Ausgabe 
27.3.1939
 
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Tatsächlich kommt das Haus an den Stall herangeschwommen und nimmt In letzter Minute Erdme und Jons und die beiden Kinder auf. Nach vielen Mühen wird die Arche näher und näher an den rettenden Chausseedamm gebracht, der selbst kaum noch einen Zoll aus dem Wasser ragt. Dort sind fie gerettet.

(Aus denLitauischen Geschichten" von Hermann Sudermann mit freundlicher Genehmigung des Verlages I. G. Cotta.)

Land an her Memel.

Von Ernft Wiechert.

Wer aus den Wäldern meiner Heimat nach Norden wandert, bleibt in derselben Provinz, aber unter feinen Augen bekommt der östliche Raum ein anderes Gesicht. Schon auf den Wegweisern ändert sich die Welt, und seltsame Namen künden an, daß hier eine andere Erde beginnt. Noch bleibt der Wald, der längs der südlichen Grenze rauscht, aber sein Antlitz wandelt sich um. Aus dem Schlafenden der Seen wird das lang­same Gleiten der Ströme. Der Sand verstäubt, der Boden wird schwarz. Es riecht nach Wasser und Moor, und manchmal bringt der Wind einen kühlen, raumlojen Hauch. Es ist die Luft, die Über den großen Wässern steht: das Land zwischen den Strömen meldet sich an.

Unsre Schulweisheit fällt uns ein: daß nun das Land der Königs­treue und der Gläubigkeit beginne, der Pferdezucht und der Wilddiebe, der Moore und der Dainos. Aber wir sehen, daß die Schulweisheit nicht ausreicht, um zu Hause zu sein in jedem Raum. Denn der Himmel ist gewaltig über diesem Land, mit Wolken, die gleich Gebirgen aufragen über einem fernen Horizont. Die Kühle der masurischen Wälder hat sich gewandelt in die dumpfe Glut der Erlendickung. Träge zieht das Wasser zwischen Schwertlilien hindurch, hinter denen der Kranich sich verbirgt. Der Wagen verschwindet, vom Kahn ersetzt, und Gräben mit dunklem Wasser sind die Landstraßen dieser Welt.

Der rechte Winkel beherrscht das Land, Graben und Damm geometrisch gekreuzt, wie ein Gradnetz über die Landschaft gelegt. Man zählt die Gräben wie Türen im Dunklen, denn Jagen liegt an Sagen, in schreck­licher Gleichheit, stumm ohne Namen: Urwald, Wafser und Sumpf. Mit- unter öffnet der Damm sich auf eine braune Ferne, flimmernd in der Mittagsglut Das ist das Moor. Unendlicher Horizont, sterbender Wald, Klage eines Vogels, den man nicht sieht. Und mitunter, durch fahle Weiden ziehend, ein Mittagsgespenst, riesig und dunkel, den Blick nach dem stör.enden Menschen gewandt: der Elch.

Hinter Wiesen und Steg hebt das erste Dach sich auf, mit braunem Rohr gedeckt. Pferdeköpfe sehen vom Giebel herab. Die Trachten der Menschen sind bunt, der Hausrat, das Grabkreuz. Die Farbe schreit, als wollte sie Gewalt gewinnen über das dumpfe Land. Die Menschen find groß und schön, von der wilden Schönheit der Erde, die sie gebar. Der Mensch der Ströme überwindes den Wald. Er sieht sich nicht um, er schauert nicht vor dem Wind. Die Starre beginnt zu stießen. In der Weite des Raumes bricht die Seele auf und ahnt den Gang der Ströme zum Meer. Sterne stehen unverborgen über der Nacht, und Götter heben sich auf, wo der Dämon finsterer Wälder versinkt.

Gut ist es, lange und schweigend über dem heiligen Memelstrom zu sitzen. Rombinus, der Götterberg, verblaut im Osten, und westwärts öffnet sich der unendliche Raum: Stromland und Wiese, Deich und Gehöft, Wolken über westlichem Meer. Größe liegt übendem schweigenden Land, und es ist, als wendete Laima, die Schickfalsgottin, achtlos den kalten Blick. Nebel steigen aus abendlicher Flur, Feuer der Flöße gleiten dahin, schmerzliche Lieder, die das Wasser begräbt. Abendrot brennt auf über einer ungeheuren Welt, den Flug der Schwäne beglänzend, und dann steht die Nacht weiß über dem verdunkelten Strom.

Wer zu den Flößern hinabsteigt, kann hinausgleiten mit ihnen wie an den Rand der Welt. Gut ist es, still zu liegen auf dem duftenden Holz, die Hände unter dem Kops verschränkt, und vorüberzutreiben wie an den Bildern eines Traumes, an Wiesen und Haus, an Schilf und Moor, an Liedern und Schweigen. Sterne heben sich auf und finken herab, der Sprosser schlägt aus dem Ufergebüsch, und eine grundlose Schwermut hüllt dies alles ein, das Floß, den Strom, das Land.

Und dann, eines Abends, leuchtet das Haff. Die Menschen unserer Zeit, die über Meere fahren und fliegen, sind geneigt, zu lächeln über ein Haft. Aber es ist nicht der Ort dazu. Wer den Blick zurückwendet auf das verlassene Land, sieht Schilf und Gras, wie sie weißlich gebeugt sind vom großen Wind. Leuchtfeuer blitzen fahl in das helle Abendlicht, und dahinter versinkt ein grenzenloses Land. Fenster glühen im roten Schein, und wir wissen, daß auch dort Menschen zu Hanse sind wie überall, aber das Menschliche ist klein, und überall steht die Erde als das erste vor dem, was der Mensch auf ihr tut.

Auch der Mann im Boot lächelt nicht. Er sieht nach den Segeln hinauf, nach dem seltsam geschnitzten Wimpel am Mast, und voraus nach dem fernen Streifen, der wie der Rand einer Wüste im Westen brennt. Es hat das Gesicht der großen Räume, und die großen Räume lächeln nicht. Er hebt die Augen auf zu Wolken, Winden und Sternen, zu dem ruhigen Gang der ewigen Dinge. Sie haben an seiner Seele geformt und durch die Seele hindurch an seinem Gesicht. Und deshalb hat dieses Gesicht das größte, was ein Menschengesicht haben kann: die Würde großer Landschaft. Es ist nicht von den Städten geformt, ihrer Hast und ihrer Angst. Es ist ein Gesicht ohne das Wissen unserer Zeit, aber erfüllt mit jener Weisheit, die größer ist als alle Zeit.

Cs ist ein guter Gefährte für eine solche Fahrt. Es ist die klarste Stunde der Wanderung durch das östliche Land, überflutet vom reinen L'cht. Die Schatten find zurückgeblieben wie der Landstreifen, der wurzel­ns über die Kimmung schwebt. Aber was nun entgegenroädjft-mit jedem Rauschen der Bugwelle, gebirgige Wüste, grün, dann blau, dann violett, i|t ausgefeilt bis in das letzte der Umrißlinien, steht da, als sei es gut­geheißen von des Schöpfers Hand. Es will weder unsre Lust noch unser

Verderben. Es wird unsere Spur empfangen und auslöschen wie taufen) frühere Spuren, wenn der Sand, der Wind, der Regen es will.

Zwei Gebirge wachsen in das Abendrot, steil gestürzt in das dunkelnd Haff. Auf dem Gipfel des linken steht der Leuchtturm, eine Feuermühl«, mit vier glühenden Armen lautlos kreisend über Wasser und Land. Urbo kalns", sagt der stille Mann am Steuer, das heißtder Bären berg". UndAngju kalns" sagt er nach einer Weile, die Hand nach den rechten Gebirge hebend. Das heißtder Schlangenberg". Weiter gebt bet Blick nach Süden hinaus. Fahl und weißgelb bricht es aus dem Waffe: empor, senkrecht getürmt, Mauern aus totem Sand, Gebirg an (Sebirgt gewälzt, bis es am Horizont verbleicht.

Der Mann am Steuer bekommt seinen Lohn. Er wendet das Boot, das Segel schlägt, und langsam gleitet er wieder hinaus. Dort hinten, über dem dunklen Strom, blitzt das rote Leuchtfeuer auf, und lautlos zieht der Kahn in das Dunkel hinaus, mit der schweren Gestalt am Steuer, wie ein Totenkahn, der seine Fracht entließ und nun heimkehlt zu neuer Fahrt.

Uns aber sieht das Antlitz der Düne prüfend an. Was wir bisher erblickten, war Große, Wildheit und Kraft. Was wir nun sehen, ist schwel' gende Majestät. Wir sitzen am Meeresstrand und blicken hinaus. Bern stein schwimmt an unferm Fuß, und über uns hinweg riefelt der Sari), der hinter uns am Wandergang der Gebirge baut. Eine Möwe streicht über uns hin, und jedesmal scheint es, als fei sie der einzige Vogel in dieser Welt. Der Strandhafer klirrt, und jede Wolke steigt mit ihrem Schatten über den Dünenberg. Dann erlischt das grelle Weiß, wir) dunkel und blau, bricht wieder heraus und gibt dem toten Sand ent lebendiges Licht gleich dem des Kerzenfcheins über einer versteinerten Stirn. Und endlos rauscht und mahlt das Meer, mit jenem tratfrigen Klang, mit dem es über begrabene Gotter rauschen mag, über Bernstein- kröne und Steinaltar.

Wir wenden uns um, die Vordüne hinauf. Der Thymian blüht auf brennendem Sand, und vor uns hebt sich der Wald, nur das Märchen kennt solche Verzerrung der Form, eine nach Osten gestrichene schräge Wand, gebeugte Wipfel, gerungene Aeste, unter grauen Flechten erstickt. Dahinter leuchtet der Birkenwald, das Moor brütet zwischen Elchweiden und Sand, und zwischen den Stämmen hebt sie sich auf: die Wanderdüne mit ihrem flammenden Leib. Triebsand schimmert an ihrem Fuß. Busch­werk ertrinkt an ihrem Hang, und dann türmt der unbezwungene San.) sich bis in den Himmel empor.

Wir steigen hinauf, und der Fuß zögert, als ginge er über ein Gesicht Im Winde treibt der Sand zum Kamm hinauf, und über den Tätet » glüht es wie Wüstenluft. Weihes Gebein dörrt im Sand, Trümmer von Särgen, spukhafte Auferstehung eines Jüngsten Gerichts. Wir lauschen, ob die Glocke noch töne über versunkenem Dorf, (Bemeinbegefang un) Orgelspiel. Es friert uns plötzlich im Sonnenbrand, und von der Hohe des Grats geht das Auge nach dem Leben des Horizonts und gleitet <u wie von geschliffenem Stein. Der Meerwind braust, und über den Gipfel» der Dünen steht der treibende Sand wie ein weißlicher Schein.

Wir wandern nach Norden hinauf, den Gratweg entlang, zur Linke« das Meer, zur Rechten das Haff und den flimmernden Streifen bei Stromlandes, das uns entließ. Kein Mensch kommt uns entgegen anj unferm Weg. Segel liegen auf der grauen Flut, von einer schrecklich«« Stummheit, wie über einem Totenschiff. Da liegen die Dörfer, eingepreßl zwischen Düne und Haff, unwirklich und tot. Nur der Wind ist lebenbij in diesem Land, die Wolke, der Sand. Wohin führen die Wege in diesem Raum?

Und im Abenddämmern kann es sein, daß das Tier vor uns steht, dem diese Erde gehört. Es steht plötzlich auf aus Dickung und Wald, verbrüdert mit feiner Welt. Sein Ange ist kalt und sieht uns an: her Blick der Majestät auf eine freche Gebärde in feinem Saat.

Wenn der Elch sich wendet, beliebt es ihm, nicht uns. Seine Schaufel» schimmern in dunklem Glanz. Sein Schritt ist wie der Schritt uoii Königen, denen die Erde gehört, ohne Furcht und ohne Raum. So fteigt er die Düne hinauf. Er hat uns vergessen wie ein Gesträuch. Langsam hebt das Haupt sich in den Abendhimmel empor, der Rumpf, die Gestalt. Auf dem messerscharfen Grat des blauen Sanbgebirgs steht er wie u>: der Ewigkeit. Sein Auge blickt nach Asien hinein, aber alle Namen ver­schwinden vor diesem Blick. Trauer der Verstoßenen umgibt feine Er­statt, den Enterbten, der langsam Sterbenden. Und wenn er hinabsteigt am jenseitigen Hang, ist das, als steige er zu den großen Toten hinab, und niemals mehr werden wir seinesgleichen sehen.

Hier ist das Ende der deutschen Welt. Noch einmal, in diesem. Sand- m-,Lr8.e/ h c sie sich auf zu dem ödesten, verlassensten und großartigste Bild ihres Wesens. Meer und Strom haben dieses Land gebaut, ÖH yßmb und der Sand. Der Mensch hat nichts dazu getan, als hier un) tn Brald zerstört, in dem die alten Kohlenmeiler standen, und hin und da -die Dune sestgemacht. Aber in das Fließende und Flimmernd- dieses Raumes hat er das Bleibende feines Werkes hineingebaut: Kirch! Haf und Stabt, Acker und Sprache, Mauer und JTurm. Das »lut der Eroberer ist langsam zurückgeebbt und zum Blut der Verteidiget und Bewahrer geworben. Spärlicher geht bie Blüte über biefes Land als sonstwo im gesegneten Vaterland, ärmer sind die Straßen, schweig- amer die Menschen. Wenn an der Geest der Ginster blüht, ist diese ö(8- etzJc beutle Erde noch hart und stumm. Wenn über bie Watten di« Jlut sich hebt, mahlt das östliche Meer nur leise Stein an Stein. Wen» über ber friesischen Tenne der Weizen rauscht, fährt ber Nehrungsfisch-- hinüber nach dem Memelstrom und holt im Handkahn den Sack niü Brotmehl nach Hause, weil kein Korn auf seinen Dünen wächst.

Es ist, als verströme das Leben des Reiches sich hier, ja als ver- stckere es im oaum asiatischer (Erbe. Hier ist die Brücke von Erbteil Z» Erdteil, und vor ihren Pfeilern steht stumm ein ernstes Geschlecht wachend, grübelnd, kämpfend, den Helm über der Stirn, den Schild vor der Brus»

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