Ausgabe 
24.11.1939
 
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Tag der Toten.

in

Einzelnen ebenso wie für ein ganzes Volk.

_ Die Form der bauernden Todesfurcht sollte eigentlich für jeden ver­nünftigen Menschen unannehmbar fein. Der Tod ist ein Freund, sobald ®ir ihn als dauernde Mahnung zu wahrhaftigem Leben nehmen. Lebe m Angesichte des Todes, als fei die Stunde ein Tag und der Tag ein !Khr und das Jahr die einzige Bewährungsfrist, die dir noch bleibt. Wer immer meint, daß das Eigentliche noch Zeit habe, wer so lebt, läßt alle iein« Tage nutzlos und gehaltlos verstreichen. Gott will uns erlösen von tor Neigung, aufzuschieben, er will uns die Furchtbarkeit deszu spät" ins Herz brennen. Gott erwartet nicht, daß der Mensch, wenn sich sein &ben vollendet, vollkommen fei; die Vollkommenheit ist ein unendliches $ie(, und je wahrhaftiger und demütiger ein Mensch ist, desto mehr ist « davon überzeugt. Äber ich glaube allerdings, daß jedem Menschen ichon von Geburt an eine bestimmte Zahl von Jahren zugeordnet wurde «nd daß ihm auch nach dem Maß der ihm verliehenen Kräfte ein auf em Wege der Vollkommenheit liegendes Ziel gesetzt ward. Die Weisheit es Ewigen hat uns die Zahl unserer Jahre verhüllt, aber er hat uns nicht völlig die besondere, von Geist und Leben bewegte Daseinsmöglich- ieit verborgen, die wir erreichen können. Er schenkt uns Augenblicke, in eilen wir wissen, was wir fein könnten, er bezeichnet uns Menschen, die fenbar auf uns gewiesen wurden, er gibt uns eine Ahnung von unserer arbeit, die nie der eines anderen gleicht. Wir werden auch in diesen gingen zuweilen irren, aber wir können nicht behaupten, daß wir über- pipt nicht wüßten, was wir in unserer Zeit und unter unseren Be­rgungen zu leisten hätten. Wenn wir aber dies uns zugedachte Gebiet ort Arbeit an Menschen und Sachen überschauen ist es nicht immer fieber ein Erschrecken bis ins Mark über das, was wir bereits ver- liumten? Wer ist geworden, was er fein könnte? Wer weiß sich frei oii Liebesschuld gegenüber geliebten Menschen? So viele Tage vergingen, w daß wir bewußt lebten, und dazu ist schon ein ganzes Drittel Meres Lebens Schlaf und Tod.

Noch haben wir jeder, der dies lieft eine Frist. Wie lange sie dehnt, kann keiner sagen, auch nicht der Jüngste. Der verhüllte Bote Rottes, der unser Leben endet, wird sichtbar erst, wenn er das befohlene ®»rt spricht: Komm! Und doch ist er barmherzig, denn oft genug hat er 1,5 im Innersten schon gerufen, und an jedem Totengedenktag sprach er

Frage des Toien.

Von Börries, Freiherr von Münchhausen. Ich wachte auf mir war, e« ging die Tür Da kam mein toter Freund herein zu mir. Mir stieg das Grauen bis-zum Hals herauf. Ich sprach ihn an er achtete nicht drauf. Ich fragte ihn:Was stört dir deine Ruh', Du liebster Freund, was willst du, daß ich tu'?" Er hörte nicht auf meine Zärtlichkeit, Er sah an mir vorbei, ganz fremd und weit Und fragte drängend und doch ohne Ton: Wo steht die Front und wo mein Bataillon?"

»on den Token, die wir nicht vergeflen dürfen, und von unserem eigene« b" Za9'. So mosten wir tun, was wir zu tun vermögen, in der Kraft gottl«^^Eingabe, in redlichem Dienst, in beharrlichem Ringen um ein befreites Herz mögen es heute tun. Keiner verachte das heiligste aller Geschenke: die Stunde die wir füllen sollen mit unserem Wesen und Werk. Wer aber lebt als in der letzten Stunde, der ist bereit und fürchtet Vvt« «Luv niajr.

. wenn man -en Frieden will."

Von Carl Conrad.

I n ich ihn zum letzten Male sah, mar es Frühling, und die Offen» stve hatte wieder eingesetzt, aber Ich wußte nicht, daß ich ihn zum letzten Male sah. Alle Vogel waren schon wach und laut an diesem Morgen, rings auf den zerschossenen Bäumen, die Stümpfe voll grüner triebe, | und feucht von Tau war der Lehm in den Trichtern weiter draußen, wo wir lagen und auf Befehl warteten, in höchster Bereitschaft. Da also hockte er neben mir, den Kopf in Richtung des Feindes, obgleich wir nichts sahen als die Lehmwände des Trichters, aber der Freund schien, zu lauschen, in Richtung des Feindes, und sah sehr glücklich aus

Sein Gesicht hatte den Ausdruck von Sehnsucht, aber nicht einfach irgendeiner Sehnsucht, denn wir waren noch jung und wußten nicht, nach was mir uns sehnten, aber man sah ihm an, daß er es wußte, und so bewunderte ich ihn an jenem Morgen, als wir in den Trichter nebeneinander hockten, so dicht, daß ich die Wärme seines Körpers

I Tuch hindurch fühlte, und wir, der Himmel wurde schon

blau, in eine Stimmung kamen, in der man immer wieder sagen möchte: Erinnerst du dich? Erinnerst du dich? ...

3d) dachte an die Sonntage, in der Heimat, wenn wir durch den Buchenwald hinabstiegen zum Fluß, der Freund und das junge Mäd» c^en, das feine Braut war, jünger noch als er. Gegen Abend war alles still auf dem Wasser, nur das leise Schlagen der Wellen gegen den Bug. Die beiden vor mir waren wie zwei Schatten dicht nebeneinander, und ich hörte mit Rudern auf und wir ließen uns treiben.

Von diesen Sonntagen bis zu dem Frühlingsmorgen, an dem wir, im Granattrichter hockend, den Feind dicht vor uns, an alles das dachten, 65 ein weiter Weg; vieles hatte sich dazwischengeschoben, hunderte Nachtwachen und Kämpfe mit Raiten und stinkendem Grundwasser im Graben und Schnakenplage in den heißen Nächten, wie dumpf war es bann im Unterftünb bas alles, unb endloses Warten, lag hinter uns« wir drehten ihm den Rücken zu; aber vor uns der Feind, der Kampf, der Sieg vielleicht was sonst?

Der Freund sah noch immer in die Richtung des Feindes, mit großen Augen, lächelnd und mit dem Ausdruck feiner unverständlichen Sehn­sucht, so sah er gleichsam der Zukunft entgegen, die ungewiß mar, ganz in Nebel gehüllt rote die Sappen und Drahtverhaue des Feindes.

Wir müssen dem Krieg sehr dankbar fein", sagte er nach einer Weile mit einem Lächeln, rote ich es reiner niemals rnieder gesehen habe. Er kniete, die Hände vor sich auf den Lehm gestützt es war eine demütige Haltung, aber über seinem Gesicht lag gleichsam ein Glanz von Mut und Stolz.

Wir haben so viel erfahren, so viel erlebt, gesehen, was mit uns, was mit allen hier los ist, was man leisten kann, mancherlei Geheim- mffe haben wir durchschaut." Er richtete sich auf und nahm sein Gewehr, das bis dahin vor ihm gelegen hatte, und während er es aufrecht stellte, um sich darauf zu stützen, spiegelte sich die Sonne in dem blanken Seitengewehr unb traf mich kurz wie ein Blitz in die Augen, und dann hörte ich des Freundes Stimme:Ja du--bas ist eine ordent­

liche Höhe: es muß schwer fein, von da wieder hinabzusteigen." Er schob seine Hand unter meinen Arm.

Wer davon verschont bleibt", sagte er,von diesem Abstieg, den müssen die Götter schon besonders liebhaben."

Er sah mich lächelnd an, und ich fing auch an zu lächeln, unwill­kürlich, unb habet suhlte ich, wie er meinen rechten Aerrnel ein wenig emporschob unb bas Gelenk umfaßte, sehr leicht nur fast so, als wollte er meinen Pulsschlag fühlen; es war eine zarte, unirdische Berührung.

Nun", sagte er,wissen wir. was das Höchste ist, unb wir müssen es wissen, bamit wir es geben können."

Und wenn es nicht genommen wird?"

Dann muß man es immer unb immer wieder bescheiden und freudig anbieten, bis es genommen wird. Man muß das Höchste geben, wenn man den Frieden will."

Er ließ meinen Arm los. Wenige Minuten später, der Horizont bebte und dröhnte vom fernen Donner der Geschütze, kam der Befehl zum Sturmangriff. Im allgemeinen Ausbruch sah ich den Freund noch, wie er inmitten der Kameraden aus dem Granattrichter sprang, er­hobenen Kopfes, die Sonne traf voll fein Gesicht, aber feine Augen waren vom Rand des Stahlhelmes verschaltet. Dann sah ich ihn nicht mehr, der Kampf trennte uns, ich wurde verwundet, im Lazarett er­reichte mich die Nachricht von des Freundes Tod.

In höchster Glut des Kampfes war er gefallen. Nacht für Nacht sah ich ihn aus dem Trichter springen, die Augen vom Stahlhelm beschattet, doch lächelnden Mundes, und ich hörte immer wieder jene letzten, dunkel- glühenden Worte über den Preis des Friedens, mit dem er sich die Ewigkeit errang.

Als ein kurzer Erholungsurlaub mich in die Heimat führte, mar es schon Herbst, die Akazien an der Allee vom Schlosse hinab zum Dorf schon gelb, unb abenbs ging ein kühler Wind. Ich besuchte bes Freun­des Braut. Man sagte mir, daß sie im Garten sei, der Garten war dunkel unter den Kastanien, aber bas Laub schon herbstlich, ein Gärtner arbeitete zwischen den Beeten; er schien gespenstisch unb unwirklich wie alle die Menschen in der Heimat, die eine andere Wirklichkeit gleichsam ausgelöscht unb in Schatten verwanbelt zu haben schien.

Am Ende des Gartens standen keine Kastanien mehr, und die Aus­sicht mar frei auf das Tal und den Fluß, und dort, auf einer Bank, saß des Freundes Braut und sah über das Tal hinweg, die roten und

Von Heinrich Wolfgang Seibel.

In der herbstlichen Schwermut, im Sinnbilb der Millionen Grabhügel, einem 2Bjgm>crben guter und trüber Erinnerungen ist der Toten Stimme unbjWrbärbe, und wir wissen, daß sie oorausgingen uns coraus. Daß die Verstorbenen gleichsam als unsichtbare Geister unseren Weg begleiten, erscheint uns freilich bedenklich. Nicht, als ob wir nicht schon alle derartiges empfunden hätten, da wir ja tatsächlich unter der weiter wirkenden Geistesmacht geliebter Menschen unseren Lauf voll­bringen; wer hätte nicht zuweilen jenen Wendungen heimlich zugestimmt: sie blicken auf uns herab",sie segnen unseren Pfad". Aber gibt es nicht Gedanken, die sofort unerträglich werden, wenn man sie zu Ende denkt? Tun wir das in diesem Falle, so kommen mir zur Tatsache, daß die Seligen nicht nur die Lust, sondern auch die Qual der Erdgeborenen weiter auf ihr Herz nehmen mühten, sie würden die Welt sehen, wie sie wirklich ist, unb sie würben auch die Menschen, die sie liebten, in jener Gestalt erblicken, die niemand ertragen kann als der allwissende Gott, nämlich ohne Hülle unb ohne die irdische Gnade bes Nichtwissens. Wir aber müßten uns von ihnen gesehen denken in aller Erniedrigung, allem Schemwesen unb allen Begehrlichkeiten.

Etwas anderes ist es mit der Tatsache, daß wir selber das Gebenken an die Toten bitter nötig haben; an bas Geschenk ihres Lebens, das unsere Einsicht unb Erfahrung mehren soll, bas Geschenk ihrer mühevoll erkämpften inneren Haltung, ihrer weiter wirkenden seelischen Kräfte; denn sie haben doch nicht umsonst Wahrheit gewonnen, Siege erfochten, Liebe geübt. Wir haben alle schon erlebt, daß Menschen heftig getadelt wurden, weil sie das in Sorgen gewonnene Gut des Vaters nach dessen Tod in alle Winde streuten; die Entrüstung über solch Verfahren ent­sprach der herrschenden Ueberschätzung des Geldes. Dagegen habe ich noch sehr selten die Entrüstung über eine viel unerfreulichere Verschwendung riebt, darüber nämlich, daß Menschen das innere Erbe der Vergangen­heit leichtfertig verbringen, indem sie ihre Toten vergessen und damit das Beste aus ihrem Leben entfernen, was jene zu hinterlassen hatten. Sein Mensch vermag allein aus dem Eigenen zu leben. Was ist denn bas Eigene? Es ist gewiß ein Funke von einem Herb, ben noch niemanb sesehen hat, aber zum großen Teil ist es persönlich verarbeitetes Erbgut. Wer könnte die bildende Macht verachten, die uns aus der Herzens- «nschauung eines 'vollendeten Lebens zukommt, die Stärkung unseres Arbeitswillens, unserer Verantwortlichkeit, unseres Hinneigens zu unend­lich vielem Guten, die roir allein den in bewußter Treue bewahrten Geistgestalten der Vorangegangenen verdanken. Allzu selten stellt man sch vor, seiner Eltern, Lehrer, Freunde zu vergessen! (Es heißt sich Le- bensquellen verschließen, sich zu eitlen Wegen verdammen, im Kreise gehen, statt aufzusteigen. Wer das Erbe der Toten vergißt, weil er sie fclbft vergaß, der wird geschichtslos wie das Tier; das gilt für den