Ausgabe 
27.2.1939
 
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NetzenerZamiliemMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Errungen ^ötrrungen

Roman Son Theodor Fontane

L Fortsetzung.

Ja. Wenigstens hat er es versprochen." .

Nu sage mal, Lene", fuhr Fran Dörr fort,wie tarn es denn eigentlich? Nt'ter Nimptsch sagt nie was, un wenn sie was sagt, denn is es auch man Xer so so, nich un nich hott. Und immer bloß halb un so konfuse. Nu a« du mal. Is es denn wahr, daß es in Stralau war?"

Ja, Frau Dörr, in Stralau war es, den zweiten Ostertag, aber schon owarrn, als ob Pfingsten war, und weil Dina Gansauge gern Kahn fahren mtte, nahmen wir einen Kahn, und Rudolf, den Sie ja wohl auch kennen, m der ein Bruder von Lina ist, setzte sich ans Steuer."

Jott, Rudolf. Rudolf is ja noch ein Junge."

.Freilich. Aber er meinte, daß er's verstünde, und sagte bloß immer: Mchens, ihr müßt stillsitzen; ihr schunkelt so', denn er spricht so furchtbar ictinsch. Aber wir dachten gar nicht dran, weil wir gleich sahen, daß es nit seiner ganzen Steuerei nicht weit her sei. Zuletzt aber vergaßen wir s Diner und ließen uns treiben und neckten uns mit denen, die vorbeikamen ml uns mit Wasser bespritzten. Und in dem einen Boote, das mit unsrem >iel-lbe Richtung hatte, saßen ein paar sehr feine Herren, die beständig Mten, und in unsrem Uebermut grüßten wir wieder, und Lina wehte ioltr mit dem Taschentuch und tat, als ob sie die Herren kenne, was aber sM nicht der Fall war, mid wollte sich bloß zeigen, weil sie noch sehr jung ist. Hit; während wir noch so lachten und scherzten und mit dem Ruder bloß öspielten, sahen wir mit einem Male, daß von Treptow her das Dampfschiff nif uns zukam, und wie Sie sich denken können, liebe Frau Dörr, waren vit auf den Tod erschrocken und riefen in unserer Angst Rudolfen zu, daß er tt| heraussteuern solle. Der Junge war aber außer Rand und Band und iu -rte bloß so, daß wir uns beständig int Kreise drehten. Und nun schrien vit und wären sicherlich überfahren worden, wenn nicht in eben diesem ilmeublicke das andre Boot mit den zwei Herren sich unsrer Not erbarmt tolle. Mit ein paar Schlägen war es neben uns, und während der eine mit in m Bootshaken uns fest und scharf heranzog und an das eigne Boot inl'ppelte, ruderte der andere sich und uns aus dem Strudel heraus, und uu einmal war es noch, als ob die große, vom Dampfschiff her auf uns ivl mmende Welle uns umwerfen wolle. Der Kapitäit drohte denn auch mtllich mit dem Finger (ich sah es inmitten all meiner Angst»; aber auch id ging vorüber, und eine Minute später waren wir bis an Stralau heran int die beiden Herren, denen wir unsre Rettung verdankten, sprangen ans llfe: und reichten uns die Hand und waren uns als richtige Kavaliere beim tefteigen behilflich. Und da standen wir denn nun auf der Landungsbrücke lei Tübbeckes und waren sehr verlegen, und Lina weinte jämmerlich vor ich hin, und bloß Rudolf, der überhaupt ein störrischer und großmäuliger 8t gel is und immer gegen's Militär, bloß Rudolf fah ganz bockig vor sich fiit, als ob er sagen wollte:,Dummes Zeug, ich hätt euch auch rausgesteuert."

Qa, so is er, ein großmäuliger Bengel; ich kenn ihn. Aber nu die beiden huren. Das ist doch die Hauptsache..."

Nun, die bemühten sich erst noch um uns und blieben dann an dem itibcsn Tisch und sabeu immer zu uns rüber. Und als wir so gegen sieben, und schummerte schon, nach Hanse wollten, kam der eine und fragte ob er litt sein Kamerad uns ihre Begleitung anbieten dürften? Und da lacht ich Hermütig und sagte, ,fie hätten uns ja gerettet, und einem Retter dürfe mn nichts abschlagen. Uebrigens sollten sie sich's noch mal überlegen, denn eit wohnten so gut wie am andern Ende der Welt. Und sei eigentlich eine lütife'. Worauf er verbindlich antwortete: .desto besser'. Und mittlerweile bk auch der andre herangekomnien... Ach, liebe Fran Dörr, es mag wohl litt: recht gewesen sein, gleich so freilveg zu sprechen; aber der eine gefiel mir, und sich zieren und zimperlich tun, das hab ich tue gekonnt. Und so jiiiijett wir denn den weiten Weg, erst an der Spree und dann an dem &iial hin."

;Und Rudolf?" .a .

Der ging hinterher, als ob er gar nicht zugehöre, sah aber alles und i>°ß:e gut auf. Was auch recht war; denn die Lina is ja erst achtzehn UN noch :ii gutes, unschuldiges Kind!"

Meinst du?" . , ~ ,

iGewiß, Frau Dörr. Sie brauchen sie ja bloß anzusehn. So was sieht hm gleich." , ,

Ja, mehrstens. Aber mitunter auch nich. Und da haben sie euch denn Mit Hause gebracht?"

Ja, Frau Dörr."

Und nachher?"

Ja, nachher. Nun, Sie wissen ja, wie'S nachher kam. Er kam dann den

andern Tag und fragte nach. Und seitdem ist er oft gekommen, und ich freue mich immer, wenn er kommt. Gott, man freut sich doch, wenn man mal was erlebt. Es ist oft so einsam hier draußen. Und Sie wissen ja, Frau Dörr, Mutter hat nichts dagegen und sagt immer: ,Kind, es schad't nichts. Eh man sich's versieht, is man alt."'

Ja, ja", sagte die Dörr,so was hab ich die Nunpt,chen auch schon sagen hören. Und hat auch ganz recht. Das heißt, wie man's nehmen will, und nach'm Katechismus is doch eigentlich immer noch besser und sozusagen überhaupt das beste. Das kannst du mir schon glauben. Aber ich weiß tooll, es geht nich immer, und mancher will auch nich. Und wenn einer nich will, na, denn will er nich, un denn muß es auch so gehn und geht auch mehrstens, man bloß, daß man ehrlich is un anständig und Wort hält. Un natürlich, was denn kommt, das muß man aushalten und darf sich nicht wundern. Un wenn man all so was weiß und sich immer wieder zu Gemüte führt, na, denn is es nich so schlimm. Un schlimm is eigentlich man bloß das Einbilden."

Ach, liebe Frau Dörr", lachte Lene,was Sie nur denken. EinbildenI Ich bilde mit gar nichts ein. Wenn ich einen liebe, dann lieb ich ihn. Und das ist mir genug. Und will weiter gar nichts von ihm, nichts, gar nichts; und daß mir mein Herze so schlägt und ich die Stunden zähle, bis er kommt, und nicht abivarten tarnt, bis er wieder da ist, das macht mich glücklich, das ist mir genug." . .

Ja", schmunzelte die Dörr vor sich hin,das ts das richtige, so muß es sein. Aber is es denn wahr, Lene, daß et Botho heißt? So kann doch einer eigentlich nich heißen; das is ja gar kein christlicher Name."

Doch, Frau Dörr." Und Lene machte Miene, die Tatsache, daß es solche Namen gäbe, des weiteren zu bestätigen. Aber ehe sie dazu kommen konnte, schlug Sultan an, und im selben Augenblick hörte man deutlich vom Hausflur her, daß wer eingetreten sei. Wirklich erschien auch der Briefträger und brachte zwei Bestellkarten für Dörr und einen Brief für Lene.

Gott, Hahnke", rief die Dörr dem in großen Schweißperlen vor ihr Stehenden zu,Sie drippeu ja man so. Is es denn so ne schwebende Hitze? Un erst halb zehn. Na, soviel seh ich woll, Briefträger is auch kein Vergnügen.

Und die gute Frau wollte gehn, um ein Glas frische Milch zu holeii. Aber Hahnke dankte.Habe keine Zeit, Frau Dörr. Ein andermal." Und

damit ging er.

Lene hatte mittlerweile den Bries erbrochen.

Na, was schreibt er?" . ,

Er kommt heute nicht, aber morgen. Ach, es ist so lange bis morgen. Ein Glück, daß ich Arbeit habe; je mehr Arbeit, desto besser. Und ich toer&e heut nachmittag in Ihren Garten kommen und graben helfen. Aber Dörr darf nicht dabei sein."

I, Gott bewahre." . . .

Und danach trennte man sich, und Lene ging m das Vorderzimmer, um der Alten das von der Frau Dörr erhaltene Spargelgericht zu bringen.

Viertes Kapitel.

Und nun war der andere Abend da, zu dem Baron Botho sich angemeldet hatte. Lene ging im Vorgarten auf und ab; drinnen aber, in der großen Borderftube, faß wie gewöhnlich Frau Nimptsch am Herd, um den herum sich auch heute wieder die vollzählig erschienene Familie Dürr gruppiert hatte. Frau Dörr strickte mit großen Holznadeln an einer blauen, für ihren Mann bestimmten Wolljacke, die, vorläufig noch ohne rechte Form, nach Art eines großen Vlieses auf ihrem Schoße lag. Neben ihr, die Beine bequem übereinandergeschlagen, rauchte Dörr aus einer Tonpfeife, während der Sohn in einem dicht am Fenster stehenden Großvaterstuhl saß und fernen Rotkopf an die Stuhlwange lehnte. Jeden Morgen bei Hahnenschrei aus dem Bett, war er auch heute wieder vor Müdigkeit eingeschlafen. Gesprochen wurde wenig, und so hörte man denn nichts als das Klappern der Holz­nadeln und das Knabbern des Eichhörnchens, das mitunter aus seinem Schilderhäuschen herauskam und sich neugierig umsah. Nur das Herdfeuer und der Widerschein des Abendrots gaben etwas Licht.

Frau Dörr saß so, daß sie den Gartensteg hinaufsehen und trotz der Dämmerung erkennen konnte, wer draußen, am Heckenzaun entlang, des Weges kam. .. ,

Ah, da kommt er, sagte sie.Nu, Dörr, laß mal deine Pfeise ausgehen. Du bist heute wieder wie'n Schornstein un rauchst und schmalst den ganzen Tag. Un so'n Knallerballer wie deiner, der is nich für jeden."

Dörr ließ sich solche Rede wenig anfechten, und ehe seine Frau mehr sagen ober ihre Wahrsprüche wiederholen konnte, trat der Baron ein. Er war sichtlich angeheitert, kam er doch von einer Maibowle, die Gegenstand einer Klubwette gewesen war, und sagte, während er Frau Nimptsch die Hand reichte:Guten Tag, Mütterchen. Hoffentlich gut bei Weg. Ah, und Frau Dörr; und Herr Dörr, mein alter Freund und Gönner. Hören Sie, Dörr, was sagen Sie zu dem Wetter? Eigens füi Sie bestellt und für mich mit. Meine Wiesen zu Hause, die vier Jahre von fünf immer unter Wasser stehen und nichts bringen als Ranunkeln, die können solch Wetter brauchen. Und Lene kann's auch brauchen, daß sie mehr draußen ist; sie wird mir sonst zu blaß."