Ausgabe 
25.9.1939
 
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SiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Montag, den 25. September

Nummer 7<

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Eln heiterer Roman von Kurt Heynkcke

Copyright by Deutsche VerlagS-Anstalt Stuttgart

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Herz, wo liegst du im Quartier?

9. Fortsetzung.

Jetzt bewegte den Hauptmann der Wunsch, das gange Haus kennen- zulernen. Er ging die Stiegen hinaus, Mademoiselle folgte ihm wie sein Schatten.

Am besten gefiel Baernburg das Schlafzimmer des Maire. Es war >m Stil des ersten Kaiserreiches eingerichtet und Herrn Labatut offenbar »ererbt. Die Fenster sahen in den Garten, in ein Gewirr von Baum und Strauch, hinter dem schnurgerade mit glänzenden Muscheln einge­faßte Beete leuchteten. Astern und Georginen blitzten farbentoll. Es war rin schöner und ein friedsamer Blick, der die Seel« beruhigte, falls non solcher Ruhe bedurfte. Em freundlicher Raum und ein behagliches Quartier.

Aber hier auf der Gartenseite lauerte die Idylle. Hier kehrte der Hauptmann der feindlichen Welt sozusagen den Rücken, ein Ortskomman­dant muh aber Tag und Nacht die Stadt vor Augen haben, und so uchte er nach einem Zimmel, dessen Fenster auf den Platz schauten, tatt auf Astern und Georginen.

Ann Moreland hörte, daß Baernburg an ihrer Tür stand und die Mnke vergeblich niederzog. Da war ihr Herz voll Aergernis.

Der Maire hatte ihr geraten, sich einzuschließen. Aber wenn jetzt ^i« Wände drückten und wenn ihr die Luft zum Atmen wie weggestohlen »erkam, war es ihre eigene Schuld.

Ihr Stolz empörte sich gegen ihr eigenes Verhalten, und in keinem Augenblick ihrer seltsamen Reise war der Wunsch stärker, das Fortgehen in erzwingen, als jetzt.

. Aber ach, eine verschlossene Tür ist ein schlechter Anwalt für eine zlllhende Bitte.

Baernburg löste die Hand von der Klinke:Wohnt hi«r die Dame?"

Di« Wirtschafterin hatte wieder ein schlechtes Gehör.

Baernburg wiederholte seine Frage nicht und ging stumm di« Treppe linab. Ann Moreland hörte es und war nicht glücklich.

Der Quartiermacher Feldwebel Putlitz meldete unterdes dem Haupt- nann, daß nun alle Quartiere bereit stünden, in einigen Häusern sei 'acht geöffnet worden, aber man werde schon hineinkommen.

Und wo bleib« ich?" fragte Baernburg.

Putlitz erschrak:Aber Herr Hauptmann! Ich dachte, Herr Haupt-

tonn wollten in der Mairie wohnen?"

I ~ ''«kam nun die Waage, deren Schalen Ja und Nein hießen, einen I 6 das Ja sank tief, und damit war die Frage zugunsten des Blickes ! <uf Grün und Blumen entschieden. .

Baernburg war ein stattlicher blonder Mann, ein Offizier voll Pflichtgefühl und Strenge gegen sich selbst.

Sein Gesicht prägte sich nicht ohne weiteres dem Gedächtms ein, sichte, klare Züge ohne Besonderheiten zeichneten es.

®r trug einen Bart in der Mode der damaligen Zeit, er pflegte ' n und hielt auch sonst viel auf sein Aeußeres, nicht weil er eitel war, Indern weil die soldatische Strenge Sauberkeit als eine ihrer Tugen- |pries. _

Im übrigen war er eine jener graden Seelen, die ihre Mitmenschen i ^nächst unbedenklich für gut halten.

I Jen« tüchtige Klugheit, die jedem Menschen freundlich, aber mit he:m- icher Vorsicht begegnet, war weder aus Anlage noch durch Erziehung Schanden.

I Aber das Leben und beso>id«rs der Krieg hatten manche bittere Cr= 11 brung gehäuft, und da zeigte es sich, daß die Verletzung übertriebenen [Wtrauens gerade bei solchen einst vertrauensseligen Naturen eine j Stenge heraufbefchwörl, die leicht die Grenzen der Voreiligkeit uno ^Gerechtigkeit berührt ,

.Was ist schon eine verschlossen« Tür! Aenzstliche Weiber schließen Ich ein.

L Aber gleichwohl saß der Gedanke an die Tur wie ein Widerhaken J feinem Gedächtnis und riß von Zeit zu Zeit. ,, <

L Herrn Labatut hatte der Gang durch die Straßen wohlgetan das I "trauen der Bürger war Balsam für sein mitgenomenes Gemüt, |em

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II

Amt war wie durch höheres Eingreifen bestätigt. Die Würde hing noch wie ein unsichtbarer Mantel um ihn, als er erhobenen Hauptes seinen Amtsraum betrat.

Ist die Dame, die sich einschließt, eine Verwandte von Ihnen?" fragt« Baernburg sogleich.

Aus Nebelfernen fiel Labatut in die nüchterne Wirklichkeit zurück.

Eine junge Engländerin", erwiderte er. Dann erklärte er, wie Ann Moreland noch Merevill« gekommen war. Baernburg spürte, daß das Herz des Maire den kühlen Bericht wärmte.

Ich möchte die englische Lady einmal kennenlernen, Herr Maire", sagte Baernburg.

Da erschrak Herr Labatut, denn er glaubte, den Ton des Mißtrauen» in der Stimme des Hauptmanns zu hören.

Theophil Poiporence ergötzte sich am Kleiderschrank des Herrn Beauoisage. Welch reiche Garderobe, obwohl der Rentner di« besten Kleider mitgenommen hatte!

Die Hosen, Jacken nnd Röcke zogen zwar Theophil an, aber er konnte sie nicht anziehen! Was nützte ihm die äußere Garderobe des Hausherrn? Nichts. Und darum neigte er sich zum unteren Teil des Schrankes, der von zwei Schubladen gebildet wurde.

In fester Schichtung, sorgsam mit Bändern gebündelt, lagen Hemden und Unterzeug darin, so angriffsluftijf sauber, als spotteten sie über Theophils graues, schmutziges, verschwitztes Hemd.

Theophil dacht« über seine Wäsche so schlecht, daß er sie mit einem der weißen Rentnerhemden und einer rosablütenfarbenen Unterhose ver­tauschte.

Der Tausch belastete sein Gewissen nicht, denn es war eine Ehre für das Hemd, von einem wenn auch vereinsamten Krieger getragen zu wer­den, eine Ehre auch für Herrn Beauoisage.

Theophil wusch sich mit der Seife des Rentners, rasierte sich mit dem Messer des Hausherrn, er zog mit Hilfe der Pomade des Herrn Beauoisage einen Scheitel schnurgerade wie eine Pappelallee.

Plötzlich lief Bratengeruch über die Treppen des Hauses und kitzelte Theophils Nase.

Poiporence schlenderte in die Küche, um sich Germaine zu zeigen und die Ursache des Dustes zu erforschen.

Germaine lieble es nicht, daß jemand ihr Reich betrat. In der Küche war sie einsiedlerisch.

Sie stieß ihn:Sitz nicht hier herum!"

Poiporence überhörte ihre schlechte Laune. Er blieb sitzen, reckte den Hals zum Herd und sog den Bratengeruch ein:(Bans, schätze ichl"

Sie ist für dich gestorben", erwiderte Germain« und drehte den Vogel in der Pfanne auf die andere Seite.

Poiporence nahm Germaine um die Hüsten und quietschte:Das ist ein Leben! Ein Sebert ist das!" Sie dreht« den Kopf nach ihm und rieb ihn an seiner Schuller wie eine Katze, die auf Zärtlichkeiten aus ist.

Plötzlich horchte sie auf. Es wurde heftig an die Haustür geklopft.

Sie erschrak:Wer kann das fein?"

Mach doch nicht auf", meinte Poiporence.

Ich sehe nach", beschloß Germaine, zog die Holzschuhe aus und eilt« bloßfllßig zu einem Fenster des ersten Stocks. Poiporence folgte ihr. Sie schauten vorsichtig hinaus. Dann zogen fie die Köpfe zurück.

Die Deutschen!" sagte Poiporence. Aber sogleich begann Theophil zu überlegen:Da muß ich weg!"

Auf die Sttah« konnte er nicht, über den Hof in die Nachbarhäuser ebensowenig, denn dort war natürlich auch Einquartierung.

Du mußt shechereinlassen und mich verbergen", sagte Theophil.

(Btrmaine sah finster drein:3th lasse sie nicht tn> tiausi"

Die Kriselte haßte die Männer da unten, denn die klopfenden Fäusl« zerschlugen ihr Idyll, zertrümmerten ihr heimliches Glück, das mit Theophil in das Haus gezogen war.

,^ln den Keller will ich nicht, das ist zu muffig. Wie wäre es mit dem Boden?" Er drängte. .

Kontm", sagte sie.

Sie hob einen Schlüssel vom Bund, dann stieg sie die Treppe hinauf. Eine niedrige Tür führte zu einem Verschlag, der von dem übrigen Bodenraum abgetrennt war. Von den Dachsparren hingen Zöpfe weißen Knoblauchs zwischen heftigen Speckseiten und dicken Würsten. Herr Beauoisage war ein vorsorglicher Hausvater.

Theophil sah und roch also ein Paradies, er lag unter dem Dach und nahe dem Himmel, aber der Griff nach der Wurst war von zwie­spältigen Empfindungen begleitet und kein reines Vergnügen: jeder Ge­nuß bedarf der Ruhe, um voll ausgekostet zu werden. Erst das reine Gewissen ist die letzte Legitimation des Vergnügens.

Germaine drückte Theophil den Schlüssel zum Verschlag in die Hand: Komm, schließ dich ein!"