Ausgabe 
25.8.1939
 
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zumute. Die Atemzüge ließen sein freundliches Altmännergesicht erröten, aber die Falte zwischen der Nasenwurzel blieb schwarz wie ein Tinten- ftrich, so tief war sie.

Auch die Natur auf seinem Besitztum atmete Schwermut gleich itjm: Weiden, die leise zitterten, Gräser, die langsam den Dau des Morgens verloren und trocken wurden, der Fluß, dessen Fluten vor dem vor­dringenden Herbst aus der Flucht waren.

Durch diese nachpastörliche feiertägige Stille trug Sir Anthony seine Mißlaune zu Gilbert. Gilbert fühlte es. Er dachte an sein eigenes Un­behagen und fragte:Kennen Sie das Lied von der weißen Wolke, Sir Anthony?"

Der Angeredete wischte das armselige Unterfangen, ihn durch eine blödsinnige Frage abzulenken, weg:Unsinn!"

Dann wandte er sich unwirsch der Gegenwart zu und fragte:Was halten Sie von der Lage in Europa?"

Wenn Sie auf den verdammten Krieg anspieien, Sir Anthony, den die Franzosen mit den Deutschen führen, muß ich sagen: England ist nach Gottes unerforschlichem, aber zweifellos weisen Ratschluß eine Insel. Was also kümmert uns Europa?"

Moreland verfolgte die gemächlichen Wirbel, die der Fluß bildete. Ein Schneckenhaus trieb, wurde erfaßt und ging unter. Er wartete auf sein Auftauchen. Es war ein Geduldspiel. Endlich kam das Schnecken­haus wieder hoch. Moreland freute sich wie nach einer gewonnenen Wette.

Da ist nun dieser Herr von Bismarck", nahm Gilbert wieder das Wort,aber wenn er etwas von England wollte, wir würden mit ihm schon fertig werden!"

Ich habe nichts gegen Herrn von Bismarck!" bemerkte Moreland.

Gilbert betonte nach einiger Zeit die gleiche Meinung. Moreland sagte: ,Zch habe überhaupt nichts gegen die Deutschen! Die Frau des Kronprinzen von Preußen ist eine englische Prinzessin!"

Barbaren sind sie wohl nicht, wie die Franzosen behaupten", warf Gilbert ein.

Moreland schlug mit einer Gebärde alle Zeitungslügen tot, die wie Hornissen über den Kanal gekommen waren.Wie heißt eigentlich die kleine Festung, in der man den Kaiser Napoleon gefangen hat?"

Ich habe ein schlechtes Gedächtnis, aber ich glaube: Sedan!"

Sedan! Richtig! Jch^habe nie davon gehört, früher! Nun, ich dachte, ist der Kaiser fort, ist der Krieg zu Ende! Ader da rufen die Franzosen die Republik aus! Und der Krieg geht weiter!"

Moreland grollte, war unzufrieden, aber auch gerecht:Was bleibt den Preußen übrig, als auf Paris zu marschieren! Auf Paris! Stellen Sie sich vor wir wären mit den Schotten verfeindet und di« Schotten marschierten auf London!"

Paris!

Da war es ausgesprochen!

Ja, Paris", wiederholte Sir Anchony Moreland versonnen.

Ann", sagte Gilbert laut.

Ann", nickte auch Moreland. Er fühlte, wie feine Unruhe langsam von seinem Gemüt brach. Sein Blick verfing sich in der nutzlosen Angel­schnur. Er war böse, daß Gilbert nichts anderes sagte als ein melancho­lischesAnn". Darum schrie er plötzlich:Wie Sie auch immer angeln!"

Gilbert zuckte zusammen. Der Vorwurf nicht weidgerechten Angelns im Zusammenhang mit Ann verwirrte ihn.

Schöner Tag trotzdem", sagte Moreland nach einiger Zeit versöhn­lich. Jllington spürte aber, daß sich etwas vorbereitete. Er hat einen Pfeil im Köcher, der afle Bogenschütze, wohin wird er ihn nur senden?

Beißen sie wenigstens an?" Moreland meinte die Fische.

Gilbert erwiderte mit einer Miene, die ausdrücken sollte, daß Natur­gewalten fid) nicht zwingen lassen. Er scheute sich, das Geheimnis der köderlosen Angelei zu entdecken. Denn Moreland angelte rechtschaffen, er betrog die Fische nicht um den Genuß, gefangen zu werden.

Die Wellen glucksten ans Ufer, ab und zu fiel ein Blatt Mr Erde oder ins Wasser, die Themse roch frisch, als ahne sie den Winter, den sie ja bald ertragen mußte.

Ann, ja Ann ..." stieß Moreland heftig hervor,sie ist eine Eng­länderin und daher vor jeder Belästigung sicher."

Auch Gilbert hegte keinen Zweifel, daß die kriegführenden Parteien angesichts einer Tochter Großbritanniens sofort in eine Kampfpause eintreten würden.

Aber da ein Geschoß keinen Verstand hat, kann es Ann treffen. Ich habe darum Sorge um Ann. Sie sollten sie in Sicherheit bringen."

Ich?" fragte Jllington und suhlte sich wie ein Schiffbrüchiger, der das Segel des Schiffes, über dessen Bord er gefallen ist, wieder auf­tauchen sieht. Schwamm er eigentlich nicht seit Anns Abreise im Meer der Sehnsucht? Und würde ihn Ann wieder an Bord holen?

Es ist mir höllisch ernst", sagte Moreland.Sie kennen Paris von früher und sprechen die Landessprache."

Gilbert wehrte bescheiden ab Auch Ann sei darin, dank einer klugen und angemessenen Erziehung, nicht unbewandert.

Sie_(fen sie hart anfassen, wenn sie nicht mitkommen will", meinte Sir Anthony Moreland,Sie können doch rücksichtslos fein?"

Jllington sah sich im Geiste: im Donner der Geschütze, von ein= schlagenden Granaten umheult, trug er Ann durch ein Meer von Flammen.

Und wissen Sie, weshalb Sie rücksichtslos fein müssen?" Sir Anthony war wie ein Kanonier, der ein altes Luntengeschütz umständ­lich lädt und dem die Handgriffe vor dem Abseuern besser gefallen als der Schuß selbst.

Sie lernt noch mehr Französisch, als sie gelernt hat", sagte er.

Gilberts Herz schlug Generalmarsch Auch er hatte die französische Sprache in Paris gelernt. Aber diese Bereicherung seines Wissens war *uf ewig verbunden mit der Erinnerung an Denise.

Die Liebe lehrt alles, sie macht das Schwere leicht. Cs war für "Ulbert schwer gewesen, die Sprache zu lernen, darum hatte ihm Denise bas Schwere leicht gemacht.

Oh, daß er sich erinnern mußte! Ann lernte Französisch, das hieß wie er eine Denise besessen hatte, war ihr Lehrer vielleicht ein Charle- oder ein Philippe! .

Anchony Moreland fuhr fort: ,/Sie singt. Sie will Komödiantin werden! Sie hat einen Spleen!"

Gilbert bemerkte, daß ein Spleen bei den Morelonds $ur Tradition gehöre, darum fei es unrecht, gleich das Schlimmste zu vermuten.

Sängerin! Sie bringt es fertig und tritt eines Tages in einem Variete auf! Es ist eine Krankheit! Es ist ein Abgrund! Eine Kluft die zwischen der Liede und dem gesunden Menschenverstand klafft! Uni Ann geht in dieser Schlucht des Verderbens auf und ab! Gebe Goch daß sie sich eines Tages auf die Liebe oder den Verstand zurückzieht!'

Was kann ich tun?" fragte Gilbert. Aber er bekam keine Antwort Später hatte Gilbert den glücklichen Einfall, das Thema zu wechseln-: Und Tante Vivian?"

Meine Schwester Vivian?" Die Männer weideten ihre Gedanken aus der Wiese der Möglichkeiten. Auch Vivian mar eine schwere Ach

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Zwischen den Morelands und den Jllingtons bestand von den Groh: vätern her eine alte Freundschaft. Gilberts Vater Robert Jllington fyätt-c beinah vor einigen Jahrzehnten Vivian Moreland gefreit.

Vivian aber rügte in der ihr eigenen Weise seine Laster, vor allem das Wetten und das Spiel, so daß er sich für die anscheinend sanfte uni jeder apostolischen Leidenschaft abholde Mary Durham entschied.

O Vivian", sagte Mary damals,Sie find mir doch nicht böse?'

D Mary", erwiderte Vivian,ich gönne Ihnen den Mann von Herzen! Aber Sie sehen doch, es ist mir nicht gelungen, ihn zu bessern'

Mary Durham schwieg und verschob ihre Bekehrungsversuche bis au: einen Tag nach der Trauung. Dann gelang es ihrer Hartnäckigkeit, du Leidenschaften Robert Jllingtons auf das natürliche Maß zuruckzufuhren Seit jener Zeit nannte Vivian Mary eine falsche Katze. Mary ward: Gilberts Mutter, aber sonst hat sie mit dieser Geschichte nichts zu tum.

Anthony Moreland war Gilberts Pate. Tante Vivian hielt Gäben für berechnend.Er schlägt nach seiner Mutter", sagte sie und ließ durchs blicken, daß sie Marys hinterhältiges Benehmen niemals gebilligt hatir.

Tante Bioian", meinte Anthony Moreland nach langem Ueberlegem, ,chat ihren eigenen Kopf. Wenn es Ihnen nicht gelingt, sie mit Geschick lenksam zu machen, mag sie bleiben, wo der Pfeffer wächst!"

In Paris wächst kein Pfeffer", erwiderte Jllington und versank inü Grübeln. ,

Moreland spürte, daß sich hinter Gilberts Stirn Hemmungen sonn melken.Himmel, ich könnte natürlich auch reisen! Das denken 6« doch?! Ja meinen Sie, mich könnte der Krieg zurückhalten? Nein, d«» ist es nicht. Ich gebe zu, ich bin ein wenig bequem, das ist ein Von recht meines Alters. Aber Sie haben eine Aufgabe vor sich! Ein .Beim1 ist kein,Stein'! Gewinnen Sie sich Sinn!"

Gilbert sah, daß eine neue Wolke heraufgekommen war und übet Moreland Castle stand. Es war ein Tag der Wolkenwanderungen. Der Wölkchen stand über dem Turm wie ein heiteres Krönchen.

Neugierig bin ich, ob es sich wieder auflöft, dachte er. Und wahr" hastig, es hielt inne und besann sich.

Aber dann flog die Wolke weiter. Sie reiftemit dem Winde'.

Gilbert stand auf, der Angelstock fiel ins Wasser und wurde von den Strömung ergriffen. Die Zeit der Träume war vorbei. Es war änw|r Herbst, und die Blumen blühten ab statt auf; aber Gilberts Gemüt ent? faltete sich frühlingshaft unter der Sonne des Entschlusses.

,Lch hole Ann!" sagte er.

Am nächsten Tage reifte er nach Frankreich.

*

In der Rue de la Madeleine in Paris stand ein schmales graut» Haus, eingeklemmt in die Straße wie ein Nachzügler, dem die Nacht­barn nur widerwillig zur Seite gewichen sind.

In jedem der drei Stockwerke war nur ein einziges großes Zimmea Es hieß, daß der große Chopin einmal in diesem Hause gewohnt hallt? aber es war nicht nachzuweisen. Die ursprünglich kleinen Fenster warm offenbar verbreitert worben, wodurch die Hausfront etwas Stillofes be­kam. Aber wenn die Sonne in die enge Straße drang, glitzerten out Fenster wie eine Ausstellung von Diamanten. Maestro Spamante, atJ in diesem Hause Gesangsunterricht erteilte, liebte das Licht drinnen um- draußen. ,,

Wie ein großer Herr unter den Instrumenten stand ein bunm Flügel im Zimmer des ersten Stocks zwischen Wänden von silbergrauem Tapeten. Als eine ehrfürchtige Dienerschaft breiteten sich Stühle um> Notenständer im Raume aus.

Ann Moreland war da. Der alte Konzertflügel schien jung zu n*n>w und auszuleuchten, die Notenständer verdoppelten ihre Bereiffchaft, 3,L dienen Nur Maestro Spamante veränderte sich nicht.

Zweimal hatte sich Spamante geweigert, Ann als Schülerin anzi» nehmen; ihr war gelungen, was noch keine Anfängerin erreicht hat heute fang sie dem Maestro zum dritten Male vor. ... ,

Ann war, als sie am Flügel stand, ein schönes Bild. Aber Mei». Ruggiero war alt und hotte es sich längst abgewohnt, ein Auge I Schülerinnen zu haben. Er hatte nur noch ein Gehör und darin war - unbestechlich. .

Ann Moreland sang, aber die Tone blieben nicht im Raum, |onlK wanderten zum Fenster hinaus, irgendwohin.

Als sie geendet hatte, lächelte sie unsicher.

Nkin, was sagen Sie, Meister?"

Wenn Spamante Hoffnungen zerstören muhte, kam er sich wn Steintiopfer vor, der statt der Steine feuerrote Herzen zu Straßemwo . zerschlagen soll. Denn ach, Meister Ruggiero war schwach und lern vn nicht hart.

(Sortieöung folgt.)

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