lst, auf die jede Frau ein Anrecht hat? Sie berauben sie auch des Kindes, das sie im tiefsten Herzen als Ideal verborgen hält."
Grietje errötete.
„Wenn sie bei ihrem tugendhaften Charakter uni) aus Achtung vor sich selbst einwilligt, aus das Leben, das wahre Leben des Weibes zu verzichten und sie dann einmal die Mutter verliert, was haben Sie dann aus ihr gemacht? Eine alte JungferI Wissen Sie, was ein« alte Jungfer ist? Wenn es nicht ein kaltes, eigensüchtiges, berechnendes Wesen ist, dem nüchterne Ordnung, Ruhe und Wohlleben Genugtuung, für das Entgangene bieten, so ist es eine recht arme, traurige Person, die ganz allein auf der Welt steht und nichts zu lieben vermag als Hund«, Blumen und Vögel, freilich reizende Wesen, die aber nicht die richtige Antwort auf die Fragen des Herzens geben. In schlaflosen Nachten, Wochen wahnsinniger Erregung beweint sie die Tage, die nicht mehr wiederkehren, das verfehlte Leben, die Liebe, die sie mit brennender Sehnsucht herbei- rust, und die nicht mehr zu ihr kommt, weil es zu spät ist. Ueber sie lachen die Frauen und Männer, selbst in der besten Gesellschaft. Die geringsten Bewegungen ihres Herzens, ihre unwillkürlichen Gefühlsausbrüche, durch die sie die Gesellschaft anfleht, sie nicht allein zu lassen, mit denen sie ihre geheimen Wunden zeigt, ihre Gefallsucht, ihre Putz- Sucht, die beide ihren Grund in einem ungewissen Hoffnungsschimmer iahen, werden mit dem grausamen Wort: .Letzte Versuche' abgetan, und tief innerlich verletzt und lächerlich gemacht, liegt sie schließlich am Boden. Dann kommt die Verzweiflung, nistet sich wie ein böser Geist in dem zerbrochenen Herzen ein, und wenn eines Tages am Kanalufer die Nacht schwarz ist und das Wasser tief..."
„Oh, ja!" sagte Grietje.
„Schweigen Sie! Schweigen Sie, Herr Doktor!" rief Roosje, „setzen Sie mir nicht das Messer an die Kehle, geben Sie mir etwas Zeit zum Nachdenken und ..."
Sie hielt an, neigte das Haupt und weinte heiße Tränen.
„Wie gut du bist!" schmeichelte Grietje, „aber du muht nicht so traurig sein, ich werde noch lange, lange bei dir bleiben. Drei Monate, sechs Monate, wenn du willst, Mutier. Ich will dich jetzt sehr, sehr küssen..."
Roosje ließ es ganz glücklich geschehen.
„Und du mußt ihn auch küssen."
„Nein!" wehrte Roosje ab.
An diesem Tage war sie von stütz bis Abend in glücklicher Stimmung; sie glaubte alles gewonnen zu haben, weil sie Zeit gewonnen hatte.
Es bedurfte eines halben Jahres, um sie zum Entschlüsse zu bringen, und erst, als sie sah, daß Grietje immer blasser und trauriger wurde, willigte sie endlich ein, sie Paul zu geben, aber ohne Mitgift und Aussteuer.
Zweiter Teil.
1.
Roosje war von dem heißen Verlangen erfüllt, sich Paul, gegen den sie einen eifersüchtigen Haß empfand, gleichzustellen und emporzukommen. Dies und vor allem ihre Mutterliebe, die sie zwang, ihrer Tochter möglichst nahe zu fein, hatte sie veranlaßt, Gent zu verlassen und damit auch das „Kaiserliche Wappen", die einzige und erste Quelle ihres Wohlstandes.
Sie hatte sich in Jxelles, in der düsteren Rue d'Edimbourg niedergelassen und bewohnte dort ein zweistöckiges, verschlossenes Haus, an dessen Tür ein prächtiges Kupferschild in schön geschwungenen Elzevir- buchstaben allen Leuten verkündete: Hier wohnt „Frau Servaes van Steelandt, Witwe, Großhandel in Wein und Likören". Schon früher in Gent hatte es Erstaunen erregt, dieses vornehme „Servaes" und das aristokratische „van Steelandt" auf einem Gasthausschild zu finden.
Die arme, ganz vereinsamte und untröstliche Mutter hatte geglaubt, in der Befriedigung ihrer Eitelkeit einen Trost für die schreckliche Leere ihres Herzens zu finden.
Sie hatte sich einen „niedlichen" Salon und ein „niedliches" Eßzimmer eingerichtet. Ein Raum zeigte eine Tapete mit großen blauen Blumen, der andere eine rot und grüne Tapete auf braunem Grund und in Kniehohe eine weiß, blau und rosa gestrichene Täfelung, die für Leute von Geschmack einen Fausttzied ins Auge bedeutete. Eine minderwertige Stutzuhr mit weißem, messingbeschlagenen Marmorsockel stellte Paul und Vir- ginie dar, die sich, von einer Palme überschattet, an einen Felsblock lehnten, der so groß wie ein Stück Kandiszucker war. Die sichtbaren Körperteile der beiden bestanden aus Florentiner Bronze, die Kleidung war aus zartgrünem Metall gearbeitet. Der Fußboden, der keinen Teppich trug, war grün und schwarz marmoriert. Alte Eichenrnöbel aus der Zeit Ludwigs XVI., die, um sie länger zu erhalten, mit roter Farbe gedeckt waren, sahen mit Schrecken auf sechs dünne Stühle aus neuem Ebenholz, mit Sitzen aus schwarzem Leder, die einsam und gebrechlich umherstanden und in dem großen Zimmer fast verschwanden.
Das Ganze war ungemütlich, kalt und dumpf, im Winter ohne Heizung, während des ganzen Jahres ohne Blumen. Ein kränklicher Kanarienvogel hockte ganz nahe der Decke über der Tür auf feiner Stange; niemand dachte daran, ihm Luft und Licht zu geben, und er hatte fast alle Federn verloren. Trotzdem fang der Arme, fo gut er konnte. Im Winter, wenn die warmen Dämpfe aus der Küche heraufttiegen, und im Sommer, wenn die Morgensonne ganz flüchtig einige Minuten in das Zimmer drang, konnte man hören, wie sich fein trauriges Liedchen belebte, wie er fast begeistert und steudig mit schüchternem Flügelschlagen den glänzenden Gast begrüßte, der ihm Leben und Wärme brachte.
Der Gefangene, der in einem sechs Fuß großen Loch aus Mangel an Luft zugrunde geht; der Schreiber, der in einer dunklen Amtsstube, einem kleinen, feuchten und unsauberen Zimmer für fast nichts jährlich lebt, arbeitet und sich in Akten gräbt, sie müssen, wenn sie einmal nicht «n sich selbst denken, sich armer Vögel erinnern, die deshalb eingesperrt werden, weil sie eine liebliche Stimme haben; meistens durch Frauen, deren Trieb zu sein scheint, alles, was sie lieben, einzusperren. Aus Liebe
graufam, finden sie das Gefängnis niemals eng genug, in dem sie ihn Lieblinge für sich bewahren. Sie gleichen hierin jenen Selbstherrschern, die Dichter in ungesunde Kerker werfen, weil sie Spottlieder fangen. Beide sind Gewaltmenschen. Die einen stopfen ihren Gefangenen mit Leckereien voll, um ihm feine Gefangenschaft angenehm zu gestalten, die andern sperren ihn ein oder erwürgen ihn, um ihn am Singen zu verhindern. Die einen fürchten, er könne entweichen und die Katze ihn fressen, die andern wollen verhindern, daß der anfeuernde Gesang des Dichters im Volke jene männliche Energie erwecke, die den Schmerz der Knechtschaft noch brennender macht und veranlaßt, das drückende Joch von sich abzuschütteln, das man ihm auferlegte.
Trotz Grün, Weiß, Grau, Rot, Rosa, Bronze, Mahagoni, Nippsachen, Vertäfelung und Tapeten in ihrem Gesellschaftszimmer und im Eßzimmer, trotz des vornehm glänzenden Kupferfchildes kam kein Kunde zu ihr.
Und Roosje, deren Herz durch ein edles Leid, nämlich die Entfernung von ihrer Tochter, schwer litt, beweinte als neue Kalypso auch die Abwesenheit jenes tausendfältigen Odysseus, den man Kunden nennt, und in ihrer fieberhaften Ungeduld war sie sehr unglücklich, nicht mehr Gastwirtin zu sein. Ihr Schmerz um den Handel wurde jedoch ein wenig gemildert, wenn ein Dorfschöffe, ein Bürgermeister oder einer ihrer alten Stammgäste an ihrer Tür läutete und in ihrem „niedlichen" Empfangszimmer bis zum letzten Pfennig von Flandern oder Brabant um ein Stück, ein halbes Stück oder ein Viertelstück Wein handelte. Sie verliehen Frau Servaes, verw. van Steelandt, glücklich und stolz, einen erheblichen Nachlaß auf den Kaufpreis erkämpft zu haben, ohne die Verwendung des dicken St. George, des pappigen Orleans, von Zucker, gewöhnlichem Schnaps, Essigsäure und Sonnenblumen zu ahnen, die die Ware färbten oder sonst gefälliger machten.
In solchem Falle gestattete Roosje Siska, zum Essen einige Kartoffeln mehr aufzutragen und ein wenig Butter in die Soße zu tun.
Aber an allen andern Tagen war sie zum Sterben traurig. Dann dachte sie nicht mehr an das Geld; auf den weihen Küchentisch sich stützend, erschien sie weniger böse, und in ihren Augen, die nicht mehr in düsterem Feuer brannten, perlten Tränen. Wortlos sah sie zu, wie di« gute, muskelstarke, männliche Siska in ihrem Reich arbeitete. Diese stellte sich manch mal vor Roosje hin, kreuzte die dicken Arme, di« wie rohes Fleisch aussahen, auf ihrer starken Brust, kratzte sich mit ihrem dicken Finger an der Nase, um dann die Arme mit Nachdruck wieder zu kreuzen.
„Nun, Baesin", sagte sie, „ich weiß schon, warum Sie so traurig sind; aber bedenken Sie doch: Ihr Geschäft ist hier noch nicht bekannt genug, und Sie können keine Bestellungen bekommen, wenn Sie nicht in den Zeitungen Anzeige aufgeben. Das ist eine feine Sache, die Zeitungen! Jeden Tag sehe ich darin die Namen von Leuten, die mit Streichhölzern, Kochkesseln, Kasserollen, Wasserrohren, Ofenröhren handeln "... alles Leute, die lange nicht so klug sind wie Sie, Baesin. Wenn in der Zeitung sieht: ,Van Posselveldes Ofenröhren sind die besten der Welt ober .Die Kochgeschirre von van Zwygenhove sind aus Eisenblech, also besser als die von van Gvbbelschroy', wer glaubt ihnen da nicht aufs Wort? Setzen Sie Ihren Namen auch in die Zeitungen!"
„Kostet das etwas?" fragte Roosje. Sistas Anregung heiterte sie etwas auf und lieh den Gelbkastenschlüssel in ihrer Tasche vor Habsucht tanzen.
„Gewiß, Baesin, das kostet etwas, es ist ein Geschäft wie jedes andere.
„Ist es teuer?"
„Ich werde mal Nachfragen", beeilte sich Siska zu erwidern. Sie ging, um sich zu erkundigen, kam aber entrüstet und wütend zurück: „Und ob das teuer ist, Baesin! Man hat die Frechheit, drei Franken für eine ganz lächerlich kleine Zeile zu verlangen! Di« Ernstesten von der Band« machen sich noch über einen luftig und erklären: XSinen Franken und fünfzig, wenn Sie nicht wollen, lassen Sie es bleiben1!
Und dann reden sie aus einem kleinen Käfig heraus, und das nennt sich .L’Etoile beige', .Der belgische Stern'. Wenn der Herr im Käsig ein Stern ist, dann haben die Sterne jetzt graue Haare im Gesicht. Und nicht ein« Zeitung ist billiger, bloß ein paar lumpige Blätter, die sich erdreisten, fünfzehn, zwanzig, manche sogar sünftmdvierzig Centimes für die Zeile zu verlangen; aber man merkt schon an ihrem Büro, das wie ein Hundestall aussieht, an den zersessenen Stühlen, dem wind- schiesen Tisch und den garstigen Wänden mit Spottbildern der Minister und Priester, daß kein Mensch ihr Blatt kauft und daß für ihre Schundware schon fünf Centimes zuviel wären." Worauf sich Siska ganz außer Atem hinfetzt« und Roosje schalt: „Solche Diebe!"
Beide saßen eine Weile in tiefer, stummer Entrüstung da, Siska zornrot und schnaufend, Roosje bleich und wütend. Schließlich brach Roosje das Schweigen und sagte bitter: „Ja, die Kinder! Da glaubt man, daß sie einen lieben. Man bringt sie mit Schmerzen, Angstschweiß und Lebensgefahr zur Welt, gibt ihnen seine Milch, fein Blut und fein Leben und würde alles für sie tun. Wie es mit den Jungens ist, weiß ich nicht, jedenfalls benehmen sie sich chren Eltern gegenüber alle wie Taugenichtse; die Mädchen, die kenne ich: Grietje—Margarete, wie sie jetzt in der feinen, französisch gewordenen Gesellschaft sagen — Grietje gedieh so gut, liebte mich, liebkoste mich und schien dankbar zu sein. Ich war beglückt zu sehen, wie sie groß und schön wurde. Als Kind war sie wie eine Gottesblume. Als sie zum jungen Mädchen heranwuchs, paßte ich genau auf, wann sie blaß wurde oder errötete. Wie habe ich gelacht, als sie eines Tages sehr verwundert war und als sie einmal große Angst hatte, und bann bamals, als sie mir sagte: .Mutter, da ist ein Herr, der mich so merkwürdig angesehen und gesagt hat, ich wäre hübsch .. •' Sie ärgerte sich darüber und fand es lächerlich, daß sie hübsch fein sollte. Ein anderes Mal schickte ich sie am Abend ganz allein fort, um etwas zu besorgen; sie war sechzehn Jahre und schön, aber ich dachte mir nichts dabei. Sie kam ganz zornig und stolz wie eine heilige Jungfrau Maria zurück und schwang in der Hand den Kellerschlüssel, einen ganz großen Schlüssel: .Mama', rief sie, .ich gehe abends nicht mehr aus!’ Dabei umarmte sie mich." (Fortsetzung folgt.)


