RaNlose Liebe.
Bon I. W. v o n Goethe.
Dem Schnee, dem Regen, Dem Wind entgegen, Im Dampf der Klüfte, Durch Nebeldüste, Immer zul Immer zul Ohne Rast und Ruh!
Lieber durch Leiden Macht' ich mich schlagen. Als soviel Freuden Des Lebens ertragen.
Alle das Neigen Bon Herzen zu Herzen, Ach, wie so eigen Schaffet das Schmerzen!
Wie soll ich sliehen? Wälderwärts ziehen? Alles vergebens!
Krone des Lebens, Glück ohne Ruh, Liebe, bist du!
Liebesleid.
Eine Erzählung von Hermann Hesse.
Seit geraumer Zeit lagen vor Kanvoleis, der Hauptstadt des Landes ! klois, die Herren in vielen prächtigen Zelten. Jeden Tag von neuem -brannte der Turnierkampf, dessen Preis die Königin Herzeloyde war, j i jungfräuliche Witwe des Kaftis, die schöne Tochter des Gralskönigs Wi mutel. Unter den Turnierendcn erblickte man große Herren, die Könige P-nüragon von England, Lot von Norwegen, den König von Aragon, den Hirzog von Brabant, berühmte Grafen, Ritter und Helden wie Morholt tut» Riwalin; man findet sie im zweiten Gesang von Wolframs Parzival ou gezählt. Dem einen war es nur um den Waffenruhm zu tun, einem entern um die schönen blauen Mädchenaugen der jungen Königin, den tndften aber um ihr reiches und fruchtbares Land, um ihre Städte und Birgen. - _ .
Es war außer den vielen hohen Herrschaften und berühmten Helden auij eine ganze Schar von namenlosen Rittern herangezogen, von Aben- teirern, Buschkleppern und armen Teufeln. Manche von Urnen besahen nigt einmal ein eigenes Zelt, sie kampierten da und dort, oft ohne Obdach im freien Felde unter ihrem Mantel. Sie liehen ihre Pferde ringsum du1 den Wiesen gehen, fanden Speise und Trank geladen ober ungeladen an fremden Tischen, und jeder von ihnen hofft« auf Glück und Zufall, s-aeit er überhaupt daran dachte, sich an den Turnieren zu beteiligen. 2>i m ihre Aussichten auf Sieg waren unendlich gering, weil sie schlechte kjiprde hatten; und auf einem schwachen Gaul konnte auch der Tapferste im Turnier wenig ausrichten. Biele dachten denn auch gar nicht daran, fidi zu schlagen, sondern wollten nichts als nach Möglichkeit an der allgemeinen Lustbarkeit Teil haben und womöglich Gewinn aus ihr ziehen. Ei. waren alle recht guter Dinge. Es gab jeden Tag Gastereien und Feste, bob im Schloß der Königin, bald bei den mächtigen und reichen Herren tut Zeltlager, und mancher arme Ritter war froh, dah die Entscheidung bet Wettkämpfe sich so lange hinzögerte. Man ritt spazieren, jagte, plaudere, zechte, spielte Würfel, spielte Schach, man sah den Turnieren zu unt machte gelegentlich eines mit, man kurierte verletzte Pferde, betradf» ter den üppigen Aufwand der Großen, versäumte nichts und gönnte sich
au:« Tage.
Unter den armen und rühmlosen Kriegern war einer mit Namen Mircel, der Stiefsohn eines kleinen Barons im Süden, ein hübscher, etoas verhungerter junger Glücksritter in einer bescheidenen Rüstung und tuii einem schwachen alten Rößlein, das Melissa hieß. Er war, wie alle enlern, daher gekommen, um seine Neugierde zu stillen und sein Gluck zi versuchen, und bei dem allgemeinen Jahrmarkt und Wohlleben eine Sille mit zu Gast zu sein. Bei seinesgleichen und auch bei einigen angesehenen Rittern hatte dieser Marcel eine gewisse Beliebtheit erlangt als (Sänger und Spielmann, denn er verstand Verse zu dichten und seine La azonen sehr hübsch zur Laute zu fingen. Er fühlte sich in dem festlichen (kt riebe wohl und wünschte sich nichts Besseres, als daß dies froyliche Leerlager mit all feiner Lustbarkeit noch eine gute Weile dauern möge.
forderte ein Gönner, der Herzog von Brabant, ihn eines Abends auf, «n einer Mahlzeit teilzunehmen, welch« die Königin den hervorragenden Slitern gab. Marcel ging mit in die Hauptstadt und in das Schloß, der toi erglänzte herrlich, und Schüssel und Krüge boten gute Labe. Aber In Jüngling trug an diesem Abend kein fröhliches Herz von bannen. Cr hatte die Königin Herzeloyde gesehen, ihre hell schwingende Stimme gehört und ihre süßen Blicke getrunken. Nun schlug sein Herz in brennen» wn Begehren nach der schönen Frau, die so sanft und bescheiden wie em N dchen schien und doch so gar hoch und unerreichbar über ihm stand.
Wohl konnte er, gleich jedem andern Ritter, um sie kämpfen. Es stand ihm frei, fein Heil in den Turnieren zu versuchen. Allein weder waren sim Roß und feine Masten in sonderlich gutem Zustande, noch durfte <r $id) selbst einen großen Helden nennen. Zwar kannte er feine pkurcht, »ü> war zu jeder Stunde von Herzen bereit, (ein Leden im Kampf um Äe geliebte Königin zu wagen. Aber feine Stärke war nicht mit der des Mi rholt oder des Königs Lot oder gar des Riwalin und anderer Helden K vergleichen, von deren Taten die'Welt wußte. Trotzdem wollte er auf ein» Probe nicht verzichten. Er fütterte jein Pferd Melissa mit Brot und nit feinem, zartem Heu, bas er erbetteln mußte, er pflegte auch sich selbst d«ch regelmäßiges Essen und Schlafen, er putzte und rieb seine etwas
unansehnliche Rüstung, mit aller Sorgfalt. Und nach einigen Tagen ritt «r früh ins Feld und meldet« sich zum Turnier. Ein spanischer Ritter stellte sich ihm gegenüber; sie sprengten mit den langen Speeren gegeneinander an uni> Marcel wurde samt seinem Gaul über den Hausen gerannt. Es lief Blut aus seinem Mund« und alle Glieder taten ihm weh, doch erhob ■er sich ohne Hilfe, führte sein zitterndes Pferdchen davon und wusch sich abseits an einem Bach, wo er den Rest des Tages einsam und gedemütigt verharrte.
Am Abend, als er zum Zeltlager zurückkehrte und schon da und dort die Fackeln brannten, rief ihn der Herzog von Brabant beim Namen. „Du hast, ja heute das Waffenglück versucht", sagte er gutmütig. „Das nächstemal, wenn du wieder Lust dazu verspürst, nimm ein Pferd von mir, Lieber, und wenn du siegst, behalte es zu eigen. Aber setzt laß uns guter Dinge fein und sing' uns ein schönes Lied zum geierabenb."
Dem kleinen Ritter war es nicht ums Singen und Fröhlichsein Doch um des versprochenen Pferdes willen gab er nach. Er trat in des Herzogs Zelt, tränt einen Becher roten Wein und ließ sich die Laute geben. Er fang ein Lied und noch eines, Kameraden und Herren lobten ihn und tränten ihm zu.
„Gatt segne dich, du oängec", rief der Herzog vergnügt. „Latz du das Speerbrechen fein und fomm mit mir an meinen Hof, so sollst du gute Tag« haben."
„Ihr seid gütig", sagte Marcel leise. „Aber Ihr habet mir ein gutes Pferd versprochen, und ehe ich an anderes denke, will ich noch einmal zum Kampf reiten. Was hülfen mir gute Tage und schöne Lieder, wenn andre Ritter sich um Ruhm und Minne schlagen!"
Einer lacht«: „Wollet Ihr wirtlich die Königin gewinnen. Marcel?"
Er fuhr auf: „Ich will, was Ihr alle wollet, wenn ich auch nur ein armer Ritter bin. Und tann ich sie nicht gewinnen, so kann ich doch um sie kämpfen und um sie bluten und Niederlage und Schmerzen um sie erleiden. Mir ist es süßer, um sie zu sterben, als ohne sie feige wohl» zuleben. Und wer mich darum verlachen will, für den ist mein Schwert geschliffen, Ritter."
Der Herzog mahnte zum Frieden und bald ging ein jeder nach seiner Schlafstelle. Da hielt der Herzog den Sänger, der nun auch sortgehen wollt«,' durch einen Wink zurück. Er sah ihm ins Auge und sagte gütig zu ihm: „Du bist ein junges Blut, mein Knabe, willst du denn durchaus in Not und Blut und Schmerzen hineinlaufen, um ein Traumbild? Du kannst nicht König von Valois werden, und kannst nicht die Königin Herzeloyde zur Liebsten haben, das weißt du ja wohl. Was nützt es dir, einen kleinen Ritter ober zwei vom Gaul zu stoßen? Du mühtest ja die Königs und Riwalin und mich und alle die Helden überwinden, um ans Ziel zu kommen! Darum sage ich dir: Wenn du durchaus kämpfen willst, so beginne mit mir selbst, und wenn du meiner nicht Herr wirst, so lasse dein Traumbild fahren und folge mir und bleibe in meinem Sold, wie ich es dir schon angeboten habe."
Marcel ward rot, doch sagte er ohne Besinnen: „Ich banke Euch, Herr Herzog, und morgen will ich gegen Euch reiten." Er ging fort und sah nach [einem Pferbe. Es schnaubte ihm freundlich entgegen, fraß Brot aus seiner Hand und legte ihm den Kopf auf die Schulter.
„Ja, Melissa", sagte er leise und streichelte ihren Kopf, „du hast mich lieb, Melissa, mein Rößlein. Aber es wäre für uns besser gewesen, unterwegs im Wald« umzukommen, ehe wir dieses Lager erreichten. Schlaf wohl, Melissa, mein Rößlein."
Am nächsten Morgen in aller Frühe schon ritt er in die Stadl Kan- voleis und verhandelte sein Pferdchen Melissa an einen Bürger gegen einen neuen Helm und neue Stiefel. Als er davon ging, streckte das Tier ihm den Kopf mit langem Halse nach, er ging weiter und blickte nicht mehr zurück, das Herz fror ihm in der Brust. Dann bracht« ihm ein Knecht des Herzogs einen roten Hengst zugeführt, ein starkes Tier, und eine Stunde später ritt der Herzog selber zum Zweikampf gegen ihn. Es tarnen viele um zuzuschauen, da ein so edler Herr zu Turniere ritt. Im ersten Gang gewann keiner die Oberhand, da der Herzog den Jüngling schonte. Dann aber erzürnte er sich über den törichten Knaben und rannte ihn fo heftig an, daß Marcel rücklings stürzte, im Bügel hängen blieb und von dem roten Hengst dahingeschleift wurde.
Während der Abenteurer mit Wunden und Beulen bedeckt in einem Dienerzelt des Herzogs lag und Pflege genoß, erscholl in Stadt und Lager der Ruf von der Ankunft Gachmurets, des weltberühmten Helden. In Pracht und Prangen zog er ein, sein Name glänzte ihm wie ein Stern voraus, die großen Ritter runzelten die Stirnen, die armen kleinen aber jubelten ihm entgegen, und die schön« Herzeloyde sah ihm errötend nach. Tags daraus kam Gachmuret ohne Eile zum Anger geritten, fing zu fordern und zu streiten an und stach di« großen Ritter einen um den andern aus dem Sattel. Man sprach nur noch von ihm, er war Sieger, ihm gebührte Hand und Land der Königin.
Auch der kranke Marcel hört« das Gerede, von dem das Lager ersullt war. Er hörte, daß Herzeloyde ihm verloren fei, er hörte Gachmuret lobpreisen und rühmen, und er wandte sich schweigend gegen die Zeltwand, biß die Zähne zusammen und wünschte sich den Tod. Er hörte aber noch mehr. Er wurde vom Herzog besucht, der ihn mit Kleidern beschenkte und ebenfalls von dem Sieger sprach. Und Marcel erfuhr, die Königin sei rot und blaß vor Liebe zu dem Sieger. Von diesem Gachmuret aber hörte er, er sei nicht nur ein Ritter der Königin Anflise, sondern er habe auch im Heidenland ein« schwarze Mohrenfürstin zurückgelassen, deren Gemahl er gewesen sei. Als der Herzog gegangen war, stand Marcel mühsam vom Lager auf, legt« ein Kleid an und ging trotz feinen Schmerzen in die Stadt, um den Sieger Gachmuret zu sehen. Und er sah ihn, einen gewaltigen braunen Krieger, einen schweren Riesen mit mächtigen Gliedmaßen. Wie ein Schlächter erschien er ihm. Es gelang ihm, sich ins Schloß zu schleichen und unbemerkt sich unter die Gäste zu mischen. Da sah er di« Königin, das zarte, mädchenhafte Weib, wie sie vor Glück und Scham erglühte und ihren Mund dem fremden Helden bot. Gegen das Ende des Festmahls erkannte ihn aber sein Gönner, der Herwa, und rief ihn ZU sich.


