Ausgabe 
27.1.1939
 
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Das Bratapfel-Lied.

Von Johann Otto Bringezu.

Wenn der Ofen kracht und glüht, purpurrot die Flamme blüht, wenn die Scheite knisternd springen, hell im Rohr die Funken singen, wenn an kalten Scheiben weitze Blumen treiben und die Stürme polternd toben, soll mein Lied den Apfel loben.

Tröster du in grauen Tagen, Balsam wider Frost und Plagen, außen prall und innen mehlig, sommerrreif und sonnenselig. Wie er zischt und brutzeltl Wie er rings verhutzelt! Perlend aus der braunen Hülle quillt der Saft in goldner Fülle.

Und aus dunklen Ofengrüften steigt ein Traum auf fühen Düften ... Felder wogen, Sensen klingen, ferne geht ein leises Singen über Rain und Wiesen, schwebt auf Silberfützen in den blauen Himmel, weit in die Sommerseligkeit

Hebt die Nasen, spitzt die Zungen, seht, wie ist er wohlgelungen! Honiggelb drängt aus der Schale sich der milde Kern zum Mahle, schmilzt, kaum willst du nippen, dir schon auf den Lippen ... Ach, von allen Wintersreuden mag ich dich am liebsten leiden!

Darum: wenn der Ofen glüht purpurrot die Flamme blüht, wenn die Scheite knisternd springen hell im Rohr die Funken singen, wenn an kalten <5d)eiben weihe Blumen treiben und die Stürme polternd toben, soll mein Lied dich, ja immer dich nur loben.

Geschichte aus Finnland.

Von Andrs Baron Foelckersam.

Toivo stapfte, das Gewehr über der Schulter, durch den stillen weißen Wald. Am Gurt seines kurzen Schafspelzes hing, mit zufammengebun- tenen Hinterläufen, ein Hase. Die offenen Augen des Hafen starrten ins Weite, zwischen seinen Schulterblättern lief ein purpurfarbenes Band und rerlor sich im hellen Fell, lieber dem Schnee, aus dem hier und da junge tannen wie winzige weiße Hügel ragten, wuchsen tiefblaue Schatten; ler Himmel hinter dem Walde färbte sich zartrofa. Der Mond, noch blaß tnb ohne Wcht, stand wie ein weißes flaumiges Flöckchen über den reg- l»fen Birken. Die Luft war kalt und klar und durchsichtig wie Glas. Toivo Heg eine Anhöhe hinauf; vor ihm lag eine Lichtung; in langen Reihen lehnten sich frifchgefchichtete Holzstapel. Toivo stieg die Lichtung hinab, kr stapfte ohne stehenzubleiben durch den tiefen Schnee. Sein rundes Besicht unter der großen Lammfellmütze war rot und heiß. Plötzlich blieb er mit einem Ruck stehen, schob die Mütze über den Ohren höher und

kielt den Atem an.

' Alles blieb stehen. Toivo wartete eine Weile, bann ging er weiter. Er dachte wieder an Helmi. Er sah ihr Gesicht vor sich mit den beiden Klübchen und den weit auseinanderliegenden hellgrauen Augen unter den breiten dunklen Brauen. Sobald es zu dämmern begann, wollte er den Hasen vor die Tür des roten Häuschens legen, in dem sie mit ihrer tonte lebte, ans Fenster klopfen und sich hinter dem Ziehbrunnen ver- flecken. Er sah Helmi aus der Tür treten, den Hafen aufheben und sich erftaunt in den blauenden Abend umfehen. Toivo lachte. Er dachte daran, wie er Helmi am letzten Samstag nach dem Tanz im Dorf heimbegleitet, md rote sie sich im dunklen Wäldchen geküßt hatten. Heute war wieder Samstag, heute abend war Tanz im Dorf; heute gingen sie wieder zu- fcmmen heim, durchs dunkle Wäldchen. .

Der rosige Schimmer hinter den Baumstämmer verblaßte. Towo ging kufcher.

Halt!" rief eine Stimme. Toivo blieb stehen und wandte sich um. Sieben einem der langen Holzstapel stand ein Mann in hohen schwarzen Wzstiefeln, ein Gewehr über dem Rücken. Die abstehenden Ohrenklappen filner Fellmütze glichen riesigen, zottigen Ohren. Der Waldhüter! Toivo wollte losrennen, aber er blieb wie gelähmt stehen.

Rühr dich nicht von der Stelle oder ich schieße! Verfluchter Bengel! »ei Gott, ich schieße!" Toivo sah den Alten auf sich zulaufen. ,Zch werd' bi<f) lehren zu wildern, ich werd' dich ..."

Toivo starrte das bärtige rote Gesicht an, die abstehenden, zottigen Ohrenklappen. Er. wird mich zum Landrat schleppen! dachte Toivo. Man wird mich ... Der Alte war jetzt ganz nahe, er streckte schon die Hand aus ... Plötzlich, als erwache er aus einem Alptraum, machte Toivo einen <pw "=aen Satz zur Seite und begann zu rennen. Hinter seinem Rücken gürte er den Alten toben, er hörte den Schnee unter seinen schweren

Schritten knirschen. Acste knacken. Ein Schuß siel. Das Echo antwortete tief aus dem stillen Walde. Toivo warf sich in den Schnee, (prang auf und lief weiter. Er lief gebückt, in langen, springenden Sätzen wie eine Katze, er lief ohne sich umzusehen. Zuweilen stolperte er, fein Fuß versank bis ans Knie im Schnee, er riß ihn hoch und lief weiter, Tannenzweige schlugen ihm ins Gesicht, der Schnee machte ihn sekundenlang blind, dey tote Hase schlug ihm schwer ans Bein, aber er rannte weiter, keuchend, fallend, sich immer wieder aufraffenb. Einmal sah er sich blitzschnell um, niemand folgte ihm, rings um ihn war es still und weiß.

Der Wald lichtete sich. Toivo lief noch einige Schritte, fetzte über einen Graben und blieb atemlos stehen. Vor ihm lagen in der blauen Dämmerung verfchneite Felder; rechts und links zog sich der Weg am Wolde entlang. Etwa fünfzig Meter entfernt stand eine große Scheune. Toivo überlegte einen Augenblick,.dann lief er in langen Sätzen auf die Scheune los.

Das Scheunentor war nur angelehnt. Toivo schlüpfte hinein. Er tastete sich im Finstern vorwärts, mit vorgestreckten Händen. Er stolperte über einen Balken und blieb erschreckt stehen. Allmählich gewöhnten sich seine Augen ans Dunkel; durch die Spalten der Bretterwände drang von draußen ein schwaches graues Licht.

Die Scheune war fast leer; auf der einen Hälfte lag eine dünne Schicht Stroh, darüber, auf den Querbalken, lagen ein paar Bretter, die Ueberrefte eines zweiten Bodens, der abgetragen war, eine Leiter lehnte an einem der Querbalken. Toivo stieg die Sprossen hinauf und zog die Leiter zu sich empor. Er lag jetzt oben auf den schmalen Brettern auf dem Bauch mit erhobenem Kopf und horchte in die Stille. Nichts regte sich. Wenn er meine Spur verfolgt, kommt er hierher, dachte Toivo. Wenn er kommt, fchieß ich. Ein nachhaltiges Zittern überfiel ihn. Er wollte hier abwarten und erst, wenn es dunkel war, auf Umwegen heimgehen. Toivo richtete sich auf und lauschte. Zuweilen schien es ihm, als hörte er vor der Scheune leise, schleichende Schritte, aber cs war nur der Schnee, dec in schweren Klumpen vom Dach fiel.

Mit der Zeit überfiel ihn eine große Müdigkeit. Er fchnallte den Hafen vom Gurt ab und legte Gewehr und Hafen neben sich, dann lehnte er den Kopf in die Arme. Er mußte wieder an Helmi denken. Er sah wieder ihr lachendes rundes Gesicht mit den beiden Grübchen vor sich. Nein, Helmi war nicht wie die anderen Mädchen, die heute mit einem, morgen mit dem andern gingen. Helmi war ein großartiges Mädchen. Für Helmi, dachte Toivo, bin ich bereit, alles zu tun. Für Helmi würde ich mich in jede Gefahr begeben. Toivo schloß die Augen. Heute abend war Tanz. Die dunklen Holzwände der weiten, niedrigen Wirtsstube waren mit Tannengrün geschmückt. Wie ein riesiges Tier mit rotglühendem Rachen ragte der braune Kachelofen in den Raum hinein. Links standen die Burschen und rechts, längs der Wand, faßen die Mädchen. Und mitten zwischen den vielen Mädchen faß Helmi. Die Harmonika fpielte ...

Vor der Scheune knirschte der Schnee unter Schritten. Toivo fuhr auf. Er starrte auf das Scheunentor, fein Herz hämmerte im Halle. Die Schritte blieben vor der Scheune stehen. Das Tor kreischte leise und fiel mit einem dumpfen Laut zu. Jemand war hereingekommen. Toivo hielt den Atem gn und starrte in die Finsternis. Seine Hand tastete nach dem Gewehr. Wenn er mich findet, schieße ich, dachte Toivo.

Komm", sagte eine Männerstimme,wir warten hier ab, bis die anderen vorübergehen. Dann gehen wir nach. Ich will mit dir allein gehen. Lassen wir die anderen erst ..."

Toivo atmete erleichtert auf. Er grinste im Dunkeln. Ein Liebes­paar war das, und er hatte gedacht ...

Das Mädchen flüsterte etwas, aber er konnte nicht verstehen, was sie fagte. Toivo schob sich geräuschlos vor und richtete sich auf. Wenn die beiden ahnten, daß hier noch jemand war.

Bist du aber dumm!" sagte wieder die Männerstimme,Warum hast du Angst? Wer soll hier in der Scheune sitzen ..." Ein Streichholz flammte auf und beleuchtete eine Hand, einen Arm, der schwache Wider­schein glitt zitternd an den Wänden entlang. Einen Augenblick lang sah Toivo den Schatten des Mädchens an der Tür.Du siehst, niemand ist da, höchstens ein paar Ratten!" Der Bursche lachte. Das Streich­holz verlosch. Es war wieder finster.Wo bist du?" fragte der Bursche, und Toivo hörte ihn im Dunkeln umhertappen. Dann war es eine Weile ganz still und Toivo erriet, daß die beiden sich küßten.

Toivo lag reglos da und grinste. Er mußte sich halten, um nicht laut zu lachen. Das war ein Spaß! Er dachte daran, wie er die beiden erschrecken könnte. Wie sie auseinanderfahren würden! Er roollte nach ein wenig warten, und dann ...

Warum zitterst du so?" sagte der Bursche.

,Zch habe Angst!" sagte Helmis Stimme.

Toivo wurde auf einmal glühend heiß und kalt und wieder heiß. Sein Herz fchlug so laut und hart, als schlüge es nicht in feiner Brust, sondern irgendwo außerhalb in der Scheune.

Es war wieder ganz still in der Scheune, und Toivo wußte, daß die beiden sich küßten. Draußen, auf dem Weg ging jemand vorüber, man hörte laute Stimmen und Lachen.

Lasten wir sie vorübergehen", sagte der Bursche.Wir gehen dann allein durchs Wäldchen."

3a", sagte Helmi.

Ich werde sie töten! dachte Toivo. Ich werde sie und ,hn toten! Ich will sterben. Ich werde sie töten! Die Stimmen draußen verklangen, in der Scheune war es still, und Toivo wußte, daß die beiden sich wieder küßten.

Hier ist bestimmt jemand!" sagte Helmis Stimme.Wollen mir gehen, ich habe Angst!" , ,

Ich werde sie töten! dachte Toivo. Seine Hand tastete im Dunkeln nach dem Gewehr, sie stieß dabei an etwas Weiches. Es war der tote Hase. Toivo hatte ihn ganz vergessen, unwillkürlich zog er seine Hand