Ausgabe 
24.2.1939
 
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Im nächsten Augenblick ist ec nur noch ein Spielball aus den Wellen. Der Burtscher lacht. Er hat sich selber schon wieder vergessen und ist ganz in seiner Arbeit. Er wischt sich das Wasser auS dem Gesicht und spuckt ein paar- mal aus, um den Schlammgeschmack aus dem Munde zu bekommen. Er steht fest, eingeklemmt bis an den Leib im Wasser und erwischt wieder den Haken. Es heißt jetzt nur wieder aufpassen, daß einen die Stämme beim Herunterrutschen nicht erschlagen. Da die Wasser schon ein wenig nachlassen, gibt er seinen Stand auf, klemmt sich über den großen Stein und steht nun bis an die Knie im Wasser, daß er auch seine Stange wieder erreicht. Jetzt wird ihm nichts mehr gefährlich. Er kommt aber in Schweiß.- Es heißt jeden Augenblick nützen. Das ist das richtige Wasfer. Die versprengten Klötzer und Stämme müssen heruntergezogen werden. Auch die verstocktesten Klötzer bringt er über alle Hinternisse.

Die oberen Hölzer, die vom Schwarzen Schrosen kommen, donnern an die anderen im unteren Becken. Sie kommen zu früh. Die Männer erschrecken. Nun gibt's kein Aufhalten mehr. Die Stützen müssen fallen, und die Donner rollen mit Wasser und Holz zur Tiefe. Die Männer am Wehr find so im Eifer, daß keiner an die beiden Menschen denkt, die oberhalb der Wehr zwischen den Staubecken untenhin gekrochen sind.

Rach drei Stunden kommt ein Mann herauf. Da greifen sich dre Manner an den Kopf. Barmherziger Himmel! In der Erregung über die plötzlich hereinstürmenden Fluten und bei der Anspannung aller Kräfte hat niemand an die beiden Holzer gedacht. Der Burtscher ist's! Gottlob! Er ist ja noch gut beieinander. Der Fritsch ist noch unten. Der eine sagt:Nun müssen wir hinunter." Sie lassen alle die Arbeit, werfen die Haken und Stecken fort und steigen mit dem Burtscher ein Stück hinaus, um dann in den engen Tobel hinterzukriechen.

Wo hast du gestanden, Burtscher?"

Ich? Hier und horte woar der Fritsche!"

Sie finden ihn nicht. Sie waten durch die Fluten. Da bekommt der Kremel einen Stoß in den Rücken, er stürzt ins Wasser. Ein Nachzügler, ein dicker Kloben von^Itamm, hat ihn getroffen. Das nehmen sie alle für ein Zeichen. So wird es dem Fritsch gegangen fein. Der Fritsch ist hm. DaS Wasser ist zu früh gekommen. Sie haben alles abgefucht und stehen nun mitten im Wasser. Der alte Kathan zieht die Mütze vonc Kops. Nun verstehe» sie. Sie beten den Fritsch aus. Eure Fürbitte ist's für den Toten. Sie stehen reihum im Wasser. Jedem kommen die Tränen. Dann toischen sie sich das Wasier aus den Augen, setzen sich die Mützen wieder auf und steigen hinaus. Sie müssen schnell Hilfe holen. Wie sie aus bejn Walde herauskommen, da steht ein Mann da. Der Kathan greift sich ans Herz. So erschrocken ist er. Es ist wahrhaftig der Fritsch.

Er sieht übel aus. Die Hosen sind zerfetzt. Ein Taschentuch ist blutig und schmutzig um die Stirn gebunden. Er steht an den Baum gelehnt.

Ich lvart schon eine Stunde!"

Wir haben dich schon ausgebetet."

Bergelt's Gott miteinander. Aber der Herrgott wird wohl nicht bös sein, wenn ich erst später zu ihm geh' I"

Sie lachen. Es ist ein unheimliches Lachen aus der ganzen Last der Qual, die sie mit heraufgeschleppt haben. Sie schütteln ihm die Hände, aber her­nach gehen sie wieder zu ihren Haken und Stangen und greifen wieder zu. Sogar der Fritsch nimmt einen Sperrhaken mit. Es liegen überall noch versprengte Klötzer. Die beiden jungen Männer stehen nebeneinander.

Ich hab' dich nimmer gesehen, Burtscher!"

Wohl, wohl ich hab' auch gedacht, es hätt' dich verschluckt!" Wie lange sind wir jetzt im Wasser gewesen?"

Sechs Stunden halt!"

Die Männer ziehen die Säcke über die nassen Kleider. Aber das hilft Nichts. Die Säcke sind schon naß. Sie reichen sich einander den kalten Most. Sie sagen, er wärme auch. Aber sie frieren. Jetzt, da sie müde sind, lachen sie nicht mehr. Der Fritsch hinkt jetzt. Der Schmerz ist gekommen. Das eine Bem will nicht mehr recht mit. Und int Kopfe brummt es auch. Der Burtscher stützt ihn ein wenig. So ziehen sie miteinander heim. Es geht auf dem schmalen Weg in einer langen Kette. Burtscher und Fritsch schwätzen mit- " einander. ,

Hart war's, Burtscher."

Aber heut' müssen sie uns den Höchstlohn gehen!"

Ich glaube schon!"

Sie müssen!"

Aber es find nur sechs Stunden gewesen!"

Ich merk's aber doch!"

Ich mein', sechs Schilling wäre eh nicht zuviel!"

Sie kommen an den Kathan heran. Der Fritsch klopft ihm auf die Schulte«. Du Kathan du kaunst's heut bezeugen." Was?"

Einen ganzen Tag hab' ich gearbeitet!"

Wart einmal das ist keine Rechnung. Es sind nur sechseinhalb Stunden!"

Aber das Wasser, Kathan!"

Das Wasser zählt keine Stunden!"

Da hast's wieder, Burtscher, es kommen bloß wieder fünf Schillinge heraus!

Besser als nix, und besser als der Tod I" 'N...'

Wohl, wohl, aber ich merke doch, es hat mich elend gehau'n. Wenn ich auch Glück gehabt habe, gegen eine Tanne hat mich's geworfen!"

Es war eh nicht fchön!"

Na, jetzt ist's vorbei! Nur elend kalt ist's."

Wirst dich verkühlen, Fritsch!"

Wär mir eh recht, Burtscher, da könnt ich eittmal im Bett liegen bleiben und hätt's warnt."

Da wendet sich der alte Kathan zu ihm:

Wir sind uns einig. Die Gemeinde wird's übernehmen ihr friegt eilten vollen Tag angerechttet."

Bergelt's Gott!"

Es ist nicht der Rede wert."

Erlaubet", sagte der Herzog zur Königin,daß ich diesen jungen Ritter vor Euch führe. Er heißt Marcel und tft ein Sänger, dessen Kunst uns oft Wonne geschafft hat. Wenn Ihr es wünschet, soll er uns ein Lied EHerzelöyde nickte dem Herzog und auch dem Ritter freundlich zu, lächelte und ließ eine Laute bringen. Der junge Ritter war bleich, er verneigte sich sehr tief und nahm zögernd die Laute an sich, die ihm gebracht wurde. Dann aber strich er rasch mit den Fingern über die Saiten richtete den Blick unverwandt auf die Königin und fang ein Lied, das er früher einmal in feiner Heimat gedichtet hatte. Als Kehrreim aber fügte er nach jedem Berfe zwei einfache Strophen ein, welche traurig klangen und aus feinem verwundeten Herzen kamen. Und diese zwei Strophen, die an jenem Abend im Schlosse zum erstenmal klangen, wur­den bald wett herum bekannt und viel gesungen. Sie lauteten:

Plaisir damour ne du re quun Moment, Chagrin damour dure tonte la vie ... (Liebesfreu-de währt nur Augenblicke, Liebesleid länger als das Leben.)

Als er das Lied beendet hatte, verließ Marcel das Schloß, aus dessen Fenstern ihm der helle Kerzenglanz nachfloß. Er kehrte nicht zu den Zelten zurück, sondern wanderte in anderer Richtung aus der Stadt in die Nacht hinein, um der Ritterschaft ledig als Lautenschläger ein heimatloses Leben zu führen.

Die Feste sind verklungen und die Zelte vermodert, der Herzog von Brabant, der Held Gachmuret und die schöne Herzeloyde sind seit manchen hundert Jahren tot, niemand weiß mehr von Kanvoleis und von jenen Festen und Turnieren Ueber die Jahrhunderte hinweg ist von den Königen und Rittern nichts übrig geblieben als ihre Namen, die uns fremd und ungeschlacht klingen. Nichts ist übrig geblieben als jene paar fremden Namen, und jene Verse des jungen 'Ritters. Die werden noch heute gefungen.

Zwei Männer in brausenden Wassern.

Bon Hans Christoph Kaergel.

Es ist hohe Zeit. Solche Tage sind nicht zu vergessen. Sie sind soviel wert wie die Frühlingstage, wenn das Wasser kommt. Man kann das Holz herunterflößen. Das Staubecken muß übervoll sein. Und die Gewalt des Wassers reicht unbedingt aus, das Holz herunterzubringen. Im Tal unten wurde die sogenannteWanne" nachgesehe». Das ist das Sperrgitter, das die angeschwemmten Stämme aufhäit. Von dort ans zieht man sie dann heraus, wenn sich das Wasser wieder verlaufen hat. Hier arbeiten die Holzer und warten auf die Flut. Oberhalb des Schwarzen Schrofens rollen die letzten geschälten Klötzer hinunter in das Wasserbecken. Das ist ein Stück saure Arbeit. Da heißt es aufpassen. Wer nicht schnell zur Seite springt, wird erbarmungslos mitgerissen. Aber die Männer sind's gewohnt. Auch die toten können springen. Das poltert nun im Walde von allen Seiten herunter. Die nassen, weißen Kloben rollen und stürzen, donnern über die Felsen und teilen sich in den wilden Wassern ein. Kein Mensch kann glauben, daß es eine Kraft gebe, sie aus dem Verbohren der Felswände herauszureißen. Ueber dem Hauptstaubecken ist droben, gut anderthalb Stunden weiter, ein erster Damm errichtet. Er schwappt längst über und läßt die Wasser hinunter. Sie hämmern jetzt schon gegen die ausgespießten Stämme. Aber alle Mühe ist vergebens. Zuweilen müssen die Holzknechte ljinnnter. Da ist ein Stamm so unglücklich gefallen, daß ihn auch das höchste Wasser nicht erreichen kann. Das kostet bann Schweiß.

So klettern auch heute wieher hie jungen Holzerbuben in bie Tiefe hinunter, um hier unb ha bie Hölzer noch zu richten. Die Männer am Haupt­becken wissen bas unb warten barunt. Aber im Augenblick henkt niemanb heran, ob jemanh schon zum oberen Stauhamm hinaufgestiegen ist. Doch heißt es, her Lins stehe oben. Er wolle in einer Stunbe bas Zeichen geben, baß er auSstoße. Sie sollen nur auf bas Feuer achten, bas am Schwarzen Schrofen aufgehen tverbe. Unb wenn es bei bem Regen unb Rebel nicht zu fehen fei, fo wisse man ja hoch bie Zeit. Sie lachen, sie schreien sich etwas zu, aber sie verstehen sich nicht mehr. Die Wasser sinh zu laut. Die Steine rollen, her Sturm bricht in hie Stämme unb schlägt bie Kronen anelnanbtt. Die Männer wissen, jeher steht für sich jetzt auf seinem Platz unb muß achtgeben. Sie sehen nach bem Feuer, aber es ist sinnlos. Der Rebel hängt zu tief, unb es schüttet unaufhörlich noch Nässe vom Himmel. Dem Gachter ist es so, als wenn jetzt eine Stunbe herum wäre. Er versucht, bem Burtscher unten ein Zeichen zu geben. Aber er läßt es sein, benn schließlich muß es jeher wissen, wo er zu stehen hat.

Burtscher unb Fritsch, bie beiben jungen Leute, nehmen sich wohl gerade vor, bett letzten Stamm in bie rechte Lage zu ziehen, da sieht es der Burtscher zuerst. Der Fritsch schlägt gerade unter ihm einen Haken in einen Stamm. Der Burtscher schreit auf. Aber bie Fluten bonnern fo bumpf, baß er feinen eigenen geltenben Schrei kaum vernimmt. Wohin soll er benn selber greifen? Die Beine versagen ben Dienst. Jetzt hört auch Fritsch das unheim­liche Donnern. Brechen bie Felsen bricht bie Erbe? Wie eine gelbe, zerbröckelnbe Felstvattb hebt sich in biesem Augenblick eine Wasserwege über ihnen unb schlägt herunter. Burtscher steht gut. Bor ihm ein Felsklotz unb hinter ihm ein Stein. Er ist so'eingezwüngt wie ein Stamm, ben er eben herausziehen wollte. Da verschlägt's ihm schon bie Stimme. Es gurgelt um seine Ohren. Der Munb füllt sich mit Wasser. Die Rase erstickt in bet Flut unb über seinen Schübel trommeln furchtbare Schläge. Wohin bie Hände greifen, das mag Gott wissen. Nur nicht mitgeriffen werben! Jetzt hebt es ihn. Hat er benn keine Kraft mehr? Er ist nur ein Ball. Gottseibank auf einmal kann er atmen. Der Kopf ist wieher überm Wasfer. Die Füße stehen. Die Knie sinb fest an einen Stein gebrückt. Sie halten. Die Brust keucht. Unaufhörlich stoßen bie Wasser an Leib unb Brust. Beinahe bis an ben Hals wirbeln bie Wellen. Da er nun Luft hat, beginnen bie Arme wieher zu greifen. Jetzt muß es gehen! Die Wasser, bie sich immer aufs neue hinun- terstürzen, bienen als Hebel, unb bet riesige Holzklotz beginnt zu rutschen.

Derantwvrtlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühlfche Univerfitätsdruckerei R.Lange, Gießen.