Auf ein Bild von Büchners Braut.
Von Hans Thyriot.
Du, der die grausame Gottheit den Myrthenkranz Allzufrüh mit dem Witwenschleier vertauschte, Du, der das Glück wie ein Regen im Sommer verrauschte, — Einem gehörte dein Herz, dieser erfüllte es ganz.
Wer unter Hunderten weiß deinen Namen schlicht, Wer unter Tausenden je erblickte dein Bild Und fand die Spuren der Tränen, die nie gestillt, In deinem zärtlichen, blassen Mädchengesicht?
Aus deinen Augen glüht noch der Widerschein Erfahrener Seligkeiten, wie ein versinkender Stern In blauen Feuern sprüht und sunkelt fern Ueber Straßburgs Münsterturm und Wiesenrain.
Du stilles Bild im strengen, dunklen Kleid, Wind aus dem Elsaß weht darüber leise, Revolutionsgesang und Volksliedweise Wie Flügelrauschen der Unsterblichkeit.
Das ewige Gesicht.
Abendliches Zwiegespräch über Vildnismalerei.
Von Hans T h y r i o t.
Das folgende Gespräch, aus dem Gedächtnis ausgezeichnet, wurde vor -Icher Zeit in Frankfurt geführt, an einem Sommerabend, in einem fjcije an der Schönen Aussicht ...
Das Fenster steht offen, der Blick geht hinaus auf den Main. Im mgen Zimmer der alten Patrizierwohnung mit den Biedermeiermöbeln |fyn Mann und Frau bei der Lampe. Die Frau hat eine Stickerei vor $1 und hantiert emsig mit Fingerhut, Schere und Nadel und vielen stühnen bunten Seidengarns, die sie vor sich auf der polierten Tisch- Nie geordnet hat. Der Mann sitzt ihr gegenüber, raucht und lieft die fjcitimg. Nach einer Weile faltet er bedächtig das Blatt zusammen, steht w steckt es sorgfältig in den altmodischen Zeitungshalter an der Wand, Ijt ins dunkle Nebenzimmer und kommt nach einer Weile mit einer
;\6)t und zwei Gläsern wieder zum Vorschein. Er stellt ein Lack- iEettchen auf den Tisch, gießt die Gläser voll, rückt das eine der Frau fc die nimmt es wie er das seine, sie.sehen sich lächelnd an und nicken N zu ohne ein Wort und trinken ... dann nimmt die Frau ihre Arbeit Nder auf, der Mann raucht, und es bleibt eine ganze Weile still. Dm fängt die Frau, während sie einen resedafarbenen und einen altrosa kiidensaden prüfend nebeneinander ins Licht hält, beiläufig zu sprechen er nachdem sie sich vergewissert hat, daß der Mann nur mit seiner fqen englischen Pfeife und, allenfalls, mit seinen unverbindlichen und Wer schweifenden Gedanken beschäftigt ist, wofern er nicht überhaupt Heg so vor sich h-indöst. (Wenn er läse oder schriebe, würde sie ihn nicht *öt<n; sie weiß, daß der mahnende mütterliche Ruf „Ach, du liest ja il) bloß!" feit ihrer Kinder- und Jungmädchenzeit seine Schrecken und ite Geltung verloren hat.)
Si-e fängt dl[o gitroft an*. „Du, i>ie Andreae hat fich malen lassen,
>> dem jungen Grosch, weiht du — ?"
Der Mann tut einen genießerischen Zug aus der Pfeife, hüllt sich m kuen Rauch und sagt: „So — welche Andreae denn, mit eae oder lil ö?"
— „Das ist doch nicht so wichtig, mit ea« mein ich, die Frau Pro- frr Andreae, von dem Geologen." .
— „Geograph", sagt der Mann, „der hat neulich im Senckenberg interessanten Vortrag über die Molukken gehalten.'
— „Meinetwegen Molukken", sagt die Frau, schon ein bißchen un- kiuldig, „das mein ich doch jetzt nicht, ich mein überhaupt nicht den Rinn, sondern die Frau ... oder eigentlich das Bild, das der Walter ^'Ich gemalt hat." , , . , , . q„
— „Also, was ist denn mit dem Bild, haft du s gesehn.
— „Ja, es ist ausgestellt gewesen im Kunstverein am Sonntag, da kl ichs gesehn. Ich sind« es aber gar nicht ähnlich.'
2er Mann schweigt, wartet und raucht. ™.
— „Ich muh immer darüber nachdenken. Das interessiert mich. Wir fcen doch öfters in der letzten Zeit fo Bildnisse gesehew n,<ine' übliche Porträts, die haben mir all« nicht gefallen, die Frauen sehen Ml den Bildern alle zehn Jahre älter aus als in Wirklichkeit ... man ,ie;t ja, wer es sein soll, aber alle viel zu alt, manchmal wie eine - Wfnete Schrulle, oder mit so einem bösen, grämlichen, verkniffenen Zug 'M den Mund ... schad, daß du der Andrea« ihrs nicht gefehn hast.
— „Ich kann ja am Sonntag mal in den Kunstverein gehn,o
Ft'en gehn wir zusammen", sagt der Mann, ,chas interessiert mich natur- lq auch. — An welche Bilder hast du denn sonst gedacht übrigens. “ Meine: eins, das ich auch kenne." „ , mi(>.
- „Na, zum Beispiel, neulich im Atelier beim B»longaro das Bild toi der Lore Diehl, erinnerst du dich? Mindestens zehn Jahre alter.
~ „Ja, daran erinnere ich mich: es ist ein ausgezeichnetes Büd, stnde H aber kein Porträt. Ich hätte gar nicht gemerkt, daß es die Dieh
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L— nur, taj $«» «W« W. Jür M«
Ml äzarakter stisch wäre, für ihren Gesichtsausdruck, .'^ Haltung. ihr ^len ... Es spricht nicht, es fehlt eben das, was ein gutes Portra.
hoben muß Da siehst du: der Bolongaro ist im Grunde gar kein Porträtist. Das ist es. Er ist ein ausgezeichneter Maler, ich schätze ihn, weil ich sein« Bilder seit Jahren kenne und sehe, daß er sich entwickelt. Das muß man anerkennen. Gerade ich muh das zugeben, weil mir der Bolongaro früher gar nicht gelegen hat. Alles, was er früher gemacht hat, war mir zu kühl, zu trocken, zu hart. Genau wie der Mann im Gespräch wirkt. Das hast du ja selbst oft genug gesagt: du kannst nicht warm werden mit ihm. En sprüht nicht und blendet nicht, er ist kein Redner und erst recht kein Unterhalter. Es ist mir ganz klar, daß das nichts für dein Temperament ist und für deinen raschen, beweglichen Geist ... Wer wenn du gerecht bist und wenn du seine Entwicklung übersehen kannst, so wie ich, dann muht du zugeben: der Bolongaro ist von Jahr zu Jahr besser geworden. Fast jedes seiner neuen Bilder ist ein Fortschritt. Er ist weicher, lockerer, farbiger, wärmer geworden. Das Bild von der Dich! ist großartig, es hat, ich kann mir nicht helfen, etwas Altmeisterliches im Ton ... Der Zusammenklang der zwei oder drei Farben, die das Ganze tragen, ist von einer Noblesse, die leider heute in der Malerei ziemlich selten geworden ist."
Die Frau hat aufmerksam zugehört, ein paar Mal unterbrechen oder einspringen wollen, ist nachdenklich geworden und sagt endlich: „Vielleicht hast du ja recht. Aber ich möchte doch wissen, wie das mit den weiblichen Bildnissen ist, ob da irgend ein Geheimnis steckt. Ob man älter aussehen muß ... Vielleicht ist das „das ewige Gesicht", das bös«, verkniffene, zugesperrte ... wer weiß, wie ein Maler das sieht, wer weiß von sich, wie er auf ander« Menschen wirkt."
— „Ja", sagt der Mann schnell, „das möchte ich auch wissen, das muß sehr merkwürdig fein. Wie im Traum, da sieht man sich ja manchmal selber. Aber das ist so flüchtig und unscharf. Ich möchte mich mal sehen, so wie im Kino, mir selbst auf der Straße begegnen ... das müßte sehr lehrreich sein. Vielleicht würde man vor sich selber erschrecken ... Uebrigens, um auf den Kernpunkt zu rückzukommen, es gibt 'doch mindestens zahllose Gegenbeispiele: denk nur an die vielen „ge- schmeichelten" Porträts, gerade Frauenbildnisie, denk an die Hofmaler früher."
— „Ach, Hofmaler, kleine Murksleute, ich meine natürlich die echten, die große Qualität."
— „Erlaube mal, Murksleute, Holbein, beispielsweise, war das Murks? War auch Hofmaler. Peintre du Roi, hieß der offizielle Titel. Der hat nicht geschmeichelt. Der mit feinen kühlen, unbestechlichen Augen. Der sah jede Falte, und du kannst sie heute noch sehn. Kennst du das von Heinrich VIII.?"
— „Der gräßliche mit den vielen Frauen — ja, das kenn ich."
— „Ein unerhörtes Bild. Man könnte sich vorstellen, daß Seine Majestät ihn dafür in den Tower gesperrt hätte zu den andern, die er nicht gleich umbringen ließ. Hat er aber nicht ... Und die Frauenbild- nisse von Holbein, ich glaube nicht, daß er diese Damen älter gemacht hat, als sie waren. Es^sind so zart«, süße Gesichter darunter, daß man sich wundern muß, wie derselbe Mensch das gemalt hat, dem doch manche alles Gefühl, jede Wärme und Sinnlichkeit absprechen ... Bloß das Auge, die kühle Schärfe des Blicks,, di« unerbittliche Sachlichkeit und die unbestechliche Wiederholung der Wirklichkeit wollen sie gelten lassen ..."
Es bleibt eine Weile still. Dann die Frau wieder:
„Wir verlieren uns. Wir werden dieses Gespräch nie zu Ende bringen. Das ist ein zu weites Feld, würde der alte Briest bei Fontane sagen. Und ich werde auch nie eine Antwort auf meine Frage bekommen; ich meine: eine, die mich befriedigt. Ich muß nur sagen: wenn ich fo diese Frauenbildnisse betrachte, die um uns herum gemalt werden, dann habe ich gar keine Lust mehr, mich malen zu lassen. Und ich wollte doch immer so gern einmal gertialt werden."
Der Mann lächelt, dann nimmt er einen Schluck Wein, und dann sagt er: _ . m .
Ich weiß. Es gibt aber auch andere. Denk an Reynolds oder an Renoir ... Die sind tot, ich weih, was du sagen willst, bleib sitzen ... übrigens könnten wir weder Renoir noch Reynolds bezahlen. Aber es gibt auch heute noch Maler, zu denen du, glaube ich, gern gehen wurdest, und deren Arbeit dich freuen würde ... Außerdem hast du wirklich, em weites Feld berührt: es spielen da so viele Fragen hinein, gerade wenn es sich um Porträts handelt. Man muß das auch einmal von der andern Seite her ansthn; ich meine: vom Künstler aus. Gerade Bildnisse sind doch meist bestellte Sachen. Die Zahl der Maler, die in einem solchen Falle sagen können: es tut mir leid, gnädige Frau, Ihr Gesicht liegt mir nicht ... oder: bedauere sehr, Herr Kommerzienrat, aber ich wurde Ihnen empfehlen, sich lieber an einen tüchtigen Photographen zu wenden die Zahl dieser Maler ist sehr gering. Lenbach, der konnte es natürlich, berühmter Mann, geborener Porträtist, hoch bezahlt der konnte Wenn du jetzt an Bismarck denkst, an Moltke, an den Alten Kaiser — gleich siehst du die Lenbachs vor dir: er hat eben das Einmalige das Besondere, das Wesentliche eines Menschen empfunden und festaehalten. Auch unser Doehle hier in Frankfurt, zuletzt, als er sich durchqesetzt hatte und anerkannt war, konnte so grob werden wie er s aern hatte und einer neugierigen und duftenden Eleganz die Ateliertur Zuschlägen: ,um Gotteswille, die Nas — die Nässt ... Die andern, die meisten wenn sie schon das Glück haben, daß einer von ihnen gemalt fein will, denken natürlich: Gottseidank, das nehmen nur mit, „wieder was zum Leben. Das denken sie, auch wenn sie kein« „geborenen Bild-
schweigt, in Nachdenken versunken; die Stickerei liegt in '^“ßer^niann fährt fort: „Und dann muß man auch überlegen, daß den Maler vielleicht, sogar wahrscheinlich, gar nicht das eine bestimmte Ge» lidit reizt das fierrn Müller ober Frau Schulze gehört. Denen kommt es natürlich auf die Aehnlichkeit an, denn sie wollen es in tue gute Stubb hängen, und jeder muß gleich an der Tur sehn: ach, da ist sie ja.
— Wenn es aber wirklich eine schon« Frau ist . . .
__ ’ Vielleicht Uebrigens kann es auch darüber Meinungsoerjchieoen- hesten geben; das weibliche Schönheitsideal hat sich im Laufe der Zeiten


