Ausgabe 
27.1.1939
 
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Wasscrfronl ßffnen. Fahr Er zum Tor hinaus wie der Teufel aus der Schachtel. Aber geb Er acht! Zwanzig Schritt vor dem Glacis ist ein feindlicher Graben. Dahinter Batterien. Dann kommt ein toter Flußarm und dahinter die March. Halt er sich links. Den rech en Teil des Vorfeld« habe ich schon unter Wasser setzen lassen. Die Furt über di« March rechts an der verbrannten Brück«. Hat Er die Furt hinter sich, dann ist Er wohl durch. Frühstücken darf Er schon noch... Also kommt Er mir gesund wieder und reit Er mit Gott!" Er gab dem Leutnant die Hand. Und der Salat ist auch hin!" Er deutete mißbilligend auf ein halb unter Schutt vergrabenes Beet. , .

Mit drei Dragonern und seinem Burschen segte Rabenau eine Stunde päter zum Wassertor hinaus. Auf dem Glacis lag noch Nebel. Dicht neben >en Gäulen gellten zwei Schüsse. Da war die Patrouille schon über den Graben. Unter den Pserdebäuchen sahen sie unten im Graben die gelben Blechhauben der Preußen. Sie stolperten über Trommeln und Gewehr­pyramiden, sprangen über Faschinen, Pulverkarren und Brustwehren, wischten, plötzlich aus dem Nebel auftauchend, zwischen Geschützen durch, galoppierten durch zwei Fuß tief unter Wasser gesetzte Wiesen, warfen im letzten Augenblick ihre Gäule vor einem exerzierenden Bataillon herum und waren an der March. .

Deutlich waren die Wagenspuren zu sehen, die von der Böschung hinunter zur Furt führten. Einen Augenblick verhielten d e Pferde Die March ging hoch. Ihr bräunliches Wasser schäumte und toste. Auch im Glatzer Gebirge hatte das Juniwetter getobt. Rabenau gab seinem Gaul die Sporen. Die andern folgten. Fast bis zu den Packtaschen ging da- Wasser. Schüsse fielen. Hinter den Userbüschen tauchten Blechhcuiben auf. das exerzierende Bataillon hatte die Reiter doch bemerkt. Kugeln klatsch­ten ins Wasser. Ein« spritzt« dicht vor Rabenaus Iferd aus. Der Fuchs versuchte zu bäumen, rutschte mit der Hinterhand von der Furt ab. Während Rabenau ihn mit Sporen und Schenkeldruck im seichten Wasser zu halten versuchte, rief er den Dragonern zu:Weiterreiten I Ins Haupt­quartier!" Der Fuchs verlor den Halt, glitt in die Tiefe, wurde von der Strömung erfaßt, trieb ab. Rabenau griff in die Mähne seines Gauls, schwamm neben ihm her. Die Reiter auf der Furt ritten befehlsmaßig weiter. Nur der Bursche schwamm mit seinem Goul hinter dem Leutnant her. Immer noch spritzten die Kugeln auf -en schäumenden Wellen. Aber sie blieben zurück. Die rasche Strömung trieb Leutnant und Burschen schröl. über den Fluß. An der Brücke, am andern User kletterten die Dra- gom-r die Böschung. Die waren wohl durch. Rabenau würde einige hundert Schritte weiter unten landen. Das war nicht schlimm.

Da zerriß die Sonne den Nebel. Stromabwärts auf dem Damm hiel­ten Reiter. Noch konnte Rabenau nicht erkennen, ob Freund oder Feind. Die noch tief stehende Sonne blendete. Auch die Reiter bemerkten die Pferde im Sttom noch nicht. Plötzlich wandte einer den Gaul, stutzte. Rabenau sah deutlich, wie er mit der Hand di« Augen beschattete und herüberblickte. Die Reiter ritten langsam näher. Eben hatte Rabenaus Pferd wieder Grund unter den Hufen, hob sich langsam aus dem Strom, arbeitete sich an der Uferböschung hoch. Hundert Schritte dahinter schwamm noch der Bursche.

Jetzt erkannte Rabenau die Kalpake preußischer Husaren. Sie hielten wieder. Rabenau gab seinem Pferd die Sporen. Vielleicht kam er noch durch. Die Reiter waren noch gut drei Pistolenschußweiten entfernt. Aber die Böschung bröckelte Unten am Wasser war fetter, glitschiger Lehm. Immer wieder rutschte die Hinterhand des Fuchsen in das seichte Wasser zurück. Doch jetzt schien es zu gelingen. Mit den Vorderhusen hatte das Pferd festen Stand. Es setzte zum Sprunge an. Da kamen die Husaren angefegt. Rabenau zog den Pallasch. Die Pistolen waren je doch naß. Vom Userdamm blitzte ein Säbelhieb auf ihn herunter. Rabenau parierte. Er hatte Mühe damit. Sein Pferd hing noch an der steilen Böschung, da zischte ein zweiter Hieb. Die Parade kam zu spät. Rabenau schwankte, verlor den Halt, stürzte aus dem Sattel, rollte den Damm hinunter und blieb halb im Wasser liegen. Der Fuchs, seines Reiters ledig, stand mit einem Satz auf dem Damm. 1

Der Bursche zwang seinen Gaul in die Strömung zurück. Helfen konnte er ja doch nicht. Er wollte wenigstens versuchen, ins Hauptquar­tier zu kommen. Als er sich an einer Biegung des Flusses noch einmal u.iwlickte, sah er, wie zwei Retter die Böschung hinunterkletterten, den Leutnant hinaufhoben und auf die Beine zu stellen versuchten. Es schien nicht zu gelingen. Der Bursche duckte den Kopf. Kugeln zischten über ihn weg.

Di« alte Rabin krächzte und stotterte durchs Haus. Sie war außer sich- Wie alle Jahre hatte sie, ehe sie Mitte Juni mit dem Baron aus dem Wiener Stadthaus nach Schloß Hradek an der Moldau übersiedelte, das Haus auf den Kopf stellen lassen. Eine Woche lang scheuerte und fegt« dann di« ganze Dienerschaft, die Kutscher und Stallknecht« und alle Tür- stcherssrauen der Himmelpsortgasse. Sogar ihre Schwiegermutter, die ®rani>mere, wie man sie in der Familie und selbst bei Hof nannte, wurde aus diesem Anlaß regelmäßig von ihrem Witwensitz Rotbuch im Waldviertel heranbefohlen. Es gab ja allerlei zu flicken und zu nähen. Und selbst rührte die Rabin keinen Finger. Sieschaffte nur an". Dse Grand'mere aber kam gern. Sie war die Hilfsbereitschaft selber und liebte es überdies, einige Frühlingswochen in Wien zu verbringen.

Bei diesem großen Kehraus hatte die Rabin im Sekretär ihres Sohnes das Konzept eines Briefes an eine Demoiselle Elisabeth Brand gefunden, aus dem afsreuserweise hervorging, daß er diese Person zu ehelichen ge­dachte. Eine Bürgerliche! Zum Haarausraufen war das.

Sie fiel über dies« Entdeckung nicht in Ohnmacht, wie ihr Sohn das gefürchtet hatte, und der gute van Swieten brauchte nicht seine Hoss- mannschen Tropfen an sie zu verschwenden. Der, auf den dieser Schwäche- anfall einzig und allein berechnet sein konnte, war ja nicht da. Ernst Christoph raufte sich irgendwo mit den Preußen herum. Und dem alten Baron imponierten diese Ohnmächten schon feit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Selbst die gute Grand'mdre pflegte, wenn die Rabin erster­bend auf ein Sofa sank niemals daneben, mit fröhlicher Bosheit zu mahnen:Marie-Luise, du wirst dir die Rob« und die Frisur deran- gieren." (Fortsetzung folgt.)

Rabenau war über diesen Rösselsprung des Generalsgehirns er­staunt. Er lachte:Sogar recht passable, Ihrs Exzellenz!

Marschall schlug ihn auf die Schulter:Magniftque! (Ein Quartier hat Er doch wohl noch nicht? Wie? ... Also dann wohn Er bei uns! Der Leutnant dankte respektvoll. Der General blitzte ihn fröhlich an.Zu danken ist da gar nichts. Er wird gleich sehen ... Meine Frau spielt nämlich auch Schach, leidenschaftlich und übrigens vorzüglich Aber ch selber spiel nur mäßig, und ihre Partner sind alle auf den Basteien und Wällen Da langweilt sie sich abends und hält mir Dortrage, wie inan Olmütz noch zweckmäßiger defendieren könnte. Also tu Er nur den Ge­fallen und spiel Er Schach mit ihr!" ..

Drei Wochen lang spielt« Rabenau nach dem Abendessen Schach mit der Marschallin Zur Freude des Feldzeugmeisters, der dann meist be- haalich in seinem schwarzledernen Lehnstuhle saß, die Karte studierte oder in einem Buche las. Manchmal freilich versuchte seine Frau es doch ihm einen Rat wegen des Defendierens zu geben. Sie wollte ihren NamenMarschallin" noch einmal von Rechts wegen führen. Aber dann winkte der Alte nur ab und sagte lachend:Gib lieber aufs Spiel acht, meine Liebe! Sonst nimmt dir der Leutnant hie Dame."

Rabenau war über diese Schachpartien nicht böse. Denn erstens spielte die Feldzeugmeisterin wirklich vorzüglich, fast so gut, wie sw kochte Und was hätte er zweitens in dieser verdammten Festung auch sonst tun sollen? Aus die Straße konnte man nach Einbruch der Dunkel­heit nicht mehr, ohne Hals und Beine zu brechen. Das Straßenpflaster war aufgeriffen, damit die feindlichen Bomben sich verschlugen. Alle hundert Schritte rannte man gegen eine Barrikade, eine Sperrkette oder gegen spanische Retter. Denn der Herr von Marschall wollte, auch wenn Daun nicht kam, den, wie er sagte, allmählich der Satan holen solle, Olmütz bis auf das letzte Kellerloch halten. In die Gaschauser konnte man auch nicht, weil ein Teil bereits ihre Vorräte an die Be­satzung und di« Lazarette abgegeben hatten und die anderen zerschossen waren. Selbst in der Kavalierstube desRömischen Kaisers", in der damals das Raudenberger Abenteuer begonnen hatte, klaffte ein Loch wie ein halbes Scheunentor in der drei Fuß dicken Mauer.

Erft hatte Rabenau noch alle Tage einen Brief an die Demoiselle Brand geschrieben; unter der Adresse des Regenschori von Sankt Ste­phan. Wie sie das im Piestingtal ausgemacht hatten. Aber dann kamen die Feldpostreiter nicht mehr durch. Auch di« Wiener Sttahe war jetzt vom Feinde gesperrt. Die preußischen Laufgraben rückten immer näher an die Mauern heran. Vor den Trümmern der Bastion am Kcttharmen- tor waren sie nur mehr vier Schritte vom Glacis entfernt. Auf die Wälle und in die Werke lieh der Feldzeugmeister Herrn von Rabenau nicht mehr. Erstens verstehe ein Reiter ja doch nichts davon, und zweitens habe er keine Lust, sich durch den frühzeitigen Tod des Leut­nants um die Zeche prellen zu lasten. Denn er wollte ihm ja, wie gesagt, noch die Rechnung für das überflüssige Esten präsentieren. Was hätte Rabenau anderes tun sollen als Schach zu spielen?

Der Herr von Marschall war des Abends jetzt immer seltener in feiner Wohnung. Meist verbrachte er die Nachte oben auf dem Rat­hausturm. Als die Türmerstube dann gleichsam nur mehr auf einem Beine stand, weil eine Bombe den halben Turm unter ihr weggerissen hatte, war der Feldzeugmeister nachts meist draußen bei den hinter der Bresche am Theresientor in Bereitschaft stehenden Truppen.

Wieder waren die Marschallin und der Leutnant allein. Der Lieb­lingsplatz des Feldzeugmeisters, der schwarze Lehnstuhl im Erker, war leer. "Draußen prasselte und rollte der Donner. Es war das erste Ge­witter dieses Jahres. Alle Augenblicke flammten die Scheiben der schmalen Erkerfenster auf, gegen die der wolkenbruchartige Regen klatschte. Als das Unwetter sich verzog, mischte sich Geschützfeuer in das letzte Grollen des Donners. Erst waren es nur einzelne Schüsse, dann tobte die Hölle über den Dächern. Immer wieder glühten die Fenster. Von berstendem Einschlag oder von den feurigen Bahnen der Bomben, die wie fallende Sterne über den nachtschwarzen Himmel fuhren.

Unruhig horchte der Leutnant von Rabenau auf das höllische Or­chester. Der Feind wollte Olmütz wohl sturmreif schießen. Ohne Unterlaß klirrten und zitterten jetzt die Scheiben, lieber den Dächern fauchte und jaulte es wie von tausend Katzen. Brände schwelten wie Fackeln. Der polternde Einsturz von Mauern war zu Hörem Doch die Marschallin ließ sich nicht stören. Immer wieder mahnte sie:Der Herr Leutnant ist am Zug." Es war fast Mitternacht, als sie ihren rechten Läufer aufs nächste Feld fetzte:Schach matt! Das kommt davon, wenn man, statt vernünftig zu spielen, auf das Gepumper hört." An Kaltblütigkeit war sie ihrem Feldzeugmeister ebenbürtig.

In seinem Zimmer horchte Rabenau noch lange auf das Donnern und Toben. Es schien ihm, als wäre das Feuer der eigenen Batterien schwä­cher geworden. Es wurde spät, «he er einschlief. Er glaubte keine Stunde geschlafen zu haben, als ihn ein Klopfen weckte. Er erkannte die Stimme des Festungskommandanten:Steh Er auf, Rabenau! Zieh Er sich an und komm Er in den Garten hinunter!" Rabenau ttat ans Fenster. Brandgeruch war zu spüren, lieber verkohlten Dächern und zerrissenen Manern stand schon ein heller Schein.

Als der Leutnant den mit Balken, Ziegeln, Schutt und Mörtel besäten Garten betrat, kam ihm der General schon entgegen, zog ihn an einem Knopf feines Waffenrocks zu sich heran und sagte:Rabenau, jetzt muß ich Ihm die Rechnung präsentieren. Ich fürcht«, sie ist teuer. Aber Er muß zum Daun." Er beschrieb mit dem Arm einen Bogen über dem Garten:So sieht es nämlich auch draußen in den Werken aus. Zwölf­tausend Bomben hat Olmütz diese Nacht auszuhalten gehabt. Auch am Reindltor klafft jetzt eine Bresche, breit wie eine Kompaniefront. Sag Er dem Saun, daß, wenn er nicht bald die Entsatzschlacht schlägt, Olmütz der Teufel holt. Acht Tage kann ich noch Hinhalten/ Der General zwinkerte mit den kleinen, wäßrigen Aeuglein.Unter uns gesagt, noch vierzehn. Aber sag Er ihm acht! Ich kenn doch den Daun."

Rabenau lachte.

Also nehm Er sich drei Reiter! Präg er einem jeden die Meldung ein! Einer wird schon durchkommen. Laß Er sich das kleine Tor an der