Ausgabe 
27.2.1939
 
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,Das ist es auch wirklich", lachte Lene.

,Run sieh, das trifft sich gut. Und so sahr ich denn fort: Ja, gnädigstes

Da stehen Himmel und Hölle offen.

Komtesse, da begegnen sich unsere Geschmacksrichtungen. Ich ziehe die Sächsische Schweiz ebenfalls jedem anderen Teile der Welt vor, namentlich auch der eigentlichen Schweiz. Man kann nicht immer große Natur fchwelge«, nicht immer klettern und außer Atem sein. Aber Sächsische Schweiz! Himin- lisch, ideal! Da hab ich Dresden; in einer Viertel- oder halben Stunde bi, ich da, da seh ich Bilder, Theater, Großen Garten, Zwinger, Grünes G«, wölbe. Versäumen Sie nicht, sich die Kanne mit den törichten Jungfrau-, zeigen zu lassen, und vor allem den Kirschkern, auf dem das ganze Vater- unser steht. Alles bloß durch die Lupe zu sehen."

Und nun sag ich: Irre ich nicht, meine gnädigste Komtesse, so sah ich Sie gestern in der Flora, Sie imb Ihre Frau Mama. Nicht zu verwundere Das Wetter lockt ja jetzt täglich heraus, und man könnte schon von Reist, weiter sprechen. Haben Sie Pläne, Sommerpläne, meine gnädigste Gräfin? Und nun antwortest du, daß leider noch nichts feststünde, weil der Pap, durchaus nach dem Bayrischen wolle, daß aber die Sächsische Schweiz mit dem Königstein und der Bastei dein Herzenswunsch wäre."

Ja", sagte Frau Dörr,anders klingt es. Aber es gefällt mir nicht recht... Wenn ich einen Knallbonbon ziehe..."

Nun?"

Da darf nichts von Hölle vorkommen; da will ich nich hören, daß es so was gibt."

Ich auch nicht", lachte Lene.Frau Dörr hat ganz recht; sie hat über­haupt immer recht. Aber das ist wahr, wenn man solchen Vers liest, da hat man immer gleich was zum Anfängen, ich meine zum Anfängen mit der Unterhaltung; denn ansangen is immer das schwerste, gerade wie beim Briefschreiben, und ich kann mir eigentlich keine Vorstellung machen, wie man mit so viel fremden Damen <und ihr kennt euch doch nicht alle) fogleich mir nichts, dir nichts ein Gespräch ansangen kann."

Ach, meine liebe Lene", sagte Botho,das ist nicht so schwer, wie du denkst. Es ist sogar ganz leicht. Und wenn du willst, will ich dir gleich eine Tischunterhaltung vormachen."

Frau Dörr und Frau Rimptsch drückten ihre Freude darüber aus, und auch Lene nickte zustimmend.

Nun", fuhr Baron Botho fort,denke dir also, du wärst eine kleine Gräfin. Und eben hab ich dich zu Tische geführt und Platz genommen, und nun sind wir beim ersten Lössel Suppe."

Gut. Gut. Aber nun?"

Und so sprecht ihr?"

Ganz so, mein Schatz. Und wenn ich mit meiner Nachbarin zur Linken, also mit Komtesse Lene, fertig bin, so wend ich mich zu meiner Nachbarin zur Rechten, also zu Frau Baronin Dörr..."

Die Dörr schlug vor Entzücken mit der Hand aufs Knie.

Zu Frau Baronin Dörr also. Und spreche nun worüber? Nun, sagen wir über Morcheln."

Aber mein Gott, Morcheln. Ueber Morcheln, Herr Baron, das geh! doch nicht."

O, warum nicht, warum soll es nicht gehen, liebe Frau Dörr? Das ein sehr ernstes und lehrreiches Gespräch und hat für manche mehr Bedeu­tung, als Sie glauben. Ich besuchte mal einen Freund in Polen, Regiments und Kriegskameraden, der ein großes Schloß bewohnte, rot und mit zwei dicken Türmen, und so furchtbar alt, wie's eigentlich gar nicht mehr vor­kommt. Und das letzte Zimmer war sein Wohnzimmer; denn er war ui» verheiratet, weil er ein Weiberfeind war..."

Ist es möglich?"

Und überall waren morsche, durchgetretene Dielen, und immer, wo ein paar Dielen fehlten, da war ein Morchelbeet, und an all den Morchel- beeten ging ich vorbei, bis ich zuletzt in sein Zimmer kam."

Ist es möglich?" wiederholte die Dörr und setzte hinzu:Morcheln. Aber man kann doch nicht immer von Morcheln sprechen."

Nein, nicht immer. Aber ost oder wenigstens manchmal, und eigentlich ist es ganz gleich, wovon man spricht. Wenn es nicht Morcheln sind, sind ti Champignons, und wenn es nicht das rote polnische Schloß ist, dann isl es Schlößchen Tegel oder Saatwinkel oder Valentinswerder. Oder Jtalie» oder Paris, oder die Stadtbahn, oder ob die Panke zugeschüttet werden soll. Es ist alles ganz gleich. Ueber jedes kann man ja was sagen, und ob's einem gefällt oder nicht. Und ,ja' ist geradesoviel wie ,nein'."

Aber", sagte Lene,wenn es alles so redensartlich ist, da wundert ei mich, daß ihr solche Gesellschaften mitmacht."

O, man sieht doch schöne Damen und Toiletten und mitunter auch Blicke, die, wenn man gut auspaßt, einem eine ganze Geschichte verraten. Und jedenfalls dauert es nicht lange, so daß man immer noch Zeit hat, im Klub alles nachzuholen. Und im Klub ist es wirklich reizend, da hören die Redensarten auf, und die Wirklichkeiten fangen an. Ich habe gestern Pitt feine Gröditzer Rappstute abgenommen."

Wer ist Pitt?"

Ach, das find fo Namen, die wir nebenher führen, und wir nennen uni so, wenn wir unter uns sind. Der Kronprinz sagt auch Vicky, wenn er Vik­toria meint. Es ist ein wahres Glück, daß es solche Liebes- und Zärtlichkcits- namen gibt. Aber horch, eben sängt drüben das Konzert an. Können wir nicht die Fenster aufmachen, daß wir's besser hören? Du wippst ja schon mit der Fußspitze hin und her. Wie wär es, wenn wir anträten und eine« Contre versuchten oder eine Francaise? Wir sind drei Paare: Vater Dörr und meine gute Frau Nimptsch und dann Frau Dörr und ich (ich bitte um die Ehre) und dann kommt Lene mit Hans."

Frau Dörr war sofort einverstanden, Dörr und Frau Nimptsch aber lehnten ab, diese, weil sie zu alt sei, jener, weil er so was Feines nich kenne.

Gut, Vater Dörr. Aber dann müssen Sie den Takt schlagen; Lene, gib ihm das Kasseebrett und einen Lössel. Und nun antreten, meine Damen. Frau Dörr, Ihren Arm. Und nun, Hans, auswachen, flink, flink."

Und wirklich, beide Paare stellten sich auf, und Frau Dörr wuchs ordent­lich noch an Stattlichkeit, als ihr Partner in einem feierlichen Tanzmeisier- Französisch anhob:en avant deux, Pas de basque". Der sommersprofsige- leider noch immer verschlafene Gärtnerjunge sah sich maschinenmäßig und ganz nach Art einer Puppe hin und her geschoben, die drei anderen adel tanzten wie Leute, die's verstehen und entzückten den alten Dörr derart, daß er sich von seinem Schemel erhob und, statt mit dem Löffel, mit seinem Knöchel an das Kasseebrett schlug. Auch der alten Frau Nimptsch kam die Luß früherer Tage wieder, und weil fie nichts Besseres tun konnte, wühlte sie mit dem Feuerhaken so lang in der Kohlenglut umher, bis die Flamme hoch ausschlug.

So ging es, bis die Musik drüben schwieg; Botho führte Frau Dörr wieder an ihren Platz, und nur Lene stand noch da, weil der ungeschickte Gärtnerjunge nicht wußte, was er mit ihr machen sollte. Das aber paßte Botho gerade, der, als die Musik drüben wieder anhob, mit Lene zu walze« und ihr zuzuflüstern begann, wie reizend sie sei, reizender denn je.

So waren alle warm geworden, am meisten die gerade jetzt am offene« Fenster stehende Frau Dörr.Jott, mir schuddert so", sagte sie mit einem Male, weshalb Botho verbindlich aufsprang, um die Fenster zu schließen- Aber Frau Dörr wollte davon nichts wissen und behauptete:Was die feinen Leute wären, die wären alle für frische Luft, und manche wären so fürt Frische, daß ihnen im Winter das Deckbett an den Mund fröre. Denn Atem wäre dasselbe wie Wrasen, gerade wie der, der aus der Tülle kam. Also die Fenster müßten ausbleiben, davon ließe sie nicht. Aber wenn Lenechen s« fürs Innerliche was hätte, so was für Herz und Seele..."

(Fortsetzung folgt.)

Nun, Frau Dörr, was sagen Sie dazu? Das klingt schon anders; nicht wahr?"

Lene hatte derweilen einen Holzstuhl neben die Alte gerückt, weil sie wußte, daß Barow Botho hier am liebsten saß; Frau Dörr aber, in der eine starke Vorstellung davon lebte, daß ein Baron auf einem Ehrenplatz sitzen müsse, war inzwischen aufgestanden und ries, immer das blaue Vlies nach- schleppend, ihrem Pslegesohn zu:Will er woll aus! Ne, ich sage. Wo's nich drin steckt, da kommt es auch nich." Der arme Junge fuhr blöd und ver­schlafen in die Höh und wollte den Platz räumen, der Baron litt es aber nicht.Ums Himmels willen, liebe Frau Dörr, lassen Sie doch den Jungen. Ich sitz am liebsten auf einem Schemel wie mein Freund Dörr hier."

Und damit schob er den Holzstuhl, den Lene immer noch in Bereitschaft hatte, neben die Alte und sagte, während er sich setzte:Hier neben Frau Nimptsch, das ist der beste Platz. Ich kenne keinen Herd, aus den ich so gern sähe; immer Feuer, immer Wärme. Ja, Mütterchen, es ist so; hier ist es am besten."

Ach, du mein Gott", sagte die Alte.Hier am besten! Hier bei ner alten Wasch- und Plättefrau."

Freilich. Und warum nicht? Jeder Stand hat seine Ehre. Waschfrau auch. Wissen Sie denn, Mütterchen, daß es hier in Berlin einen berühmten Dichter gegeben hat, der ein Gedicht auf seine alte Waschfrau gemacht hat?"

Is es möglich?"

Freilich ist es möglich. Es ist fogar gewiß. Und wissen Sie, was er zum Schluß gesagt hat? Da hat er gesagt, er möchte so leben und sterben wie die alte Waschfrau. Ja, das hat er gesagt."

Is es möglich?" simperte die Alte noch einmal vor sich hin.

Und wissen Sie, Mütterchen, um auch das nicht zu vergessen, daß er ganz recht gehabt hat, und daß ich ganz dasselbe sage? Ja, Sie lachen so vor sich hin. Aber sehen Sie sich mal um hier, wie leben Sie? Wie Gott in Frank­reich. Erst haben Sie das Haus und diesen Herd und dann den Garten und dann Frau Dörr. Und dann haben Sie die Lene. Nicht wahr? Aber wo steckt sie nur?"

Er wollte noch weiter sprechen, aber im selben Augenblicke kam Kene mit einem Kasseebrett zurück, aus dem eine Karaffe mit Wasser samt Apfel­wein stand, Apfelwein, für den der Baron, weil er ihm wunderbare Heil­kraft zuschrieb, eine sonst schwer begreifliche Vorliebe hatte.

Ach, Lene, wie du mich verwöhnst. Aber du darfst es mir nicht so feier­lich präsentieren, das ist ja, wie wenn ich int Klub wäre. Du mußt es mir aus der Hand bringen, da schmeckt es am besten. Und nun gib mir deine Patsche, daß ich sie streicheln kann. Nein, nein, die Linke, die kommt von Herzen. Und nun setze dich da hin, zwischen Herr und Frau Dörr, dann hab ich dich gegenüber und kann dich immer ansehn. Ich habe mich den ganzen Tag aus diese Stunde gefreut."

Lene lachte.

Du glaubst es wohl nicht? Ich kann es dir aber beweisen, Seite; denn ich habe dir von der großen Herren- und Damensete, die wir gestern hatten, was mitgebracht. Und wenn man was zum Mitbringen hat, dann freut man sich auch aus die, die's kriegen sollen. Nicht wahr, lieber Dörr?"

Dörr schmunzelte. Frau Dörr aber sagte:Jott, der. Der un mitbringen. Dörr is bloß für rapschen und sparen. So sind die Gärtners. Aber neugierig bin ich doch, was der Herr Baron mitgebracht haben."

Nun, da will ich nicht lange warten lassen, sonst denkt meine liebe Frau Dörr am Ende, daß es ein goldener Pantoffel ist ober sonst was aus dem Märchen. Es ist aber bloß das."

Und dabei gab er Seiten eine Tüte, daraus, wenn nicht alles täuschte, das gefranste Papier einiger Knallbonbons hervörguckte.

Wirklich, es waren Knallbonbons, und die Tüte ging reihum.

Aber nun müssen wir auch ziehen, Sene; halt fest und Augen zu."

Frau Dörr war entzückt, als es einen Knall gab, und noch mehr, als Senes Zeigefinger blutete.Das tut nich weh, Sene, das kenn ich; das is, wie wenn sich ne Braut in'n Finger sticht. Ich kannte mal eine, die war so versessen drauf, die stach sich immerzu un lutfchte un lutschte, wie wenn es wunder was wäre."

Sene wurde rot. Aber Frau Dörr sah es nicht und fuhr fort:Und nu den Vers lesen, Herr Baron."

Und dieser las denn auch:

In Siebe selbstvergessen sein

Freut Gott und die lieben Engelein.

Jott", sagte Frau Dörr und faltete die Hände.Das is ja wie aus'n Gefangbuch. Is es denn immer so fromm?"

I bewahre", sagte Botho,nicht immer. Kommen Sie, liebe Frau Dörr, wir wollen auch mal ziehen und sehn, was dabei herauskommt."

Und nun zog er wieder und las:

Wo Amors Pfeil recht tief getroffen,