Ausgabe 
27.11.1939
 
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Ablösung.

Von Manfred Hausmann.

Der Mond steht überm Tale jetzt, wir singen und marschieren, wir singen, pfeifen, und zuletzt verstummen wir und frieren.

Gasmasken klappern, Stiefel fchurrn.

Das Tal wird breit und breiter.

Links vor uns rollt ein dumpfes Murrn. Wir klappern schweigend weiter.

Das Land verschwimmt in Glanz und Dust, im Walde wiehern Pferde, nach Pulver schmeckt und Rauch die Lust und nach zerrissner Erde.

Nun fängt's auch rechts zu murren an im Nebel wie Gewitter.

Ein Widerschein schwankt himmelan, Leuchtkugellichtgezitter.

Da weiß, da rot, da sternumzackt, notrufende Kaskaden.

Die Hand den Kolben fester packt: Wir kommen, Kameraden!

Die Füße gehn im gleichen Schritt, es strafft sich jede Sehne.

Der Leutnant pfeift, wir pfeifen mit, wir pfeifen durch die Zähne.

Marsch im Regen.

Von Robert Michel.

Liebe Elisabeth, Du erwartest sicher keinen Brief von mir aus dem Selbe, denn bei meinem Ausmarsch hattest Du wohl das gleiche Gefühl wie ch: daß wir zwei einander nichts mehr bedeuten. Ich kann es nur damit intfchuldigen, dieses unerwartete Briefschreiben, daß es gestern den ganzen tag geregnet hat. Oder soll es auch damit entschuldbar sein, daß man im sselde nicht bloß dem Feind gegenüber Mut hat, sondern daß sich dieser Nut auch auf andere Gebiete überträgt? .

Wie alles in der Natur, liebe ich auch den Regen. Aber er ist ein ssreund, den ich nicht gern allzu lange in meiner Gegenwart weiß. Manchmal ist es ganz schön, die Regentropfen auf das Gesicht und auf He Hände aufschlagen zu spüren, ja, ich möchte geradezu behaupten, daß las Gehen im Regen, dieses ständige Hindurchdringen durch die fallenden tropfen, mehr Lust bereiten kann als das Gehen in ruhiger, sonniger Luft, deren Ausweichen man kaum spürt. Aber gestern regnete es doch zu lange. Anfangs marschierte ich eingehüllt in meinen wasserdichten Wetter- iragen und die Kapuze hatte ich über den Kopf gestülpt; denn ich dachte daran, daß es der Gesundheit zuträglicher wäre, wenn ich nicht ganz durch­näßt würde. Allmählich aber wurde es so schwül und unbehaglich in dieser «ermummung, daß ich mir Luft zu machen begann. Zuerst warf ich diese Kapuze zurück, schob die Kappe in den Nacken und ließ die erfrischenden tropfen gegen mein Gesicht schlagen. Das tat so wohl, daß ich bald darauf den Wetterkragen abnahm und schutzlos weiter ging; auch die Kappe trug ich nun in der Hand, so daß das Wasser von den Haaren tald wie von einem Strohdach ohne Dachrinne hmunterrann Sogleich tegann der Regen seinen Angriff gegen meinen ganzen Leib Wie brave Infanteristen, die durch ein dichtes Netz von Stacheldraht bringen, er- tberten die Tropfen die Vorderseite meiner Bluse und um

ffaben, brachen allmählich an die Wäsche durch und kamen ^ließlich bis «n die warme Haut. Hinten schlugen sie den umgekehrten We?f ein s,e ließen die Oberfläche der Uniform lange Zeit noch trocken. dafür liefen sie vom Haar herab, hinter den Kragen hinein, fanden den Hohlweg zwischen den Schultern, und im Gürtel von der Schnürung des Riemens «usgehalten, begannen sie von da aus, sich weiter hinsaugend, nach tnd unten alles zu durchnässen. ... . «

Bald war die Kleidung an mir so, als wäre ich eben aus einem Bade stiegen, für das ich vergessen hatte, mich zu °st"le,den Da geschah es plötzlich daß ich Dich, liebe Elisabeth, an meiner Seite wußte. Wir hielten uns an den Händen und stapften fröhlich nebeneinander einher, icke damals auf Rügen, als wir am Tage Deiner allzu frühen Ab «°ch einmal ins Meer geschwommen waren und nun durchi öasJeW Wasser von fähiger Nässe triefend, Hand in Hand auf den rrouenen Sand h'inausgingen. Du erinnerst Dich wohl auch noch ^ser schone g Hilfe und weißt wohl auch heute noch, was °»r uns damals mcht m Worten zu sagen brauchten, daß uns an jenem I ge 1 agn.-tiQer

Liebesstunde entgegengereift wäre, wenn die Umftanbe bafur g 19 ceroefen wären. Statt dieses Strandes mit de» vielen Menschen Bade- hütten und Häusern hätte dort eine ftille 2Iu fein pusten, a taum so lange gewartet, bis unsere Le'ber^trocken gewesen waren, wir hätten unsere nassen Hüllen abgestreift, uud die Tropf Winb-

lie wären durch unsere eigene Glut und durch den sommerlichen Wino

Sabetti tot an wie damals auf Rügen, da Aubte ch 'mjr cn diesem Tage jenes Glück beschieben sein sollte, che

schmutzig!" sagt sie kalt.

Mrklich, Eva hat einen Ring mit einem großen, blutroten Stein.

6oK> natürM^®enn man durch den Stein schaut, ist alles rot und rot, die ganze Welt. Aber Peter darf doch nicht durch den Siem schauen.

uerjag? gebllekiett maf. Hn5 ffl ro3re es wohl auch gekommen, wenn Bei Marsch nicht so endlos gedauert hätte. Du wichest wohl nicht mehr von meiner Seite, aber auch Du schienst durch die Anstrengungen des Marsches zu ermüden. So hätten wir wahrscheinlich eher einem Paar ähnlich gesehen, das aus dem Paradies vertrieben wird, als einem Liebespaar, bas einer schönsten Erfüllung entgegengeht. Als dann in der Nacht in einem elenden, zur Hälfte abgebrannten polnischen Dorf haltgemacht wurde, da warst Du mit einemmal entschwunden. Ich hatte mich noch um meine Leute zu bekümmern, aus der Feldküche, die mitgefahren war, eine Schale voll heißer Bohnen und suchte mein Nachtlager auf. Ich war mit einigen Kameraden in einer kleinen Bauernstube einquartiert, in der nichts anderes vorhanden war, als der gemauerte Herd und auf dem Boden benütztes, zerwühltes Stroh und Heu. Ich warf alles Nasse von mir ab, rollte mich in meine trockene Decke und schlief alsbald ein. Du warst nicht roiebergetommen.

Dafür warst Du gleich früh morgens da, als ich erwachte, und von da an bliebst Du den ganzen Tag neben mir, so nah und gut, daß ich häufig ganz deutlich die Wärme Deiner Hand oder Deines Atems spürte. Es wurde noch ein Stück weitermarschiert, und bann wurde ein tiefer Schützengraben ausgehoben, in dem ich jetzt am Abend beim Licht meiner. Taschenlaterne diese Zeilen an Dich schreibe. Ich war von Deiner Gegen­wart immer so tief beglückt, und nur die eine Sorge bedrückte mich, daß diese Beglückung durch Dich nicht den ganzen Tag über standhalten würde. Aber sie dünkt mich so fest verankert, daß sie mein Herz nicht mehr frei geben will. Und was sagt bas Deine?

wieder,kannst du mit der Zehe das immerfort nein zu sagen, sie fühlt sich Hausecke.

außerdem sehr sicher an ihrer

Und überhaupt bist du so .

Schmutzig? Das ist gar nichts. Damit sinkt sie sofort in der Achtung Peters Was heißt das, du bist fchmutzig? Sie könnte gerade so gut fagen, du hast Hände und Füße, hat das einen Sinn? Peter wendet sich wieder seinem Schneckenhause zu. Eine rote Masche, nun ja.

Sagt Peter wirklich nichts mehr? Eva steht dort und bohrt ihre Mb- fähe in den Boden. ,

Aber ich habe einen Ring!" ruft sie nach einer Weile mit zitternder Stimme. So, einen Ring! Das ist wahr, einen Ring hat nicht jeder Mensch die Mutter vielleicht, und auch sie nicht immer. Peter entschließt M hinzugehen. Aber nun will Eva den Ring gar nicht herzeigen, sie legt die Hände auf dem Rücken zusammen nein, durchaus mchtl Allein Peter macht da gar keine Umstände, er dreht sie herum und saßt

verlangen.

Kannst du", fragte Peter

Kreuz machen?"

Aber Eva hat keine Lust,

Ein Ring mit blutrotem Stein.

Bon K. H. Waggerl.

Das also ist Eva, der neue Gast. Ein tüchtiges Mädchen, o ja, sie ist ein wenig jünger als der kleine Peter, aber schon gut um zwei Finger größer. Er wächst nicht, dieser Knirps. Und eine spannenhohe Masche trägt diese Eva im Haar. Peter betrachtet das kleine Mädchen eine Weile, und dann entfernt er sich schweigend.

Am nächsten Morgen steht Peter sehr früh auf und geht auf den Anger hinüber. Dort setzt er sich hin und wartet. Es dauert lange, kalt ist es auch, aber bann kommt die Sonne, und richtig, jetzt erscheint die rote Masche vor dem Haus. Sie kommt näher, Peter springt auf uni» steigt über den Zaun, lieber den Zaun hüpft die rote Masche nicht, sie macht einen Bogen und verschwindet hinter dem Haus. Oho!

Peter läuft am Zaun entlang, dann über den Garten und vorn um den Stall nichts!

Auf der Tenne? Nein, niemand.

Er geht in den Wagenschuppen, plötzlich fährt er zurück: draußen schwebt sie vorüber, die rote Masche! Sie kommt zum Brunnen, dort bleibt sie eine Weile, dann flattert sie um die Ecke. Peter kriecht aus dem Schuppen und nimmt seinerseits den anderen Weg, am Haus vorbei und unter der Dachtraufe durch. Alles leer. Er schleicht bis zur nächsten Ecke, auch da ist nichts Rotes. Aber nun kommt die lange Rückwand des Hauses, das wird gefährlich. Er wagt ein paar Schritte, bann kehrt er um.

Er hätte nicht umkehren sollen, denn jetzt steht Eva vor ihm. Das ist eben so, die schlimmsten Dinge kommen am schnellsten. Peter wendet sich zur Wand, er findet da plötzlich etwas zwischen den Balken, ein Steinchen, ein Schneckenhaus, vielleicht hat er schon viele Tage lang danach gesucht. Er bohrt mit dem Finger im Moos, aber was tut die rote Masche? Sie schwebt vorüber, sie hat nur eben darauf gewartet, den Weg frei zu bekommen, gleich wird sie verschwunden sein.

He!" sagte Peter.

Die Masche bleibt stehen. Hat Peter wirklich etwas gesagt? Er gräbt noch immer nach dem Schneckenhaus, für ihn ist da durchaus kein Grund vorhanden,He!" zu jagen, aber Eva hat sich nun schon einmal umgedreht, sie kann jetzt nicht mehr gut so um die Ecke gehen.

Du bist dumm!" ruft sie herüber.

Das ist ein offener Angriff, fo viel hat Peter nicht von dieser Masche erwartet, nein, darüber läßt sich reden. Er dreht sich um und betrachtet sich dieses Ding, diesen Waghals mit der roten Masche.

,Kannst du auf zwei Fingern pfeifen?" sagt er nach einer Weile. Was?"

Peter macht es vor, er pfeift wie ein Geier.Kannst du bas?" Nein, das kann Eva nicht.

Nun, es ist auch sehr schwierig, für den Anfang vielleicht nicht zu