geschehene vorgaukelt.
Kurz vor meiner Abreise dann hörte ich den braunen Gesellen die Märe vom Prinzen Mondschein zum anderen Male erzählen und — diese Gerechtigkeit widerfahre ihm! — ohne merklichen Ausschmuck oder Umbau. Das fiel mir auf. Doch hatte ich nicht Zeit, ihn auszufragen, denn ich selber bereitete mich damals daraus vor, wie Prinz Mondschein, aus diesen fremden Sitten und Gebräuchen mich in der Stille nach der Christenheit heimzusinden.
Ich unternahm eine Meerfahrt nach Engelland, wo es mir bald gelang, bei dem vornehmsten Bogner in der Stadt London selbst Arbeit zu finden. Er hatte seine Werkstätte an der Themse unweit des festen Stadtturmes ausgetan und arbeitete mit vielen Gesellen. Da seine Kunst von König und Ritterschaft gesucht wurde, war fein Gut grotz angewachfen, und man hätte ihn einen angesehenen Mann nennen können, wäre er nicht, wie alle vom Handwerk, von fächstschem Geblüte gewesen. Die Sachsen aber werden seit der Eroberung von ihren normännischen Herren unehrlich gehalten und auf eine unchristliche Weise unterdrückt."
„Oho!" unterbrach Herr Burkhard. „Ist das die Rede eines Mannes, der ein halbes Menschenalter hinter Herrn Heinrich getrabt und stolziert hat?"
Hans warf dem Chorherrn einen gescheiten Blick zu und erwiderte ohne langes Besinnen: „Es kommt, o Herr, beim Urteilen wie beim Schießen lediglich auf den Standpunkt an. Damals, mitten unter den Sachsen lebenD, drückte ich mich beiseite oder zog die Mütze, wenn «in Zug Normannen aus ihren gepanzerten Rossen vorübersprengte. Hernach, als ich selber droben saß, hätte es meine Ehre nicht gelitten, mich von einem Sachsen anders als barhaupt ansprechen zu lassen. Jetzt, da Sachsen und Normannen für mich verblichene Bilder sind, habe ich, nebst der Weisheit meiner grauen Haare, einen mittleren und mäßigen Stand und spreche: Macht und Eroberung sind von Gott gesetzt, und da die Normannen schärferes Blut und ungestümere Geister haben, so sind sie die Herrscher. Aber derselbe Gott hat Knechtsgestalt angenommen und uns alle mit seinem teuern Blute gekauft: darum mache der Herr fein Gesinde nicht bitter und vergreife sich nicht an dem Weibe und Kind« seines Knechts I
Solches aber geschah meinem Meister, dem zu seinem Unsegen eine schöne Tochter Im Hause wuchs.
In Wahrheit, die goldhaarige Hilde war die schönste Magd in London, und ich konnte kein Auge von ihr verwenden, wann sie uns nach der Despermahlzeit, ohne sich allzulange bitten zu lassen, ihre Balladen vor-
Bon Erinnerung überwältigt, wiegte der Bärtige seine breit vor- ragcnde Stirn und summte in unmelodischen Tönen:
„In London was Young Beichan born, He longed Strange countries kor to see —“
„Wohin verläufst du dich, Hans?" rief Herr Burkhard, der das Englische nicht verstand, mit beginnendem Mißmut.
Der Armbruster fuhr aus seinem Traume auf, und in den etwas abgespannten Zügen seines alten Zuhörers lefend, daß diesem der Einleitung zu viel und die Weil« zu lang werde, sprach er ihn heftig an: „Wisset Ihr, Herr, von was diese Ballade, welche Jung Hilde uns vorlang, handelt? ...
Bon der Geburt eines Heiligen aus dem Schoße einer Sarazenin, desselben heiligen Thomas, dessen Geschichte Euch zu erzählen ich hier bin!"
Die plötzliche Wendung, mit welcher Hans sein Schisslein aus dem Fahrwasser des eigenen Lebens in die Strömung eines größeren hinein- teuerte, gab dem Chorherrn einen Stoß; er richtete sich in seinem Sessel o steil und so rasch in die Höhe, als sein Alter es zuließ, und rief er- taunt: „Sarazenenblut in den Wern des heiligen Thomas? Lieber, bist du bei guten Sinnen?"
„Hättet Ihr das Pergament geduldig gelesen, das Euch die Frau vom Münster, wie Ihr sagt, geliehen hat, Jbr würdet mich nicht mit so.entsetzten Augen anschauen. Denn gerade dieser Punkt, will ich wetten, ist darin schön heroorgehoben. Hat sich doch die ganze Psaffheit von London stark der Sache angenommen und die Heidin, bevor sie dieselbe in eine christliche Ehe treten ließ, sorgsältig bekehrt! Sie tauften sie auf den Namen Gracia oder Grace, was deutsch lautet: Gnade. Um der großen Gnade willen, welche die Mutter Gottes der Ungläubigen erwiesen!
In der Brautnacht der Sarazenin aber hatte eine prophetische Nonne zu London ein Gesicht und sah aus dem neuen Ehebunde eine weiße Lilie, das ist einen Heiligen, entsprießen und gen Himmel wachsen.
Und .s geschah, wie die Nonne gesehen hatte.
Aber viel lmt es gebraucht, bis aus dem Heidenkinde der Heilige herauswuchs: Blut und unendlichen Jammer, den Sturz eines Königs und, wo nicht den Untergang, doch die Erschütterung eines Königreiches!
Ich will nun ganz nach der Ordnung, wie es Euch bequem ist, Herr, erzählen, wer die Eltern des Thomas Decket gewesen sind.
Die Geschichte ist mir verftauk; denn sie war die Freude der blonde, Hllde, weiche damals noch jung und unschuldig war und das Wunde natürlich fand, daß zweie, die sich lieben, über Land und Meer zusammen kamen.
Bor vielen Jahren begab es sich einmal, daß ein Handelsmann aus London mit Namen Gilbert Decket nach dem Morgenlande fuhr uni dort von einem mit (einen Reitern und Herden in der Wüste ziehende, Fürsten überrascht und gebunden wurde. Die eigene Tochter des Heide, aber erbarmte sich seiner Bande und zerschnitt sie. Bor Jahresfrist bar« floh sie dem Sachfen nach; denn sie hatte ihr Herz an ihn verloren, un) in Engelland fingen und sagen sie, daß die vornehme heidnische Ma^I obwohl ihrem Willen und Gedanken nur zwei Worte zu Gebote standen: London und Gilbert, mit diesen den Weg zu ihrem Lieblinge gesucht un) gefunden habe."
„Höre, Hans", gab der Chorherr einem aufsteigenden Zweifel Aus druck, „du reitest das geflügelte Rößlern der Fabel nicht schlechter als beit brauner Freund, der Märchenerzähler in Kordova. Es fehlt nur noch, das auch du darauf schwörest, du seiest dabei gewesen."
Der Bogner zuckte gleichmütig die Achseln.
„Nicht ich, lieber Herr; mein Meister aber in London, der ein püntb licher und trockener Mann war, hat mir oft gesagt, wie er, ein junget Geselle, durch die Straßen der Stadt hinter der fahrenden Sarazene: hergelaufen sei. Denn diese habe jeden Vorübergehenden ungehalten und ihn gefragt: .Gilbert?' Dadurch fei sie stadtkundig geworden, |i daß ihr am Ende viel' Volk nachgezogen, um mit ihr .Gilbert!' $: rufen. Die einen aus Mitleid mit dem schönen, ausgehungerten Frauen bilde, das vor Kümmernis jede Speise zurückwies, die andern der Tom spottend, die einen Gilbert aus Tausenden in London, wo der Nmni gemein ist, herausfinden wollte. Endlich sei b*r wahre Gilbert an seit Fenster und vor seine Schwelle getreten, habe die Heidin bei der Hon) I ergriffen und an seinen Herd geführt.
Wann aber der Meister so erzählte, ermangelte er nie, anzufügen i .Fahrende Heidinnen, Hans, bringen uns Christen nichts Hutes. Wim I doch das Wüstenkind in seinem Zelte geblieben, statt nach unserm (Engel' I land zu schwimmen und uns hier den Kanzler auf die Welt zu setze«, I den Verräter an seinem Volke!'
Der Kanzler, der weltberühmte Kanzler von Engelland, die Wonne i und Weisheit des Königs, die Bewunderung und der Neid der New I mannen, der Haß und geheime Schrecken der Sachsen, war damals üi I aller Munde. , I
Sein rasch ausleuchtender Stern, die wie aus einem unerschöpflich« I Füllhorn über ihn ausgeschütteten Gnaden und Würden, seine Turm«, I Burgen, Abteien, seine Zaubergärten und unbegrenzten Wälder, seA Gefolge von hundert und dann tausend Rittern, die goldenen Geschim I seiner Rosse und Mäuler, die üppigen Tafeln seiner Feste und die unafr I sehbaren Reihen der Geladenen, seine köstlichen Gewände und blitzend« I Steine — das alles gab den Leuten von London zu wundern und H | reden von Morgen bis Abend.
In der Werkstätte konnte ich mir während der Arbeit die Ohren nidtl verhalten, und so klangen sie mir unablässig von dem Sohne des Sachs« I und der Sarazenin. Daß ihm seine Landsleute alle schwarzen Fr««! I nachredeten, setzte mich nicht in Erstaunen und lag in den Staatsverhäll' I nissen, da der Kanzler der einzige Sachse war, der im Sonnenlichte bet I königlichen Gnade wandelte. Aber denkwürdig bleibt es immerhin, b«S I die Väter an demselben Manne keine gute Faser fanden, den die Söhmi I jetzt auf den Knien anrufen.
Ein schlechter Sohn sei er gewesen, der den Geruch der väterlich« Oelsässer und Warenballen verabscheut habe. In den Dienst eines schweb gerischen normännischen Bischofs sei der Jüngling zuerst getreten, dort habe er Französisch lispeln gelernt, und kein ehrliches sächsisches ÜBont sei mehr über feine Lippen gekommen. Um feinen von Bakerseite säch | sifchen Ursprung zu verwischen, habe er von den Händen dieses Normen' nen, als ein Leichtfertiger, die ersten Weihen empfangen. Dann, rei«j geworden durch den Tod des Vaters, fei er über Meer gefahren, hab« ün Calais feine treuen sächsischen Diener verabschiedet, welsches Gesinde Düngen, köstliche Gewände gekauft und sich als Ritter auf getan. Durofl Aquitanien und Spanien fei er an die maurischen Höfe gezogen, oo" seinem mütterlichen heidnischen Blute getrieben, und beim Könige DM Kordova in die höchste Gunst gekommen. Dort habe er mit Weisen andern Morgenlande Sterndeutung und geheime Wissenschaft getriebeir, worin er seine Meister bald übertroffen, so daß es ihm nach seiner fjeinr kehr habe glücken können, König Heinrich durch höllische Sympathie un' vergänglich an sich zu ketten.
Herr, darin war das Gvldkorn der Wahrheit schwer zu finden. Um ü- mehr wuchs meine Begierde, diese lebendige Fabel mit Augen zu schäum! aber lange mußt' ich mich gedulden, denn Thomas Becket weilte Dann® mit dem Könige jenseits des Meerarms in Aquitanien, das, wie Ihr tW zu Dem Weibergute feiner Königin gehörte.
Endlich kam der Tag. Ich schnitzte in Der Werkstatt an einem Bogm Da fängt es an, auf Der Straße unruhig zu roerDen, zu treiben und W summen. Meine Gesellen verlassen ihr Zeug, steigen auf Schemel uie> Bänke unD drücken Die Köpfe in Die Fenster. Pauken unD Zimbeln schm« tern. Hinter den berittenen Spielleuten folgte ein Herold mit Den d«> Pardeln auf Der Brust und bereitete Den Weg dem Sohne Der Heidui Grazia.
Ein schöner Mann war er unD fürstlich wie König Salomo. Mit bei normännischen Herren konnte er sich wohl nicht messen an Frische de-1 Antlitzes und Macht des Wuchses. Aber er lenkte mit unvergleichliches I Anstande seinen goldgeschirrten, tanzenden Araber, unD [ein farblos« I Antlitz besaß eine ernste Lieblichkeit.
Wie ich Damals, mitten unter Dem Niedern Volte stehend, ihn betoum Deute, ließ ich mir nicht einfallen, Daß ich selbst über ein kurzes in d« Dienst Des Königs treten und Dort Diesem wundersamen Herrn tägn®' ja stündlich begegnen würde.
(Fortsetzung folgt.)


