Ausgabe 
24.7.1939
 
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Drohung.

Von CarlSpitteler.

Wenn du dich noch einmal unterstehst

Und mir im Kops herumgehst, Hol ich gleich nebenbei

Die Stadtpolizei.

Die hängt dir jedensalls

Einen Schandbrief um den Hals, Damit es jeder liest,

Was für ein Spitzbub du bist.

Wenn du mir das noch einmal machst Und mich im Traum anlachst, Guckt aus der Münstertür

Der Kapuziner herfür.

Der malefizi dich mit seinem Latein

Von Schwarzkunst so rein, Daß von dir Hexenweib Bloß das Apfelhäuschen bleibt.

Wenn du mir nur noch einmal kommst Und nicht gleich zu mir kommst, Hetz ich mein Hündlein nach dir.

Das beißt dich zu mir.

Dann sperr ich dich, Gott sei Dank, In einen gläsernen Schrank.

Ein Schlüssel hängt daran, Daß ich auch hinein kann.

hnenbrief der deutschen Rosen.

Von Annie FrancS-Harrar.

liieviel Rosenarten es in der Welt gibt? Ich glaube, man weiß es ß Oder wenn man einmal eine Zahl feftgestellt hat, dann stimmt Ition im nächsten Jahre nicht mehr. Denn von einer Blütezeit zur ihm züchtet man wieder neue Spielarten, oft prachtvoll oder zart- hilil) oder auch nur merkwürdig und seltsam, so wiegrüne" oder Lfetorjc" Rosen, die vor mehr als siebzig Jahreir einmal der Rosem pltber größter Stolz waren.

lenn kaum eine Pflanze kommt der Veränderungslust des Menschen pllig entgegen, wie gerade die Rose. Warum? Nun, natürlich haben Pflanzen ganz ebenso ihre Eigenart, ihren Charakter, ihre angebo- «' Eigenschaften, kurz, ihre Rasse. Und da die Rosen, gemessen am k der Gewächse aus unserer Erde überhaupt, sehr jung und noch $r als der Mensch gewissermaßen, so könnte man denken, sie hätten noch ihre ganze Lebenskraft und frische Anpassungsfähigkeit vor iDenn was tun schon ein paar tausend Jahre und viel länger hiert man Rosen nirgends auf der Welt am Leben einer ütnart!

kiß Rosen aber gar so besonders veränderlich sind, hat allerdings snoch eine andere Ursache. Si« besitzen aus ihren ursprünglichen raten ein sehr verschiedenartiges Erbgut. Denn die Rose wurzelt stim Süden oder Norden, im Osten oder Westen. Sondern in allen i Himmelsrichtungen. Sie hat mehr wirkliche, echte und bodenständige Men, als der Mensch Finger an seiner Hand. Und von jeder bringt he völlig ausgebildete Vollendung einer ganz feftgelegten Sonderart ff Denn überall ist sie das Produkt einer grundverschiedenen anderen

® lt. Und das bedeutet bei den Blumen ganz ebenso wie bei Tieren 'Menschen-eine Fülle von Gestaltungen.

«M zwei Kontinente haben die Rose nicht gekannt, ehe der Mensch rt über die ganze Erde zerstreut hat. Australien und Afrika. Heute *= freilich längst nicht mehr so. Süden und Norden des schwarzen besitzen in ihren herrlich gepflegten Gärten so viele Rosen, als

5 sich nur irgend wünschen kann. Und was den fünften Kontinent M, so schlingt sich auch um seinen bewohnten Rand von West nach ' vielleicht mit Ausnahme des hochtropischen Nordens, eine Girlande

Menlauben, Rosenbeeten, Rosengehängen, und Rosen und Euka- * haben dort eine geographisch und botanisch durchaus unvorher- Wie Freundschaft geschlossen.

«W Europa, Asien, Amerika das sind Rosenländer tm vollsten nfces Wortes. Die uralte Kultur des Ostens hat sich wie es scheint, D jsehr früh nicht nur mit Gartenkunst überhaupt, sondern auch be- P6® viel mit Rosenzucht abgegeben. Und während unsere deutschen jrlr nur ein paar armselige Blättchen und noch armseligere Bluten F°t>ringen, gibt cs sogar eine echte Indische Rose", die freilich Haupt- Ws dem südlichen China entstammt. Ueberhaupt der Ferne Osten. lIen ist in ihm daheim: dieimmergrüne Rose , die aller- Wlbis Sudeurvpa reicht, kletternd und weiß ist. Genau dasselbe kann E.°n derM oschus - oder Bisamrose" sagen, ein halb- Wp, hängendes Rankgewirr, aus dem zarter Moschusduft aufsteigt.

'ft da dieVielblumige Rose". Die rankt nicht, wird aber E(us Meter hoch. In ihrer Heimat China oder Japan tragt sie klem- II3; Dolden, üppig aufstrebend, weiß oder rot, fast oder ganz geruch- lt^r höchstens mit leisem Zimtdurft. Aus ihr allein hat man Dutzende lEpPtelarten gezogen, die z. T. mit zu unseren schönsten Kletterrosen gL/p-, ost puntHert ober gestreift sind und ganz besonders gern m l|! hinuberspielen. Eine chinesischeDeckblatt-Rose ist wieder 6und immergrün und besitzt einen solchen Reichtum an «taub- Wtitz . man in einer einzigen Blüte an vierhundert gezahlt hat. Ein Bi '-sonders reizendes Ding ist dieKleinblättrige Rose aus

dem mittleren China. Stachellose Stengel, gefüllte zartrosenrote Blumen, aber alles zierlich, filigran, und doch Stammutter aller möglichen Gartenformen. Eine wunderschöneKaiserin des Nordens" hat als Stammutter dieRunzelige Ros e", prachtvollster dunkler Karmin, dicht gefüllt. Die herrlichen großen Büsche, die man als Garten- und vor allem als Parkschönheiten aus ihr gezogen hat, besitzen noch nebenbei die empfehlenswerte Eigenschaft, daß sie reichlich fruchten und daß ihre Hagebutten eingekocht viel besser und schmackhafter sind, als die der wil­den Rosen. Sie, die in ihrer Urform vom nördlichen China über Japan bis nach Kamtschatka reichen, sind fast alle wetterhart und wenig empfindlich.

Daß Sibirien eine besondere Rosenheimat ist, würde man auch nicht ohne weiteres vermuten. In dieser, wie man glaubt, grauenvollen Schnee- wüste ist nicht nur die gelbe, seltene und kostbarePersische Rose" zuhause, sondern'auch die braunblättrige, weißgoldenblühendeBiber-- n e 11 r o f e", und man weiß nicht einmal, ob die sehr edle und hundert­fältig weiterveredelteChinesische Ros e" nicht auch zum mindesten aus den Grenzen zwischen Tatarei und Sibirien stammt.

Man glaubt, ich sei am Ende. Oh nein, da gibt es erst noch die ein­heimischen europäischen Rosen. Eine davon kennt jedermann: die H u n d s r o s e", von der es bei uns in allen Wäldern mehrere weihe und rosa Abarten gibt. Aber schon die großen, rosa Blüten derA p fei­rose" sind in die Gärten eingewandert, denn sie erfreuen uns den ganzen Winter über mit siegellackfarbenen, glänzenden Früchten. In unsere künstlichen Hecken ist dieWeinrpse" eingezogen und die Alpine Rose" stieg mit hellroten großen Sternen von den Voralpen herunter. Wer zählt die vielen Nachkommen derGallischen Rose", zu denen sogar die Zentifolie gehört, die Hundertblättrige, und die wun­derbar duftenden Rosen von Schiras, von denen das meiste Rosenöl und Rosenwasser und der unvergleichlich schmeckende türkische Zucker stammen. Und was soll man von derRotblättrigen Rose" sagen, deren leuchtend .gefärbtes Laub den Blüten den Rang ftreitig macht! Sie hat die echten" kaukasischenB 1 u t r o f e n" als nächste Verwandte, leider auch die orientalischeGelbe Ros e", die man verzeihe mir! wirklich und wahrhaftig nach Wanzen stinkt, als Nachbarn nämlich in Südeuropa und im Kaukasus. Mit ihr zugleich gibt es dort noch eine W eiße Rose" und die bei uns sehr beliebteSchwefel- ober SchmaIzros e".

Die amerikanischen Rosen sind alle rot. Diek a r o 1 i n i s che" und dievirginische" und vor allem dieP ra i r i c r o f e", von der sämtliche Crimson Rambler und Genossen abftammen. Aber obgleich sie mit so üppigen Gehängen blühen, als wollten sie in jedem Sommer ihr ganzes Blumenleben verschwenden, mangelt es ihnen doch fast allen an Duft! Sie find eine Freude fürs Auge, aber nicht für die Nase. Ein biß­chen sehen die.zartfarbigeren, die man besonders aus derlichten Rose" erzogen hat, einem reizenden geschminkten, aber puppenhaft leeren Mädchengeficht ähnlich.

Man meint nun, Deutschland sei in diesem verschwenderischen Rosen­reigen zu kurz gekommen. Aber wir brauchen uns nicht zu beklagen. Denn die Rose unserer Heimat ist dieM a i r o f e". Sie wächst oder wuchs auf trockenen Hügeln, sie war es, die man schon früh in Zwinger­oder Burggärtlein hereinholte. Alle Minnesänger haben ihren würzhast feinen Duft und. die liebliche Schönheit ihrer leuchtend rosa bis purpur­farbenen Blüten gekannt. Sie ist nicht nur unsere eigentliche Frühlings- rose, denn sie beginnt wirklich im Mai zu blühen, sondern sie ist auch eine der allerschönsten Pflanzen, die tatsächlich und seit Urtagen in die deutsche Landschaft gehören. Und was kann man Besseres und Lieberes von einer Blume sagen, als daß sie eine Blume der Heimat istl

Oie geschmuggelte Leberraschung.

Von Anton Geldner.

Um acht Uhr früh kam ich mit dem Nachtschnellzug aus Kopenhagen in Frederikshaven an der Nordspitze Jütlands an. Von hier aus wollte ich mit dem Schiff über das Skagerrak nach dem norwegischen Sör- land. Ick) war die gange Nacht hindurch gefahren; darum war ich, als ich auf das Schiff kam, unausgeschlafen, nervös und hatte Sehnsucht nach starkem heißem Kaffee. Mit mir kamen nur wenig Passagiere an Bord. Denn diese Strecke war nicht sehr wichtig und hatte keinen starken Personenverkehr. Gleich nachdem der dänische Zollbeamte das Schiff verlassen hatte und das Fallreep eingezogen war, ging ich in den Speiseraum, um zu ftühstücken. Da sah nur ein gutangezogenes Fräu­lein fröstelnd an einem Tisch und wartete offenbar sehnsüchtig auf den Steward und den Kaffee. Das Mädchen war jung und schön; es hatte unwahrscheinlich Helles blondes Haar und strahlend blaue Augen. Es lächelte, als ich grüßte. Und schon spürte ich bei diesem Lächeln die Morgenkühle und meine Müdigkeit weniger stark. Auch der ungeduldige Wunsch, den ganzen Tag in der Kajüte zu verschlafen, war sofort auf rätselhafte Art schwächer. Als der Steward endlich kam, erwies es sich, daß er kein Wort Deutsch konnte und da ich weder dänisch noch nor­wegisch sprach, gab es sofort Schwierigkeiten bei der Zusammenstellung eines guten Frühstücks. Aber da half ungeniert und mit lebhafter Be­reitwilligkeit das Fräulein aus. Es zeigte sich, daß diese junge Dame zwar keine Deutsche war, aber doch ziemlich gut Deutsch sprechen konnte, denn, wie sie erzählte, war sie gerade einige Monate in Deutschland gewesen. Jetzt fahre sie zurück in die Heimat, sagte sie. Sie sei eine Norwegerin.

Seltsam, wie schnell mich die Müdigkeit verlieh, als ich diese helle und heitere Norwegerin gegenüber hatte. Sie hatte ein lustiges, un­beschwertes Lachen und wußte in putzigem Deutsch freundliche Sachen zu erzählen. Natürlich nahmen wir das Frühstück zusammen ein. Und auch später blieben wir plaudernd sitzen. Die aufgeschlossene Fröhlich­keit meiner Reisegenossin machte auch mich lustig und ließ mich amüsante Reiseerlebnisse erzählen, die als Resonanz dankbares Lachen fanden. Schließlich wurde ich so aufgeräumt und übermütig, daß ich mir vom Steward Aauavit bringen ließ und großtuerisch etliche Gläser trank. Das