Ausgabe 
25.8.1939
 
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öfters gewandelt. Aber ich glaube nicht, daß «ine schöne Frau auch ohne weiteres ein gutes, ein verlockendes, ja auch nur ein brauchbares Modell ist. Den Maler reizt wahrscheinlich eine Einzelheit, ein Schatten, eine Neigung des Kopfes, ein Aufschlagen des Auges, ein verlorenes, halbes, nicht wiederkehrendes Lächeln, oder beispielsweise der Zusammen- klang von Haarfarbe, Hautfarbe und Farbe des Kleides mehr als bloße, anerkannte, stadtbekannte Schönheit ... Vielleicht nicht einmal Schönheit an sich. Der Mann mit der Kupfernase von Rembrandt in Kassel. Be­stimmt keine Schönheit, aber eins der erschütterndsten Bildnisse, die ich je gesehen habe ... Ich habe lange davor gestanden, mich nicht losreiben können, immer wieder zu diesem Gesicht zurück ..."

Das war auch ein Mann. Das ist etwas anderes."

Natürlich ... jedenfalls bis zu einem gewissen Grade sind hier die Unterschiede des Geschlechtes nicht zu verwischen. Aber es gibt wahr­scheinlich auch einewiges Gesicht" in einem andern Sinne, als du vor­hin meintest. Ob wir selber es haben, du und ich und die Frau Andreas, das weiß ich nicht. Das wissen nur die Maler. Oder es wird sich sehr viel später einmal Herausstellen. Es sind die Gesichter, die zeitlos sind, denen die Jahrhunderte, manchmal sogar die Jahrtausende, nichts an­haben: sie bleiben unvergänglich, weil das ewig Menschliche in ihnen ist und aus ihnen spricht. Der mit der Kupfernase gehört dazu, obwohl er keine Schönheit ist, Holbeins König Heinrich, obwohl er ein Scheusal war aber du mußt dir den Mund ansehen, den kleinen, feinen, frauenhaft roten Mund in diesem fleischigen, brutalen, kalten und herrschsüchtigen Gesicht ... es gibt noch viele, neulich sah ich eins, das Bildnis des Aegypters Amenophis IV. aus El Amarna. Werkstatt des Dhutmofe. Um 1360 vor Christus. Vor Christus ..."

Der Mann trinkt seinen Wein aus und schaut zum Fenster. Eine zarte Mondsichel steht über dem Main. Di« Frau legt ihre Handarbeit beiseite und steht auf, um die Gläser fortzuräumen: im Hinundwieder- gehen sagt sie:Es ist spät geworden. Komm ins Bett ..." Und dann:

Wir bringen das heute nicht mehr zu Ende. Aber man muß immer wieder darüber nachdenken und von Zeit zu Zeit darüber sprechen. Es sind doch diese Dinge, die uns am Herzen liegen und uns bewegen. Das andere vergeht und ist nicht so wichtig ... Und manchmal meine ich doch wieder, ich möchte mich malen lassen, nicht vom Bolongaro, ich weiß auch keinen andern im Augenblick, ich weiß auch nicht, ob ich ein ewiges Gesicht" habe, wahrscheinlich nicht, ich möchte bloß ein Bild von mir für mich ... Und für dich ..."

Es ist recht", sagt der Mann,aber es eilt nicht. Ich hab dich ja vor mir ... in vielen Bildern. Alle anders und doch immer das eine. Das genügt mir noch lange. Komm."

Guter ORat

Bon Theodor Fontane An einem Sommermorgen, da nimm den Wanderstab, es fallen deine Sorgen wie Nebel von dir ab.

Des Himmels heitere Bläue lacht dir ins Herz hinein und schließt, wie Gottes Treue, mit seinem Dach dich ein.

Rings Blüten nur und Triebe und Halme von Segen schwer, Dir ist, als zöge die Liebe des Weges nebenher.

So heimisch alles Hinget als wie im Vaterhaus, und über die Lerche schwinget die Seele sich hinaus.

Oie Flamingos von Arles.

Von Fritz Schwiefert.

Dr. Fritz S ch w i e f e r t ist als erfolgreicher Bühnenautor, u. a. als Verfasser des neuerdings auch verfilmten Lustspiels Marguerite: 3" bekannt geworden.

Sta viatorl" Verweile, ReisenderI kann man auf der Mauer lesen, die das schöne HotelJules Cesar" mit den Resten jener alten Kirche verbindet, die es stolzseine Kirche" nennt, weil sie merkwürdige Tatsache dem Hotel gehört. Und wer von Avignon und Nimes etwas enttäuscht, nach Arles und in denJules Cäsar" kommt und einige Tage dort rastet, der bereut fein Verweilen nicht.

Julius Cäsar, Schutzherr des alten Arelate und jetzt Patron seines schönsten Hotels fände heute kaum mehr römischen Geist in Arles. Diese Stadt einstmals Rivalin Marseilles, daskleine gallische Rom" ge­heißen ist heute (mit seinen knapp 18 000 Einwohnern) etwa ein Heidelberg der Provence, ein Heidelberg ohne seine Berge und ohne seinen Studentenzauber. Julius Cäsar, die Rhone, die Aliscamps, Mistral und Van Gogh haben Arles nacheinander berühmt gemacht. Heute ist Arles durch seine Frauen berühmt. Man kann diese schlanken, fragilen Geschöpfe (mit unwahrscheinlich winziger Taille) übergroß und fast kör- perlos-schmal, als kämen sie aus Bildern von Greco noch heute in ihrer merkwürdigen Kleidung in den verlassenen Straßen sehen, wie Schwestern eines geheimen Ordens lautlos-sanfte, gelöste Gestalten. Und eine gelöste, lautlose Stimmung liegt träumerisch über der ganzen Stadt. In Arles meint man immer, es sei schon Abend. So ausgeklungen ist jede Stunde, so entspannt ist jeder Moment. Die Straßen sind gewöhnlich fast leer. Und man genießt das seltene Glück, in dem kleinenAntiken Theater" als einziger Schauer und Horcher zu sitzen.

Dieses Theater ist heute nur eine Ruine. Etwa zwanzig Sitzreihen

sind noch erhalten und von der Bühnenrllckwand nur noch zwei Saul». Schon im 5. Jahrhundert hat man die Steine abgetragen. Man gtairtuj sie besser verwerten zu können, wenn man Kirchen mit ihnen baute. Unbii doch wirkt dieses kleine Theater heute noch irgendwie merkwürdig ganj.1 Heiter und rührend ausgestaltet, sehr glücklich und leicht in seinen Masse» wirkt es nicht römisch, sondern fast griechisch. Von den reisenden Eindriig, (ingen abgesehen, tummeln sich heute nur seine paar hundert ®ibedien dort. Etwa ebensoviel wie es Katzen in Arles gibt. Auch die Katzen jnb sanft verschlafene, schmeichelnde Wesen, ohne alle Bosheit und Tucke. Sieh leben von der Reinheit der Luft und fangen sicherlich kaum eine Mms.

Von diesen Katzen und Eidechsen zu denAliscamps" ist es nicht mit,8 auch innerlich nicht. In dieser Allee, di« mit alten Sarkophagen so b-itjt bestanden ist wie in Deutschland eine Straße mit Pappeln, ist die Stile ij zum Thema geworden. Sie spielt sich würdig und feierlich auf. Sm frühen Mittelalter schickten die Vornehmen die Leichen ihrer Verwandlest von weither dorthin.

Aber besser noch ist es, in Arles zu leben, als in Arles begraben j« | fein. Und um hier zu leben, muß man beides zugleich: gutgläubig uiii kritisch sein. Denn Arles ist von Tarascon nur eine gute Viertelstunde Bahnfahrt entfernt, und etwas von dem Lügen- und Aufschneidegeist i«s Tarasconers Tartarin findet man sicher auch in Arles. Des Arlestro schönster Zug ist seine Liebenswürdigkeit. Aus Liebenswürdigkeit führ! er dich willig durch di« ganze Stadt, gleichviel ob er beschäftigt ist oder Aus Liebenswürdigkeit lächelt er dich an, gleichviel ob er Sorgen hat oier teine. Aus Liebenswürdigkeit fetzt er sich zu dir an den Tisch, ist munter- und plaudert. Und aus munterer Liebenswürdigkeit lügt er oier schneidet auf.

So tat uns der Wirt im HotelVenissat", einem kleinen Beisel «I Arles. Er hatte sich in den Kopf gefetzt, uns eine Herde Flamingos ;it< zeigen. Etwas weiter südlich von Arles, an der Stelle, wo di« Rho«! sich spaltet und die Ile de la Camargue bildet, eine dürr«, schwermiii P Landschaft, zur Hälfte Sümpfe, zur Hälfte Prairie hier hausen nur wilde Stiere und Schafe, an 300 000 und mehr, von einigen alten Hirkii bewacht soll es am Rande der Salzmoräste auch einige rosa FlaminWi geben; der muntere Patron des Hotels Venisiat machte daraus im Haick umdrehen eine Herde. Fünfhundert Stück, sechshundert, siebenhundert! H fünf Minuten waren es tausend. Er wollte uns am nächsten Bormillij die tausend Flamingos zeigen. Nur er, erklärte er, kenne die Stelle. Ü» nächsten Tage konnte er nicht. Aber ein guter Freund war zur SteHk, und wir fuhren in die Camargue.

Wir fuhren gutgläubig und noch nicht kritisch fuhren fuhren: nicht ein Flamingo! Und nun war es rührend und schön, dm Freund des munteren Patrons zu betrachten. Er hatte dreifaches zu w leidigen: die Ehre der Stadt, die Ehre des Freundes und fei« eigene Ehre.

Und er verteidigte alle drei! Er fuhr und fuhr, und fein Gefi.hi wurde schmal vor Zweifel und blaß. Er flieg mit uns aus und gi.q eine gute Stunde mit uns zwischen Heide und Sumpf. Er pfiff u.< klatschte, und seine Augen waren schon trübe vor lauter Gewißheit. s$t wußte, daß er uns keine rosa Flamingos zeigen konnte. Aber plötzlch wünschte er brennend, uns Flamingos zeigen zu können, wünschte es ml der ganzen Inbrunst seiner arlesischen Herzlichkeit.

Schließlich kam ihm der Himmel zu Hilfe. Es fing an zu regnen und es regnete gleich in Strömen. Das Gesicht unseres Freundes rourfl ganz hell vor lauter Glück.Quand il pleut ... bemerkte er pfiff4 wenn es regnet... und ließ uns den Satz zu Ende denken. Und finit uns in heiterster Laune nach Haufe.

Eine Woche später macht« ein Freund von mir dieselbe Tour i« Autocar. Auf meine Frage:Hast du Flamingos gesehen?" erklärte « zögernd:Ei n e n Flamingo!" Der hat wirklich gut deutsch gelogi.H wenn mich nicht alles täuscht.

Die wilden Stier« aus der Camargue haben wir auch nicht zu GeM bekommen. Aber wir sahen sie später in der großen Arena von 21 das. die älter als das Antike Theater aus dem ersten oder zweite nachchristlichen Jahrhundert stammt. Ein schöner, mächtiger Quaberbm noch größer als die Arena in Nimes, noch reicher in der Dekoration wenn auch nicht mehr so gut erhalten. Sechsundzwanzigtausend RöM und Römerinnen konnten sich hier an Gladiatorenkämpsen und Christ massakers ergötzen. Heut« ergötzt sicheinmal oder zweimal im Jahre -- di« Bevölkerung von Arles und Umgegend bis weit über Marseille hinaus an der Abschlachtung wilder Bullen.

Di« Mise L mort so nennt man das wirkliche Stiergefecht W'j letalem Ausgang im Gegensatz zur bloßen Course de taureaux, wom dem Bullen nur eine Kokarde abgerissen, sonst nichts kränkendes zugefnst wird fand am Pfingstmontag in der alten Arena statt. Sechs Stiere aus der Camargue wurden von drei Matadoren zwei Spaniern un» einem Arlester nach allen Regeln der Kunst gemordet. Die armer Bestien hatten etwas von der artesischen Liebenswürdigkeit und Lebens­freude: sie wollten nicht kämpfen. Sie brachen aus und wurden und» Hallo und Pfeifen in dl« Arena zurückgejagt.

So dauert« es reichlich drei Stunden, bis man allen den ®araw machte. Arme Toreadore und arme taureaux! Die einen hatten kein Lust am Töten, die anderen am Getötetwerden. Man machte es freudiv- und luftlos ab. |

Arles und Umgegend kamen diesmal nicht auf ihre Kosten. M» , murrte, grollt«, pfiff und krakeelte. Der Bolksmund brüllte nach Chwm' form, als man dem ersten von den sechs Stieren schließlich den Gnadm' stoß geben mußte. Er schrie empörtUne canoneü, als das legu, tapferste längst den Degen im Nacken noch immer und immer m® sterben wollte. .

Für mich hat Arles durch diese Schlappe nichts von seinem verloren. Ich rate jedem, der in die Provence fährt, Nimes und Avign nur zu streifen, in Arles den flüchtigen Fuß zu hemmen und minbeiw eine Woche zu bleiben. Es verlohnt sich schon der Flamingos weg^

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühlsche Aniverf itätsdruckerei 21.Sange, Gießen.