Ausgabe 
24.3.1939
 
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Lene aber fuhr in ihrem ruhigen Tone fort:Und daß mir fo leicht ums Herz ist, das will ich nicht vorübergehen lassen und will dir alles sagen. Eigentlich ist es das Alte, was ich dir immer schon gesagt habe, noch vor­gestern, als wir draußen auf der halb gescheiterten Partie waren, und dann nachher, als wir uns trennten. Ich hab es so kommen sehn, von Anfang an, und es geschieht nur, was muß. Wenn man schön geträumt hat, so muß man Gott dafür danken und darf nicht klagen, daß der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt. Jetzt ist es schwer, aber es vergißt sich alles oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht. Und eines Tages bist du wieder glücklich und vielleicht ich auch."

Glaubst du's? Und wenn nicht, was dann?"

Dann lebt man ohne Glück."

Ach, Lene, du sagst das so hin, als ob Glück nichts wäre. Aber es ist was, und das quält mich eben, und ist mir doch, als ob ich dir ein Unrecht getan hätte."

Davon sprech ich dich frei. Du hast mir kein Unrecht getan, hast mich nicht auf Irrwege geführt und hast mir nichts versprochen. Alles war mein freier Entschluß. Ich habe dich von Herzen liebgehabt, das war mein Schick­sal, und wenn es eine Schuld war, so war es meine Schuld. Und noch dazu eine Schuld, deren ich mich, ich muß es dir immer wieder sagen, von ganzer Seele freue, denn sie war mein Glück. Wenn ich nun dafür zahlen muß, so zahle ich gern. Du hast nicht gekränkt, nicht verletzt, nicht beleidigt, oder doch höchstens das, was die Menschen Anstand nennen und gute Sitte. Soll ich mich darum grämen? Nein. Es rückt sich alles wieder zurecht, auch das. Und nun komm und laß uns umkehren. Sieh nur, wie die Nebel steigen; ich denke, Frau Dörr ist nun fort, und wir treffen die gute Alte allein. Sie weiß von allem und hat den ganzen Tag über immer nur ein und dasselbe gesagt."

Und was?"

Daß es so gut sei."

Frau Nimptsch war wirklich allein, als Botho und Lene bei ihr ein­traten. Alles war still und dämmerig, und nur das Herdfeuer warf einen Lichtschein über die breiten Schatten, die sich schräg durch das Zimmer zogen. Der Stieglitz schlief schon lange in seinem Bauer, und man hörte nichts als dann und wann das Zischen des überkochenden Wassers.

Guten Abend, Mütterchen!" sagte Botho.

Die Alte gab den Gruß zurück und wollte von ihrer Fußbank aufstehen, um den großen Lehnstuhl heranzurücken. Aber Botho litt es nicht und sagte: Nein, Mütterchen, ich setze mich aus meinen alten Platz."

Und dabei schob er den Schemel ans Feuer.

Eine kleine Pause trat ein; alsbald aber begann er wieder:Ich komme heut, um Abschied zu nehmen und Ihnen für alles Liebe und Gute zu danken, das ich hier so lange gehabt habe. Ja, Mütterchen, so recht von Herzen. Ich bin hier so gern gewesen und fo glücklich. Aber nun muß ich fort, und alles, was ich noch sagen kann, ist bloß bas: es ist doch wohl das beste so."

Die Alte schwieg und nickte zustimmend.Aber ich bin nicht aus der Welt", fuhr Botho fort,und ich werde Sie nicht vergessen, Mütterchen. Und nun geben Sie mir die Hand. So. Und nun gute Nacht!"

Hiernach stand er schnell auf und fchritt auf die Tür zu, während Lene sich an ihn hing. So gingen sie bis an das Gartengitter, ohne daß weiter ein Wort gesprochen wäre. Dann aber sagte sie:Nun kurz, Botho! Meine Kräfte reichen nicht mehr; es war doch zuviel, diese zwei Tage. Lebe wohl, mein Einziger, und sei so glücklich, wie du's verdienst, und so glücklich, wie du mich gemacht hast. Dann bist du glücklich. Und von dem andern rede nicht mehr, es ist der Rede nicht wert. So, so."

Und sie gab ihm einen Kuß und noch einen und schloß dann das Gitter.

Als er an der andern Seite der Straße stand, schien er, als er Lenens ansichtig wurde, noch einmal umkehren und Wort und Kuß mit ihr tauschen zu wollen. Aber sie wehrte heftig mit der Hand. Und so ging er denn weiter die Straße hinab, während sie, den Kopf auf den Arm und den Arm auf den Gitterpsosten gestützt, ihm mit großem Auge nachsah.

So stand sie noch lange, bis sein Schritt in der nächtlichen Stille ver­hallt war.

Sechzehntes Kapitel.

Mitte September hatte die Verheiratung auf dem Sellenthinschen Gute Rothenmoor stattgefunden; Onkel Osten, sonst kein Redner, hatte das Brautpaar in dem zweifellos längsten Toaste seines Lebens leben lassen, und am Tage darauf hatte die Kreuzzeitung unter ihren sonstigen Familienanzeigen auch die folgende gebracht:Ihre am gestrigen Tage stattgehabte eheliche Verbindung zeigen hierdurch ergebenst an Botho Freiherr von Rienäcker, Premierleutnant im Kaiser-Kürassier-Regiment; Käthe Freifrau von Rienäcker geb. von Sellenthin." Die Kreuzzeitung war begreiflicherweise nicht das Blatt, das in die Dörrsche Gärtnerwohnung samt ihren Depcndenzien kam, aber schon am andern Morgen traf ein an Fräulein Magdalene Nimptsch adressierter Brief ein, in dem nichts lag als der Zeitungsausschnitt mit der Vermählungsanzeige. Lene fuhr zusammen, sammelte sich aber rascher, als der Absender, aller Wahrscheinlichkeit nach eine neidische Kollegin, erwartet haben mochte. Daß es von solcher Seite her kam, war schon aus dem beigefügtenHochwohlgeboren" zu schließen. Aber gerade dieser Extraschabernack, der den schmerzhaften Stich ver­doppeln sollte, kam Lenen zustatten und verminderte das bittere Gefühl, das ihr diese Nachricht sonst wohl verursacht »hätte.

Botho und Käthe von Rienäcker waren noch am Hochzeitstage selbst nach Dresden hin aufgebrochen, nachdem beide der Verlockung einer neu- märkischen Betternreise glücklich widerstanden hatten. Und wahrlich, sie hatten nicht Ursache, ihre Wahl zu bereuen, am wenigsten Botho, der sich jeden Tag nicht nur zu dem Dresdener Aufenthalte, sondern vielmehr noch zu dem Besitze seiner jungen Frau beglückwünschte, die Kaprizen und üble Laune gar nicht zu kennen schien. Wirklich, sie lachte den ganzen Tag über, und so leuchtend und hellblond sie war, so war auch ihr Wesen. An allem ergötzte sie sich, und allem gewann sie die heitre Seite ab. In dem von ihnen bewohnten Hotel war ein Kellner mit einem Toupet, das einem

eben umkippenden Wcllenkamme glich, und dieser Kellner samt seiner Frisur war ihre tagtägliche Freude, so sehr, daß sie, wiewohl fönst ohne besonderen Esprit, sich in Bildern und Vergleichen gar nicht genug tun konnte. Botho freute sich mit und lachte herzlich, bis sich mit einem Male doch etwas von Bedenken und selbst von Unbehagen in sein Lachen ein­zumischen begann. Er nahm nämlich wahr, daß sie, was auch geschehen oder ihr zu Gesicht kommen mochte, lediglich am Kleinen und Komischen hing, und als beide nach etwa vierzehntägigem glücklichen Aufenthalt ihre Heimreise nach Berlin antraten, ereignete sich's, daß ein kurzes, gleich zu Beginn der Fahrt geführtes Gespräch ihm über diese Charakterseite seiner Frau volle Gewißheit gab. Sie hatten ein Coups für sich, und als sie, von der Elbbrücke her, noch einmal zurückblickten, um nach Altstadt-Dresden und der Kuppel der Frauenkirche hinüberzugrüßen, sagte Botho, während er ihre Hand nahm:Und nun sage mir, Käthe, was war eigentlich bc8 Hübscheste hier in Dresden?"

Rate!"

Ja, das ist schwer, denn du hast fo deinen eigenen Geschmack, und mit Kirchengesang und Holbeinscher Madonna darf ich dir gar nicht kommen ..."

Nein. Da hast du recht. Und ich will meinen gestrengen Herrn auch nicht lange warten und sich quälen lassen. Es war dreierlei, was mich ent» zückte: voran die Konditorei am Altmarkt und der Schesfelgasscn-Ecke mit den wundervollen Pastetchen und dem Likör. Da so zu fitzen..."

Aber, Käthe, man konnte ja gar nicht sitzen, man konnte kaum stehn, und war eigentlich, als ob man sich jeden Bissen erobern müsse."

Das war es eben. Eben deshalb, mein Bester. Alle?, was man sich erobern muß..."

Und sie wandte sich ab und spielte neckisch die Schmollende, bis er ihi einen herzlichen Kuß gab.

Ich sehe", lachte sie,du bist schließlich eiitverstanden, und zur Be­lohnung höre nun auch das Zweite und Dritte. Mein Zweites war bat Sommerthcater draußen, wo wir Monsieur Herkules' sahn und Knaol den Tannhäusermarfch auf einem klapprigen alten Whisttifch trommelt«, So was Komisches hab ich all mein Lebtag nicht gesehn und du wahn scheinlich auch nicht. Es war wirklich zu komisch... Und das Dritte... Nun, das Dritte, das war ,Bacchus auf dem Ziegenbock' im Grünen Ge­wölbe und der sich ,kratzende Hund' von Peter Vischer."

Ich dachte mir so was, und wenn/)nkel Osten davon hört, bann wird er dir recht geben und dich noch lieber haben als sonst und mir noch öslei wiederholen: Ich sage dir, Botho, die Käthe..."

Soll er's nicht?"

O gewiß soll er."

Und damit brach auf Minuten hin ihr Gespräch ab, das in Bothos Seele, so zärtlich und liebevoll er zu der jungen Frau hinübersah, doch einigermaßen ängstlich Nachklang. Die junge Frau selbst indes hatte feine Ahnung voll dem, was in ihres Gatten Seele vorging, und sagte um: Ich bin müde, Botho. Die vielen Bilder. Es kommt doch nach... Aber (der Zug hielt eben) was ist denn das für ein Lärm und Getreibe da draußen?

Das ist ein Dresdener Vergnügungsort, ich glaube, Kötzfchenbroda.' Kötzscheubroda? Zu komisch."

Und während der Zug weiterdampfte, streckte fie sich aus und schlaj anscheinend die Augen. Aber sie schlief nicht und sah zwischen den Wimper« hin nach dem geliebten Manne hinüber.

In der damals noch einreihigen Landgrascnstraße hatte Käthes Mami mittlerweile die Wohnung eingerichtet, und als zu Beginn des Oktobers das junge Paar in Berlin wieder eintraf, war es entzückt von dem Kom­fort, den es vorfand. In den beiden Frontzimmern, die jedes einen Samin hatten, war geheizt, aber Tür und Fenster standen auf, denn es war eine milde Herbstlust, und das Feuer brannte nur des Anblicks und des Lust­zuges halber. Das Schönste aber war der große Balkon mit feinem weit herunterfallenden Zeltdach, unter dem hinweg man in gerader Richtung ins Freie sah, erst über das Birkenwäldchen und den Zoologischen Garten fort und dahinter bis an die Nordspitze des Grünewalds.

Käthe freute sich unter Händeklatschen dieser prächtig freien Aussicht, umarmte die Mama, küßte Botho und wies dann plötzlich nach links hin, wo zwischen vereinzelten Pappeln und Weiden ein Schindelturm sichtbar wurde.Sieh, Botho, wie komisch. Er ist ja wie dreimal eingeknickt. Uiü das Dorf daneben. Wie heißt es?"

Ich glaube, Wilmersdorf", stotterte Botho.

\Nun gut, Wilmersdorf. Aber was heißt das: sich glaube'. Du wirs! doch roiffen, wie die Dörfer hier herum heißen. Sieh nur, Mama, macht et nicht ein Gesicht, als ob er uns ein Staatsgeheimnis verraten hätte? Nicht- komifcher als diese Männer."

Und damit verließ man den Balkon wieder, um in dem dahinter ge­legenen Zimmer das erste Mittagsmahl en famille einzunehmen: nur bi« Mama, das junge Paar und Serge, der als einziger Gast geladen war

Rienäckers Wohnung lag keine tausend Schritt von dem Haufe bet Frau Nimptsch. Aber Lene wußte nichts davon und nahm ihren Weg oft durch die Landgrafenstraße, was sie vermieden haben mürbe, wenn st« von dieser Nachbarschaft auch nur eine Ahnung gehabt hätte.

Doch es könnt ihr nicht lange ein Geheimnis bleiben.

Es ging schon in die dritte Oktoberwoche, trotzdem war es noch wi« im Sommer, und die Sonne schien fo warm, daß man den schärfere Luftton kaum empfand.

Ich muh heute in die Stadt, Mutter", sagte Lene.Goldstein hat mb geschrieben. Er will mit mir über ein Muster sprechen, bas in die Wasch« der waldeckschen Prinzessin eingestickt werden soll. Und wenn ich erst in der Stadt bin, will ich auch die Frau Demuth in der Alten Jakob­straße besuchen. Man kommt sonst ganz von aller Menschheit los. Ab«k um Mittag bin ich wieder hier. Ich werd es Frau Dörr sagen, daß st« nach dir sieht."

(Fortsetzung folgt.)