GiehenerZamilienbMer
| Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Zugang 1959
Nummer 2^
Zreitag, den 1\. Marz
fie freundlich zustimme.
liebe Lene, du bist auch sür Arbeit und Ordnüng und siehst chst es mir nicht schwer... aber schwer ist es doch ... für
,Ja, meine
es ein und machst
, dm
so.
ihm I«1
slzeit einzunehmen. Die Frauen, die das Essen georaojt g»" , Plaudernd daneben, einige mit einem Säugling auf dem Arm,
er >2
'1
rang« entet । iehrid) t ; er (ili
ge * 1 5 «te-1 Ute., J lle»,
Ortungen Wirrungen
Roman von Theodor Montane
8. Fortsetzung.
ir igil ir..* miW' ! finf»
lUnblH
ugn |n i
ntfemii Eih« ,
tta ein verschwiegenes Glück, ein Glück, für das ich früher oder fpäter, »sjdes ihr ersparten Affronts willen, die stille Gutheißung der Gesellschaft Mmtete. So war mein Traum, so gingen meine Hoffnungen und Ge- dNen. Und nun soll ich heraus aus diesem Glück und soll ein anderes ein- ‘tbtijen, das Mir keins ist. Ich hab eine Gleichgültigkeit gegen den Salon unlieinen Widerwillen gegen alles Unwahre, Geschraubte, Zurechtgcmachte, •C&ii, Tournüre, savoir«faire, — mir alles ebenso häßliche wie sremde
dich und mich."
Er fetzte sein Pferd wieder in Trab und hielt sich noch eine Strecke hart an der Spree hin. Dann aber bog er, an den in der Mittagsstille daliegenden Zelten vorüber, in einen Reitweg ein, der ihn bis an den Wränget- brunnen und gleich danach bis vor seine Tür führte.
Fünfzehntes Kapitel.
Botho wollte sofort zu Lene hinaus, und als er fühlte, daß er dazu keine Kraft habe, wollte er wenigstens schreiben. Aber auch das ging nicht. „Ich kann es nicht, heute nicht." Unb so ließ er den Tag vergehen und wartete bis zum andern Morgen. Da schrieb er denn in aller Kürze.
„Liebe Lene! Nun kommt es doch so, wie Du mir vorgestern gesagt: Abschied. Und Abschied auf immer. Ich hatte Briefe von Haus, d'e mich zwingen; es muß sein, und weil es sein muß, so sei es schnell.. . Ach, ich wollte, diese Tage lägen hinter uns. Ich !age. Dir weiter nichts, auch nicht, wie mir ums Herz ist... Es war eine kurze schöne Zeit, und ich werde nichts, davon vergessen. Gegen neun hin ich bei Dir, nicht früher, denn es darf nicht lange dauern. Auf Wiedersehen, nur noch einmal auf Wieder- fehen. Dein B. v. R."
Und nun kam er. Lene stand am Gitter und empfing ihn tote sonst; nicht der kleinste Zug von Vorwurf oder auch nur von schmerzlicher Entsagung lag in ihrem Gesicht. Sie nahm seinen Arm, und so gingen sie den Vorgartensteig hinauf. .
„Es ist recht, daß du kommst... Ich freue mich, daß du da btst. Und du mußt dich auch freuen." c iz
Unter diesen Worten hatten sie das Haus erretcht, und Botho machte Miene, wie gewöhnlich vom Flur her in das große Vorderzimmer ein» zutreten. Aber Lene zog ihn weiter fort und sagte: „Nein, Frau Dörr ist drin .;. "
„Und ist uns noch bös?" ' . , 6
Das nicht. Ich habe sie beruhigt. Aber, was sollen wir heut mit ihr? Komm, es ist ein so schöner Abend, und wir wollen allem lern.“
Er war einverstanden, und so gingen sie denn den Flur hinunter und über den Hos auf den Garten zu. Sultan regte sich nicht und blinzelte nur beiden nach, als sie den großen Mittelsteig hinauf und dann auf dre zwischen den Himbeerbüschen stehende Bank zu schritten.
Als sie hier ankamen, setzten sie sich. Es war still; nur vom Felde her hörte man ein Gezirp, und der Mond stand über ihnen.
Sie lehnte sich an ihn und sagte ruhig und herzlich: „Und das ist nun also das letztemal, daß ich deine Hand in meiner halte?"
„Ja, Lene. Kannst du mir verzeihn?"
„Wie du nur immer frägst. Was soll ich drr verzeihn?
„Daß ich deinem Herzen wehe tue."
„Ja, weh tut es. Das ist wahr." , . ■
Unb nun schwieg sie wieder und sah hinauf auf die blaß am Himmel herausziehenden Sterne.
„Woran denkst du, Lene?" .
„Wie schön es wäre, dort oben zu sein.
"Sprich nicht so. Du darfst dir das Leben nicht wegwunschen; von solchem Wunsch ist nur noch ein Schritt..." _
Sie lächelte. „Nein, das nicht. Ich bin nicht wie das Mädchen, das an den Ziehbrunnen lief und sich hineinstürzte, weil ihr Liebhaber mit einer andern tanzte. Weißt du noch, wie du mir davon erzähltest?
„Aber, was soll es dann? Du bist doch nicht so, daß du so was sagst,
9tein ich hab es^auch ernsthaft gemeint. Und wirklich (und sie wies hinauf), ich wäre gerne da. Da hätt ich Ruh. Aber ich kann es abwarten. Und nun komm und laß uns ins Feld gehen. Ich habe kein Tuch mit heraus- genoinmen und find es kalt hier im Stillsitzen." . ,.
Und so gingen sie denn denselben Feldweg hinaiif, der sie damals bis an die vorderste Häuserreihe von Wilmersdorf geführt hatte. Der Turm war deutlich fichtbar unter dem sternenklaren Himmel, und nur über den Wiesengrund zog ein dünner Nebelschleier. .
Weißt du noch", sagte Botho, „wie wir mit Frau Dorr hier gingen?
Sie nickte. „Deshalb hab ich dir's vorgeschlagen; mich fror gar nicht oder doch kaum. Ach, es war ein so schöner Tag damals, und so heiter und glücklich bin ich nie gewesen, nicht vorher und nicht nachher. Noch m diesem Augenblicke lacht mir das Herz, wenn ich daran zurück denke, tote wir gingen unb sangen: ,Denkst bu daran.' Ja, Erinnerung ist viel, ist alles. Und bte hab ich nun und bleibt mir und kann mir nicht mehr genommen werden. Und ich fühle ordentlich, wie mir dibei leicht zumttte wird."
Er umarmte sie. „Du bist so gut.“
viel und mitunter alles. Und nun frag ich mich: War mein Leben in der ,Ordnung'? Nein. Ordnung ist Ehe." So sprach er noch eine Weile vor sich hin, und dann sah er wieder Lene vor sich stehen, aber in ihrem Auge lag nichts von Vorwurf und Anklage, sondern es war umgekehrt, als ob
dm iii (Sh ter."
ad), Im Hier bog das Pferd, das er schon seit einer Viertelstunde kaum noch lieber te Bügel hatte, wie von selbst in einen Seitenweg ein, der zunächst auf ein ; UnbS T<3tif Ackerland und gleich dahinter auf einen von Unterholz und ein paar uir. ’ffiiaen eingefaßten Grasplatz führte. Hier, im Schatten eines der älteren ga Stinte, stand ein kurzes, gedrungenes Steinkreuz, und als er näher heran- : oft nm zu sehen, was es mit diesem Kreuz eigentlich sei, las er: „Ludwig rn «inckeldey gesr. 10. März 1856." Wie das ihn traf! Er wußte, daß e du. Kreuz hier herum stehe, war aber nie bis an diese Stelle gekommen 0,nt:l W| sah es nun als ein Zeichen an, daß das seinem eigenen Willen über» :*fn»e Pferd ihn gerade hierher geführt hatte.
‘ Hinckeldey! Das war nun an die zwanzig Jahr, daß der damals llll- ;nötige zu Tode kam, und alles, was bei der Nachricht davon tn seinem .... . i Nanhause gesprochen worden war, das stand fetzt wieder lebhaft vor seiner • ,.T feile. Vor allem eine Geschichte tarn ihm wieder in Erinnerung. Gitter Ml bürgerlichen, seinem Ches besonders vertranten Räte übrigens hatte , ;4 ütunrnt und abgemahnt und das Duell überhaupt, und nun gar em solches •! ’ t- ni unter solchen Umständen, als einen Unsinn und ein Verbrechen be- I j::inct. Aber der sich bei dieser Gelegenheit plötzlich auf den Edelmann ®;rr:A Kuusspielende Vorgesetzte hatte brüsk und hochmütig geantwortet: u'jüaner, davon verstehen Sie nichts." Und eine Stunde später^war er ’li.len Tod aeaanaen. Und warum? Eit
Ipien Tod gegangen. Und warum? Einer Adelsvorstellung, einer Standes- J utTOtte zuliebe, die mächtiger war als alle Vernunft, auch mächtiger als ^«Gesetz, dessen Hüter und Schützer zu sein er recht eigentlich die Pflicht »?. „Lehrreich. Und was habe ich speziell daraus zu lernen? Was predigt 1; Denkmal mir? Jedenfalls das eine, daß das Herkommen unser Tun Mtmmt. Wer ihm gehorcht, kann zligrunde gehn, aber er geht bester »MMiide als der, der ihm widerspricht." t .
»fr i Während er noch so saun, warf er sein Pferd herum und ritt guerfeldeln liebtr. tjaein großes Etablissement, ein Walzwerk ober eine Maschinenwerkstatt, a-. - M -raus aus zahlreichen Essen Qualm, und Feuersäulen tn die Lust stiegen. ; war Mittag, und ein Teil der Arbeiter saß draußen tm Schatten um r i'-, dl Mahlzeit einzunehmen. Die Frauen, die das Essen gebracht hatten, '’n t1' ’en plaudernd daneben, einige mit einem Säugling aus dem .Itm, iNl (achten sich untereinander an, wenn ein schelmisches oder muugluhes |8pHt gesprochen wurdtz. Rieuäcker, der sich den Sinn für das Natürliche Wtmur zu gutem Rechte zugeschrieben, war entzückt von dem Bilde, da. lhlhm bot, und mit einem Anfluge von Neid sah er auf die Gruppe gliick- S« Menschen. „Arbeit und täglich Brot und Ordnung. Wenn unsre mar- M:n Leute sich verheiraten, jo reden sie nicht von Leidenschaft und Liebe, Wiegen nur: ,Jch muß doch meine Ordnung haben.' Und das ijl ein schöner Ä! im Leben unsres Volks und nicht einmal prosaisch. Denn Ordnung ist
Kanonenschüsse, die vom Tegeler Schießplatz herüberklangen, unter» oute fjrljen hier sein Selbstgespräch, und erst als er das momentan linruhig -1'-. '(wjorbene Pferd wieder beruhigt hatte, nahm er den früheren Gedanken- m£. wieder auf und wiederholte: „Weil ich sie liebe! Ja. Und warum Dith'^ Ivliich mich dieser Neigung schämen? Das Gefühl ist souverän, und die , T„ache, daß man liebt, ist auch das Recht dazu, möge die Welt noch so A‘rl jel den Kopf darüber fchüttelu ober von Rätsel sprechen. Uebrigens ist Cj -in Rätsel, unb wenn doch, so kann ich es lösen. Jeder Mensch ist seiner ... gi(nt nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt, Dinge, v , distlrotzdem sie klein sind, für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes .t,“ B uten. Und dies Beste heißt mir Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit, alles hat Lene; damit hat sie mir's angetan, da liegt der Zaliber, «Idem mich zu lösen mir jetzt so schwer fällt."
Zn diesem Augenblicke stutzte fein Pferd, und er wurde emes aus einem m'fMstenstreisen aufgescheuchten Hasen geivahr, der dicht vor ihm auf die ZuMsernheide zu jagte. Neugierig fah er ihm uach unb nahm seine Bekrach- tu ,en erst wieder auf, als der Flüchtige zwischen den Stämmen der Heide wich tonn den war. „Und war es denn", fuhr er fort, „etwas so Törichtes unb £n «mögliches, was ich wollte? Nein. Es liegt nicht in mir, bie Welt heraus- Wlndern unb ihr unb ihren Vorurteilen öffentlich den Krieg zu erklären; “ ■ Ui Hin durchaus gegen solche Donquichotterien. Alles, was ich wollte, W Mir ein verschwiegenes Glück, ein tÄ- "r «k».


