Ausgabe 
24.7.1939
 
Einzelbild herunterladen

Das II. Kolonial-Korps des grimmen Mangin, die Hoffnung desGene­rals Durchbruch", die Schwarzen, die an der Spitze der fiegreichen fran- zöfifchen Armee noch am Abend dieses 16. April, spätestens aber am andern Morgen in Laon sein sollten, dieses vielbewunderte Kolonial-Korps, das an seinen Fahnen die höchsten Auszeichnungen der französischen Republik trägt, flüchtet hoffnungslos unter den Schlägen der deutschen Infanterie. Und diese deutsche Infanterie ist nur noch vertreten durch wenige im Feuer geschwächte Bataillone, durch wenige Mannschaften, in deren Herzen aber das Pslichtbewußtsein lebt und der eiserne Wille, keinen Feind in die Hauptverteidigungslinie zu lassen und den deutschen Rhein bereits hier, an der französischen Aisne, zu verteidigen.

Ueber Vauclair hinweg flüchten die Schwarzen regellos ins Hinterland, steigen die Höhen hinab auf die Bahnlinie zu, laufen und schreien und geraten in die just vorrückende Kavallerie des Generals Duchesne. Schreiend und alles mit sich reißend stürmen die entsetzten Schwarzen, aschfahl im Gesicht, auf bereitstehende Lazarettzüge, werfen Personal, Sanitäter, Schwestern und Aerzte auf den Bahnsteig und schicken sich an, auf eigene Faust ms Hinterland zu fahren. Rur weg, nur schnell weg aus dem furcht­baren Gelände, nur fort aus dieser entsetzlichen Gegend, in der es nur Schrecken und Tod gibt.

Und jene, die keinen Platz mehr in den Eisenbahnwagen finden können, verstecken sich irgendwo in Güterschuppen, machen sich über die Proviant­ämter her oder verschaffen sich mit Waffengewalt Eintritt in Privathäuser. Offiziere, die sich dieser schwarzen Menschenwelle als Damm entgegen­werfen wollen, werden überrannt, beiseitegeschoben, niedergeschlagen. Jede Disziplin ist gewichen.

Vergebens reiten einige Schwadronen der Verfolgungskavallerie über das Gelände, sperren ab. Auch sie können die Schwarzen nicht mehr zur Vernunft bringen. Man muß die Senegalneger laufen lassen. Sie müssen sich ausrasen, ihre eigene Panik tottreten. Man wird ihnen Essen und Trinken verweigern, vorerst. Man wird sie laufen lassen. Besser so! In einem oder in zwei Tagen werden sie von selbst zur Vernunft kommen und wieder das demütige, kindlich ergebene Kanonenfutter sein.

Man läßt sie flüchten. Man schaut ihnen kopfschüttelnd nach. Ha, die gefürchteten Sturmregimenter, jene, vor denen die Deutschen angeblich beim bloßen Anblick schon entsetzt weichen, haben nun selbst die Flucht ergriffen.

Das Blatt hat sich gewendet, Herr General Nivelle, das Blatt hat sich gewendet.---

Vor wenigen Stunden noch das hohe Siegesbewußtsein und der un­erschütterliche Glaube an die Verfolgungsschlacht und jetzt der Zusammen­bruch, die Panik und ein furchtbares Ende. Herr General Nivelle, Ihre Taktik war gut und klug, und Ihre Munition hatte furchtbare Wirkungen. Eine ganze französische Provinz ist vernichtet und umgepflügt ünd dem Erd­boden gleichgemacht. Kein Stein steht mehr auf dem andern. Mit dieser Taktik, mit diesem Munitionsaufwand, hätten Sie jede Armee, jeden Feind in regellose Flucht geschlagen. Die deutsche Armee aber haben Sie nicht geschlagen, HerrGeneral Durchbruch", die deutsche Armee ist durch Waffengewalt nie zu schlagen!

Erst in Fismes, gut 15 Kilometer Luftlinie von der Hurtebise-Ferme entfernt, erholen sich die Schwarzen von ihrer Panik, sammeln sich, hören endlich auf mit dem furchtbaren Geschrei, bekommen wieder ihre normale Farbe im Gesicht, wagen wieder um sich zu blicken, werden wieder gehorsam und gefügig. Aber nach vorne wird man sie in absehbarer Zeit nicht mehr schicken dürfen. Keinem Offizier wird es gelingen, diese verängstigten Menschen in nächster Zeit gegen das Peitschen der deutschen Gewehre und Maschinengewehre zu führen. Diesem Menschenhaufen fehlt eins der Glaube an eine gute und große Sache, jener Glaube, der den letzten Feldgrauen drüben im schlammigen Trichterfeld bewußt oder unbewußt beseelt.

Von rund zehntausend Senegalnegern, angesetzt zum Angriff aus die Hurtebise-Ferme und aus deren nähere Umgebung, sind 6.300 im deutschen Artilleriefeuer und in der zielsicheren Abwehr unserer Feldgrauen liegen« geblieben. Die anderen sind regellos geflohen. In den Abschnitten rechts und links der Hurtebise-Ferme sind die Verlustziffern nicht geringer.

Jeder rechtdenkende Franzose, der diese Schwarzen, diese halbwilden Menschen in französischer Uniform, nach rückwärts hasten sieht, auf regelloser Flucht vor den Dämonen des Krieges, empfindet die Schmach dieses unwürdigen Schauspiels. Jawohl, eine Schmach, daß eine Truppe so die Nerven verliert und ihre Stellungen fluchtartig räumt. Aber auch eine Schmach, daß ein großes Land mit kultivierten, weißen Menschen seine Befreiung und seinen Schutz vertrauensvoll in die schwarzen Hände dieser Afrikaner legt. Nein, dies muß jedem anständigen Franzosen unhaltbar erscheinen, unglaublich, furchtbar und niederschmetternd.

In einer späteren Kammerinterpellation wird behauptet, General Mangin habe vor dem Angriff seinen Schwarzen erklärt, die deutschen Geschosse und Bajonette seien machtlos gegen die Körper der Senegal­neger. Wahr oder nurgüt erfunden, das ist einerlei. Tatsache bleibt die Schande der Verwendung schwarzer Soldaten aus dem westlichen Kriegs­schauplatz.

Die Meldungen vom allgemeinen großen Mißerfolg gelangen schon ab 7 Uhr zum Hauptquartier des Generals Nivelle. Jedes Schrillen des Fernsprechers bringt neue, furchtbare Enttäuschungen. Nur am Fort Conde gelingt es der Armee Mangin, festen Fuß auf den Höhen des Darnen- weges zu fassen. Die Deutschen räumen die gesprengte Feste, die an sich keinerlei strategischen Wert mehr hat.

Um 10 Uhr soll bereits die Aillette auf der ganzen Breite überschritten sein. Aber die Aillette liegt um 10 Uhr noch weit, liegt jenseits der deutschen Artilleriestellungen, liegt noch kilometerweit hinter dem Gürtel der Nivelle- schen Feuerwalze. Die Taktik des Angriffs, die einzelnen Stunden des Vor­rückens und die sorgsam festgesetzten Grenzen der jeweils erreichten Zone sind sinnlos und überflüssig geworden.

Und dann, um 11 Uhr, kämpft immer noch die französische Angrifss- armee in der deutschen Hauptverteidigungslinie, kämpft mit leichtem Ma­schinengewehr, mit Bajonett und Handgranaten einen verbissenen Klein­

krieg um einige Meter verschlammter Gräben, sie, die jetzt diese Hohe des Damenweges längst hinter sich haben müßte, um da unten, in der Ebene, auf Laon zu marschieren.

Das Verfolgungskorps Duchesne wird endgültig zurückbeordert. Ar­tillerie- und Kavallerie-Regimenter traben rasch ins Hinterland. Nicht einmal der Versuch eines Durchbruchs, geschweige denn der Durchbruch selbst ward ihnen vergönnt. Auf der ganzen Angriffsfront stehen die Fran­zosen höchstens, allerhöchstens 500 Meter tief im deutsche» Verteidigungs­system. Und so wird es bleiben trotz aller Angriffe der Armee Mangin, trotz aller Schläge, die auf den Brimont geführt werden.

Aber halt, noch eins steht aus. Noch eine Möglichkeit ist ungenutzt. Noch warten, gefüllt mit Brennstoff, geladen mit Waffen und Munition, die Panzerwagen. Schickt die Tanks ins Gefecht!

Um 13 Uhr gibt General Mazel, dem die Tanks unterstehen, den Befehl zum Angriff gegen Juvineourt. Die Tanks sind ultima ratio, sind letzte Hoffnung, letztes Wort des Oberbefehlshabers. Die Tanks fallen losfahren! Laßt endlich die Panzerwagen angreifen!

Es wird sich hier nicht mehr um ein Vorrücken von Kampfgeschwadern handeln zur Unterstützung irgendwelcher Infanterie-Bataillone, sondern um einen wirklichen, geschlossenen, heftigen Panzerangriff. Es muß so sein, denn Frankreichs Ehre steht auf dem Spiel. Und General Mazel will etwas erreichen, irgend etwas, nachdem die Schwarzen des grimmen Mangin so schmachvoll versagten. Genug der Niederlagen für Frankreick), im Laufe dieses Vormittags, des 16. April 1917! Eine Schmach, daß die deutschen Flieger allein den Luftraum beherrschen, daß weit und breit kein französisches Geschwader zu sehen'ist.

Ja, wissen Sie denn nicht, General Mazel, daß die 400 Maschinen noch nicht eingetroffen sind, daß sie noch in Le Bourget in den Hallen stehen, weil kein deutlicher Befehl herausgegeben wurde, vielleicht auch, weil General Nivelle diese 400 Hornissen des Luftkampfes erst viel später am Rhein oder gar Über deutschem Gebiet zu einem entscheidenden großen Paradekampf einsetzen will?

Gut, wenn die Flieger fehlen, wenn die Schwarzen versagen, wenn alles versagt und die Infanterie trotz größten Opfermutes nicht fähig war, die Deutschen zu überrennen, dann müssen die Tanks durchbrechen. Die Tanks sollen fahren!

Kommandant der Tankgeschwader ist ein junger Pionieroberst. Ohne Rücksicht und ohne Selbstbetrug hat er nüchtern und sachlich festgestellt, daß er hier auf dem Trichtergelände der vorhergegangenen vieltägigen Materialfchlacht seine Panzerwagen nicht operieren lassen kann. Sie werden in schlammigen Trichtern steckenbleiben, sie werden nicht hergeben können, was man von ihnen verlangt. Gerade das zum Angriff befohlene Gelände bei Juvincourt ist grauenvoll durchwühlt, dabei lehmig und grundlos. Der Oberst ruft General Mazel an, erklärt ihm die Lage und verheimlicht ihm keineswegs seine Befürchtungen, fügt jedoch hinzu:

Wenn es aber trotzdem befohlen bleibt, werden wir selbstverständ­lich fahren."

Ein Führer ist von der Unmöglichkeit eines angesetzten Unternehmens überzeugt, aber trotzdem gehorcht er dem gegebenen Befehl, der ihm sinnlos erscheint. Denn General Mazel beschwört ihn:

Mein lieber Oberst, möglich oder unmöglich, das ist einerlei. Frankreich hat heute schon so viel eingebüßt. Wir müssen etwas retten, verstehen Sie, etwas, und wenn's nur die Ehre ist. Mit großen Versprechungen haben wir dem Volk die Kosten für diese Offensive auferlegt, haben demVaterland gegenüber die Pflicht aus uns genommen, etwas zu erreichen, irgend etwas, einen greifbaren Erfolg. Sie verstehen mich ja. Fahren Sie, mein lieber Oberst, fahren Sie---!"

Und der junge Oberst fährt.

Hundertzweiunddreißig Sturmwagen rollen gegen Juvincourt. Im vordersten Tank sitzt, als Führer des Geschwaders, der junge Oberst. Er weiß, daß er in den Tod fährt. Alles ist verloren, alles bricht zusammen, gewaltige Hoffnungen werden begraben im Bellen der deutschen Ma­schinengewehre. Frankreichs Elitetruppe stirbt vor den Mündungen der feldgrauen Musketiere. Die Lieblingssoldaten des grimmen Mangin flüchten regellos gegen Fismes, säen Panik und Verderben im weiten Hin­terland. Hier aber haben sich einige Tapfere besonnen und ziehen ohne Hoffnung und todesmutig in die Schlacht.

Die Panzerwagen rollen, aber keine Jnfanterieabteilung folgt ihnen. Die Infanterie kann nicht mehr folgen, so erschöpft ist sie. Vergebens schmet­tern die Clairons und hetzen zum Sturm hinter den ratternden Tanks her, jum letzten Sturm gegen die deutschen Linien. Nein, nein! die Sturm- mfanterie ist am Ende ihrer Kraft. Zuviel, zu furchtbar die Anstrengungen des Tages, zu groß die Enttäuschungen.

Jetzt müßte man planmäßig schon weit drunten in der Ebene sein, durch die befreiten Dörfer marschieren, begrüßt und umjubelt von der Zivil­bevölkerung, vor sich, am nördlichen und nordöstlichen Horizont die flüch­tenden deutschen Divisionen. Und nun liegt man immer noch oben im Trichterfeld, nur wenige hundert Meter von der Ausgangsstellung entfernt, und kann nicht vorrücken. Und keine Macht der Wett wird jetzt einen dieser Poilus noch einmal zum großen Sturmlaus bringen können. Nein, für heute ist's vorbei. Das Heer ist müde.

Die hundertzweiunddreißig Tanks aber rollen.

Und dann sind sie drüben in der deutschen Linie.

Und nun beginnt der Kampf um diese 132 Stahlkolosse. Als erster fährt der Kampfwagen mit dem Geschwaderführer in die deutsche Front, stößt wuchtig ein, wird sofort vom Maschinengewehrfeuer gepackt. Die Spitzgeschosse hämmern ihren Trommelwirbel aus seine Stahiflanken. Und rauchend erlischt die Farbe des Tarnanstrichs auf den stählernen Flächen, so heiß werden die Panzerplatten unter dem Hämmern der Einschläge. Dann sind die deutschen Tankabwehrbatterien da, einfache Feldgeschütze, die todesmutig vorpreschen, abprotzen und in direktem Schuß auf die Panzerwagen halten.

Es geht alles unheimlich schnell. Geballte Ladungen krachen, Panzer­wagen legen sich todwund aus die Seite. Einige brennen lichterloh. Nicht ganz fünfzehn Minuten dauert das Rasseln der Sturmwagen.

(Fortsetzung solgt.)