Ausgabe 
25.9.1939
 
Einzelbild herunterladen

Mittlerweile erschütterte das Klopfen, so schien es, sogar den baden und das Dach. Mit einem verzweifelten Blick aus Theophil trollte sich Germaine die Treppe hinab. .

Poiporcnce schrie ihr nach:Bring mir die Gans!

Dann fielen ihm ein Strohsack, ein paar alte Gardinen und eine Decke in die Augen. Er zerrte die Sachen in feinen Verschlag und legte sich auf den Strohfack, nachdem er sich aus Lumpen und Gardinen ein Kopfkissen bereitet hatte. Er war aus alles gefaßt.

Es ist nicht wahr, daß wohlbelhlbie Menschen immer phlegmatische Naturen sind. Germaine glich in dem Augenblick, als sie die Tür öffnete, einer fauchenden Tigerin. Es erhöhte ihre Wut, daß keiner der Soldaten ihren Zorn wahrzunehmen schien.

Die Infanteristen sahen sich ruhig und gelassen um.

Ja, Leute", sagte Unterosfizier Weidlich,hier ist für uns alle Platz, das sehe ich!"

Der Füsilier Winter wedelte mit beiden Händen, als zöge er einen Geruch zu seiner Nase.

Herr Unterosfizier, ich rieche etwas!"

Und alle rochen dasselbe und gingen dem Schwaden, der durch das Haus kroch, entgegen. So gelangten sie in die Küche.

Man kann darüber streiten, ob eine gebratene Gans schön ist, für die Krieger war sie in diesem Augenblick der schönste Vogel der Welt. Welch ein Willkomm! Ein Gruß, den Glück und Zufall mit der Brat­pfanne sandten. ,

Wir bezahlen die Gans natürlich, bezahlen!" sagte Weidlich, so gut es ihm gelang, in der Landessprache. Winter sammelte behend die Münzen und legte sie "der erstarrenden Germaine in die Hand. Ihr Schweigen wurde als Einverständnis genommen.

Aber die Magd begriff das Ganze erst, als sich die Soldaten um den rohhölzernen Küchentisch setzten und Füsilier Kutschbach, Gastwirt seines Zeichens, kunstvoll die Gans zerlegte.

Ja, die Gans, die sie dem Geliebten zugedacht hatte, wurde vor ihren Äugen vernichtet! Was sollte das Geld in ihrer Hand, Geld konnte Theophil nicht essen!

Sie vergaß, daß der Brave in seiner Dachkammer das Haupt aus Speckseiten legen konnte und daß er kaum Hungers sterben würde.

Winter hatte einen knusperigen Schenkel ergriffen und entblößte ihn mit kräftigen Zähnen bis auf die Knochen. Unteroffizier Weidlich nagte an der Gänsebrust, das Fett perlte in seinen Bart. Germaine hörte, wie die Haut der Gans zwischen den Zähnen Kutschbachs knatternd brach. Kurz: es war eine Orgie zwischen der toten Gans und den Männern, ein Fest des Gaumens und des Magens.

Germains Gesicht blühte wie eine Rose. Es war aber die Wut, die ihre vollen Wangen rötete. Das Gewitter des Zorns durchschossen die Blitze der Erkenntnis, daß ihr Idyll dahin war.

Sicher würden die Deutschen Theophil finden. Und dann? Weiter konnte sie nicht denken, die Galle stach ins Blut. Ihr war, als müßte sie an ihrer Wut ersticken. Aber dann löste sich ihre Zunge, ihr Atem wurde frei, ihre Wortslut überschwemmte wie ein Wolkenbruch die erstaunten Soldaten. Keiner verstand die Griselle.

Unser Appetit bereitet ihr vielleicht Schmerz", bemerkte Weidlich und suchte genießerisch nach einem letzten Stück des knusverigen Vogels.

Dabei sieht sie nicht aus, als ob sie Hunger litte", ergänzte Kutfchbach mit einem sanften Blick aus die prallen Linien der Magd.

Plötzlich fuhr Germaine aus die Gans los, riß sie vom Tisch, raste wie eine Befenhexe hinaus in den Hof und lieh das schäbige Gerippe des einst geschwätzigen Vogels in einer Abfalltonne verschwinden.

Es waren kärgliche Reste, und sie entzog eigentlich den Soldaten nur den letzten Bissen.

Dieser Wurf in die Mülltonne war eine trächtige Gebärde des Zornes. Aber sie verletzte die Männer. Nicht, daß ihnen einige Bissen vom Munde weggenommen wurden, empörte sie, sondern daß eine Gottesgabe in den Dreck geworfen wurde.

Die Soldaten schalten aus wahrhaftem Zorn, aber die Griselle zeterte und kreischte böse Antwort. Es war ein Glück, daß die Parteien einander nicht verstanden.

Die Griselle, sonst so pfiffig, verlor jedweden Sinn für die kühle Wirklichkeit. Die symbolische Geste kehrte wieder in merkwürdiger Stei­gerung. Germaine ergriff die Tornister, die einstweilen im Flur gereiht waren, und wars sie auf die Straße. Aber nicht genug: weit riß sie das Tor aus und schrillte:Hinaus, Ihr! Hinaus!"

Bisher war der Streit von halbem Gelächter erschüttert gewesen, die Soldatew nahmen die scheltende Wirtschafterin als einen Spaß.

Aber jetzt lachten die Soldaten nicht mehr. Sogleich flogen die Tor­nister ins Haus zurück. Und dann fühlte sich die Griselle plötzlich gepackt und hochgehoben. Sie schwebte. Sie schrie auf und bewegte die Arme wie Mühlenflügel. Aber ihr Widerstand war wie ein SGlag in die Luft.

Vier Mann trugen Germaine Griselle durch die Straßen von Mere- ville. Dann fühlte die Magd, daß man sie auf eine Bank setzte. Sie sah sich um. Sie befand sich im Flur der Mairie.

Unteroffizier Weidlich machte Meldung. Aber der Hauptmann hieß ihn warten Denn in diesem Augenblick verhörte Hauptmann Baern- burg Ann Moreland.

Sie brauchen sich nicht einzuschließen, Miß Moreland", eröffnet Baernburg die Unterhaltung.

Ich kleidete mich an, Herr Hauptmann", bemerkt Ann zurückhaltend. Es ist nicht die Wahrheit, aber sie möchte sich entschuldigen.

Baernburg lacht:Als ich Sie vom Platz aus am Fenster sah, hatten Sie dasselbe Kleid an wie jetzt."

Aber dann bricht das Lachen jäh ab, der Hauptmann bietet Miß Moreland einen Stuhl an:Nehmen Sie Platz, ich bitte jedenfalls um die Ehre, Sie kennenlernen zu dürfen."

Es ist keine Wärme in den Augen des Offiziers, aber auch keine Feindschaft. Irgendwie sind seine Worte kleine Pfeile, die verfchofsen werden.

di<

ffl &

Witin

land reifen." Sie stockt.

Billett nach Calais! Ich war dabei!" Es ist eine schüchterne Bemerk«

Ue

Hob (,

Hut

in

*

:>1}

Ih» finr

All­ein?

i liebt spätei k lat AH r 1914

stecken! _ v ,

Baernburg befiehlt der Ordonnanz, das Gepäck der Dame in Amtsstube zu bringen.

Der Maire sucht Anns Blick.Keine Angst!: sagen seine Augen.

.kz

&

Ja, und ..."

Wenn ich mit ihm in England eingetroffen wäre, hätte ich heiraten müssen", fährt sie fort.

Dem Hauptmann geht, wie man sagt, ein Licht auf. ,Mh, Sie ihm ausgeriffen?"

Ja", nickt sie befreit.

Eine richtige Liebesgeschichte?"

Von ihm, nicht von mir aus!" erklärt Ann.

Baernburgs Gedanken gehen zwischen Zweifel.und lachender teilnahme hin und her. Er will gern die Harmlosigkeit des Falles sehen, aber die Erfahrung wiegt den Kopf und mahnt zur Vorsicht.

9a ..." sagt der Hauptmann gedehnt.

ob Sie durchkamen?"

Ann verliert alle Farbe aus dem Gesicht. Jetzt hat sie Angst. wehrt sich aber:Stehe ich unter einem Verdacht, Herr Hauptmann

Sie müssen doch zugeben, daß die Unschuld, die Sie und der Ttai" beteuern, nicht in vollem Glanze strahlt. Hier ist ein Brief in ,3« Tafche", sagt Baernburg,gerichtet an den Weinhändler Fournier i Calais!" .j*

©ie hat aus einmal das Gefühl, daß dieser Bries ihr Schicksal w>n? Cs ist der Bries, den ihr die Unbekannte vor Abfahrt des Zuges t" Paris gegeben hat. , ,

Der Brief ist eine Gefälligkeit. Ich sollte ihn für eine Unbetanrn mit nach Calais nehmen." _j,.

Ich bin Zeuge", wirst ßabatut ungefragt ein,ich habe gesehen, wi­der Brief gebracht wurde."

Sie kennen den Empfänger?"

Ann verneint.

Den Absender?"

Ich habe die Frau früher nie gesehen!"

(Fortsetzung folgt.)

Dn-n fpflrl: zwischen ihr «n8 dem JJaUptmänn Tiegen Abgründe: Miß­trauen, Vorsicht, Verdacht.

Die Reise ist jetzt kein Spiel mehr aus Trotz und Eigensinn. Ann ist auf einmal eingeworfen in das große Geschehen, ein Korn in der Müble, die Räder drehen sich, die Mahlsteine donnern.

Der Schreiber Adamaux treibt die Feder eilig über das Papier, seine Sinne find verschlossen, er gehört der Arbeit.

ßabatut aber, der Liebende, sorgt sich um Ann. Die Liebe macht ihn empfindsam, er spürt Baernburgs Vorbehalte.

Der Verstand lacht darüber, aber das Herz sorgt sich dennoch. (Ach wenn es nicht liebte, sorgte es sich nicht.)

Wie kamen Sie nach Mereville?" fragt Baernburg.

Sie sei auf dem Wege nach Calais gewesen. Dem Herrn Hauptmann sei sicher nicht entgangen, daß man die Strecke zerstört habe.

Das waren nicht wir, sondern Ihre Freunde, die Franzosen , mein! der Hauptmann trocken. , , ,, . ... . ,

Er sagt dasIhre Freunde, die Franzosen so absonderlich, daß Ann aufbegehrt und betont:Ich bin eine neutrale Ausländerin!"

Gewiß, Miß Moreland. Ich sehe darin auch die Derpflichiung, Ihnen behilflich zu sein", erwidert Baernburg höflich.

Ann blickt überrascht auf.

Geben Sie uns Ihren Paß, wir machen eine Eintragung, die Ihnen ein bestimmtes Reiseziel verbürgt!" t

-Da ist sie, die gefürchtete Frage. Er streckt den Arm aus, um den Paß entgegenzunehmen.

Ich habe keinen Paß bet mir!" erwiderte Ann.

Verzeihen Sie! Natürlich! Oben in Ihrem Gepäck!

Nein", will sie sagen, aber das kleine Wort bleibt ihr in der Kehl«

liier '»ta

ßabatuts. ,....

Ich habe Sie nicht gefragt, Herr Maire", sagt Baernburg freunW *.

Der Maire reckt sich:Aber die Unschuld braucht einen Anwalt, Herr

Hauptmann!" . *t, Oh

Baernburg wird störrisch, ßabatut hat Ann einen Bärendienst 8«' |u leistet. *

Unschuld! Lächerliche Pathetik!" wettert der Hauptmann.Ich ha«' noch niemanden angeklagt. Aber man gestatte mir, Mißtrauen M haben! Kaum Gepäck, keinen Paß, und man reist noch dazu allein! Ur» die Dame kehrt nicht zurück nach Paris, sondern anstatt das AufmarM gebiet zu meiden, sucht sie es auf? Das Verhalten verwirrt nw Mutzten Sie zu uns fliehen vor Ihrem Liebesfüchtigen? Wanm nicht nach Südfrankreich? Es war doch gewitz schon in Paris unsicher

! *iiri 'los,

. |uyi Wl j^uuf/uiiuiui yvvupu. , wifhfi

Ich weiß: die Dame kam ganz plötzlich in den Zug und lüfte ei»

»ta

Anns Gepäck wird gebracht.

Bitte, öffnen Sie!" sagt Baernburg.

Es gehört alles mir", starrt sie. Ann weiß, irgendwo lauert des Unheil wie ein böses Tier, das zum Sprunge ansetzt.

Baernburg sagt entschuldigend, aber seine Stimme liegt aus Eis: Miß Moreland, wir führen Krieg. Wir sind im Feindesland und dürfen U niemandem trauen, keinem Stein und keiner toten Katze!" L q«,

ßabatut reißt sich von feinem Platz hoch. Er fühlt den Ernst der V $ Worte mehr als die Engländerin. Ann öffnet die Tasche. 1.,-

Das ist Ihr ganzes Gepäck?" staunt der Hauptmann ,

Er sieht über die zarten Kleidungsstücke, die sich ohne Gewicht u, in der Tasche bauschen, hinweg.

Als die Ordonnanz grinst, pfeift er sie an. Zu Ann sagt er:Warum . haben Sie Paris mit so geringem Gepäck verlassen? Warum Hals ubn $ . Kops ohne Paß, ohne Papiere?" » IL.'

Mein Jugendfreund, Gilbert Jllingtvn, wollte mit mir nach Griff