Ausgabe 
27.10.1939
 
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Me echt die Verzweiflung aus feiner Kehle schreit! Wie er dem büren« starken Alten die Armbrust aus den Händen reißt und zu Boden schleudert! Jakin taumelt zurück, wie von einem schweren Hieb getroffen. Fohl ist fein Gesicht, wutverzerrt.Dunjascha!" rüst er.Dunjascha!" Er lehnt an seinem alten Wagen und starrt ins Weite.Jetzt ist es aus mit mir! Was bin ich ohne dich, Dunjascha, mein Täubchen, was ist der alte Satin ohne Dunjascha"

Ich geh doch nie von dir fort, Vater Jakin, nie und nimmer!" schluchzt Dunjascha dazwischen.

Nein, du gehst nicht, hahaha! Aber der da, der wird den guten Sinn auslodern aus deinem Herzen. Ach, was liegt an mir altem Narren! Geh, Dunjascha, geh mit ihm"

Nein, nein! Er will ja mit uns gehen, Vater Jakin, aber so hör doch nur, er will mit uns gehen, durch Dörfer und Städte, über alle Straßen. Bitte, stoße ihn nicht von dir, er ist kein Graf, kein Herzog, bitte, hör mich doch, Bater Jakin" Sie umschlingt ihn mit zärtlicher Leidenschaft, sie flüstert ihm etwas ins Ohr, das den Alten sofort aufrichtet. Der Junge steht vor ihm. Sie blicken einander lange an.

Ach so" seufzt Jakin.Ach so ist es! Na, und was ist denn dein Metier, du?"

Seilkunst! Und Jnstrumentalkomik!"

Hei ho! So großartig!" Immer mehr wächst Jakin aus sich heraus. Er atmet tief und stößt die Luft hastig aus. Nun lacht er laut, un­bändig froh.

Mensch, warum hast du das nicht gleich gesagt?" Eine Hand streckt sich dem Jungen entgegen. Dunjascha küßt den Alten, küßt den Jungen und macht einen sauberen Ueberschlag. >

Das Publikum tobt vor Begeisterung:Bravo! Das war eine Vor­stellung! Es geht wieder aufwärts, Jakin!"

^eichsrebell oder Volksheld

Der politische Wille der Gegenwart ist ganz auf die Zukunft des deutschen Volkes gerichtet. Auch die Geschichtsauffassung unserer Zeit hat sich an dieser inneren Dynamik ausgerichtet und gewandelt. Das geschicht­liche Leben eines Volkes stellt sich stets als die lebendige Wechselwirkung zwischen schöpferischen und empfangenden Kräften dar, vollzieht sich immer wieder unter der Form des Ringens um die fruchtbaren Antriebe und Ziele einer Zeit. Denn nur, was fruchtbar ist und Kräfte weckt, ist im letzten Gegenstand der Geschichte. Wenn Heinrich von Treitschke vor einigen Jahrzehnten das wesentliche Wort sprach: Männer machen die Geschichte, so wissen wir Heutige erst um den tiefen Sinn dieses Aus­spruches. Er ist gewissermaßen zum Leitmotiv unserer Volksgeschichte geworden, und ein Historiker unserer Tage hat dieses Grundgefühl ein­mal fehr anschaulich au-gedeutet:Streichen wir aus dem Weltgeschehen die großen Männer, so löst sich die Spannung zwischen Wellenberg und Wellental und die Gebirge sinken zusammen. Es bleibt nur die Ebene der Gleichheit, einförmige Oede. Im Dreiklang Idee, Masse und Persön­lichkeit ist die Persönlichkeit das Entscheidende. Die Ideen sind wie die Sterne der Astrologie:-sie strahlen aus und machen geneigt, aber sie zwingen nicht. Massen sind die gewaltigen Gewichte der Weltenuhr, aber sie wirken nur, wenn sie irgendwo sich anhängen, wenn sie ein formender Wille eingliedert. Diese Wille geht von Persönlichkeiten aus: sie sind die Schicksale, Uhrwerke, Triebkräfte und Zwinggewalten der Welt."

Kein Ereignis unserer Geschichte hat sich dem deutschen Menschen so tief ins Bewußtsein gesenkt wie der Dreißigjährige Krieg, der bis heute als eine wahrhaft völkische Passion empfunden wird, als eine Heim­suchung von nie erlebter Gewalt, maßlos und grenzenlos als ein na­tionales Unglück, das durch ein ganzes Jahrhundert auf das deutsche Volksleben feinen düsteren Schatten warf. Und keine Gestalt dieses Krieges hat die Phantasie des Volkes bis in die Gegenwart so in Bann gezogen, wie der kaiserlicheGeneral-Obrist-Veldthauptmann , derGe­neral des ozeanischen und baltischen Meeres", derHerzog von Fried­land": Wallenstein. Es gehört zu seinem Bilde, daß dieser Mann unvergänglichen wiewohl noch zweifelhaften Andenkens" zum volkstüm­lichen Mythos werden konnte. Und es ist ebenso kennzeichnend, daß nicht die Geschichtsschreibung den Namen Wallenstein unsterblich machte, selbst nicht der größte Historiker Ranke, sondern daß dieser Volksmythos dem schöpferischen Geist unseres großen nationalen Dramatikers Schiller entstammt. Die ganze Tragödie dieses einmaligen und einzigartigen Lebens mit all ihren inneren und äußeren Spannungen faßte Schiller in die tiefsinnige Formel, die er dann später zur Achse seiner Dichtung machte.Wallenstein Hel, nicht weil er Rebell war, sondern er rebellierte, weil er fiel" ein Wort, schwerwiegend und sinnvoll in einem, dem er noch die vernichtende Feststellung hinzufiigte:ein Unglück für den Le­benden, daß er eine siegende Partei sich $um Feinde gemacht hatte ein Unglück für den Toten, daß ihn dieser Feind überlebte und feine Geschichte schrieb".

Nach der Katastrophe von Eger war das besondere Bemühen Habs­burgs darauf gerichtet, die namentlich im protestantischen Deutschland gegen den Kaiser gerichteten Anklagen durch eine Reihe von Flugschriften über WallensteinsSchuld" zu entkräften. Diesen Flugschriften verdankt man das Bild des Reichs-Rebellen, das für lange Zeit die geschichtliche Darstellung beherrschen sollte. Die Hauptstütze hierfür gab das hinter­listige WerkAlberti Fridlandi perduellionis Chaos (1644), als dessen Verfasser Heinrich von Srbik den Jesuiten und Hofprediger Johannes Weingartner nachgewiesen hat. Durch Schiller wurde erstmalig die Gestalt Wallensteins in das Blickfeld unbefangener und zugleich groß­artiger Betrachtung gerückt. Es folgten dann eine Anzahl Darstellungen, die versuchten, Wallenstein von dem Verdacht desVerrats" zu reinigen. Aber erst Ranke erhebt sich durch eine völlige Beherrschung des in­zwischen aufgefundenen Quellenmaterials zu einem freieren, weltgeschicht­lich ausgerichteten Durchblick. Er sah die Dinge wesentlicher als alle vor ihm Das Scheitern Wallensteins führte er darauf zurück, daßzwilchen den Ansichten einer erblichen Gewalt, welche eine unvordenkliche Der-

Zwischen Zetten.

Von Heinrich Spiero. Auf der Chaussee sind schon die Bäume bleich. Und langsam lösen sich die gelben Blätter In meinem Garten ist noch Sommerreich, Er trägt und grünt in Kraft durch alle Wetter. Die blaue Pflaume leuchtet matt am Stamm, Von Bienen ist der Aepsel Rot umflogen, Kastanien fallen platzend auf den Damm, Den nachts schon erster Herbstfrost überzogen. Zwiefach ist die Gebärde solcher Zeit: Halb spendet sie noch aus des Sommers Milde, Und halb schon mit des Herbstes Abschiedsleid Wischt sie den vollen Glanz vom eigenen Bilde.

Spiel um Ounjascha.

Von Peter E r n st t h a l.

3a, das ist Dunjascha, die kleine, blonde Dunjascha Chrjapow.

Wenn sie tanzt, auf der Angerwiese, vor dem bunten Schausteller- Hagen, bann bleiben die Leute stehen, als wenn sie träumen und legen in Kopf schief auf die Schulter, bis der Klang der Harmonika verstummt inb Dunjascha wie ein prächtiger Falter in den Wagen fliegt. Der alte Jitin geht mit dem Tellerchen zu den Leuten, das klimpert und klappert, Md jedesmal verbeugt sich der Alte tief.

Nun müssen wir weiter!" sagt er zu Dunjascha, als sie im Wagen die kipfernen Münzen zählen.

Ja, Vater Jakin", erwidert Dunjascha, noch heiß vom Tanz.

Nun klappert der Wagen über holprige Landstraßen, durch Flecken und Wrfer, unsagbar müde und langsam, denn es gibt nichts, das Eile recht- firtigt. Jakin, ach Jakin, was ist denn übrig von dir, wenn Dunjascha ihrjapow nicht mehr für dich tanzt, durch Dörfer und Städte, durch deine alten Tage wie ein letzter, heller Sonnenstrahl. Du hast ihr einst deinen alten, wackligen Wohnwagen zur Heimat gemacht, das ist wahr, und sie ! nicht undankbar, die kleine Dunjascha, und nennt dichVater Jakin". nd es ist eine endlose Reise von Anger zu Anger, immer in die schwarzen husten von Menschen hinein, die Jakins bunten Wohnwagen begrüßen.

Jo ho! Jakin gibt wieder eine Vorstellung! Alles her zu Jakin!" ho, jo ho! Nun wohl! Der Alte steigt also vom Bock, geht an bas Fenster bes Wagens und klopft zögernb an bie tlirrenbe Scheibe, als fei et noch recht unentschlossen, bas Mäbchen zu stören. Doch ba steckt Dun- Isicha schon ben blonben Kopf zum Fenster heraus, schlingt bie Arme Mich um ben Alten unb gibt ihm einen Kuß aus bie Wange.

Bravo!" rufen bie Leute,Bravo, Dunjascha! Da geht bie Sonne auf unb küßt ben Walb!"

Ja, so ist es wohl, wie Sonnenschein auf bem Walbe! Ein Teppich eirb aufgerollt. Dann schreit in Jakins Hänben eine Ziehharmonika. Schon hat sich ber Ring ber Zuschauer enger geschlossen. Dunjascha flattert As bem Wagen, unsagbar leicht unb beschwingt, gehüllt in armseligen Flitter, ber ihrer Körperschönheit nicht Abbruch tut. Sie tanzt erst ein nenig nach ben Weisen ber Harmonika, bann macht sie Kautschuk, Erb- liupe, Ueberschlag, bah ein erstauntes Raunen burch bie Reihen ber Zu- lijauer geht; ber Alte lächelt, lächelt wie ein selig Träumenber.

Ja, bas ist Dunjascha" Aus ber Wanb ber vielen Gesichter kommt dir Beifall wie eine braufenbe Welle. Jakin setzt bie Harmonika auf ben flohen. Sein Blick geht von einem zum anbern Gesicht, eine Angst ist es, fe ihn dazu treibt: ba ist er roieber, ber junge Mann. Dieses schmale, dleiche Gesicht, bas ihn verfolgt von Ort zu Ort, seit Tagen schon. Jakin tthebt sich auf schwankenben Beinen. Dunjascha sieht, wie er taumelt, it eilt auf ihn zu, um ihn zu stützen, boch er schiebt sie beiseite unb holt fe Armbrust aus bem Wagenkasten.

Es ist fein gespielt. Die Leute klatschen. Ein wenig bleich ist Jakin.

Nun zum zweiten Teil unserer Vorstellung!" sagt er mit heiserer Stimme, aus ber es wie heimliches Grollen zittert. Dunjascha stellt sich wr ben Wagen unb legt sich einen roten Apfel auf ben Kopf. Der Alte Ifannt bie Armbrust.

Ach!" rufen bie Zuschauer enttäuscht.Jetzt kommt ber Tellschuß! Das Ist aber ein ausgescheuerter Stein, Jakin, Älter!" Niemanb gibt mehr itoas auf ben Tellschuß, bas ist nichts Neues mehr, nein! Da gibt es Zünftler bie werfen Dolche nach Menschen, bie machen Cornett unb Flick- zlack! Jakin, alter Mann! Deine Hanb zittert wegen eines lumpigen Zuschusses! - .,

Dunjascha ist voller Vertrauen. Sie steht ganz still am Wagen unb

Schelt. m _

Unter ben Zuschauern ist plötzlich Bewegung. Ein junger Mann prangt durch die Mauer ber Menschen, kommt auf ben Schützen zu, ber eben zu Itinem Pfeilschuß anfetzen will. Er legt bie Hanb auf die Armbrust, als Denn er sie vor einer Untat bewahren will:Bitte, schießen Sie nicht, legt er stehend zu Jakin.Ihre Hand zittert. Bitte, ich flehe Sie an, Hießen Sie nicht auf Dunjascha!"

Jakin läßt die Armbrust sinken. Seine Augen starren den Jungen an. »ho ho!" schreit er,ho ho, Bube! Kümmre dich um Gott und laß mein ®rot ungeschnitten!"

Ich liebe Dunjascha" . ,

Er liebt Dunjascha! Kunststück, bummer löffel! Für emen Grasen ist lit mir nicht wohlfeil, nicht für einen Herzog! Mit einem Anfall von Wut |6ßt er ben Jungen von sich. Sein Lachen klingt wild unb aufpettschenb. »5d)er bich zum Teufel!" , _ . ..,

Das Publikum klatscht. So hat Jakin in seinen besten Jahren nicht Spielt. Er muß in Ungarn gewesen sein, die letzten Jahre, unb ber Adere, bas ist sicher sein neuer Partner. Man ist sehr gespannt, wie bie beschichte weitergeht.

Jakin legt bie Armbrust wjeder an. , .

Sie dürfen nicht schießen!" ruft der Jüngling unb stürzt sich auf ben ®ten./6ie dürfen nicht schießen!"